Gedenktag katholisch: 8. September
Name bedeutet: Wille und Schutz (althochdt.)
Wilhelm, Sohn einer Adelsfamilie, studierte in Lüttich (Liège), wo er Anselm von Canterbury und Petrus Abaelardus hören konnte, und in Lyon und Reims. 1113 trat er als Benediktinermönch in die Abtei St-Nicaise in Reims ein. 1118 begegnete er erstmals Bernhard von Clairvaux, zu dem sich eine tiefe Freundschaft entwickelte und dessen Reformen zur Gründung der Zisterzienser er sich anschloss. 1121 wurde Wilhelm Abt des Klosters St-Thierry in Reims. Um 127 wurde er krank und lag längere Zeit mit dem ebenfalls kranken Bernhard zusammen auf der Krankenstation in Clairvaux - im heutigen Longchamp-sur-Aujon. Ab 1135 lebte er - wieder als einfacher Mönch - im Zisterzienserkloster Signy - dem heutigen Signy-l’Abbaye in den Ardennen. 1143/44 besuchte er das Kartäuserkloster in Mont-Dieu.
In enger Verbindung mit Bernhard
entwickelte Wilhelm seine mystische Theologie der Minnemystik
. Die Erfahrung
eröffnet den Weg der liebenden Einigung von Gott und Mensch; Sinnbild hierfür ist die
erotische Vereinigung der Liebenden im Hohenlied des Alten Testaments. Die Rolle der
einigenden Liebe übernimmt der Heilige Geist; was sich zwischen den Personen der
Dreieinigkeit Gottes als Beziehung abspielt, wird so zwischen dem dreinigen Gott und
dem Menschen möglich und eröffnet einzigartige Gotteserkenntnis: amor ipse
intellectus est
, die Liebe selbst ist die Erkenntnis
.
Vielen gilt Wilhem von Saint-Thierry als der bedeutendste Theologe des 12.
Jahrhunderts. Seine Werke umfassen 18 Schriften, die zwischen 1121 und 1148 entstanden;
zur Spiritualität schrieb er De contemplando Dei
, Über die Gottesschau
und Orationes
meditativae
, Meditative Gebete
- dreizehn kurze Texte vor, die eine Mischung
aus Gebet, Meditation, Argumentation und seelsorgerlicher Rede sind, geschrieben
für die Seelsorge an seinen Mönchen. Das Hauptthema der Zisterzienser,
die Liebe, behandelte Wilhelnm in seiner Schrift De natura et dignitate amoris
,
Über die Natur und Würde der Liebe
*. Hinzu kamen
Schriften über das Klosterleben und seine Biografie über Bernhard
von Clairvaux, dogmatische Schriften wie seine Auseinandersetzung mit den Sentenzen des
Petrus Abaelardus und mystisch geprägte Auslegungen des Hohenliedes, darunter
Sammlungen der Werke von Ambrosius
und Gregor I. zum Thema.
1215 wurde Wilhelms Leichnam aus dem Kreuzgang des Klosters Signy - dem heutigen Signy-l’Abbaye - in die Kirche überführt.
Kanonisation:
Die Erhebung der Gebeine in Gegenwart anderer
Äbte im Jahr 1215 kam damals einer Seligsprechung gleich, im Zisterzienserorden
wird Wilhelm deshalb als selig verehrt, das Martyrologium Romanum nennt ihn
aber nicht.
* Die genannten drei Werke liegen auch in neueren deutschen Editionen vor:
Wilhelm
von Saint Thierry und Hans U von Balthasar: Spiegel des Glaubens. Mit zwei
weiteren Traktaten Über die Gottesschau
, Über Würde und Natur der
Liebe
sowie
Wilhelm
von Saint-Thierry und Klaus Berger / Christiane Nord (Hg.): Meditationen und Gebete.
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon