Die Kirchen der orthodoxen Christenheit, der - so die deutsche Übersetzung -
rechtgläubigen
Kirchen, sind v.a. in Osteuropa und dem vorderen und
mittleren Orient verbreitet, durch Migranten auch in den westlichen
Industrieländern. Die im Glaubensbekenntnis genannte selbst-Bezeichnung
lautet: Die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische Kirche
.
Die orthodoxen Christen betrachten sich - wie schon
ihr Name sagt - als die einzigen legitimen Nachfolger der alten Kirche,
von deren Grundlage sich die westliche Kirche entfernt habe. Die
Kirchenspaltung, das Morgenländische
Schisma, wird gemeinhin auf das Jahr 1054 datiert; tatsächlich
stellt dieses Datum aber nur den Endpunkt einer großen, jahrhundertelangen
Entfremdung dar, als deren Symbol die Unterschiede in der Frage de
„Filioque” gelten.
Apsismosaik: Christus Pantokrator, 1148, in der Kathedrale in Cefalù
auf Sizilien 
Dabei vermischten sich theologische mit politischen Motiven. Einer der wichtigsten Streitpunkte in der theologischen Diskussion war seit jeher die Frage, wie sich in Jesus Christus dessen menschliche und göttliche Wesensart zueinander verhalten. Dabei wurde von den Theologen das Schwergewicht des Nachdenkens einmal auf seine menschliche Wesensart, auf Jesu Christi Lehre und Leben, auf seine Geschichtlichkeit und seine Bedeutung für die Nachfolge der Christen gelegt, während andere Theologen besonders Jesu Christi Göttlichkeit, seine Bedeutung für die Erlösung des Menschen, seine sakrale und kultische Funktion betonten. Auf verschiedenen Konzilen wurde immer wieder versucht, diese Unterschiede aufzuarbeiten und gemeinsame Formeln zu finden.
Das einzige Konzil, das ein bis heute von allen christlichen Kirchen
anerkanntes Glaubensbekenntnis formulieren konnte, ist dasjenige von Nicäa
im Jahre 325; dieses Bekenntnis
von Nicäa wurde beim 1. Konzil
von Konstantinopel 381 erneuert. Der andere Grund für die zunehmende
Entfremdung zwischen Ostkirche und dem Westen wurde gelegt mit der Teilung
des Römischen Reiches, eingeleitet im Jahre 286. In der Folge wurde 330
Konstantinopel - das heutige Ístanbul
- zur Hauptstadt des gesamten Reiches; das neue Rom
beanspruchte
nun die gleichen Rechte wie die alte Hauptstadt, das heißt auch die
Oberhoheit über die Kirche. Mit zunehmender Heftigkeit wurde der
Primat des Papstes abgelehnt. Ein
vergleichsweise geringer Anlass führte schließlich dazu, dass der
römische Papst 1054 den Patriarchen der Ostkirche exkommunizierte:
die Kirchenspaltung war nun auch äußerlich vollzogen.
Die Orthodoxen Kirche ist nach der römisch-katholischen Kirche
und dem protestantischen Christentum die drittgrößte christliche
Glaubensrichtung. Die einzelnen orthodoxen Kirchen verstehen sich
nicht als Teil der Kirche
, sondern als Ausdruck der
ganzen Einen Kirche
mit unterschiedlicher Entfaltung, geprägt
jeweils durch Ort, nationale Zugehörigkeit, Sprache und Tradition.
Basilius-Kathedrale, 1561, auf dem Roten Platz in Moskau

Das orthodoxe Christentum hat nie starre Dogmen formuliert, hat
nie in solch gedanklicher Strenge wie die Kirche des Westens
wissenschaftliche Theologie betrieben. Es hat dagegen sehr gut
verstanden, sich den kulturellen Gegebenheiten und Traditionen der
Länder anzupassen, in denen es wirksam wurde; so verschieden die
Völker seines Verbreitungsgebietes sind, so verschieden ist die
Ausprägung der Frömmigkeit. Das einigende Band aller orthodoxen
Christen ist der Glaube an die Herrlichkeit des einen Gottes und
die innere, persönliche Gegenwart des Geistes im Menschen. Der
Geist ist die Quelle des sakramentalen und religiösen Lebens, er
ist das Verbindungsglied zwischen Mensch und Gott. Diesen Geist
empfängt der Mensch in seiner Wiedergeburt durch den Glauben, er
befreit ihn von Sünde und Tod und verwandelt ihn zu einem
spirituellen Wesen. Erlösung ist der Empfang des heiligen Geistes
als Geschenk Gottes und Christus
war der erste Mensch, der diesen Schritt vom geistlosen zum
geistbegabten, spirituellen Wesen getan hat. Bedeutsam ist also
weniger Christi Leiden und Kreuzestod, sondern der triumphierende
österliche Christus, der Auferstandene. Ostern
ist das größte Fest der orthodoxen Christen und wird mit prächtigen,
lebensbejahenden, frohsinnigen Gottesdiensten in der Osternacht gefeiert.
Die Bedeutung von Ostern im Osten und von Weihnachten
im Westen symbolisiert die unterschiedliche Betonung verschiedener
Aspekte des Glaubens.
Die orthodoxen Kirchen kennen sieben Mysterien, die den Sakramenten der
katholischen Kirche entsprechen:
• das Mysterium der Erleuchtung - die Taufe
• das Mysterium der Versiegelung - die Salbung, direkt nach der Taufe.
Dies entspricht Firmung bzw. Konfirmation; ein Ritual beim Übergang zum Erwachsenwerden
gibt es nicht.
• das Mysterium des Heiligen und Kostbaren Leibes und Blutes des Herrn
• das Mysterium der Sündenvergebung
• das Mysterium der Handauflegung, entsprcht der westlichen Ordination der Amtsträger
• das Mysterium der Krönung - die Eheschließung
• das Mysterium des Heiligen Öls - die Krankensalbung
Diese Siebenzahl ist in der Orthodoxie nicht dogmatisch festgelegt; auch
Handlungen wie Begräbnis und Wasserweihe haben sakramentalen Charakter.
Erst in der Reformationszeit wurde die Siebenzahl auch von der römisch-katholischen
Kirche übernommen und dogmatisiert.
Patriarchen der Orthodoxen Kirchen im Jahr 2000 in Jerusalem

Das Weihesakrament hat drei Stufen: Diakonat, Presbyterat (Priesteramt) und Episkopat
(Bischof). Die Weihe können nur Männer empfangen, aber nur die Bischöfe, die zumeist
auch Mönche sind, sind zum Zölibat verpflichtet.
Verwitwete Priester können zum Bischof gewählt und geweiht werden. Diakone und
Priester sind in der Regel verheiratet, die Eheschließung muss aber vor der
Diakonats-Weihe erfolgt sein.
An der Spitze steht der Patriarch oder Metropolit, ohne Primat, als erster
unter Gleichen im Kollegium der Bischöfe. Priester sind ihrem Bischof unterstellt,
ebenso die Diakone. Als Ämter ohne sakramentale Weihe gibt es Subdiakone, Lektoren,
Kantoren und Türhüter.
Die meisten Theologen sind lehrend tätig und sind keine Priester; die meisten Priester sind umgekehrt keine Theologen, ihre Ausbildung ist praxisorientiert und findet nicht an Universitäten statt. Caritative Dienste sind Aufgabe der Laien und des Staates – nicht der Kirche; ihr obliegt die Durchführung der Gottesdienste. Auch Mönche sind nur selten Priester. Ordensgemeinschaften im westlichen Sinne gibt es in der Orthodoxie nicht, jedes einzelne Kloster ist selbständig.
Im Mittelpunkt der orthodoxen Spiritualität steht die Liturgie, die
in ihrer Grundstrukturauf das 1. und 2. Jahrhundert zurückgeht. Der erste Teil
der Liturgie, die Liturgie der Katechumenen
, umfasst Lesungen und Gebete;
sie geht auf den jüdischen Synagogengottesdienst zurück, wie er zur Zeit Jesu
üblich war. Der zweite Teil, die Liturgie der Gläubigen
mit EucharistieDie Eucharistie - von griechisch „ευχαριστειν, Dank sagen” - vergegenwärtigt das heilvolle Sterben Jesu Christi.
Die Römisch-Katholische, die Orthodoxe und die Anglikanische Kirche nennen diese Mahlfeier im Anschluss an 1. Korintherbrief 11, 24 Eucharistie, die Evangelischen Kirchen sprechen von „Abendmahl” im Anschluss an Markusevangelium 14, 17 und 1. Korintherbrief 11, 23.feier
ist für die Getauften bestimmt - früher mussten nicht getaufte Glaubensanwärter
zuvor die Kirche verlassen.
Kirche ist nach orthodoxem Verständnis, wo EucharistieDie Eucharistie - von griechisch „ευχαριστειν, Dank sagen” - vergegenwärtigt das heilvolle Sterben Jesu Christi.
Die Römisch-Katholische, die Orthodoxe und die Anglikanische Kirche nennen diese Mahlfeier im Anschluss an 1. Korintherbrief 11, 24 Eucharistie, die Evangelischen Kirchen sprechen von „Abendmahl” im Anschluss an Markusevangelium 14, 17 und 1. Korintherbrief 11, 23.
gefeiert wird. In ihr erlebt die Gemeinde die lebendige Gegenwart Jesu
Christi und durch ihn die Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott, mit den
Engeln und der großen Schar der Heiligen. Die Gemeinde
der Gläubigen wird durch den Empfang der eucharistischen Gaben in den Leib Christi
verwandelt.
Die Liturgie dauerte ursprünglich etwa fünf Stunden. Die Basilius-Liturgie,
die an hohen Feiertagen und am Basiliustag gefeiert wird, dauert etwa zweieinhalb,
die Chrysostomus-Liturgie,
die an den meisten Sonntagen gefeiert wird, etwa eineinhalb Stunden. Zusammen
mit dem Orthros
, dem Morgenlob, und weiteren Gebeten dauert der Gottesdienst
auch an normalen Sonntagen meist mehr als drei Stunden. Zur vollen
Feier braucht es neben dem Priester auch einen assistierden Diakon; in einer
vereinfachten Form kann ohne Diakon gefeiert werden. Wichtig für die Liturgie
sind die Gesänge, die als Gebete verstanden werden und deshalb nur durch
menschliche Stimmen vorgetragen werden können; der Gebrauch von Instrumenten
ist in griechisch-orthodoxen Kirchen nicht gestattet.
Gebetet wird stehend, in den Gottesdiensten wird meist generell gestanden,
Bestuhlung gibt es oft nur entlang der Wände für Alte und Schwache; knien ist
unüblich. Am Ende der Liturgie segnet der Priester mit mit einem Kreuz in der Hand,
die Gemeindeglieder kommen dann, um das Segenskreuz durch einen Kuss zu verehren.
Anschließend wird das Antidoron
, die Ersatzgabe
, das gesegnete,
aber nicht geeweihte Brot an alle Teilnehmer - auch an Gäste - ausgeteilt; dies
ist oft ein Ersatz für die Kommunion, die aus Ehrfurcht und wegen der notwendigen
Vorbereitung durch langes Fasten nur selten empfangen wird. Eine besondere Bedeutung
haben die Ikonen: sie wecken Ehrfurcht und stellen eine
existenzielle Verbindung zwischen dem Betrachter und dem Dargestellten und zu
Gott her.
Beim Kreuzzeichen, das in der Liturgie oft vorkommt, bewegen die Menschen ihre Hand von der Stirn bis etwa zur Bauchmitte und anschließend von der rechten zur linken Schulter - in der katholischen Kirche wird das Kreuz von der linken zur rechten Schulter gezeichnet. Dies soll deutlich machen, dass das Kreuz eigentlich von Christus entgegengenommen wird, die Bewegung ist deshalb spiegelverkehrt. Dabei werden Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger zusammengehalten - drei Finger als Hinweis auf die Dreieinigkeit -, während Ringfinger und kleiner Finger an der Handfläche anliegen - Symbol für die zwei Naturen Christi.
Das Kirchenjahr beginnt für die Orthodxen am 1. September; an diesem Tag begann
im Byzantinischen Reich das neue Steuerjahr. Das Datum des Osterfestes,
des wichtigsten Festtages in den orthodoxen Kirchen, wird - außer in der finnischen
Kirche - nach dem Julianischen
Kalender berechnet. Für datumsmäßig feste Feste wie Weihnachten
haben manche orthodoxe Kirchen den Neo-Julianischen
Kalender eingeführt,
der bis zum Jahr 2800 dem Gregorianischen
Kalender entsprecht. Im Rang hinter Ostern stehen die Zwölf Feste
:
• Geburt der Gottesgebärerin am 8. September
• Tag der Kreuzerhöhung am 14. September
• Darstellung der Gottesgebärerin im Tempel am 21. November
• Geburt Christi am 25. Dezember
• Taufe Christi oder Theophanie am 6. Januar
• Begegnung Christi am 2. Februar
• Verkündigung der Geburt Christi am) 25. März
• Einzug Christi in Jerusalem
• Himmelfahrt Christi
• Pfingsten
• Entschlafung der Gottesgebärerin am 15. August.
Heute besteht die Orthodoxie aus 14 bzw. 15 autokephalen
, d.h. selbständigen,
und 5 bzw. 6 autonomen
Kirchen und umfasst:
mit Rom unierte - d.h. geeinte - Kirchenbezeichnet. Diese gibt es neben fast allen orthodoxen Patriarchaten und Landeskirchen. Sie feiern den Gottesdienst nach den östlichen Riten und stehen in ihrer Tradition und in der Gestaltung der Ämter den orthoxen Kirchen nahe, werden aber von diesen nicht anerkannt und umfassen meist nur eine kleine Minderheit der Gläubigen in ihrem Gebiet;
Weil die orthodoxen Kirchen sich als die ursprüngliche christliche Kirche sehen,
von der sich alle übrigen Kirchen entfernt haben, verstehen sich die orthodoxen
Kirchen als Heimat aller Christen in ihrem Gebiet. Nicht akzeptabel sind deshalb
evangelische Kirchen, papsttreue unierte Kirchen
und die in letzter Zeit
vorangetriebene Gründung von römisch-katholischen Bistümern in ihren Ländern.
Die Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG³)
... Dann würde ich auch die Jahreszahl 1054 streichen, die Schisma-Erfindung von Erzbischof Buchberger in Regensburg, leider heute wieder in aller Munde, obwohl die orthodoxen und die katholischen Teilnehmer am 2. Vatikanischen Konzil am 7. Dezember 1965 gemeinsam beschlossen haben, dieses Datum eines angeblichen Schismas aus dem Gedächtnis zu tilgen. Der entsprechende Satz könnte einfach auf das 1. Jahrtausend sich beziehen, schon vor 1000 wurden viele Kalenderdaten nicht mehr übernommen.
Die Kirchenspaltung, das Morgenländische
Schisma, wird gemeinhin auf das Jahr 1054 datiert; tatsächlich stellt dieses Datum aber nur den Endpunkt
einer großen, jahrhundertelangen Entfremdung dar
- also grade das würde ich noch anders formulieren oder
am besten weglassen. Endpunkte der Entfremdung gibt es eigentlich nur zwischen den Byzantinern und den
Armeniern, zwischen den Byzantinern und den Syrern.
Noch zu meiner Studienzeit wusste kaum jemand von der Idee von Erzbischof Buchberger, den Endpunkt der
Entfremdung von 875 auf 1054 zu verlegen, und heute hält das kein Historiker, und wenn überhaupt 1054 etwas
war, so hat ein ganzes ökumenisches Konzil gemeinsam mit den offiziellen Vertretern der Orthodoxen
Kirche feierlich definiert, am 8. Dezember 1965, das man dieses Phantasie-Datum aus dem Gedächtnis
tilgen soll - dem könnte doch grade ein Heiligenkalender gut folgen. Der Endpunkt der Enfremdung ist noch
nicht gekommen, und vielleicht wird er durch immer wieder neue Aufmerksamkeit füreinander auch nie kommen ...
Nach katholischer Theologie und Kirchenrecht sind die orthodoxen Kirchen einschl. der Altorientalen ja genauso
echte Teilkirchen wie jedes katholische Bistum
frohe Grüße!
Klaus Wyrwoll über E-Mail, 4. November 2012
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