Das Pauluswort Wir sind Narren um
Christi willen
(1. Korintherbrief 4, 10) hat Menschen immer wieder zu einem
Leben angeleitet, das sich den gesellschaftlichen Konventionen radikal
verweigerte.
Roland Peter Litzenburger: Christus der Narr, 1987
In der griechischen Antike wurde die Weisheit
, die Sophia
, hoch geschätzt,
auch das Alte Testament kennt z.B. im Buch der Sprüche
die Weisheit als Ideal.
Dieser Weisheitsbegriff wurde im Christentum entthront: Jesus
dankte seinem Vater im Himmel, dass du dies vor Weisen und Verständigen
verborgen und es den Unmündigen geoffenbart hast
(Matthäusevangelium 11, 25).
Paulus spricht im 1. Korintherbrief (1,
18) davon, dass das Wort vom Kreuz denen, die verlorengehen, eine Torheit, uns
aber, die wir gerettet werden, eine Kraft Gottes
ist, und stellt den Geist, der
die Einfältigen beseelt, in Gegensatz zum Geist der Welt. Paulus kehrt die
negative Bewertung des Narren als eines Gottesleugners ins Gegenteil um: Der
Christ soll auf Erden wandeln, als trüge er eine Narrenkappe, und sich dabei von
den auf Weltliches ausgerichteten normalen
Menschen verlachen und verspotten
lassen. Dennoch ist der Gedanke, dass den geistlich Armen
das Himmelreich eher
offen stehe als den Gebildeten (Matthäusevangelium 5, 3), auch im Christentum
bald schon verdrängt worden.
Begeistert von den Aussagen Jesu
und den Forderungen des Apostels Paulus
fanden sich aber doch immer wieder Menschen, die dazu bereit waren, ein Leben
als Narren um Christi willen
zu führen, um so die Wahrheit Christi gegen die
Machtansprüche der geistlich-kirchlichen und der weltlich tonangebenden
Führungsschicht zu verkündigen. Diese Narren um Christi willen
lebten in einer
Weise, die den normalen
Menschen absonderlich erscheinen musste und übten so
die Funktion von Mahnern aus.
Es gibt dabei zwei Traditionsstränge: einerseits der Salós
, der seine
Narrheit in missionarischer und selbstverleugnender Absicht lediglich spielt,
andererseits der Typ des einfältigen Narren mit der heiligen Einfachheit z.B.
eines Franziskus
von Assisi oder auch der tatsächlich Kranke, der gerade durch seine
Krankheit zur Erfahrung des Göttlichen prädestiniert ist.
Der Typ des Salós
entstand im byzantinischen Bereich mit dem Auftreten
des Simeon von Emesa. Der
byzantinische Narr in Christus
setzte sich freiwillig der Verachtung der
Welt aus - eine Art der Askese, die wesentlich härtere Anforderungen stellt als
die Askese der Einsiedler, die nur den Anfechtungen des eigenen Fleisches
ausgesetzt sind. Seine Narrheit
entspringt auch nicht einer Geisteskrankheit,
sie ist gespielt und dient als Maske. Sein ungewöhnliches Verhalten Äußert sich
in Hüpfen, Tanzen, Hinken, Torkeln, Hopsen; er redet verworrene Dinge, kleidet
sich in Lumpen, wälzt sich in Unrat oder schleift sogar einen toten Hund mit
sich herum, um als Narr
seine Umwelt zu provozieren. In der Nacht lebt der
byzantinische Narr in Christo
dann wie ein Heiliger in Gebet, Meditation und
Fasten. Seine Zielgruppen sind die Außenseiter der unteren Gesellschaftsschichten
wie Säufer und Prostituierte, zu denen das Wirken der Kirche sonst nicht
vordringt, und die Menschen der Oberschicht, deren Christsein in bestenfalls
Ritualen erstarrt ist.
Im russischen Christentum ist der Heiligentypus des Jurodivyj
nach dem
Vorbild des Salós
den dortigen Bedingungen angepasst. Er erlebte seine
Blütezeit im 16. und 17. Jahrhundert mit etwa 35 von der Russisch-Orthodoxen
Kirche heiliggesprochenen Narren
. Im Bereich des westlichen
Christentums tritt der Typus erstmals in Spielen und Legenden des Barock auf.
Gegenüber dem Salós
-Typus steht die heilige Einfalt des Franziskus
von Assisi der paulinischen Idee des Narren um Christi willen
näher: Er
lebte in der bewussten Nachfolge Jesu,
weniger als sozialer Ankläger wie der Salós
, sondern mehr durch die
Nächstenliebe in der heiligen Einfalt der Kinder Gottes, als Bruder aller
Unterdrückten.
Im späten 19. Jahrhundert entstand unter dem Einfluss der Erkenntnisse von
Psychologie und Psychiatrie in der Literatur eine völlig neue Auffassung des
Narren in Christus
. So weist Dostojewskijs Idiot
als ein wirklich
Geisteskranker eine besondere Befähigung zur Erfahrung des Göttlichen auf.
Mit seinem einfältigen Wesen verkörpert er in einer verdorbenen Gesellschaft
das Gute. Dabei wird er nicht von einem Sendungsbewusstsein angetrieben, sondern
wird durch sein Charisma zum Anziehungspunkt seiner Umwelt. Diese Gestalt
wirkte auch auf die Konzeption von Gerhart Hauptmanns Roman Der Narr in Christo
Emanuel Quint
ein.
Nach: Jacqueline Leonhardt-Aumüller: Narren um Christi willen. Eine Studie und Typologie des Narren in Christo und dessen Ausprägung bei Gerhart Hauptmann, tuduv Verlagsgesellschaft, München 1993 - vergriffen