Chrysostomus
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Sebastiano del Piombo: Johannes Chrysostomus
um 1509, in der Kirche S. Giovanni
Crisostomo in Venedig

Johannes wurde in einer wohlhabenden Familie geboren. Sein Vater war früh
gestorben, dennoch sorgte seine Mutter Anthusa für eine gediegene Ausbildung,
auch im christlichen Glaubensleben. Er studierte Redekunst bei dem griechischen
Rhetoriker Libanius und begann eine Laufbahn als Anwalt. 367 wurde er getauft,
anschließend studierte er an der berühmten theologischen Schule von Antiochia
vor allem Bibelauslegung. Seine Vorbilder wurden Flavian
und == Diodorus, dessen Asketenschule sich Johannes anschließt. Ab 372 lebte er
dann für sechs Jahre als Mönch und Einsiedler ein asketisches Lebens in der
Einsamkeit; während dieser Zeit lernte er die Testamente Christi
ganz auswendig
. Als er durch seine strenge Askese erkrankte, kehrte er 378
nach Antiochia zurück, wo er 381 von Meletios
zum Diakon und 386 von Meletios' Nachfolger, Bischof Flavian I., zum Priester
geweiht wurde.
Berühmt wurde Johannes durch sein Redetalent. Er wirkte als begnadeter
Prediger an der Patriarchalkirche von Antiochia.
Sein Ernst und die lebensnahe Art zu predigen brachten ihm den Ruf ein, einer
der größten Redner der frühen Kirchengeschichte zu sein; daher sein Beiname
Chrysostomus
, Goldmund
. Predigen macht mich gesund
, schrieb er selbst.
Seine Predigten sind v.a. exegetische Homilien über alt- und neutestamentliche
Texte mit Auslegung auf die Lebenspraxis der Menschen - darunter 90 Homilien zum
Matthäusevangelium, die Burgundio von Pisa Ende des 12. Jahrhunderts für Papst
Eugen III. übersetzte, 88 zum
Johannesevangelium, 55 über die Apostelgeschichte, dazu viele zu den Briefen
des Paulus, allein 32 über den Römerbrief.
Überliefert sind auch 21 Säulenreden
, die Johannes 387 zur Beruhigung nach
einem Aufstand wegen einer Steuererhöhung in Antiochia hielt, und acht Predigten
aus dem Jahr 386 gegen jene Christen, die sich von jüdischen Festen und Bräuchen
beeindruckt zeigten; diese wurden später auch für antisemitische Polemik
missbraucht. Insgesamt sind über 700 sicher von ihm stammende Predigten überliefert.
Johannes verstand seine Predigten als Lebenshilfe, ganz an der Bibel orientiert.
Seine Ethik ist nicht moralisierend, sondern diakonisch motiviert; Diakonie
war ihm das galubwürdigste Zeichen der Christengemeinde. **
Die Fülle an Beispielen, Bildern und Anspielungen zu aktuellen Fragen begeisterte
die Leute, die oft spontan applaudierten.
Johannes verfasste in dieser Zeit auch verschiedene Abhandlungen, v.a. über
das Mönchtum, so An den gefallenen Theodor
und Gegen die Feinde des
Mönchtums
. Die Reformschrift Über das Priestertum
wurde schon 392 von
Hieronymus gerühmt; in ihr zeichnete
Johannes ein Idealbild des Priesters, das jahrhundertlang fortwirkte. Über
die Jungfräulichkeit
und An eine junge Witwe
zeigen sein seelsorgerliches
Wirken, Über Hoffahrt und Kindererziehung
sein pädagogisches. Weniger
bedeutsam sind - zeitbedingt - die theologischen Lehrschriften; nachdem die
Kontroversen über die Dreieinigekit auf dem 1.
Konzil von Konstantinopel 381 beigelegt und die über die Natur Christi erst
später stärker wurden - bis zum Konzil
von Chalkedon 451 -, beschäftigt sich Johannes weniger mit Dogmatik als
mit Seelsorge und Gemeindeaufbau.
Im Jahr 397 wurde Johannes ob seiner Berühmheit vom Kaiser des Oströmischen Reiches, Flavius Arcadius nach Konstantinopel - dem heutigen Ístanbul - entführt und 398 durch Patriarch Theophilos von Alexandria - seinen ärgsten Rivalen - , zum Patriarchen von Konstantinopel geweiht. Er rief KlerikerEin Kleriker ist in der orthodoxen, katholischen, anglikanischen und altkatholischen Kirche ein geweihter Amtsträger, der eine der drei Stufen des Weihesakraments - Diakon, Priester oder Bischof - empfangen hat. Im Unterschied zu den Klerikern bezeichnet man die anderen Gläubigen als Laien. Angehörige von Ordensgemeinschaften gelten, wenn sie nicht zu Priestern geweiht sind, als Laien und in der Orthodoxie als eigener geistlicher Stand. In den protestantischen Kirchen gibt es keine Unterscheidung von Klerus und Laien., Mönche, Jungfrauen und Witwen zu untadeliger Lebensführung und alle Christen zu maßvollem Lebensstil auf. Er gründete Hospize für Arme, Fremde und Kranke, unterstützte die verarmte Bevölkerung, sorgte für Seelsorge unter den Soldaten und betätigte sich mit seinem Redetalent in der Mission. 400 erwirkte er die Ablösung von acht Bischöfen, die sich der Simonie schuldig gemacht hatten.
Johannes' Kritik am Luxusleben der Reichen und am kaiserlichen Hof brachten
ihn in Konflikt mit Kaiserin Eudoxia. Als er im Jahr 402 Mönche, die als Anhänger
von Origines aus Ägypten
vertrieben worden waren, in Konstantinopel
aufnahm, sah Patriarch Theophilos von Alexandria
einen Vorwand, der ihm den Sturz Johannes' ermöglichte: auf der Eichensynode
in Chalkedon - heute der Stadtteil Kadiköy
in Ístanbul - im Jahr 403 wurde Johannes in Abwesenheit verurteilt, abgesetzt und
schließlich 404 vom Kaiser in die Verbannung nach Kukusus im damaligen Armenien -
dem heutigen Göksun
in der Türkei - geschickt.
Nachdem die Kaiserin eine Fehlgeburt erlitten hatte, wurde Johannes zurückgerufen, weil sie sich ihr Handeln als Grund des Schicksalsschlages erklärte; nach ihrer Genesung schickte sie Johannes aber bald schon wieder in die Verbannung, diesmal weit weg in die Einsamkeit des Taurusgebirges, nach Pityus in Kolchis - dem heutigen Sochumi in Georgien, um die Verbindung mit seinen Anhängern in Konstantinopel endgültig zu unterbinden. Hier versuchte er die benachbarten Perser zum Christentum zu bekehren, bis er den Strapazen der Reise erlag.
Die letzten Worte des geplagten und verfolgten Mannes lauteten der
Überlieferung nach: Verherrlicht sei Gott für alles. Amen.
Um 408 verfasste Bischof Palladius zur Verteidigung seines verstorbenen
Freundes den Dialog zur Lebensgeschichte des Heiligen Johannes Chrysostomos
.
Johannes' Anhänger, die Johanniten
, weigerten sich, seine Nachfolger
anzuerkennen. Sie lenkten erst ein, als der oströmische Kaiser Theodosius II. im
Jahr 438 den Leichnam des Heiligen nach Konstantinopel
zurückholen und ihn feierlich beisetzen ließ. Während des 4.
Kreuzzuges wurden nach der Eroberung Konstantinopels 1204 Reliquien
nach Rom
gebracht, sie ruhten dann in der Chorkapelle des Petersdoms,
bis Papst Johannes Paul II.
sie im Jahr 2004 dem orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel zurückgab.
Johannes verstand es, die Theologie seiner Zeit verständlich auszudrücken,
als Seelsorger wollte er damit zur christlichen Vollkommenheit führen. Sie ist
für ihn bestimmt von Glaube und Liebe nach dem Vorbild Christi,
der Glaubende zeigt seine Liebe zu ihm, indem er sich in Fürsorge für seine
Mitmenschen müht; die Gesellschaft müsse nach der Botschaft Christi geordnet
sein. Sein Dialog Über das Priestertum
zeigt die Größe und Verantwortung des
priesterlichen Dienstes auf, die Unterweisung Über Hoffart und Kindererziehung
gibt pädagogische Ratschläge; andere Schriften wie Gegen die Widersacher des
Mönchslebens
verteidigen und fördern die Askese und empfehlen das ehelose und
jungfräuliche Leben, so die Werke Von der Jungfräulichkeit
und An die jungen
Witwen
. Aus der Verbannungszeit sind mehr als 200 Briefe erhalten, die die
Strapazen, die inneren Kämpfe und die Einsamkeit Johannes' aufzeigen, aber auch
seine ungebrochenen missionarischen Eifer belegen. Darunter sind auch 17 tröstende
Briefe an die vornehme Witwe und Diakonissin Olympia,
sie sind Beispiel der klugen Seelsorge.
Im Mittelalter haben sich zahlreiche Legenden um den von der Madonna
geküssten Goldmund
gebildet: die Madonna forderte ihn zum Kuss auf, ein
goldener Schein umspielte danach seinen bislang zum Reden ungeschickten Mund und
ließ ihn zum berühmten Prediger werden. Der früh für hohe Ämter Vorgesehene floh
in die Einsamkeit und wurde ein seiner Sünden bewusster Büßer, an dem sich
schließlich nach zahlreichen Wundern alle Voraussagen erfüllten.
Russische Buchmalerei, 13. Jahrhundert, im Historischen Museum in Moskau

Johannes Chrysostomus wird als einer der vier großen griechischen
Kirchenväter verehrt, in der
katholischen Kirche zählt er seit 1568 zu den Kirchenlehrern.
Die Übersetzung seiner Werke ins Lateinische begann um 415/420 durch die Arbeit
des Anianus von Celeda, der damit den Pelagianismus
verteidigen wollte. Der Umfang unechten Materials ist sehr hoch; das
bedeutendste dieser Werke ist ein Kommentar zum Matthäus-Evangelium, vefasst von
einem Anhänger des Arianismus, wohl in
Italien um das Jahr 600. Die Würdigung als Chrysostomos
wurde erstmals im 6.
Jahrhundert gebraucht. 1908 wurde Johannes von Papst Pius
X. zum Patron der Prediger ernannt. Die nach ihm benannte Liturgie, die
Normalordnung des Gottesdienstes in den Orthodoxen
Kirchen, stammt nicht von Johannes; wahrscheinlich gehen Gebete zur
Gabenbereitung und einige der zentralen Priestergebete auf ihn zurück.
Attribute:
Bienenkorb, mit Engel
Patron
der Beter, Prediger und Redner; bei Epilepsie
* Tatsächlich fand die Übertragung unter Kaiser Theodosius II. in der 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts statt.
** Diese Wertschätzung der Diakonie ging in der Orthodoxen Kirche seitdem weithin vorloren.
Osterpredigt von
Johannes Chrysostomus
Stadlers Vollständiges Heiligenlexikon
Werke
von Johannes Chrysostomus auf Deutsch gibt es in der Bibliothek der
Kirchenväter der Université Fribourg.
Die
Hintergründe der Rückgabe der Reliquien an den orthodoxen Patriarchen von
Konstantinopel und die Meinungsverschiedenheiten schildert Paul Kreiner in
seinem Zeitungsartikel Disput
um heilige Gebeine.
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon