|
|
Bild des Vatikan, gezeigt bei der Seligsprechung
Graf Giovanni Maria Mastai-Ferretti wurde 1840 Kardinal und 1846 Papst. Die
32 Jahre seines Pontifikats sind die längste Amtszeit eines Papstes in der
Geschichte der katholischen Kirche. Er gewann aufgrund einiger Reformen zunächst
hohes Ansehen, die Einschätzung, er sei ein liberaler
Papst, erwies sich aber
bald als falsch.
Pius wurde zunächst seine Nichtteilnahme an der nationalen Befreiung Italiens verübelt, aufgrund eines Volksaufstandes in Rom musste er im November 1848 aus der Hauptstadt nach Gaëta fliehen, die weltliche Macht des Papstes wurde abgeschafft und die Republik ausgerufen. Diplomatische Bemühungen des Vatikan führten 1849 zur Besetzung von Rom durch französische Truppen, womit die Herrschaft des Papstes wieder hergestellt wurde. Nach seiner Rückkehr 1850 beeinflusste er die Politik des Vatikan im Sinne strengster Gegnerschaft zu liberalen Strömungen.
Im selben Jahr ließ Pius das Judengetto in Rom
wieder errichten, verweigerte Juden den Zugang zu den meisten Berufen und setzte
den Talmud auf die Liste der verbotenen Bücher. 1858 ereignete es sich, dass ein
Dienstmädchen heimlich das Kind ihrer jüdischen Arbeitgeber getauft hatte; sie
suchte nun Hilfe, damit der Junge in der katholischen Kirche aufwachse; diese
Unterstützung kam von höchster Stelle: Pius ließ den kleinen Edgaro Montana
entführen und in ein Seminar stecken. Den verzweifelten Eltern sagte er, sie
bräuchten nur katholisch zu werden, um ihr Kind wieder zu sehen, die weltweiten
Proteste beantwortete er: Wenn es dazu käme, würde ich es wieder tun
, den
Jungen präsentierte er der Weltöffentlichkeit in den Kleidern eines katholischen
Seminaristen. Pius bewirkte mit seiner Frömmigkeit aber eine Vertiefung des
religiösen Lebens und eine Stärkung der Volksfrömmigkeit und der priesterlichen
Spiritualität.
1860 gingen nach Volksentscheiden die zum Kirchenstaat gehörenden Gebiete
Romagna,
Umbrien
und die Marken
an das sich einigende Italien verloren, 1870 musste Pius nach der Eroberung
Roms
durch italienische Truppen und dem Abzug der Franzosen auch die Stadt Rom abgeben; er betrachtete
sich bis zu seinem Tod als Gefangener im Vatikan
.
1854 verkündete Pius - einer Konzilsentscheidung vorgreifend - das Dogma von
der unbefleckten Empfängnis der Maria.
1864 erschien seine Aufsehen erregende Enzyklika Quanta cura
, in der er 80
hauptsächliche Irtümer unserer Zeit
wie Pantheismus, Nationalismus,
Rationalismus und Liberalismus, Demokratie, Presse- und Gewissensfreiheit
verdammte. Um die Thesen seiner Enzyklika auf eine breitere Basis zu stellen,
berief er das 1. Vatikanische
Konzil ein, das 1869/70 unter seiner Leitung tagte. In der die Konstitution
Dei filius
, Sohn Gottes
bestätigte das Konzil Pius' Thesen, zudem
veranbschiedete das Konzil die Konstitution Pastor aeternus
, ewiger Hirte
,
die dem Papst die oberste Gerichtsbarkeit über die ganze Kirche einräumt und
feststellt, dass er bei Entscheidungen ex cathedra
von Gott mit der Gnade der
Unfehlbarkeit versehen sei: Wenn der römische Bischof in Ausübung seines Amtes
als Hirte und Lehrer aller Christen kraft seiner höchsten Apostolischen
Autorität entscheidet, dass eine Glaubens- oder Sittenlehre von der gesamten
Kirche festzuhalten ist, dann besitzt er mittels des ihm im seligen Petrus
verheißenen göttlichen Beistand die Unfehlbarkeit
. Neu war dabei nicht die
Unfehlbarkeit des Papstes als solche, aber seine Entscheidungsmöglichkeit auch
ohne Beteiligung eines Konzils oder andere Rückversicherungen. Andere Meinungen
wurden beim Konzil durch Tagesordnung und persönliche Einflussnahme systematisch
unterdrückt, ein Drittel der teilnehmenden Bischöfe war deshalb vor der
Abstimmung über die Dogmen abgereist.
In Mitteleuropa bildete sich aus Protest gegen diese Beschlüsse des 1.
Vatikanische Konzils die Altkatholische Kirche
.
Kanonisation:
Zusammen mit Papst Johannes XXIII.
wurde Pius im heiligen Jahr
2000 von Papst Johannes
Paul II. selig gesprochen.
Als Rückschritt für die Ökumene
betrachten die evangelischen und orthodoxen
Kirchen, als Affront verstehen Juden diese Seligsprechung; einzigartig ist wohl auch das
einstimmige Votum der deutschsprachigen katholischen Kirchenhistoriker gegen diese
Seligsprechung: sie fördere ein Zerrbild von Heiligkeit
und sei Aufgrund der
erheblichen menschlichen Schwächen
von Pius nicht vertretbar.
Pius'
Apostolische Konstitution
über die unbefleckte Empfängnis
der Maria und seine Enzyklika
Quanta Cura
gibt es in Englisch online.
Das
Pontifikat Pius' IX. in der Darstellung des Buches von August Franzen und
Remigius Bäumer: Papstgeschichte. Aktualisierte Neuausgabe
, Freiburg 1988, S.
353 - 367 gibt es online bei stjosef.at.
Biographisch- Bibliographisches Kirchenlexikon
|
Sollte hier eine Anzeige erscheinen, deren Anliegen dem unseren entgegensteht, benachrichtigen Sie uns bitte unter Angabe der URL dieser Anzeige, damit diese Werbung nicht mehr erscheint. |
||||||||||||||||||||