Ökumenisches Heiligenlexikon

Ort und Umstände des Todes von Paulus

Prof. Helmut Bouzek aus Wien hat für uns die wesentlichen Erkenntnisse über Ort und Umstände des Todes von Paulus dargestellt:

Es gibt keine historischen Anhaltspunkte über den Tod des Paulus. Nimmt man an, dass die Abberufung des Prokurators Marcus Antonius Felix und damit die Amtsübergabe an Porcius Festus im Jahr 60 erfolgt ist und das Schiff mit dem Gefangenen Paulus im Herbst des gleichen Jahres von Cäsarea Maritima absegelte und die Besatzung wegen schwerer Stürme auf einer Insel überwintern musste, so dass Paulus erst im Jahr 61 italienischen Boden betreten konnte, musste er das Jahr 60 überlebt haben.

Da Paulus nach Apostelgeschichte 28, 30 zwei volle Jahre in seiner Mietwohnung verbrachte und alle empfing, die zu ihm kamen, konnte er nicht im Jahr 62 verstorben sein. In der Apostelgeschichte heißt es weiter nur: Er predigte das Reich Gottes und lehrte von dem Herrn Jesus Christus. mit aller Freimütigkeit ungehindert.

Manche Historiker behaupten, Paulus sei im Sommer des Jahres 64 - im Verlauf der Christenverfolgung von Kaiser => Nero - hingerichtet worden. Es ist allerdings sehr umstritten, ob die nach dem Brand von Rom (vom 19. bis 28. Juli 64) ergriffenen Maßnahmen als Christenverfolgung bezeichnet werden können. Die Brandursache konnte nicht eindeutig geklärt werden. In der Antike gab es viele unterschiedliche Meinungen dazu, wie das auch noch in der Gegenwart der Fall ist. Einerseits wurde Kaiser Nero der Brandstiftung bezichtigt und andererseits wurde den Christen die Schuld zugeschoben. Nero wurde unterstellt, er wollte Platz für seine Paläste schaffen oder nach einer aufgedeckten Verschwörung den Adel bzw. den Senat schwächen. Den Christen, die in unmittelbarer Erwartung des Reiches Gottes lebten, wurde die geplante Vernichtung des heidnischen Rom vorgeworfen. Dass die Christen unschuldig waren, stellte Plinius 60 Jahre später fest.

Wenn man davon ausgeht, dass dem katastrophalen Brand Brandstiftung zugrunde gelegen ist, muss die Frage gestellt werden, wer dafür in Frage kommen könnte.

Einige renommierte Historiker halten den Brand für Vorboten der Verschwörung gegen => Nero. Allerdings würden nur Verrückte oder zum Märtyrertum entschlossene Fanatiker ausgerechnet bei hellem Vollmond, der damals herrschte, einen Brand legen. Solche Fanatiker gab es, und zwar bei extremistischen Gruppierungen der christlichen Bewegung. Die ersten Christen erwarteten das Ende der Welt - so wie Jesus, wie heute allgemein bekannt ist. Sie sehnten sich glühend danach und glaubten, dass das Ende kurz bevorstünde. Für die Radikalsten unter ihnen galt Neros Rom mit seinen liberalen Sitten als Sodom und Gomorrha. Das Tier mit den sieben Köpfen, das aus dem Meer herauf kommt aus der Offenbarung des Johannes (13, 1) ist Rom. Dieses Rom musste nach der Offenbarung zum Weltende Tod, Leid, Hunger und Feuer erleiden. Etliche moderne Historiker gehen von der Annahme aus, dass ein Fanatiker Worte wie diese als Aufruf verstanden haben könnte.

Tacitus berichtet, dass verhaftete Christen nicht nur Geständnisse ablegten, sondern sogar schon gestanden, bevor sie festgenommen wurden. Warum diese Selbstbezichtigung? So handeln nur Fanatiker, die nach Ruhm streben und denen der Tod gleichgültig ist. Es mag sein, dass die Christen die Schuld für den Brand - ein Zeichen für das Ende der Welt - im Märtyrerdelirium auf sich nahmen, ohne selbst Rom angezündet zu haben. Es ist aber durchaus möglich, dass einige extreme Glaubensbrüder bewusst das Märtyrertum suchten und wirklich das verdorbene Rom abfackeln wollten. Menschen, die für ihren Glauben zu allem bereit waren, hatten auch keine Angst vor Repressalien, sie waren geradezu erpicht darauf. Paulus selbst äußerte sich in seinem Römerbrief besorgt über den Extremismus einiger Glaubensbrüder und ermahnte sie, die Behörden nicht zu provozieren.

Das Feuer galt den Christen als Symbol der Katharsis und würde alle Schande der Welt für immer ausmerzen. So äußern sich jedenfalls der 1. Petrusbrief (Ihr Gelieben, lasset euch durch die Feuersglut [der Leiden] bei euch, die zur Versuchung über euch kommt, nicht befremden, als widerführe euch etwas Befremdliches; sondern ... freuet euch; 1. Petr. 4, 12. 13), die Johannes-Offenbarung (18, 8) und auch Jesus (Ein Feuer auf die Erde zu bringen, bin ich gekommen, und wie sehr wünschte ich, wäre es schon entfacht, Lukasevangelium, 12, 49).

Als die Christen die Zerstörung Roms öffentlich feierten und es zu spontanen Geständnissen kam, begannen die Prozesse. Diese wurden sehr sorgfältig nach speziellen Brandstiftungsgesetzen durchgeführt. Da jedoch auch Angeklagte gefoltert wurden - bei Sklaven war das erlaubt - wurden sicher auch viele Unschuldige hineingezogen. Auch die Juden, die in den Christen eine häretische Sekte sahen, sorgten durch Denunziationen dafür, dass die Zahl der Beschuldigten wuchs. Von den rund 3000 Mitgliedern der Christengemeinde wurden 200 bis 300 angeklagt. Es wurden nicht alle Angeklagten zum Tode verurteilt. Es gab auch Freisprüche und geringe Strafen. Die Art der Todesstrafe richtete sich nach den damals üblichen Gesetzen: Tod durch Verbrennen, den Hunden zum Fraß vorwerfen bzw. Kreuzigung für Sklaven und Nichtrömer.

Jedenfalls gilt => Nero zu Unrecht als erster Christenverfolger. Nur wegen einer schweren Straftat wurden die Beschuldigten angeklagt, nicht wegen ihres Glaubens, wie es kirchlicherseits noch heute behauptet wird. So bezog sich die angebliche Christenverfolgung unter Nero auch nur auf die Stadt Rom und war auf die unmittelbare Zeit nach dem Brand begrenzt. Auch wurde die große Mehrheit der Gemeinde, die nicht der Brandstiftung verdächtigt war, in Ruhe gelassen. Nero war in religiösen Dingen stets tolerant. Dem römischen Volk allerdings waren die Juden und Christen suspekt: sie glaubten, die Christen seien dem Kannibalismus (so wurde die EucharistieDie Eucharistie - von griechisch „ευχαριστειν, Dank sagen” - vergegenwärtigt das heilvolle Sterben Jesu Christi. Die Römisch-Katholische, die Orthodoxe und die Anglikanische Kirche nennen diese Mahlfeier im Anschluss an 1. Korintherbrief 11, 24 Eucharistie, die Evangelischen Kirchen sprechen von „Abendmahl” im Anschluss an Markusevangelium 14, 17 und 1. Korintherbrief 11, 23. missverstanden), dem Kindermord, rituellen Orgien und dem Inzest ergeben. Der hochgelobte Seneca bezeichnete die Juden als kriminellste aller Rassen.

Paulus könnte also auch das Jahr 64 überlebt haben.

Die meisten Historiker nehmen das Jahr 67 als Todesjahr an. Einige Historiker behaupten, Paulus habe nach seiner Freilassung - nach einem etwa vierjährigen Aufenthalt in Rom - seine Missionstätigkeit wieder aufgenommen.

Erzählungen über das Martyrium des Paulus tauchten erst im 2. Jahrhundert auf. So sind u.a. die Paulusakten zwischen 150 und 200 in Kleinasien entstanden. Diese apokryphe Apostelgeschichte erzählt in legendärer Weise Erlebnisse, Taten und Martyrium des Apostels Paulus. In diesen Paulusakten ist zu lesen: Und unter der Menge wird auch Paulus gebunden herbeigeführt; auf ihn blickten alle Mitgefangenen, so dass der Kaiser merkte, dieser müsse der Befehlshaber sein. ... Als aber der Kaiser das gehört hatte, gab er den Befehl, alle Gefangenen mit Feuer zu verbrennen, Paulus aber zu enthaupten nach dem Gesetz der Römer. ... Darauf stellte sich Paulus hin gegen Osten und erhob die Hände zum Himmel und betete lange; und nachdem er im Gebet auf Hebräisch mit den Vätern sich unterredet hatte, neigte er den Hals, ohne noch weiter zu sprechen. Als aber der Henker ihm den Kopf abschlug, spritzte Milch auf die Kleider des Soldaten. Der Soldat aber und alle, die dabei standen, wunderten sich, als sie das sahen, und priesen Gott, der dem Paulus solche Herrlichkeit gegeben hatte. Und sie gingen hin und berichteten dem Kaiser, was geschehen war.

So wird sich die Sache kaum abgespielt haben. An den Prozessen im Jahr 64 hatte => Nero nicht teilgenommen und 67 war er das ganze Jahr über in Griechenland. Der Kaiser hatte also andere Sorgen, als sich mit Paulus zu beschäftigen. Nero starb am 9. Juni 68, was Paulus in diesem Jahr widerfahren ist, bleibt unbekannt. Er könnte ohne Martyrium gestorben sein oder weiter gelebt und missioniert haben.

Prof. Helmut Bouzek, E-Mail vom 6. März 2005


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Web 3.0 - Leserkommentare:

Hallo liebes Team von heiligenlexikon.de,
hiermit möchte ich mich in die Diskussion Ort und Umstände des Todes von Paulus einbringen.
Herr Prof. Bouzek antwort auf den Leserbrief von Herrn Schevalje unter anderem: Auch wenn dem Kommentator ein Märtyrerdelirium albern vorkommt, kann es nicht ausgeschlossen werden, dass einfältige und ungebildete Christen, die ja die Mehrheit der neuen religiösen Gruppierung stellten, die mündlichen Überlieferungen vom Feuer und seiner vernichtenden bzw. reinigenden Kraft, die später bei Lukas und in der Offenbarung nachzulesen waren, wörtlich nahmen und angesichts des erwarteten Endes der Welt möglichst rasch die ewige Seligkeit erreichen wollten.
Wie bekannt ist, hatte das Christentum in seinen Anfängen viel Zulauf aus den unterpriviligierten Schichten. Dass diese in der Regel keine hohe Bildung besaßen, ist anzunehmen. Mit seiner Wortwahl suggeriert Herr Prof. Bouzek, dass die Mehrheit der jungen Christenheit nicht nur ungebildet sondern auch einfältig gewesen sei. Desweiteren geht er davon aus, dass aus dieser Einfalt eine kriminelle Energie resultierte, die zu so einem schweren Verbrechen, wie Brandstiftung führte.
Vielleicht erklärt uns Herr Prof. Bouzek, wie er darauf kommt? Gibt es Belege für diese These außer dem dezenten und wagen Hinweis auf allgemeinen, in den drei abrahamitischen Religionen immer wieder vorkommenden Extremismus und Fanatismus?
Herr Prof. Bouzek schreibt in seinem Beitrag: Tacitus berichtet, dass verhaftete Christen nicht nur Geständnisse ablegten, sondern sogar schon gestanden, bevor sie festgenommen wurden. Warum diese Selbstbezichtigung? So handeln nur Fanatiker, die nach Ruhm streben und denen der Tod gleichgültig ist.
In seiner späteren Erklärung zitiert Herr Prof. Bouzek Tacitus folgendermaßen: Zunächst also ergriff man diejenigen auf, die bekannten ... Herr Prof. Bouzek erklärt dazu, dass Tacitus es offen läßt, ob sich ein kleiner Teil der Bevölkerung Roms als Brandstifter oder als Christen bekannte. Außerdem sein die Annalen des Tacitus unsicher überliefert und schwer deutbar.
Was sagt mir das nun? Ein Beweis für die Richtigkeit der weiter oben aufgestellten Behauptung ist das mit Sicherheit nicht. Es könnte bestenfalls die Möglichkeit bestehen, dass sich die Ergriffenen der Brandstiftung bekannten. Dass sie dieses aus religiösem Fanatismus taten, ist reine Spekulation.
Trotzdem behauptet Herr Prof. Bouzek: Da nach Brandstiftern gesucht worden und die religiöse Überzeugung zunächst kaum gefragt war, muss angenommen werden, dass sich einige extreme Glaubensbrüder zur Brandlegung bekannten und damit bewusst das Märtyrertum suchten, aber auch wirklich das verdorbene Rom abfackeln wollten.
Wieso muss angenommen werden, dass ...? Wie kann man versuchen, Behauptungen mit Spekulationen zu beweisen? Warum werden wage Vermutungen als Tatsachen hingestellt?
Mit freundlichen Grüßen

Antonia Witte über E-Mail, 5. März 2012

Antwort auf den Leserkommentar der Frau Antonia Witte

Ich kann und will es nicht behaupten, aber vermuten darf ich es, dass Frau Witte ein Problem damit hat, dass Kaiser => Nero nicht der grausame Urheber der ersten Christenverfolgung war und sich fanatische Christen nach dem Brand Roms im Jahr 64 n. Chr. zu unlogischen Hand-lungen hinreißen ließen. Beim Lesen meines Antwortschreibens auf den Leserbrief des Herrn Wilfried Schevalje hat sie wohl richtig bemerkt, dass ich die Meinung vertreten habe, die Mehrheit der neuen religiösen Gruppierung habe aus einfältigen und ungebildeten Christen bestanden, die die mündliche Überlieferung von der reinigenden Kraft des Feuers missverstehen konnte, wie sie aber zu der Annahme verleitet werden konnte, dass ich die Christen des Verbrechens der Brandstiftung bezichtigt habe, ist mir nicht klar.
Frau Witte missfällt mein relativ harmloses Urteil über die junge Christenheit, was mich vermuten lässt, dass sie sich nicht mit dem Werturteil des Paulus über seine christlichen Schwestern und Brüder auseinandergesetzt hat.
Möglicherweise sind Frau Witte auch die Begriffe Brandstiftung, Brandlegung, fahrlässiges Herbeiführen eines Brandes, grob fahrlässiges Herbeiführen eines Brandes und Herbeiführen einer Feuersbrunst nicht geläufig.
Auch hat sie übersehen, dass es in meinem Beitrag vom März 2005 u.a. heißt: Die Brandursache konnte nicht eindeutig geklärt werden ... Dass die Christen unschuldig waren, stellte Plinius 60 Jahre später fest.
Ich bedaure es, dass mein Hinweis auf den religiösen Fanatismus in den drei abrahamitischen Religionen für Frau Witte zu dezent ausgefallen ist.
Unvereingenommene Nutzer eines Heiligenlexikons sollten m. E. darüber hinreichend informiert sein, weshalb die Darlegung von Beispielen unterblieben ist.
Im weiteren Verlauf ihres Schreibens zitiert Frau Witte aus meinen Ausführungen der Jahre 2005 und 2011 und findet keinen Beweis für eine Behauptung, die es offensichtlich nur in ihrer Lesart gibt.
Interessanterweise kommt sie aber zu dem Schluss, dass sich von den Organen des Staates Ergriffene zur Brandstiftung bekannten, glaubt aber nicht an religiösen Fanatismus. Ein anderes Motiv konnte Frau Witte aus mir verständlichen Gründen nicht anbieten.
Fanatismus im engeren Sinn ist durch das unbedingte Fürwahrhalten einer bestimmten Vorstellung und meistens durch Intoleranz gegenüber jeder abweichenden Meinung gekennzeichnet. Der Fanatiker will häufig andere von seinen Ansichten überzeugen, lässt jedoch seinerseits keinerlei Zweifel an der Richtigkeit und dem besonderen Wert seiner Überzeugungen zu. Vielmehr verteidigt er sie vehement gegen jede Infragestellung und ist dabei einer vernünftigen Argumentation nicht zugänglich. Die betreffende Vorstellung ist seinem kritischen Denken bzw. Reflexionsvermögen entzogen. Damit verbundene negative Konsequenzen für sich selbst oder andere werden als solche nicht erkannt bzw. anerkannt.
Erscheinungsformen von Überzeugungen, die häufig in fanatischer Weise vertreten werden, sind u. a. extremistische Ideologien, Rassismus, Fundamentalismus und religiöser Fanatismus.
Wenn man zurückliegende Ereignisse zeitlich einordnen und möglichst objektiv beurteilen will, dazu aber keine datierte Urkunde und / oder genaue Beschreibung zur Hand hat, bedarf es der Interpretation des gesamten zur Verfügung stehenden Quellenmaterials. Vor dieser Aufgabe standen und stehen Historiker des öfteren. Aus diesem Grund wird man nach Abwägung aller Fakten des Beurteilers bzw. der Beurteiler in seiner Publikation bzw. in ihren Publikationen die Formulierungen: ist anzunehmen, muss angenommen werden u. dgl. finden.
Im gegenständlichen Fall ist das Verhalten der in Rom lebenden Menschen im Allgemeinen, während und nach der Brandkatastrophe zu betrachten und zu beurteilen.
Die Einwohnerschaft des antiken Rom – die Zahl der Bewohner belief sich im ersten Jahrhundert n. Chr. auf über eine Million – drängte sich auf einer Fläche von weniger als 20 km² zusammen. Die Wohnverhältnisse waren äußerst unterschiedlich. In der ganzen Stadt befanden sich elegante Gebäude in direkter Nachbarschaft von verfallenen Häusern. Die ärmere Bevölkerung hielt sich bevorzugt auf der Straße auf, wo die Menschen einkauften, kochten und den neuesten Klatsch austauschten, weil die Bedingungen in den baufälligen Mietskasernen teilweise unerträglich waren Im Gegensatz dazu lebten die Reichen im Luxus und vergnügten sich in ihren großzügig gestalteten Domizilien bei geselligen Festmählern.
Die Menschen dieser Zeit waren Anhänger der unterschiedlichsten religiösen Kulte.
In der Geschichte Roms hatten sich die religiösen Vorstellungen laufend weiter entwickelt und verändert. Die Römer zeigten sich in ihrer Beziehung zu den Göttern als ein überaus praktisches Volk. Wenn sie sich an ihre Gottheiten wandten, ging es weniger um die so genannten letzten Fragen, sondern vielmehr um alltägliche Dinge wie eine gelungene Ernte, solide Finanzen und eine gute Gesundheit.
Vom Ende des dritten vorchristlichen Jahrhunderts an begannen orientalische Gottheiten einzudringen, deren Kulte zur Zeitenwende eine entscheidende Rolle spielten.
Die wohl wichtigste Jahreszahl für die Religionsmischung war 204 v. Chr., als der zweite punische Krieg seine unheilvollen Schatten über Rom warf. Auf Weisung des sibyllischen Orakels wurde der Kult der Magna Mater – der phrygischen Kybele – eingeführt.
Ab der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. gab es eine jüdische Gemeinde in Rom und etwa zur gleichen Zeit begannen - sehr zum Unwillen der römischen Priester und Auguren – unzählige fremde Kulte nach Rom einzusickern. Die Riten ägyptischer Mysterien und kleinasiatische ausschweifende Tempelorgien begannen sich auszubreiten. Viele Römerinnen bekundeten, wie Sueton später vermerkte, einen Hang zu ägyptischen und judäischen Riten.
In der Endzeit der Republik setzte ein allgemeiner religiöser Verfall ein. Die von griechischen Philosophen vorgetragene Religionskritik, die auch in Rom überzeugte Anhänger – wie z.B. Cicero – hatte, trug dazu bei, den Glauben der Volksmassen an die alten Götter aufzulösen.
Die Kulte wurden vernachlässigt, die Tempel verfielen, und nicht zuletzt trug der Verfall des sakralen Kalenders zum religiösen Wirrwarr bei, da durch Volkswahl bestimmte unkundige Leute in den Pontifikalkollegien wirkten. In dieser Situation hatte sich der Imperator Augustus um die Eindämmung der Auflösungstendenzen und um die Erneuerung der alten Religion, wobei er auch selbst wichtige Ämter wie das des Pontifex Maximus übernahm.
Nur wenige Jahrzehnte nach dem Tod des Jesus von Nazaret war es in der Hauptstadt des Imperiums durch namentlich nicht bekannte Judenchristen zur Gründung einer christlichen Gemeinde gekommen.
Die schwer erkämpfte, durch Augustus hergestellte innere Ruhe des Reiches, die - um ein Wort des älteren Plinius zu gebrauchen - unendliche Majestät des Friedens, schwand mit dem Auftreten der Christen endgültig dahin. Gerade jener Zustand, der ihre eigene Mission so sehr begünstigte, wurde durch sie untergraben.
Zwischen den Christen und den Juden der Stadt war es bald zu so schweren Krawallen gekommen, dass Kaiser Claudius I. Mitte des ersten Jahrhunderts Juden wie Christen, zwischen denen man kaum unterschied, ausweisen ließ: Judaeos impulsore Chresto assidue tumultuantes Roma expulit, (Er) vertrieb die Juden, die - angetrieben durch Chrestus - in Rom ständig Tumulte hervorriefen (Sueton).
Das damals vertriebene Ehepaar Aquila und Prisca traf Paulus auf seiner zweiten Missionsreise in Korinth.
Um vielleicht erneut Kritiker auf den Plan zu rufen, darf ich darauf hinweisen, dass der um 163 geborene römische Geschichtsschreiber Lucius Cassius Dio Cocceianus hingegen berichtete, die Juden seien aufgrund ihrer großen Anzahl nicht ausgewiesen worden und Claudius habe nur ihre Versammlungen verboten.
Tatsächlich gab es zu dieser Zeit rund 50.000 Juden in Rom. Sie wohnten in allen Teilen der Stadt und besaßen dreizehn bis heute bekannte Synagogen und mehrere Friedhöfe.
Die ersten Christen erwarteten das Ende der Welt - so wie Jesus, wie heute allgemein bekannt ist. Sie sehnten sich glühend danach und glaubten, dass das Ende kurz bevorstünde. Für die Radikalsten unter ihnen galt Neros Rom mit seinen liberalen Sitten als Sodom und Gomorrha.
Das Tier mit den sieben Häuptern, das aus dem Meer steigt aus der Offenbarung des Johannes ist Rom. Dieses Rom musste nach der Offenbarung zum Weltende Tod, Leid, Hunger und Feuer erleiden. Etliche moderne Historiker gehen von der Annahme aus, dass ein Fanatiker diese Worte als Aufruf verstanden haben könnte.
In der Nacht vom 18. zum 19. Juni 64 brach in dem Teil des Circus Maximus ein Brand aus, bei dem nach Tacitus von den 14 Regionen der Stadt nur vier ganz erhalten geblieben waren. Die sofort eingeleiteten Brandbekämpfungsmaßnahmen verliefen erfolglos. Erst am sechsten Tag verlöschte der Brand am Fuße des esquilinischen Hügels, nachdem man ganze Häuserviertel niedergerissen hatte, um seine Gewalt zu brechen. Effizientere Angriffe der Löschkräfte waren aufgrund der engen und unregelmäßig verlaufenden Straßen, der riesigen Insulae (Häuserblöcke) und des damaligen technologischen Standes der Ausrüstung nicht möglich, darüber hinaus wurden sie durch die Menge der Flüchtenden behindert. Panik war unter der Stadtbevölkerung entstanden und viele Menschen wurden zu Tode getreten. Bei Versuchen, Brandschneisen zu schlagen und wirksame Gegenfeuer zu entfachen, wurden die Feuerwehrkräfte oft behindert, weil diese Maßnahmen auf das Unverständnis der Bevölkerung stießen. Auch wurden während der Feuersbrunst Plünderer beobachtet und Menschen, die brennendes Holz in noch nicht brennende Gebäude warfen.
Sobald der Brand erloschen war, brachte man den Göttern die üblichen Sühneopfer dar. Man machte sich dadurch die Götter geneigt, was gleichbedeutend damit war, dass man ihnen die Schuld in die Schuhe schieben konnte.
Man befragte die Sybillischen Bücher und richtete Gebete zu Proserpina und deren Mutter Ceres, obwohl es nicht klar war, was die Göttin der Fruchtbarkeit mit dem Untergang Roms zu tun haben sollte. Die Frauen veranstalteten Prozessionen zur Göttin Juno, zuerst zu der auf dem Kapitol, dann zum Junotempel nahe dem Meer.
Die Christen hingegen feierten öffentlich die Zerstörung Roms und es kam zu spontanen Geständnissen, die Teilen der heutigen Betrachter der Situation nur schwer nachvollziehbar erscheinen.
Die Klärung der Brandursache und das Auffinden des oder der Schuldigen war die Aufgabe des Leiters der römischen Feuerwehr, des praefectus vigilum. Ihm stand die Gerichtsbarkeit über Brandstifter, Einbrecher, Räuber, Diebe und Hehler zu, wobei er, mit Ausnahme bei Sklaven, maximal körperliche Züchtigungen verhängen durfte. Im Fall von arglistigen Brandstiftungen Freier mussten diese dem praefectus urbi vorgeführt werden. Die Strafen für Brandlegung, grob fahrlässiges oder fahrlässiges Herbeiführen eines Brandes waren gesetzlich geregelt.
Es war nun zu Prozessen gegen vermeintliche Brandstifter gekommen und da auch Angeklagte gefoltert worden waren - bei Sklaven war das erlaubt - wurden sicher auch viele Unschuldige hineingezogen. Auch die Juden, die in den Christen eine häretische Sekte sahen, sorgten durch Denunziationen dafür, dass die Zahl der Beschuldigten wuchs. Von den rund 3000 Mitgliedern der Christengemeinde wurden 200 bis 300 angeklagt. Es wurden nicht alle Angeklagten zum Tode verurteilt. Es gab auch Freisprüche und geringe Strafen. Die Art der Todesstrafe richtete sich nach den damals üblichen Gesetzen: Tod durch Verbrennen, den Hunden zum Fraß vorwerfen bzw. Kreuzigung für Sklaven und Nichtrömer.
Neros Vorgehen beschränkte sich auf die Christen in Rom. Doch fabrizierte man später Dokumente, die Martyrien auch im übrigen Italien und in Gallien lokalisierten. Aber, so schrieb der katholische Priester und Professor für Kirchengeschichte Albert Erhard: Alle diese Märtyrerakten sind geschichtlich ohne Wert.

Prof. Helmut Bouzek über E-Mail, 24. März 2012

Wie will der Autor die Tacitusstelle verstanden wissen?
Welche Geständnisse sollen die Christen denn abgelegt haben? Wessen haben sie sich bezichtigt? Ich kann in der entsprechenden Tacitusstelle kein Schuldgeständnis der Christen ausmachen, noch eine Form von Selbstbezichtigung. Wo will der Autor bei Tacitus gelesen haben, daß die Christen schon vor der Festnahme etwas gestanden hätten? Tacitus erwähnt nur, daß Personen verhaftet wurden, die sich als C h r i s t e n bekannten und daß auf Grund deren Aussage ein weiterer großer Personenkreis verhaftet wurde. Mehr aber auch nicht! Auch, als Beispiel, Martin Ritter kann in seiner Quellenkunde nicht erkennen, daß hier ein Geständnis der Brandstiftung vorliegen würde. Bouzeks Vermutungen Es mag sein ..., Es ist aber durchaus möglich ... zeigen eher die Fragwürdigkeit seiner Vermutungen. Geradezu albern ist seine Unterstellung eines Märtyrerdeliriums auf die Christen jener Tage.
Bitte nicht noch mehr davon.

Wilfried Schevalje über E-Mail, 22. August 2009

Antwort auf den Leserkommentar des Herrn Wilfried Schevalje

Der Leserkommentar des Herrn Schavalje ist dann zu verstehen, wenn man in den nach dem verheerenden Brand des Jahres 64 in der Stadt Rom gesetzten Maßnahmen eine Christenverfolgung sehen will.
Es hat aber unter Kaiser => Nero, der durch zwei Jahrtausende zu einem Christen schindenden Scheusal gemacht worden ist, keine Christenverfolgung, sondern u.a. einen Brandstifterprozess gegeben.
Selbst die Nero feindlich gesinnten Historiker Publius Cornelius Tacitus und Gaius Suetonius Tranquillus (Sueton) beurteilten den Prozess gegen die Brandstifter als gerecht und vernünftig.
Das Christentum selbst stand dabei überhaupt nicht zur Diskussion, schrieb der evangelische Theologe Carl Schneider (1900 – 1977). Und auch in der Geschichte des Christentums des katholischen Theologen Michel Clévonet (1932 – 1993) ist zu lesen, dass weder Nero noch seine Polizei noch die Römer gewusst haben dürften, dass es sich um Christen handelte. Sie bewegten sich noch so sehr im Dunkeln und sind so gering an Zahl, als dass ihre Hinrichtung eine Angelegenheit des öffentlichen Interesses gebildet hätten ....
Im 15. Buch der Annalen des Tacitus, das nur in einer Fassung aus dem 11. Jahrhundert vorliegt und daher in manchen Bereichen unsicher überliefert und schwer deutbar ist, heißt es u.a.: Zunächst also ergriff man diejenigen auf, die bekannten .... Tacitus lies es offen, ob sich ein kleiner Teil der Bevölkerung Roms als Christen oder Brandstifter bekannte.
Da nach Brandstiftern gesucht worden und die religiöse Überzeugung zunächst kaum gefragt war, muss angenommen werden, dass sich einige extreme Glaubensbrüder zur Brandlegung bekannten und damit bewusst das Märtyrertum suchten, aber auch wirklich das verdorbene Rom abfackeln wollten. Menschen, die für ihren Glauben zu allem bereit waren, hatten auch keine Angst vor Repressalien, sie waren geradezu erpicht darauf. Paulus selbst äußerte sich in seinem Römerbrief besorgt über den Extremismus einiger Glaubensbrüder und ermahnte sie, die Behörden nicht zu provozieren (12, 9 – 21).
Weiter ist bei Tacitus zu lesen: hernach auf deren Anzeige hin eine riesige Menge, und überführte sie ....
Der französische Schriftsteller, Historiker, Archäologe, Orientalist und Religionswissenschaftler Ernest Renan (1823 – 1892) hielt dazu fest: Die Zerstörung Roms durch eine Feuersbrunst war tatsächlich ein jüdisch-christlicher Wunschtraum.
Auch wenn dem Kommentator ein Märtyrerdelirium albern vorkommt, kann es nicht ausgeschlossen werden, dass einfältige und ungebildete Christen, die ja die Mehrheit der neuen religiösen Gruppierung stellten, die mündlichen Überlieferungen vom Feuer und seiner vernichtenden bzw. reinigenden Kraft, die später bei Lukas und in der Offenbarung nachzulesen waren, wörtlich nahmen und angesichts des erwarteten Endes der Welt möglichst rasch die ewige Seligkeit erreichen wollten.
Wozu religiöse Fanatiker imstand sind, haben im Lauf der Geschichte Anhänger der drei abrahamitischen Religionen immer wieder gezeigt.

Dem Prozess gegen die Brandstifter folgten mehrere Prozesse gegen jene Personen, die entgegen der Anordnungen des Staates Getreide zu Wucherpreisen verkauften oder es horteten und damit der allgemeinen Verteilung entzogen. Da für eine absonderte Religionsgemeinschaft die Hilfe der eigenen Mitglieder natürlich im Vordergrund steht, dürften auf diesem Wege auch Prozesse gegen Christen geführt worden sein.

Prof. Helmut Bouzek über E-Mail, 15. April 2011





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