|
|
Oskar Brüsewitz
Im 2. Weltkrieg beendete Oskar Brüsewitz seine Schulzeit im Alter von 14
Jahren mit einem Notabschluss
, bald darauf wurde er noch als Hitlerjunge zum
Kriegsdienst eingezogen. Seine Familie flüchtete dann nach Osnabrück.
Hier machte er sich selbständig und legte als jüngster Schuhmacher
Niedersachsens 1951 seine Meisterprüfung ab. Nach dem Krebstod seiner Mutter
1949 heiratete er 1951, zog nach Hildesheim
und wurde Vater einer Tochter. Die Ehe scheiterte kurz darauf, er zog, um einen
neuen Anfang zu machen, nach Weißenfels
bei Leipzig und arbeitete in einer Schuhfabrik. Er fühlte sich berufen zur
Verkündigung, musste seine Ausbildung in der Predigerschule in Wittenberg
aber wegen eines Magenleidens nach wenigen Wochen aufgeben und begann in
Markkleeberg
bei Leipzig als selbständiger Schuhmacher zu arbeiten; bald schon beschäftigte
er zehn Angestellte.
1955 heiratete Brüsewitz die Krankenschwester Christa Roland, die er in einer
freikirchlichen Gemeinde kennen gelernt hatte und die ihm zum Geschenk Gottes
wurde. Bereits damals trat er mit öffentlichen Aktionen hervor, die von einigen
Gemeindemitgliedern und der Staatssicherheit der DDR misstrauisch beobachtet
wurden: im Schaufenster seines Betriebes konnte man biblische Darstellungen
betrachten, daneben hing ein Schaukasten mit christlichen Schriften; er pachtete
ein Grundstück und versah es mit einem Schild Evangelischer Jugendspielplatz
.
Nach drei Herzanfällen und einjähriger Genesungszeit zog die Familie 1960 nach
Weißensee, wo er eine neue Werkstatt einrichtete, die aber 1963 in eine
Produktionsgenossenschaft überführt
wurde.
Beruflich an weiterer Entwicklung gehindert, engagierte sich Brüsewitz
stärker in der Kirche, organisierte Evangelisationswochen, versuchte mit
ausgefallenen und originellen Ideen öffentlichkeitswirksam missionarisch zu
wirken. Nach seinem Boykott einer Wahl
und seinem öffentlichen Kommentar -
Ich habe schon gewählt, nämlich Christus
- kam es zu einer Hausdurchsuchung.
1964 trat er mit Unterstützung von Pfarrern, die seinen Glaubensernst
anerkannten, ins Predigerseminar in Erfurt
ein. Das Studium war für den 36-jährigen wegen seiner ungenügenden Schulbildung
eine Herausforderung; im Frühjahr 1969 konnte er es erfolgreich abschließen.
1970 wurde er Pfarrer in Droßdorf
und Rippicha, wo seine handwerkliches Geschick, sein Missions-Eifer und
seine einfallsreichen Gottesdienste bald ein lebhaftes Gemeindeleben erzielten.
Mit ständig neuen Einfällen gelang es ihm, besonders auch Kinder und Jugendliche
anzusprechen, und er erwarb sich den Ruf, eines Pfarrers, mit dem man reden
kann
. Zum Symbol wurde das drei Meter hohe Neon-Kreuz auf dem Kirchturm, das die
Autofahrer auf der zwei Kilometer entfernten Bundesstraße 2 grüßte. Trotz
massivster Drohungen der staatlichen Organe wurde es bis zu seinem Tod nicht
entfernt.
Oskar Brüsewitz mit Kindern der Jungen Gemeinde, 1975
Im Herbst 1970 drohte der Rat des Kreises Brüsewitz' Superintendenten, dass
ein Ermittlungsverfahren wegen Staatsverleumdung und Hausfriedensbruch
gegen
Brüsewitz eingeleitet oder er in eine Nervenklinik eingeliefert werden könnte.
Dennoch unternahm er weitere Plakat-Aktionen: dem SED-Plakat 25 Jahre DDR
setzte er seines mit der Losung 2000 Jahre Kirche Jesu Christi
entgegen.
Großes Aufsehen erregte er 1975 mit einer Fahrt von Rippicha
nach Zeitz
per Pferdefuhrwerk, auf dem er den Spruch angebracht hatte: Ohne Regen, ohne
Gott, geht die ganze Welt bankrott
eine Replik auf den SED-Spruch Ohne Gott
und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein
. Trotz bester Schukzeugnisse wurde
seiner Tochter ein Studium verweigert. Schwierigkeiten hatte er mit
Verwaltungsarbeit und Bürokratie. Und die Menschen bewunderten zwar seinen Mut,
wagten aber aus Angst vor Repression nicht mehr, sich zu ihm zu bekennen; seine
Kirche wurde leerer.
Nach der KSZE-Schlußakte von Helsinki 1975 versuchte die DDR-Regierung, das Verhältnis zu den Kirchen zu entspannen. Gleichzeitig wurde zunehmender Druck auf die Kirchenleitung ausgeübt, den Störenfried Brüsewitz aus Rippicha zu entfernen. Im Kirchenkreis mehrten sich Rückfragen an seine eigenwillige Führung des Pfarrdienstes und seine Pflichten zu korrekter Verwaltung. So wurde beschlossen, im September 1976 in Rippicha eine Visitation durchzuführen - solche Visitationen werden regelmäßig gemacht, um Erfahrungen aufzunehmen und gegebenenfalls Schwierigkeiten zu klären, verbunden mit der präzisen Durchsicht der Vermögensverhältnisse der Gemeinde und der Finanzverwaltung. Brüsewitz hat die Ankündigung als Bedrohung empfunden. Im Juli 1976 besuchte ihn sein Vorgesetzter, Probst Bäumer, und legte ihm nahe, die Pfarrstelle zu wechseln; dies sei nicht nur aus politischen Gründen sinnvoll, sondern auch, um einen Neuanfang in seiner kirchlichen Arbeit zu machen.
Foto des Staatssicherheitsdienstes der DDR: Plakat von Oskar Brüsewitz am Ort seiner Selbstverbrennung
Am Morgen des 18. August 1976 bat Brüsewitz seine Tochter Esther, für ihn das
Kirchenlied So nimm denn meine Hände
(EG 376) zu spielen, danach verließ er
das Haus und fuhr mit seinem Wartburg Camping
in die Kreisstadt Zeitz,
wo er vor der Michaelskirche anhielt und ein zweiteiliges Plakat auf das Dach
seines Autos stellte, die die Aufmerksamkeit der Menschen erregten. Aus einer
großen Milchkanne übergoss er sich vor ihnen mit Benzin und zündete sich an.
Drei bis vier Meter hoch schlugen Flammen empor, der Pfarrer in seinem Talar und
das Auto brannten lichterloh. Vor Leuten, die ihm helfen wollten, rannte er weg
und auf die Superintendentur zu, während die Glocken für eine Beerdigung zu
läuten begannen. Etwa 300 Menschen wurden Zeugen des Fanals. Im Abschiedsbrief
an seine Tochter drückte er seine Kritik an der Inkonsequenz seiner Kirche aus.
Mitteilung des Inhalts des Abschiedsbriefes von Oskar Brüsewitz an den
Pfarrkonvent in Zeitz
durch die Kirchenleitung Magdeburg
am 28. August 1976 ![]()
Brüsewitz wurde zunächst ins Krankenhaus in Zeitz
und dann ins Bezirkskrankenhaus nach Halle
gebracht, wo er vier Tage später seinen Verbrennungen erlag. Die Nachricht von
der Selbstverbrennung verbreitete sich blitzschnell. Für die SED-Führung war sie
schlimmste Provokation
seit dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953; mit allen
Mitteln versuchte sie, die Tat geheim zu halten. Zur Organisation der Beerdigung
am 26. August in Rippicha
arbeiteten staatliche und kirchliche Vertreter zusammen, um eine politische
Beerdigung zu verhindern. Trotzdem wurde sie zu einer Art Demonstration, zu der
Hunderte von Pfarrern aus der gesamten DDR anreisten.
Die Tat von Oskar Brüsewitz wurde zu einem Prüfstein der Evangelischen Kirche
in der DDR, das Konzept Kirche im Sozialismus
neu zu überdenken. Die
Kirchenleitung in Magdeburg
stellte sich von Anfang an hinter Brüsewitz und wehrte alle Versuche ab, ihn zum
Geisteskranken zu stempeln. Und sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie seinen
Weg zwar nicht guthieß, wohl aber sein Anliegen als flammende Anklage
auch an
die Kirche selbst verstand. Zugleich musste die DDR-Führung erkennen, dass der
Konfrontationskurs mit der Kirche wenig Erfolg versprechend war und Widerstand
hervorrief; sie begann nun eine Politik der Schadensbegrenzung, die mit dem
Gespräch zwischen Kirchenleitungen und DDR-Führung im März 1978 symbolträchtig
demonstriert wurde.
Die Evangelische Kirche würdigte Brüsewitz in dem im Jahr 2000
herausgegebenen Sammelband Zeugen einer besseren Welt
zusammen mit Opfern des
Bolschewismus wie Traugott Hahn
und des Nationalsozialismus wie Dietrich
Bonhoeffer oder Werner Sylten;
sein Schicksal zeige, in wie komplexer Weise sich Verzweiflung und
Entschlossenheit mischen konnten
.
|
Sollte hier eine Anzeige erscheinen, deren Anliegen dem unseren entgegensteht, benachrichtigen Sie uns bitte unter Angabe der URL dieser Anzeige, damit diese Werbung nicht mehr erscheint. |
||||||||||||||||||||