In einigen Heiligenlexika findet man die Behauptung, die heilige Afra – oder
eine Afra – habe, historisch gesichert, in Augsburg
unter der Regierungszeit des römischen Kaisers Diokletian den Märtyrertod erlitten.
Da bei vielen Beschreibungen der Christenverfolgung bis ins vorige
Jahrhundert hinein maßlos übertrieben worden ist, erscheint es angebracht,
diese Behauptung zu hinterfragen.
Der Zeitpunkt des Martyriums und die herrschenden Umstände
Die Angaben über den Zeitpunkt des Martyriums sind unterschiedlich. Berichtet
wird oft, dass es um das Jahr 304 erfolgt ist, andere Berichterstatter sind genauer
und nennen den August 304, ganz präzise Schreiber wussten bzw. wissen, dass die
Heilige am 7. August 304 den Tod fand.
Richtig und wesentlich ist, dass zu dieser Zeit die so genannte Diokletianische
Christenverfolgung stattfand.
Im allgemeinen übten die Römer in religiösen Dingen Toleranz. Den Juden hatten
sie volle Religionsfreiheit garantiert und selbst nach dem jüdischen Krieg keine
Verehrung der Staatsgötter von ihnen verlangt. Man dispensierte sie sogar vom Opfer
für den Kaiser, dessen Bild man aus dem Tempel in Jerusalem
wieder entfernte. Beliebt waren die Juden, trotz der Vorliebe mancher Herrscher
für sie, freilich nicht. Die Abneigung, die man gegen sie hegte, übertrug man
von Anfang an auf die Christen, die ja von ihnen herkamen und mit ihnen zunächst
auch verwechselt wurden.
Das Volk begann die Christen instinktiv zu hassen, sie waren ihm politisch
und ethisch suspekt auf Grund ihrer Verschmähung öffentlicher Ämter und Würden,
durch ihre Abneigung gegen den Kriegsdienst, ihr Bestreben, ihre Rechtssachen
den staatlichen Gerichten zu entziehen, durch ihre Eidesverweigerung und ihre
Umwertung der sozialen Verhältnisse.
Die Christen gaben ihren Gott als den allein wahren aus und degradierten
die antiken Götter zu Teufeln; sie sehnten das Ende der Welt herbei, jene schauerliche
Katastrophe, die ihnen ewige Freude bereiten sollte, allen anderen aber unaufhörliche Qualen.
Die oft maßlose Polemik der christlichen Prediger gegen die städtischen
und staatlichen Kultformen sowie die Verachtung der Tempel und Götter ließen
die Christen als Atheisten erscheinen, was Greuelgeschichten über unverstandene
Vorgänge in christlichen Gemeinden zu bestätigen schienen; zudem machte der
Fanatismus der Menge, die in jeder Krise den Zorn der beleidigten Götter sah,
die Christen dafür verantwortlich. Für den Staat musste die Ablehnung jeder Form
des Herrscherkultes gefährlich werden, denn auf diesen beruhte vielfach die göttliche
Legitimation von Staat und Kaisertum.
Doch die römischen Behörden ließen die Christen zwei Jahrhunderte lang nicht
verfolgen
. Eingeschritten wurde gegen sie allenfalls bei Denunziationen
oder Wutausbrüchen der Masse.
Viele altgläubige Beamte begegneten den Christen so nachsichtig wie nur möglich.
Sie gaben ihnen Bedenkzeit, übergingen Verordnungen, entließen sie aus der Haft oder
verrieten Christen juristische Tricks, wie sie, ohne ihren Glauben zu verleugnen,
freigesprochen werden konnten.
Trotz aller Reibereien, die es im Lauf der Zeit immer wieder gab, genossen
die Christen in den letzten vier Jahrzehnten des 3. Jahrhunderts völligen Frieden.
Auf großen Synoden strömten ihre Bischöfe zusammen, deren Amt schon so einflussreich
und auch einträglich war, dass sich die Ehrgeizigen und Geldgierigen darum rissen.
Auch am kaiserlichen Hof gab es eine große Anzahl an Christen, die zu den höchsten
Staatsstellungen aufsteigen konnten und von Opferverpflichtungen ausdrücklich entbunden waren.
Überall entstanden pompöse christliche Basiliken, allein in Rom
gab es am Anfang des 4. Jahrhunderts mehr als 40.
Die durch die rapide Zunahme der Zahl jener Menschen, die sich zum Christentum
bekannten, entstandenen Probleme wurden immer brennender. Solange eine starke
Zentralgewalt fehlte, war eine Lösung der Probleme nicht möglich.
Für Kaiser Diokletian gab es schließlich nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder
musste noch einmal versucht werden, das Christentum als götter- und reichsfeindliche
Bewegung radikal zu bekämpfen, oder die alten Götter mussten bekämpft, der
Absolutheitsanspruch der Christen anerkannt und das Reich verchristlicht werden.
Diokletian ging den ersten Weg, allerdings nach langem Zögern.
Diokletian drehte nun das Rad der Zeit wieder zurück. Dem neuen Herrschaftsverständnis entsprechend wurde die Verehrung der alten Götter forciert und damit ging der Beginn einer neuen Christenverfolgung einher. Unterstützt durch seinen Mitkaiser im Osten des Reiches - Galerius - beendete er eine fast vierzigjährige Toleranzphase.
Die tatsächliche Verfolgung der Christen begann am 23. Februar 303 mit der
Herausgabe eines Erlasses, der befahl die Kirchen zu zerstören, die Schriften zu vernichten
und führende Christen zu bestrafen.
Im Osten des Reiches gab es dann im gleichen Jahr zwei weitere Dekrete, die
Priester mit Haftstrafen bedrohten, wenn sie nicht den alten Göttern opferten.
Ein viertes Edikt vom April 304 dehnte die Anwendung schließlich auf alle
Christen in allen Provinzen aus und verschärfte es durch die Androhung der Todesstrafe.
Die Große Verfolgung
griff um sich, war aber in ihren Auswirkungen von
verschiedener Schärfe. Im Osten war sie mitunter grausam.
Im Westen war lediglich die Diözese Afrika betroffen, da sie als Hochburg
des Christentums galt. Die Zahl der Blutzeugen blieb doch verhältnismäßig klein.
In Gallien und Britannien dagegen, wo die christliche Minderheit schwach war,
war sie oberflächlich und von kurzer Dauer.
Trotz aller Grausamkeiten dachte auch Diokletian wohl kaum daran, die Christen
auszurotten. Sie bildeten zu Beginn des 4. Jahrhunderts schon einen beträchtlichen
Teil der Bevölkerung. Unter den rund 50 Millionen Einwohnern des römischen Imperiums
lag ihr Anteil bei schätzungsweise 20 Prozent.
Die meisten Bekenner wurden verbannt oder zur Zwangsarbeit in Bergwerken
verurteilt. Zweifellos harte Strafen, doch konnten sie jederzeit Liebesgaben
erhalten, durften Boten empfangen und entsenden. Christliche Frauen und Mädchen
kamen manchmal auch ins Bordell. Die allerwenigsten aber wurden getötet.
Der Ort des Martyriums
Die Ortsangabe ist für ein historisch gesichertes Ereignis nicht gerade präzise.
Einmal heißt es, Afra sei auf dem Lechfeld hingerichtet worden, also irgendwo in
der Schotterebene südlich von Augsburg,
zwischen den Alpenflüssen Lech und Wertach, im Flussbereich zwischen Augsburg
und der rund 40 km entfernten Kreisstadt Landsberg
am Lech.
In anderen Schilderungen ist zu lesen: ... auf einer Lechinsel
,
ad insulae fluvii quae vocatur Lacce
bei Augsburg. Als Ort des Martyriums
wird aber auch eine Insel im Lech nahe der heutigen Stadt Friedberg
im bayrisch-schwäbischen Landkreis Aichbach-Friedberg angegeben, die an den Ostrand
des heutigen Augsburg grenzt. Im Südwesten dieser Stadt steht die Kirche St.
Afra im Felde, die der Überlieferung nach nahe der Stelle errichtet worden sein soll,
an der Afra starb.
Übereinstimmung herrscht bei den Hagiographen, dass der Ort des Leidens in der Nähe von Augsburg, dem römischen Augusta Vindelicorum, gelegen war.
Nach der Eroberung des Zentralalpengebietes und eines Teils des Voralpenlandes
durch die Adoptivsöhne des Kaisers Augustus entstand um das Gebiet des heutigen
Augsburg
ein römisches Legionslager, das aber schon um 16 / 17 n. Chr. aufgegeben wurde.
Stattdessen entwickelte sich auf dem Gebiet des heutigen Augsburg eine zivile
Siedlung: Augusta Vindelicorum oder Augusta Vindelicum.
Der erste Teil der Ortsbezeichnung Augusta stellt die weibliche Form von
Augustus dar, zu Ehren des Kaisers Augustus unter dessen Regierungszeit im Jahre
15 v. Chr. der Eroberungsfeldzug nach Rätien
erfolgte und die Keimzelle der späteren Stadt entstand. Die Femininisierung des Namens
beruht darauf, dass das natürliche Geschlecht von Städten in der lateinischen Sprache
weiblich ist (vgl. Roma
für Rom
und Colonia Agrippina
für Köln).
Mehrere Gründungen aus dieser Zeit tragen den ersten Namen Augusta, der zur
näheren Bezeichnung mit einem zweiten Namen versehen wurde.
Der Beiname Vindelicorum bezieht sich auf den keltischen Volksstamm der
Vindeliker, der in diesem Teil Rätiens, also zwischen der Wertach (lateinisch Virda)
und dem Lech (lateinisch Licus), ansässig war.
Unter Kaiser Traian (98–117) wurde Augusta Vindelicorum zur Hauptstadt der Provinz
Raetia erhoben.
Kaiser Hadrian (117 – 138) erhob die Stadt zum Municipium
, d.h. einer Rom
direkt unterstellten Stadt, deren offizielle Bezeichnung danach municipium Aelium Augustum
lautete. Ab dieser Zeit wurden vermehrt Gebäude in Stein errichtet. Die Stadt erhielt eine
Stadtmauer, die ein Gebiet von ca. 80 ha umfasste. Inschriften belegen vor allem eine
Blütezeit im zweiten und frühen dritten Jahrhundert.
Im Verlauf der von Kaiser Diokletian durchgeführten Reichreformen wurden die durch
die 293 eingeführte Tetrarchie geschaffenen vier Präfekturen im Jahr 297 in zwölf Diözesen
und 101 Provinzen unterteil, wobei die Provinz Rätia,
die ein Teil der Diözese Italia war, in die Teilprovinzen Raetia prima (Curiensis) und
Raetia secunda (Vindelica) zerfiel.
Die beiden Teilprovinzen gehörten zum Verantwortungsbereich des Augustus des
Westens des römischen Reiches - Kaiser Maximian - und Augusta Vindelicorum blieb
Hauptstadt von Raetia secunda.
Das Martyrologium Hieronymianum
Im Martyrologium Hieronymianum oder Martyrologium sancti Hieronymi (Martyrologium
des Hieronymus
), das während des Mittelalters eine im westlichen Europa
weit verbreitete und höchst einflussreiche Schrift über die Märtyrer des Ur- und
Frühchristentums war, finden sich für den Zeitraum 5. bis 7. August verschiedene
männliche und weibliche Afren für eine Civitas Augustana oder Augusta, wie aber
auch für Rom.
Dazu ist zu bemerken, dass es im römischen Reich zur Zeit des Kaisers Diokletian mindestens sieben Orte mit dem Namen Augusta gab. Es sind dies neben der einstigen Hauptstadt der Provinz Raetia bzw. Raetia secunda: Augusta Raurica - das heutige Augst im Kanton Basel-Landschaft in der Schweiz -, Augusta Emirata - das heutige Mérida in der Region Extramadura im Südwesten Spaniens -, Augusta Bracara - das heutige Braga im gleichnamigen Distrikt im Norden von Portugal -, Augusta Traiana - das heutige Stara Zagora in Bulgarien -, Augusta Taurinorum - das heutige Turin - und Augusta Treverorum - das heutige Trier.
Die Hinrichtungsart
In den unterschiedlichen Fassungen der Heiligenlegende werden zwei Hinrichtungsarten
geboten. Die Mehrheit der Erzähler war und ist der Meinung, dass die hl. Afra auf dem
Scheiterhaufen sterben musste.
Wie es sich für eine ordentliche Heilige gehört, wurde – so wird in manchen
Legenden ausgeführt – ihr Leichnam unversehrt aufgefunden.
Nach anderen Quellen wurde Afra an einen Baumstamm gebunden und enthauptet. Auch gibt
es Berichte, in denen behauptet wird, dass mit Afra noch rund 30 Christen sterben mussten.
Es ist dies eine geringe Zahl an Märtyrern, wenn man sie mit jener vergleicht, die
mit Gereon ihr Ende fanden, es sollen
318 Soldaten der Thebäischen Legion gewesen sein. Mit dem Mauritius
starben rund 6000 Mann der sagenhaften Thebäischen Legion, mit Ursula
von Köln waren es gleich 11.000 Jungfrauen. Im Zusammenhang mit den vielen Jungfrauen
ist ein Lesefehler vermutet worden. In älteren Quellen soll nur von 11 Jungfrauen berichtet
worden seinen. Es wird vermutet, dass die Angabe XI.M.V.
statt 11 martyres virgines
fälschlich als 11 milia virgines
gelesen worden ist.
Fehlerlos hingegen scheint die Zahl von in Rom getöteten christlichen Soldaten zu
sein, die als Sklaven beim Bau der Thermen
des Diokletian mitarbeiten mussten. In der Anlage der Abbazia
delle Tre Fontane, wo der Tradition nach Paulus
geköpft wurde, steht im Hof auf einer Erhebung die Kirche S.
Maria Scala Coeli, die so nach einer Vision des Bernhard
von Clairvaux benannt wurde, der eine Treppe gesehen haben soll, über die die Seelen
vom Fegefeuerfeuer aus den Himmel erreichen konnten. Christliche Chronisten berichteten,
dass an dieser Stelle 10.203 Männer getötet wurden.
Eine Gesamtzahl der Märtyrer kann wegen der unsichern Quellenlage nicht ermittelt werden. Es gibt eine Schätzung, die die Zahl aller christlichen Märtyrer in den ersten drei Jahrhunderten mit maximal 3000 angibt, eine wohl sehr problematische Zahl.
Die Herkunft der Heiligen
Afra war nach den bekannten Legenden entweder die Ehefrau oder die Tochter des Königs von Zypern, der erschlagen worden war, weshalb sie mit ihrer Mutter über Rom nach Augsburg auswanderte.
Die Insel Zypern befand sich ab dem Jahr 321 v. Chr. unter der Oberhoheit der Ptolemäerkönige aus Ägypten. Mit Rom machte Zypern erstmals im Jahr 168 v. Chr. auf politisch- militärischem Gebiet seine Erfahrungen. Als Gegenleistung für ihre Unterstützung gegen die Feinde des ptolemäischen Ägyptens überließen sie den Römern die Insel; in dem Bewusstsein, dass Rom augenblicklich nicht in der Lage war, die Insel auch tatsächlich zu übernehmen. Somit verblieb Zypern trotz dieses Abkommens noch über ein Jahrhundert in der Hand der Ptolemäerkönige.
In Ägypten war es im zweiten vorchristlichen Jahrhundert zu Thronstreitigkeiten gekommen
durch die der Einfluss der Ptolemäer beständig abnahm. 106 v.Chr. floh Ptolemaios IX. vor
seiner Mutter und Mitregentin nach Zypern. Da er auch später nicht auf das Festland zurückkehren
konnte, ging die Herrschaft 80 v.Chr. auf seinen jüngeren Sohn über. Damit war die Insel
faktisch ein eigenes ptolemäisches Königreich.
Im selben Jahr soll Ptolemaius XI angesichts der prekären politischen Situation sein
gesamtes Reich endgültig den Römern vermacht haben.
Lange Zeit waren die Römer nicht in der Lage, das ihnen übertragene Eiland ihrem
Reich einzuverleiben. Erst nach der Eroberung Syriens hatte man genügend Streitkräfte im
Osten stationiert, um den Besitzanspruch auch real geltend zu machen. Der Senat entsandte
M. Porcius Cato 58 v.Chr. mit einem Heer um die Insel zu besetzen. Damit endete die Herrschaft
des letzten Königs von Zypern, das zu einem Teil der Provinz Cilicia wurde.
Ptolemaios wurde mit Acht belegt und vergiftete sich.
Infolge des Bürgerkrieges hielt es G. I. Caesar für richtig, die Insel 47 v.Chr. wieder
den Ptolemäern zurückzugeben. Marcus Antonius bestätigte 36 v.Chr. diesen Rechtsakt zugunsten
von Cleopatra VII. und deren Tochter Cleopatra Selene, doch wurde die Entscheidung nach der
Schlacht von Actium 31 v.Chr. wieder hinfällig. Mit der Einverleibung des ptolemäischen
Ägyptens fiel Zypern endgültig an Rom. Im Rahmen seiner Neuordnung der römischen Welt wurde
die Insel nun im gleichen Jahr eine eigenständige Provinz, was politisch gesehen für die
Zyprioten eine Aufwertung darstellte.
Ab 22 v. Chr. wurde sie ein senatorische Provinz mit der Provinzhauptstadt Nea Paphos
/ Páfos.
Die diokletianischen Reformen brachten für Zypern kaum eine Änderung. Die Insel gehörte unter der Führung eines konsularischen Statthalters zur Diözese von Oriens und blieb infolge ihrer günstigen Lage auch ungeteilt. Lediglich der Sitz des Statthalters wurde von Nea Paphos / Páfos im Westen ins östliche Salamis - den heutigen Ruinen bei Famagusta - verlegt.
Zu Gewalttaten, bei denen mit Sicherheit Menschen erschlagen wurden, kam es in den Jahren 115 / 116 n. Chr. im Verlauf der Revolte der jüdischen Diasporagemeinden auf der Insel gegen die Römer unter der Führung eines gewissen Artemion.
Ein Mitgrund für die rasche Ausbreitung des Aufstandes könnte in den verstärkten Versuchen der Christen gelegen haben, die zahlreichen jüdischen Gemeinden der Insel zu bekehren. Die überlieferten 200.000 Toten sind sicher sehr übertrieben - die Einwohnerzahl betrug ja nur eine halbe Million -, doch zeigt sich darin die Brutalität der Auseinandersetzungen und die Konsequenz der Unterdrückung der Rebellion durch den Heerführer Lusius Quietus.
Kult und Legende
Wichtigster Zeuge für die Existenz eines Afra-Kultes in Augsburg
in der Spätantike ist der aus Norditalien stammende Dichter und Hagiograph Venantius
Honorius Clementanianus Fortunatus. Nach einer Reise zum Grab von Martin,
dem er für seine Heilung von einem Augenleiden danken wollte, schrieb er um das Jahr 575
dessen Lebensgeschichte, wobei er von der Vita sancti Martini des Sulpicius Severus ausging
und auch deren epische Bearbeitung durch Paulinus von Pérgueux heranzog. In dieser ließ
er einen potentiellen Leser als fiktiven Pilger vom Grab des Martin in Tours
durch Nordgallien über Augsburg und die Alpen nach Aquileia,
seiner Heimat, und Ravenna
gelangen. In Augsburg sollte der Pilger die Gebeine der hl. Afra verehren.
Wenn es Dir vergönnt ist, über die Flüsse der Barbaren zu gehen, so dass Du
friedsam den Rhein und die Donau überschreiten kannst, so ziehst Du nach Augsburg,
wo Lech und Wertach fließen; dort sollst Du die Gebeine der heiligen Märtyrerin Afra
verehren.
Das fälschlicherweise Hieronymus zugeschriebene Martyrologium Hieronymianum ist über einen längeren Zeitraum entstanden und besteht aus verschiedenen, ursprünglich nicht zusammengehörigen Teilen. Die erhaltene Version ist eine frühmittelalterliche Zusammenstellung, die aus einem allgemeinen Martyrologium im Gebiet des römischen Ostens, aus italienischen und afrikanischen Martyrologien und diversen lokalen Martyrologien des merowingischen Gallien schöpft, wobei nach der gängigen Lehrmeinung die Einträge am Anfang jedes Datums aus den frühesten Fassungen dieses Martyrologiums stammen, während die am Ende jeweils im Verlauf der Zeit nachgetragen worden sind. Offensichtlich sind Namen durch Missverständnisse verdoppelt oder entstellt oder Daten je nach lokaler Kulttradition verschoben worden. Über den Entstehungsort des Urtextes gibt es nur Vermutungen. Genannt wird das Patriarchat Aquileia zwischen den Jahren 430 und 450 und die Gegend von Auxerre, wo um 600 eine Überarbeitung und Anreicherung mit gallorömischen Märtyrereinträgen stattgefunden haben soll.
Venantius Fortunatus könnte den möglicherweise in Aquileia entstandenen Urtext des Martyrologiums gekannt haben, und daher ist es nicht auszuschließen, dass zumindest die Augsburger Afra eine literarische Fiktion ist und die Anfänge des Afra-Kultes in Augsburg nicht so abgesichert sind, wie allgemein angenommen wird.
Etwa um die Mitte des 7. Jahrhunderts entstand Afras Leidensgeschichte (Passio
), die
formal wie römische Mätyrerakte gestaltet ist und vermutlich aus den Erzählungen der
Altväterleben (Vitae patrium
) das Dirnenmotiv übernahm.
Es ist aber anzunehmen, dass Afra durch eine Fehlinterpretation von Angaben in einer
älteren Fassungen des Martyrologiums zur Venusdienerin wurde. Für den 6. Mai ist die nur
namentlich bekannte Märtyrerin aus Mailand,
die heilige == Veneria angeführt. So entstand die Afra Veneria
, von der man
berichtete, sie hätte in Augsburg ein Bordell betrieben, und übersah dabei, dass
Veneria (Venerea) ein Frauenname und keine Standesbezeichnung ist.
So konnte nun erzählt werden, dass Afra während einer Christenverfolgung als öffentliche Dirne ergriffen wurde und durch den Feuertod auf einer Lechinsel den Glauben als Christin bezeugte und für ihr sündiges Leben büßte.
Spätesten um 800 wurde die Passio durch eine Bekehrungsgeschichte (Conversio
)
ergänzt. Ab da wird berichtet, dass der Bischof Narcissus
von Gerundum wegen der in Spanien herrschenden Christenverfolgung (?) außer Landes
gezwungen worden war. Auf der Flucht in Begleitung seines Diakons, Felix
von Gerona, kamen beide nach Augsburg.
In der Herberge der Afra und ihrer Mutter quartierten sie sich ein, ohne zu wissen,
dass es sich dabei um ein Bordell handelte. Beim Abendessen weckte das Tischgebet, das
Narcissus andächtig mit seinem Diakon sprach, die Neugier der Bewohnerinnen. Sie wollten
in einem Gespräch, das bis tief in die Nacht hinein gedauert haben soll, Näheres wissen.
Die Frömmigkeit des heiligen Mannes und seine überzeugenden Worte bekehrten Afra, ihre
Mutter und die drei Mägde für das Christentum.
Damit wurden auch die Namen von Afras Mutter – Hilaria
– und ihrer Mägde - Digma, Eunomia und Eutropia – bekannt.
Um das Jahr 1200 erstellte Albert, der zeitweilige Sakristan, Lehrer der Klosterschule
und Prior des Klerikerstiftes St. Ulrich und Afra, eine dritte Fassung der Legende.
Das Dirnenmotiv, das anlog zu Maria Magdalena
die Gnade Gottes gerade am Niedrigen wirksam zeigt, wurde in der Verehrungsgeschichte verdrängt.
In alten Augsburger Kalendern aus dem 11. Jahrhundert wird Afra als virgo
bezeichnet, was lediglich junge Frau
bedeutet, den Broterwerb als Prostituierte
aber nicht ausschloss.
Bereinigt
erscheint die Legende in der Liturgie des Afrafestes seit 1977,
wo Afra als unbekannte römische Jungfrau und Märtyrerin
verehrt wird.
Der Ort der ersten Beisetzung der sterblichen Reste Afras ist derzeit nicht bekannt,
wenn auch Bischof Adalbero
noch 897 Afrareliquien verschickte.
Nach den Ungarneinfällen im 10. Jahrhundert dürfte das Grab völlig in Vergessenheit
geraten sein. Bischof Ulrich ließ
danach suchen.
Das neuzeitliche Verfahren zur Heiligsprechung unterscheidet sich beträchtlich
von dem des Mittelalters, wo nur Name des und der zu ehrenden Person, Wundertätigkeit
und kultische Verehrung Voraussetzungen waren. Der Name war zunächst wichtiger als die
Person, die sich darunter konkretisierte.
Bei Afra war der Name der Person bekannt und der Kult blühte, es fehlten nur noch Reliquien.
1064, im Jahr der Heiligsprechung Afras, konnte Bischof Embrico die Gebeine erheben,
die man für diejenigen Afras hielt, und sie in einem römischen Sarkophag in den Afraaltar
in St. Ulrich und Afra einmauern lassen.
1804 wurde der Sarkophag geöffnet und die Gebeine in einen gläsernen Schrein gelegt,
der wieder im ursprünglichen Sarkophag Platz fand, der in der 1962/63 neu geschaffenen
Krypta von St. Ulrich und Afra aufgestellt wurde. Während der Afraoktav – 7. bis 15. August
– wird der Schrein gezeigt.
Mit den Gebeinen Afras fand man auch die ihrer Mägde.
Unter dem Abt Egino von St. Ulrich und Afra, welcher zwischen 1109 und 1122 amtierte,
fand man dann nach dem Priester und Historiker Corbinian Khamm (Hauptwerk: Hierarchie
Augustana cronologica tripartia) das Haupt von Afras Mutter Hilaria,
das nach Rom gesandt wurde.
Andere Reste der Heiligen blieben in Augsburg.
Eine neue Erhebung der hl. Digna fand durch den von 1126 bis 1151 regierenden Abt Udalscalcus
statt.
Resümee
Die hl. Märtyrerin Afra wird weiter verehrt werden, auch wenn ihr Martyrium keineswegs als historisch gesichert erscheint und sie möglicherweise nur eine literarische Fiktion ist.
Beitrag von Prof. Helmut Bouzek aus Wien XIII, E-Mail vom 4. Januar 2012
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