Michelangelo Merisi da Caravaggio: Thomas berührt Jeus Wundmale, 1601 - 1602,
Bildergalerie im Park Sanssouci in Potsdam

Thomas war bis zu seiner Berufung als Jünger Fischer. Das Johannesevangelium
beschreibt die Hingabe, die Thomas für Jesus
empfand: als der nach Judäa zurückkehren wollte, wo Juden ihn hatten steinigen
wollen, schloss sich ihm Thomas mit den Worten an: Lasst uns mit ihm gehen, um
mit ihm zu sterben.
(11, 5 - 16). Thomas wird in den Apostellisten aller vier
Evangelien und der Apostelgeschichte erwähnt; außer bei Johannes
kommt er aber nur in der Aufzählung der Jünger und dabei in der mittleren
Jüngergruppe vor; im Johannesevangelium - dort drei Mal mit dem Beinamen
Didymus
, der griechischen Übersetzung für den hebräisch-aramäischen Namen
Thomas
- nimmt er mit sieben Nennungen - so auch im Bericht über das Abendmahl
(Johannesevangelium 14, 1 - 7) - eine wichtigere Rolle ein. In
Johannesevangelium 21, 2 wird Thomas sogar an zweiter Stelle in der Jüngerliste
direkt nach Petrus genannt.
Berühmt wurde Thomas durch seine Zweifel an der Auferstehung Jesu
und sein Verlangen, handgreiflich die Auferstehung zu überprüfen: erst nachdem
Jesus ihn aufforderte, seine Wundmale zu berühren, glaubte er das Unfassbare und
bekannte: Mein Herr und mein Gott!
Damit erkannte er als erster der Jünger
die göttliche Natur Christi (Johannesevangelium 20, 24 - 29). Wohl gerade als
Zweifelnden haben Volksfrömmigkeit und Legende ihn so nahe an Jesus herangerückt,
dass er sogar als dessen Zwillingsbruder angesehen wird - Jesus in Aussehen und
Schicksal ähnlich - so erstmals in den Thomas-Akten vom Anfang des 3.
Jahrhunderts.
Buchmalerei aus der Devotionale Abbatis Ulrici Rösch
: Christus
erscheint dem Thomas, um 1472 (?), in der Stiftsbibliothek in St.
Gallen 
Diese syrischen Thomas-Akten erzählen dann auch, dass Christus Thomas erschien und ihn aufforderte, dem Boten des Königs Gundisar/Gundaphorus nach Indien zu folgen, da der König den besten Baumeister suche, um sich einen Palast nach römischer Bauweise errichten zu lassen. Thomas wurde mit Abbanes, dem Boten, unterwegs veranlasst, an der Hochzeit einer Königstochter teilzunehmen; eine hebräische Musikantin wiederholte für Thomas einen Hymnus in der Muttersprache, worauf der Mundschenk ihn ohrfeigte. Thomas prophezeite die eintretende Strafe: Löwen zerrissen den Mundschenk am Brunnen, ein Hund brachte die Hand, die den Glaubensboten geschlagen hatte, das Brautpaar bekehrte sich und wurde gesegnet.
Bei Gundisar angelangt, zeichnete Thomas diesem einen Palast und erhielt große Schätze zum Bau, verteilte diese aber während der Abwesenheit des Königs an die Armen, predigte und bekehrte Unzählige. Dem zurückgekehrten empörten König, der Thomas in den Kerker warf, erschien sein vor kurzem verstorbener Bruder; der erklärte ihm, Thomas habe für ihn im Jenseits den prächtigsten Palast errichtet, worauf Gundisar sich bekehrte und Thomas in fernere indische Gebiete ziehen ließ. Vornehme Frauen eines Herrscherhauses wurden von Thomas bekehrt, der König Misdai aber ließ ihn gefangen setzen, vielfältig martern und wollte ihn zum Opfer vor dem Sonnengott zwingen. Thomas sprach den im Standbild verborgenen Teufel an, das Bronzewerk zerschmolz wie Wachs, der außer sich geratene Oberpriester durchbohrte Thomas mit seinem Schwert, doch der König ließ ihn ehrenvoll begraben.
Grab des Thomas in Mailapur - heute der Stadtteil Mayilapuram in Madras / Chennai in Indien mit persischem Kreuz, 8. Jahrhundert
Nach anderen Legenden durchzog Thomas noch weitere Länder, bis er in Madras -
dem heutigen Chennai
in Indien - von feindlich Gesinnten mit Lanzen durchstochen wurde. Auf Johannes
Chrysostomus soll die Erzählung zurückgehen, dass Thomas auf seinen Reisen
die Heiligen Drei Könige getroffen,
getauft und zu Bischöfen ernannt habe. Als Ort seines Martyriums geben viele
Legenden Kalamina - wohl Mailapur, der heutige Stadtteil Mayilapuram in Madras /
Chennai.
Sieben christliche Kirchen in Indien führen heute ihre Wurzeln auf Thomas zurück und
gehören deshalb zu den Thomaschristen
.
Noch Mitte des 2. Jahrhunderts rechnete der Gnostiker Heraclion Thomas zu den
Aposteln, die kein Martyrium erlitten. Nach Origines
wirkte Thomas als Glaubensbote bei den Parthern in Mesopotamien im heutigen Irak;
in Edessa - dem heutigen Sanlιurfa
in der Türkei -, ist die Verehrung seit dem 4. Jahrhundert nachgewiesen. Ephraem
der Syrer berichtete ebenso wie die syrischen Thomas-Akten über die Missionstätigkeit in
Indien und die Rückführung der Gebeine
durch einen Kaufmann in einem Schatzkästlein
.
In Nag Hamadi in Ägypten wurde 1945 unter den sensationellen Funden zahlreicher alter Handschriften auch ein vollständiges Exemplar des Thomas-Evangeliums entdeckt: eine Sammlung von Jesusworten ohne Erzählungen oder Passionsgeschichte, möglicherweise schon sehr früh (um 70?) entstanden und laut Vorwort von Thomas verfasst.
Bei Mailapur gibt es den Großen Thomasberg
; 1547 wurde auf ihm eine Kirche
zu Ehren von Thomas errichtet. Dort verwahrt wird das Thomaskreuz aus dem 7.
Jahrhundert, dessen Inschrift von seinem Martyrium erzählt. 2004 hat der Vatikan
den Berg bei Mailapur als ersten internationalen Wallfahrtsort
Indiens anerkannt. Der größte Teil der Thomas-Reliquien
wurde angeblich an einem 3. Juli - daher der Gedenktag - im 3. Jahrhundert nach
Edessa - dem heutigen Sanlιurfa
in der Türkei - übertragen, weshalb in Indien keine Gebeine, sondern nur Staub
zu finden sei. Schon früh gab es Reliquien in Mailand
in der Basilika der Apostel, das Martyrologium von Hieronymus
beschreibt sie. 1218 kamen Reliquien auf die griechische Insel Chios,
1258 von dort nach Ortona
in den Abruzzen.
Im Dom von Prato
in der Toskana wird in einer für diesen Zweck gebauten Kapelle der Gürtel der
Maria
gezeigt: das Christkind
selbst habe seiner Mutter den Gürtel gelöst und ihn Thomas überreicht;
jahrhundertelang in der Familie aufbewahrt, habe ihn Michele dei Dagomari aus
Prato als Teilnehmer eines Kreuzzuges nach
Italien mitgebracht, nachdem er in Israel eine Tochter jener Familie geheiratet
hatte. 1365 wurde der Gürtel in feierlicher Prozession in die Kathedrale nach
Prato gebracht.
Thomas' Gedenktag lag auch in der katholischen Kirche bis 1969 auf dem 21.
Dezember, dem Datum der längsten Nacht des Jahres. Der Tag war mit vielen
Orakelbräuchen versehen, besonders in Liebes- und Ehefragen. In der Nacht
befürchtete man Dämonen, darunter an manchen Orten Thomas' Unglück bringender
Gegenspieler, das blutige Thomerl
.
Andrea del Verrocchio: Der zweifelnde Thomas mit Christus, Bronzestatue, 1476 - 83, an der Kirche Or San Michele in Florenz
Attribute:
dem Auferstanden an die Wundmale fassend;
Bart, Schwert, Lanze, Winkelmaß
Patron
von Ostindien, Portugal, Goa - heute Velha
Goa -, Urbino,
Parma,
Riga,
der Insel Saint Thomas,
des Kirchenstaates; der Architekten, Geometer, Maurer,
Zimmerleute, aller Bauarbeiter, der Steinhauer, Feldmesser und - wegen seiner
Zweifel - der Theologen; bei Rückenschmerzen und Augenleiden; für gute Heirat
Bauernregeln
(für 21. Dezember): Wenn's St. Thomas dunkel war / gibt's ein schönes neues Jahr.
St. Thomas bringt die längste Nacht, / weil er den kürzesten Tag gebracht.
Stadlers Vollständiges Heiligenlexikon
Unter dem Titel
Der ungläubige Thomas
hat Joachim Neeff wertvolle Informationen und manche Spekulation zur
Thomas-Legende zusammengetragen.
Das
Thomas-Evangelium und weitere Erläuterungen
und Hintergründe dazu.
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon