Mit Favianis (Fafianae, Faviana) ist nach dem derzeitigen Stand von Wissenschaft und Forschung Mautern an der Donau gemeint.
Mautern an der Donau, im Hintergrund auf dem Berg Stift Göttweig
Die Identifizierung von Wien mit Favianis dürfte von Bischof
Otto von Freising,
dem Bruder des Babenbergers Heinrich II. Jasomirgott
aufgebracht
worden sein. Heinrichs Mark war durch das Privilegium minus vom 17. September
1156 zum Herzogtum geworden und der Herzog verlegte seine Residenz nach
Wien
auf den Platz Am Hof.
Wenn nun in der vom Herzog 1158 ausgestellten und nicht erhaltenen
Gründungsurkunde (die erste erhaltene Gründungsurkunde ist vom 22. April 1161)
das Schottenstift Wien
als Nachfolgerin von Favianis hingestellt wird, sollte damit die neue
Residenzstadt durch die Beziehung zum hl. Severin aufgewertet und der
Anspruch auf ihre Erhebung zum Bistum gestützt werden. Noch kurz vor der
Erhebung Österreichs zum Herzogtum hatte Otto
von Freising die Cella Severins iuxta radices Comogenis
erwähnt,
ohne dass von Wien die Rede gewesen wäre. Dass die Ansicht, der hl. Severin
sei Wiener
gewesen, in Wien bis in die Neuzeit geglaubt wurde, ist
nicht verwunderlich.
Auf Grund der gegenwärtigen römerzeitlichen Topographie im Wiener Raum ist das Festhalten an der These, Wien sei Favianis gewesen, unbegreiflich.
Das Kastell Favianis war Teil der Sicherungsanlagen des norischen Donaulimes in Österreich, Bundesland Niederösterreich, Bezirk Krems-Land, Gemeinde Mautern an der Donau. Das Kastell diente wahrscheinlich zuerst als Reiterlager, in der Spätantike auch als Stützpunkt der Donauflotte (classis Pannonica) und war vermutlich vom 1. bis ins 5. Jahrhundert kontinuierlich mit römischen Truppen belegt. Es gelangte vor allem im 5. Jahrhundert durch die politischen und sozialen Aktivitäten des Severin von Noricum zu einer größeren Bedeutung. In diesem Zusammenhang schützte es u.a. das Severinskloster und war 488 – nach der Niederwerfung des nördlich der Donau gelegenen Rugierreiches durch König Odoaker – der Sammelpunkt für die Evakuierung der romanischen Bevölkerung Ufernoricums nach Italien.
Das römische Kastell Favianis (Fafianae, Faviana), eines der ältesten am Donaulimes, wurde in flavischer Zeit (erste Hälfte des 1. Jahrhunderts) als Standort einer Ala in Holz-Erde-Bauweise angelegt. Das steinerne Lager stammt aus dem 2. Jahrhundert, die Fächer- und Hufeisentürme aus dem frühen 4. Jahrhundert.
Das Römerlager Favianis, eingezeichnet in den Plan der heutigen Stadt Mautern
Ein aufgefundenes Militärdiplom nennt als Besatzung des späteren 1 . Jahrhunderts
die Cohors II Batavorum – eine als Millaria
bezeichnete 1000 Mann-Einheit,
sie war bis zum Jahr 80 Teil des Standheeres der Nachbarprovinz Pannonien
und wurde dann hierher verlegt. Ab der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts ist
die Anwesenheit der Cohors I Aelia Brittonum durch zahlreiche Ziegelstempel belegt.
Auch außerhalb des Lagers gab es eine rege Bautätigkeit. In der Spätzeit, vielleicht unter Kaiser Valentinian, erfolgte eine Ablöse durch Kontingente der Legio I Noricum.
Die zivile Ansiedlung um das Lager herum lieferte reiches Fundmaterial, das auf einen hohen Zivilisationsstand schließen lässt – Villenanlagen von gutem Ausbau, teils mit schönen Wandmalereien und geräumigen Kellern, darunter solche mit zahlreichen halbkreisförmigen Wandnischen, eine örtliche Besonderheit.
Im ausgehenden 4. Jahrhundert erlahmte die Bautätigkeit, weil die Zivilbevölkerung Schutz vor der wachsenden Bedrohung durch die Rugier und Heruler - Germanenvölker von jenseits der Donau - hinter den festen Mauern der unterbelegten Garnison suchte.
Im Jahr 1880 hatte der Archäologe Friedrich von Kenner, dessen Spezialgebiete die römische Numismatik und die Bodenforschung im Gebiet von Wien und Niederösterreich waren, Favianis in Mautern an der Donau lokalisiert (In: Bericht und Mitteilung des Althertumsvereines zu Wien 19, 1880, 49 ff).
Schon 1874 legte Adalbert Dungel erstmals eine größere Fundzusammenstellung aus der näheren Umgebung Mauterns an. Lambert Karner führte später einige archäologische Untersuchungen in Mautern durch (1890 und 1891). Bis zur Jahrhundertwende sammelten vor allem Max Nistler und Johann Oehler Funde und Forschungsergebnisse über das Kastell. Nach 1903 waren vor allem Bürger aus Krems an der Donau in der Forschung federführend. Rudolph Weißhäupl nahm sich der Verwaltung bzw. Katalogisierung der Fundgegenstände an und Josef Novotny erstellte eine Fundkarte über Mautern. In den 1920er Jahren wurde auch einige kleinere Grabungen durchgeführt, zwischen 1930 und 1939 wurden vor allem Gräber und eine villa rustica freigelegt. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges wird die Fundstelle überwiegend vom Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) und vom Österreichischen Bundesdenkmalamt (BDA) betreut, die in den letzten 60 Jahren zahlreiche wichtige Erkenntnisse über Ausdehnung und bauliche Details des Kastells gewinnen konnten.
Severin gründete nach seiner Ankunft in Favianis - nicht weit von der Stadt
entfernt - ein Kloster. In der Vita werden hierbei die Klosterkirche (basilica),
eine Klosterpforte (ianua monasterii) und einen Pförtner (aedituus) erwähnt.
In der Kirche selbst befand sich ein Altar (altarium) und ein Silberkelch
(calix argenteus) und noch andere sakrale Ausstattungsgegenstände für den
Gottesdienst (ministeria altaris). Hier wurden auch die für die Legitimation
von frühchristlichen Kirchenbauten unumgänglichen Reliquien
verwahrt (reliquia sanctorum Gervasii
et Proctasii martyrioum). Die
Angehörigen der hier ansässigen Mönchsgemeinschaft nennt Eugippius monachi
,
den Abt presbyter
und die Priester sacerdotos
. Severin selbst
zog sich immer wieder in seine rund eine Meile von Favianis entfernte
Einsiedelei zurück, offenbar ein ehemaliger Wachturm (burgus), der in
der Nähe der Weinberge lag.
Bei der Grabung von 1957/58 gelang es Herma Stiglitz (ÖAI) auch tatsächlich, auf dem Gebiet des Vicus-Ost eine spätantike, mehrgebäudige Anlage freizulegen, die wahrscheinlich aus dem 5. Jahrhundert stammt und der gegenständlichen Passage in der Vita Sancti Severini, 4, 6 entsprechen könnte (Abmessungen: Länge ca. 21 × 14,50 m). Beim größten diesen Gebäude handelte es sich um einen quadratischen Fachwerkbau auf Steinfundamenten, der durch einen Schlauchheizungskanal in annähernd zwei gleiche Hälften geteilt war. Im Südteil wurde eine apsidiale Mauer angetroffen (die Priesterbank?), die nach Westen ausgerichtet war. Vor dem Podest befand sich der Rest eines kleinen halbrunden Fundamentes. Der zusätzlich mit einem Estrich belegte, saalartige Innenraum besaß einen 10 × 5,50 m messenden Raum, der nur durch eine schmale Holzwand abgetrennt war. Diese Gebäudereste dürften aber eher einen wirtschaftlichen Zweck gehabt haben (vielleicht aber im Zusammenhang mit dem spätantiken Severinskloster).
Rekonstruktionsversuch und Grundriss der Severinkirche
Als 1952/53 unter der Jakobskirche in Wien-Heiligenstadt
römische Baureste und zwei spätantike gemauerte Grabeinfassungen (?)
freigelegt worden waren, wurde erneut der Versuch unternommen, den heiligen
Severin in Wien anzusiedeln. Klemens Kramert, der damalige Pfarrer von
Heiligenstadt, gab 1954 eine Broschüre mit dem Titel Ausgrabungen unter
der Jakobskirche dokumentieren 1500 Jahre Heiligenstadt
heraus, die in
den 1980-er-Jahren ihre vierte Auflage erlebte. Gemeinsam mit dem Soziologen
und Politiker (Vaterländische Front) Ernst Karl Winter, der sich in seinen
letzten Lebensjahren vermehrt mit Religion beschäftigt hatte, brachte Pfarrer
Kramert 1959 das Buch St. Severin – der Heilige zwischen Ost und West
heraus, in dem sie - mit dem begreiflichem Enthusiasmus von Dilettanten - die
ergrabenen Rest als Kloster und Grab Severins interpretierten.
In der zuvor genannten Broschüre, deren vierte Auflage unter dem Pfarrer
Dr. Hildebrand Merkl erfolgte, findet sich u.a. die Berufung auf das Buch
Favianis, Vindobona
und Wien
von Johanna Haberl. Die Ergebnisse dieses Buches sind im Vorwort
zusammengefasst: Unter der Wiener Innenstadt liegt nicht das römische
Legionslager, sondern Favianis, der aus der Vita Sancti Severini des Eugippius
bekannte Aufenthaltsort des hl. Severin; der heutige Name Wien ist direkt von
Favianis abzuleiten; was bisher als Befestigung des Legionslagers gedeutet
wurde, ist in Wirklichkeit die Stadtmauer der Babenbergerzeit; das Legionslager
Vindobona befindet sich im 3. Bezirk, wo man bisher die römische Zivilstadt
vermutete. Cella und vorübergehende Grablege des hl. Severin sind unter der
Jakobskirche in Wien 19., Heiligenstadt, aufgedeckt. Die Provinzgrenze
zwischen Noricum und Pannonien
verlief entlang des Wienflusses. Das bisher mit Favianis indentifizierte
Mauterns
an der Donau war in der Römerzeit Aelium Cetium (bisher St.
Pölten).
Diese Thesen, die die Vorstellungen der Fachwelt von Topographie und Geschichte des österreichischen Donauraumes weitgehend revidieren würde, versucht die Verfasserin mit einer überwältigenden Fülle von Belegen zu untermauern. Literarische und epigraphische Überlieferung, archäologische Befunde, namenskundliche und sprachwissenschaftliche Untersuchungen, mittelalterliche Urkunden, Stadtpläne und Landkarten werden alle in einem Sinn interpretiert. Die Vorgangsweise reicht von der gezielten Auswahl bzw. Auslassung der Quellen über oberflächliche Auslegung bis zur eindeutigen Verfälschung. Das ganze Buch ist eine Kette von Fehldeutungen.
Das Legionslager Vindobona, eingezeichnet in den Plan der heutigen Inneren Stadt von Wien
Die Ortsnamenforschung geht davon aus, dass das keltische Oppidum auf
dem Leopoldsberg am Stadtrand von Wien
den Namen Vindobona trug, was so viel wie Weißer Boden
oder Weißes
Gut
bedeutet. Von den Römern wurde er nach der Auflösung der Höhenfestung
auf ihr Militärlager übertragen, und dieses hieß daher amtslateinisch
Vindobona.
Vom römischen Latein über das im Wiener Becken gesprochene und nicht überlieferte
mundartliche Romanisch
mit keltischen Elementen verwandelte sich dieses
Vindobona lautgerecht zu Vindovona, Vindovina, Vindomina (eine eindeutig belegte
Form). Über nicht erhaltene Formen in Sprachen, die während der Völkerwanderung
im Wiener Raum gesprochen wurden, entwickelte sich slawisch Videnica, Vidunji,
Viden (wie es heute noch im Tschechischen heißt) und schließlich wieder deutsch
Wienne und Wien
. Auch der Name der Wieden, des heutigen 4. Wiener
Gemeindebezirks, leitet sich davon ab.
Vindobona, das ursprünglich zur Provinz Noricum gehörte, wurde spätestes während der Regierungszeit des Kaisers Claudius I. – etwa 50 n. Chr. - gemeinsam mit Carnuntum - dem heutigen Petronell-Carnuntum - der Provinz Pannonien zugeordnet. Ab diesem Zeitpunkt entsprach die neue und endgültige Provinzgrenze der Wasserscheide des nördlichen Wienerwaldes.
Unter der St. Jakobs-Kirche am Heiligenstädter Pfarrplatz in Wien
ist ein römerzeitlicher Pfeilerbau (ca. 15 x 10 m) freigelegt. Sein einstiger
Zweck ist unklar, es wird sich aber am ehesten um einen Speicher handeln.
Beim Bau verwendete Ziegel der X. Legion aus dem 2. bis 4. Jahrhundert lassen
den Schluss auf ein Gebäude militärischer Zugehörigkeit zu. An seiner östlichen
Innenwand – etwa in der Mitte des vorderen Kirchenschiffs – fand man teilweise
mit Ziegel ausgelegte Gräber für einen Erwachsenen und ein Kind. Die Mittelpunktslage
des Erwachsenengrabes führte zu der recht kühnen Behauptung, es müsse sich bei
ihm um die provisorische Grabstätte des hl. Severin handeln. Scheinbar erhärtet
wird diese These durch den Namen Heiligenstatt
. Wahrscheinlicher ist,
dass die beiden aufgefundnen Grablegen Teil eines römischen Friedhofs waren.
Da der spätere erste Kirchenbau – noch vorromanisch – das antike Gebäude als
Steinbruch
verwendete, war es einfach praktisch, ihn an gleicher Stelle
auszuführen.
Der Archäologe und Historiker Dr. Alfred Neumann vertrat die glaubhafte Theorie,
dass die beiden vermutlich heidnischen Gräber beim Bau der Kirche unversehens
aufgefunden wurden, worauf man die Totenreste im nächstgelegenen Friedhof neu
bestattete. Das würde auch die Leere der Grabstätten erklären. Der nahe antike
Friedhof war vielleicht allein die Ursache des mittelalterlichen Namens
Heiligenstadt
, weil jeder Friedhof als locus sanctus galt.
Prof. Helmut Bouzek, E-Mail vom 27. November 2011
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