Als Heilige
werden im Neuen Testament (Kolosserbrief 1, 2) alle Mitglieder
der christlichen Gemeinde bezeichnet. In der kirchlichen Verwendung wurde dieses
Prädikat jedoch schon sehr früh auf Menschen beschränkt, die in einem besonderen
Maß als tugendhaft und glaubensstark galten, so wie die Apostel und die
Evangelisten.
Kritzelei in der Kirche S.
Sebastiano fuori le mura in Rom, entstanden um 250: Paule ed
Petre petite pro Victore
- die zwei Apostel werden um Fürsprache gebeten:
Paulus und Petrus,
bittet für Viktor!
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Der Brauch der Verehrung der Heiligen geht bis auf die ersten christlichen
Jahrhunderte zurück. Zuerst waren es vor allem die Märtyrer - von griechisch
μάρτυς
, (Blut-)Zeuge
-, die man verehrte und um ihre Fürsprache bei Gott
anrief. Diese Heiligenverehrung kristallisierte sich in der Regel um das Grab
bzw. die Reliquien eines solchen Toten.
Im Jahre 156 berichteten die Christen von Smyrna - dem heutigen Ízmir
- in einem Rundschreiben über den Märtyrertod ihres Bischofs Polykarp:
Christus beten wir an, weil er der Sohn
Gottes ist. Die Blutzeugen aber lieben
wir als Jünger und Nachahmer des Herrn.
Über dem Grab der Märtyrer wurde der
Gottesdienst gefeiert. Aus diesem Grund und in Erinnerung daran wird bis heute in
den Altären der katholischen Kirchen, auf denen das sogenannte Messopfer
, die
EucharistieEucharistie - von griechisch ευχαριστειν, "Dank sagen" - vergegenwärtigt das heilvolle Sterben Jesu Christi.
Die Römisch-Katholische, die Orthodoxe und die Anglikanische Kirche nennen die Mahlfeier im Anschluss an 1. Kor 11, 24 Eucharistie, die Evangelischen Kirchen sprechen von "Abendmahl" im Anschluss an Mark 14, 17 und 1. Kor 11, 23., gefeiert wird, eine Heiligenreliquie eingemauert. Gregor
von Nazianz lehrte im 4. Jahrhundert, dass die Leichname der Märtyrer
dieselbe Kraft besitzen wie ihre heiligen Seelen. Nach der Konstantinischen
Wende von 313 gab es kaum mehr Hinrichtungen aus religiösen Gründen, nun
wurden auch Nichtmärtyrer, die sich durch ein Gott besonders wohlgefälliges
Leben ausgezeichnet hatten, als Heilige verehrt. Um das 4. Jahrhundert war die
Heiligenverehrung dann weit verbreitet. Der erste Nichtmärtyrer, der als
Heiliger galt, war Martin von
Tours, gestorben 397. Bei der Christianisierung ersetzte die Kirche häufig
die heidnischen Götter, die Bergkuppen und Quellen hüteten, durch ihre Heiligen.
Da die Heiligenverehrung oft mit Aberglaube verbunden war, wandten sich schon vor der Reformation Bogomilen und Waldenser gegen diese Praxis. Die Reformation lehnte die Heiligenkulte ab, da sie sich nicht von der Bibel her begründen lassen. Das Konzil von Trient bestätigte jedoch, dass es gut und nützlich sei die Heiligen anzurufen, um durch ihre Fürbitte Gottes Wohltaten zu erlangen.
Glaube und Praxis der Heiligenverehrung in der orthodoxen Kirche sind
im Wesentlichen dieselben wie in der katholischen Kirche. In der russischen
Kirche waren Heiligsprechungen in der Zeit des Kommunismus unterbrochen, sie
wurden ab 1990 mit zahlreichen Heiligsprechungen v.a. von Neu-Märtyrern
wieder
aufgenommen. Für Heilige gilt die Unterordnung des allgemein Privaten in der
menschlichen zugunsten der verherrlichten Person
, so Prof. Wladimir Iwanow.
In der christlichen Kunst werden Heilige und Christus häufig mit einem Heiligenschein - auch Nimbus, Aureole oder Gloriole genannt - dargestellt, einem Ring oder leuchtenden Bereich, der den Kopf oder die ganze Gestalt umschließt. Viele Heilige sind mit Attributen abgebildet, an denen man sie leicht erkennen konnte.
Märtyrer, die mit bestimmten Orten fest
verknüpft waren, wurden schon im 4. Jahrhundert als deren Schutzheilige
bezeichnet. Auch Handwerke und Stände hatten Patrone,
und man konnte für jede Krankheit einen Heiligen anrufen, der dem Patienten
helfen sollte. Bekannte Schutzheilige für ganze Länder sind Andreas
für Schottland, Dionysius
für Frankreich, Georg für
England, Nikolaus für
Russland, Patrick für
Irland, Jakobus
der Ältere für Spanien, Stephan
für Ungarn sowie Michael für
Deutschland.
Von den meisten Heiligen ist nicht viel mehr als der Name überliefert. Die vollständigste Heiligenliste ist das allgemeine Verzeichnis im 61. Band der gewaltigen Acta Sanctorum der Bollandisten, in dem etwa 20.000 Heilige genannt werden. Die Bollandisten sind der zum Jesuitenorden gehörende Herausgeberkreis der Acta Sanctorum, einem Kompendium der Heiligen der christlichen Kirche, das zwischen 1643 und 1794 erschien.
Der Katalog, der in der katholischen Kirche die größte Anerkennung genießt, ist das Martyrologium Romanum. Die Ausgabe von 1584 enthielt - nach Gedenktagen geordnet - etwa 2700 Heilige, darunter rund 20 aus dem Alten Testament. Viele dieser Heiligen wurden alljährlich durch einen besonderen Feiertag geehrt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt machten diese Feiertage etwa zwei Drittel des liturgischen Kalenders der katholischen Kirche aus, obwohl von manchen Heilige nur noch der Name bekannt war.
1964 beschloss das 2.
Vatikanische Konzil, die Kirche solle nur das Gedächtnis solcher
Heiliger feiern, die wirklich von allgemeiner Bedeutung sind
. Andere Heilige
sollten der Feier in den einzelnen Teilkirchen, Nationen oder
Ordensgemeinschaften überlassen bleiben
. Dem Wunsch des Konzils folgend,
stimmte Papst Paul VI. 1969 einer Neugestaltung des liturgischen Kalenders zu.
Der reformierte Kalender, gültig seit dem 1. Januar 1970, enthält außer den
Feiertagen für Christus, für
die Jungfrau Maria sowie den heiligen
Joseph und die Apostel nur
noch 58 reguläre oder gebotene Gedenktage und 92 nichtgebotene Gedenktage von
Heiligen. Dabei wurden auch die legendären Heiligen, also die, von denen es
keine gesicherten historischen Erkenntnisse gibt, neu bewertet: sofern sie mit
gebotenen Gedenktagen
verehrt wurden, wird ihrer seitdem in nicht gebotenen
Gedenktagen
gedacht. So steht die Verehrung jedem frei. Durch diese Reform kann
sich örtlich die Verehrung abgeschwächt haben, aber auch je nach örtlicher Sitte
unverändert geblieben sein.
Eine neue Ausgabe des Martyrologium Romanum, durch die vielen Selig- und Heiligsprechungen von Papst Johannes Paul II. auf rund 7000 Einträge angewachsen, erschien im Jahr 2001 und 2004. Das Ökumenische Heiligenlexikon verzeichnet im Kalendarium alle dort aufgeführten Personen.
Die römisch-katholische Kirche kennt verschiedene Ränge von liturgischen Feiertagen:
Kathedra Petrioder der Gedenktag für Edith Stein
Liturgische Tage, der ersten drei Ränge, also Hochfeste, Feste und gebotene Gedenktag können nicht durch einen liturgischen Tag niederen Ranges verdrängt werden und gelten als geboten, d. h. bei der Feier der Heiligen Messe und des Stundengebetes müssen die entsprechenden Texte verwendet werden. Die Feier von nichtgebotenen Gedenktagen ist freigestellt. Hinzu kommt noch ein kompliziertes Verfahren zur Berücksichtung der Regionalheiligen gegenüber dem Römischen Generalkalender.
Als Sinn und Ziel der Heiligenverehrung nannte das 2.
Vatikanische Konzil: Beispiel und Antrieb für uns, in allen Wechselfällen
des Lebens die Einheit der ganzen Kirche zu erfahren und einzuüben und so zu
Christus als der Krone aller
Heiligen zu gelangen
.
Die katholische Kirche gewährt demjenigen Gläubigen Teilablass, der am Festtag eines Heiligen ein entsprechendes Gebet aus dem Messbuch oder ein anderes kirchlich approbiertes Gebet zu Ehren des betreffenden Heiligen verrichtet.
Die anglikanische Kirche kennt keine Heiligen in kanonisierter Form, sie unterscheidet in der liturgischen Praxis:
Hauptfestewie Weihnachten und Ostern
Heilige Tagewie Aschermittwoch oder Karfreitag
Festewie die Gedenktage der Evangelisten und für Maria
Lesser Festivals,
niedrigere Festefür wichtige Heilige wie Martin von Tours oder Benedikt von Nursia und englische Heilige wie Patrick von Irland oder Dunstan von Canterbury
Commemorationsals Gedenktage für Märtyrer wie John Fisher oder Thomas Morus sowie für Bischöfe, Ordensgründer oder Könige.
Das Ökumenische Heiligenlexikon verzeichnet alle
im neuen Common Worship
aus dem Jahr 2000 aufgeführten Personen.
Die Quellen auch für die Heiligen aller anderen Konfessionen sind verzeichnet in den Erläuterungen zum Kalender.
Zum
Nachdenken: das Gedicht von Hilde
Domin: Die Heiligen
Gibt es Heilige im Islam? Der Frage ging ein Artikel
von Hans-Peter Laqueur in der Istanbul Post
nach. Über Heiligendarstellungen bei
den Sufis informiert der Artikel Sufi Poster Art in Pakistan.
Stadlers Vollständiges Heiligenlexikon