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Johannes wurde unter dem Namen Jean Cauvin als Sohn eines Verwaltungsbeamten des Bischofs von Noyon geboren; seine Mutter Jeanne Le Franc machte ihn mit ihrer durch Exerzitien geprägten Frömmigkeit bekannt. Ab 1523 studierte er in Paris, am berühmten Collège de Montaingu, an dem schon Erasmus von Rotterdam ausgebildet wurde; Calvin wurde wohl auch Ordensmann und 1527 Parochialgeistlicher. Sein Griechisch-Lehrer Melchior Volmar war der Reformation von Martin Luther und den Humanisten zugeneigt und hat ihn stark beeinflusst. Ab 1528 folgte das Studium der Rechtswissenschaften in Orléans und Bourges.
1530 entstand Calvins erste theologische Arbeit: Psychopannychia
, die Widerlegung
der These vom mystischen Schlaf der Verstorbenen bis zur Auferstehung. Wieder in
Paris, erregte 1533 eine von ihm mitverfasste Rede mit Forderungen nach Reformen
in der Kirche und scharfen Angriffen gegen die Scholastik Aufsehen, das Parlament
forderte zum Einschreiten auf, der Redner floh nach Basel,
Calvin verbarg sich erst in Paris, dann an verschiedenen Orten. Im Winter 1533/1534
ereignete sich wohl der Durchbruch, mit dem er zu den reformatorischen Lehren bekehrt wurde.
Er berichtet: Ich lieh jenen Lehren nur ungern mein Ohr, mit leidenschaftlichem
Eifer widerstand ich ihnen
aus Ehrfurcht vor der Kirche
. Aber wie durch
einen plötzlichen Lichtstrahl erkannte ich, in welchem Abgrund von Irrtümern ich
mich befunden hatte. So tat ich, o Herr, was
meine Pflicht war, und begab mich, erschreckt und mit Tränen mein früheres Leben
verdammend, auf deinen Weg
*.
Den offiziellen Bruch wagte Calvin im Frühjahr 1534, als er in seiner
Heimatstadt auf die ihm verliehenen Pfründe verzichtete; er wurde gefangen
gesetzt, konnte aber flüchten. Im Oktober 1534 setzte nach Unruhen in der die
Reformation fordernden Bevölkerung die Verfolgung der Protestanten ein; Calvin
floh nach Straßburg
und Basel
- wo er als Deckname Martianus Lucianus
angab, studierte dort die
hebräische Sprache und schrieb
eine Vorrede zur Bibelübersetzung ins Französische, die sein Vetter Robert
Olivetanus erarbeitet hatte. In dieser Zeit veröffentlichte er sein erstes
Lehrbuch: Institutio Christianae Religionis
, Unterricht in der
christlichen Religion
, eine klassische Darstellung reformatorischer Lehren; in
deren Vorwort wandte er sich an den französischen König, um den Vorwurf
revolutionärer Gesinnung der Evangelischen zu widerlegen und um Toleranz und das
Ende der blutigen Verfolgung seiner Glaubensgenossen zu werben. Ähnlich der
Einteilung in Luthers
Katechismus behandelt
Calvin 1. das Gesetz, 2. den Glauben, 3. das Gebet, 4. und 5. die Sakramente, 6.
die christliche Freiheit, die Macht der Kirche und die Aufgaben der Politik.
Erkennbar ist schon hier, dass Calvin nicht nur religiöse, sondern auch
soziale und moralische Fragen wichtig sind.
1536 reiste er zu Renata nach Ferrara, deren Hof eine Versammlung von Gelehrten und Zufluchtstätte verfolgter Protestanten war; im August dieses Jahres wurde er auf der Durchreise in Genf von dem Prediger Guillaume (Wilhelm) Farel geradezu gewaltsam festgehalten und überzeugt, in Genf für die Reformation zu arbeiten; dort war im Mai 1536 die Einführung der Reformation vom Volk feierlich beschlossen worden. Calvin begann mit einer Predigtreihe über den Römerbrief im Dom St. Pierre. Er organisierte den Aufbau der protestantischen Gemeinde und erarbeitete einen Katechismus als strenge Gemeindeordnung, die eine Vereidigung der Bevölkerung auf das Glaubensbekenntnis, die Teilnahme an einer monatlichen Abendmahlsfeier und die Einrichtung eines Rates von Ältesten zur Durchführung der Kirchenzucht forderte. Besonders letzteres stieß auf heftigen Widerstand, 1538 siegte die Opposition bei der Neuwahl des Rates der Stadt. Nach heftigen Auseinandersetzungen über die Form des Gottesdienstes an Ostern wurden Calvin und Farel vom Rat abgesetzt und aus Genf verwiesen.
Calvin ging nach Basel,
dann nach Straßburg,
wo er auf Initiative von Martin
Bucer Prediger der französischsprachigen evangelischen Flüchtlingsgemeinde wurde
und theologische Vorlesungen hielt. 1539 veröffentlichte er seinen Bibelkommentar zum
Römerbrief und die Neubearbeitung der Institutio
. In Straßburg kam Calvin in engen
Kontakt mit der deutschen Reformation, u.a. lernte er Philipp
Melanchton kennen. Von Freunden in Genf
wurde er gebeten, eine Antwort auf
den Brief des Kardinal Sadoleto an die Genfer und dessen freundliche Einladung
zur Rückkehr in die um sie trauernden Mutterkirche
zu verfassen; Calvins
Antwort, eine Darstellung der Notwendigkeit der Reformation, stieß auch auf den
Beifall Luthers. 1540 heiratete
er die Witwe Idelette de Bure, die Tochter eines in die reformatorische Kirche
zurückgekehrten Täufers; die drei Kinder starben jung, die Frau schon 1549.
1541 wurde in Genf
der anticalvinistische Rat gestürzt, Calvin wurde
eingeladen, nach Genf zurückzukehren. Es gibt keinen Ort der Welt, vor dem ich
mich mehr fürchtete
, schrieb er, aber da ich nicht mein eigener Herr bin, so
bringe ich mein Herz, gleichsam ertötet, dem Herrn
zum Opfer dar
**. Im September 1541 traf er in Genf ein,
im November nahm der Rat der Stadt die von ihm erarbeitete Kirchenordnung an;
sie sah vier kirchliche Ämter vor: Pastoren für Predigt und Seelsorge, Doktoren
für den Unterricht, Älteste für die Kirchenzucht und Diakone für die Armenpflege.
Das Konsistorium
, ein Sittengericht aus Pastoren und 12 Ältesten überwachte
das Leben der Bürger und übte die Kirchenzucht aus. 1542 erschien Calvins Psalter
,
ein Liturgiebuch über die Formen des Betens und Singens, die Sakramente und die
Trauung, 1545 der überarbeitete Genfer Katechismus
mit 373 Fragen und Antworten.
Besonders der Genfer Adel leistete Widerstand gegen die strenge Kirchenzucht, die Calvin den Ruf eines Fanatikers eintrug, aber dennoch strikt gehandhabt wurde. Der Rektor des Gymnasiums musste wegen Abweichungen von Calvins Lehre von der Prädestination vom Amt zurücktreten; der Arzt und ehemalige Karmelitermönch Bolsec, der besonders Calvins Lehre von der doppelten Prädestination kritisierte, wurde verbannt, der auf der Flucht vor der Inquisition in Genf Schutz suchende Antitrinitarier Servet zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Dennoch errang die calvinistische Partei bei der Wahl zum Rat der Stadt 1555 den endgültigen Sieg, Calvins Arbeit wurde nun allgemein anerkannt, er konnte sich konzentriert dem Ausbau seiner Kirche widmen.
Schon 1548 nahm er Kontakt zu den Anglikanern in England auf. Reformierte
Gemeinden bildeten sich in den Niederlanden, Norddeutschland, Dänemark und Schottland.
1555 wurde in Paris
eine reformierte Kirche eröffnet. Zehn Jahre lang dauerten Verhandlungen mit der
Züricher Reformation unter Heinrich Bullinger,
bis 1549 im Consensus Tigurinus
1549 ein erster Kompromiss in der Frage der
Abendmahlslehre gefunden wurde. Eine Einigung mit den Lutheranern - deren
Stimmführer der Hamburger Pfarrer Joachim Westphal war - scheiterte, weil dieser
die von Calvin gesuchten Gespräche ablehnte.
Calvin stützte seine Theologie auf den Prinzipen der Reformation: allein die
Schrift als Maßstab, allein der Glaube als Grund der Rechtfertigung und nicht
irgendwelche guten Werke
, allein Christus
vermittelt das Heil. Das Heil des Menschen hängt allein von Gottes Gande ab. Wie
Martin Luther stand er in der
Tradition von Paulus und Augustinus
mit der Betonung der Gnadenbedürftigkeit des Menschen; anders als Luther bestritt
er aber nicht die Möglichkeiten menschlicher Vernunft. Auf dem Hintergrund seiner
schweren Erfahrungen als Flüchtling besteht für Calvin Gottes Größe in der
Gewissheit seines fürsorglichen Geleits. Aus dieser Erfahrung geboren ist auch
seine Lehre von der doppelten
Prädestination, wiederum an Augustinus anschließend: in aller Angst dieser
unruhigen Zeit besteht Gewissheit, dass das dem Glauben schon vorausgehende
Heilshandeln Gottes hilft und trägt. Aus dieser Vorsorge Gottes für das Heil des
Menschen folgt dann die ethische Verantwortung der Menschen. Wirtschaftliche und politische
Mängel sind nicht länger Gott anzulasten, sondern vom Menschen zu verantworten.
Nur die von Gott gesandten Katastrophen sind hinzunehmen, menschliche Übel zu
bekämpfen.
Die von ihm 1559 gegründete Genfer Akademie unter Leitung von Theodor
Beza wurde zur Hochschule des Calvinismus;
Calvins Vorlesungen zogen Studenten von weit her an - besonders viele aus
Frankreich - und übten enormen Einfluss aus; bei seinem Tod hatte die Akademie
rund 1500 Schüler und Studenten und galt als Rom der Reformation
; 1873
wurde daraus die Genfer Universität.
Calvin hielt neben seiner Lehr- und Autorentätigkeit jährlich rund 200 Predigten und ebensoviele Bibelstunden; 2000 Predigten wurden ab 1549 mitgeschrieben; sein exegetisches Werk besteht aus über 30 Bänden. Der übermäßige Arbeitseinsatz zerstörte seine Gesundheit; schon 1555 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand; nach jahrelanger Krankheit und langem Todeskampf starb Calvin an Lungentuberkulose und Nierenkoliken. Die Errichtung eines Grabsteines hatte er sich verbeten, weil er jeden Kult um seine Person vermeiden wollte.
Die weit verbreitete Auffassung vom eifernden, auch vor Gewalt nicht
zurückschreckenden Calvin wurde in jüngerer Zeit stark geprägt von Stefan
Zweigs Buch Castello gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt
aus dem Jahr 1936, in dem er Calvinzur Chiffre für Adolf Hitler machte. In
seiner Selbsteinschätzung reklamierte Calvin für sich Bescheidenheit,
Sanftmut und Milde
und bezeichnete sich als schüchtern, sanft und zaghaft
.
Auch Max Webers These von Calvin als Begründer des Kapitalismus ist sicher nicht haltbar: Besitz und Wohlstand waren für Calvin Gottes Gaben, die zur gegenseitigen Unterstützung zu verwenden sind. Die Sündhaftigkeit des Menschen verderbe Gottes Gaben und verursache Habgier, Materialismus, Ungerechtigkeit, übertriebenen Luxus und Unterdrückung der Armen. Zwar ist Gewinn an sich nichts Unrechtes, aber Calvin fordert niederen Zins für Arme und Verzicht auf Rückzahlung von Darlehen in Notfällen; die Summe, die ein Schuldner aus einem Darlehen erwirtschafte, müsse mindestens so hoch sein wie der Zinsertrag des Gläubigers. Maßstab ist nicht der Gewinn des Einzelnen, sondern das Wohlergehen der Gemeinschaft.
* in: Responsio ad Sadoleti Epistolam
, Antwort
auf den Brief von Jakob Sadoleto
, 1539
** Brief an Pierre Viret vom 19. Mai 1540 und Brief an Guillaume Farel vom 9. Juni 1541
Auszüge aus Johannes Calvins wichtigstem Werk Institutio
, Unterricht in
der christlichen Religion
, gibt es bei uns zu lesen:
aus Buch I, Kapitel 16:
Gott erhält und schützt die von ihm erschaffene Welt und regiert sie bis ins
einzelne mit seiner Vorsehung
aus Buch I, Kapitel 17: In
welcher Richtung und unter welchem Gesichtspunkt diese Lehre anzuwenden sei,
damit man ihres Segens gewiß werde
aus Buch III, Kapitel 21:
Von der ewigen Erwählung, kraft deren Gott die einen zum Heil, die anderen zum
Verderben vorbestimmt hat
aus Buch III, Kapitel 22:
Bekräftigung dieser Lehre (von der ewigen Erwählung) aus Zeugnissen der Heiligen
Schrift
Das
wissenschaftliche Bibellexikon im Internet bietet in seinem Artikel
über Calvin fundierte Informationen.
Eine
Webseite
über Leben, Werk und Wirkung Calvins mit ausführlichem Lebensbild,
Quellentexten und weiterem Material hat Sebastian Heck ins Netz gestellt.
Biographisch- Bibliographisches Kirchenlexikon
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