Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
Johanna Darcia, (29. Juni, al. 30. Mai), frz. Jeanne d'Arc, auch Jeanne du
Lys, gewöhnlich die Jungfrau von Orleans (Puella Aurelianensis, frz. la Pucelle
d'Orleans, auch la vierge de Domremy)
genannt, findet sich bei den Bollandisten
als Joanna d'Arc am 29. Juni (V. 397) unter den Uebergangenen
mit dem Beifügen,
daß der franz. Hagiolog Saussayus ihren Martertod
(Martyrium) zu Rouen, jedoch
ohne Angabe eines Grundes, an diesem Tage berichte, während andere
Schriftsteller ihn am 30. Mai erwähnen, an welchem Tage sie im J. 1431 von den
Engländern öffentlich verbrannt wurde. Der Apostolische Stuhl habe sie zwar für
unschuldig erklärt und in ganz Frankreich, welches durch sie wunderbar befreit
worden ist, sei ihr ein ehrwürdiges Andenken (venerabilis memoria) geblieben;
aber einen eigentlichen kirchlichen Cult habe sie nicht erhalten, indem die
Engländer ihre Asche in den Fluß warfen und dadurch verhüteten, daß irgend etwas
übrig blieb, was die dankbare Nachkommenschaft des feindlichen Volkes in solcher
Weise hätte verehren können. Nach diesen Aeußerungen der Bollandisten und da,
wie wir sehen werden, auch Papst Benedict XIV. sehr ehrenvoll von dieser Joanna
Darcia
spricht, nahmen wir keinen Anstand, dieselbe, welche im alten
Heiligen-Lexikon
eine Martyrin genannt wird, auch in unser Heiligen-Lexikon
aufzunehmen, und wollen nun ihre (leider vielfach verunstaltete) Geschichte
vorzüglich nach W.W. (VII. 851-855) kurz angeben: Johanna von Arc wurde geboren
zu Domremy (nach Ritter Domremy-la-Pucelle), einem Dörfchen in Frankreich
zwischen Neufchâteau und Vaucouleurs an der Maas, an den Gränzen von Champagne,
Burgund und Lothringen, wo ihr Geburtshaus noch steht. Ihre Eltern waren Jakob
von Arc und Isabella Romée, arme, schlichte und fromme Landleute. Die Angaben
über das Jahr ihrer Geburt schwanken zwischen 1410-1412; doch scheint die
letztere Jahrzahl die richtigere zu seyn. Sie hatte drei Brüder und eine
Schwester. Fromm und rein waren ihre Jugendjahre; sie betete gern, namentlich in
der Einsiedelei von U. L. Frau zu Berment und hatte als
Hirtenmädchen seit ihrem 13. Jahre wunderbare Gesichte. Es war nämlich damals
eine unheilvolle Zeit für Frankreich. König Heinrich V. von England machte alte
englische Ansprüche auf die französische Krone geltend, fiel im J. 1415 in
Frankreich ein und drang siegreich vor. Nach Heinrichs Tode (1422) wurde für
seinen einjährigen Sohn Heinrich VI. der Herzog von Bedford Reichsverweser von
Frankreich, dessen König Karl VI. in burgundischer Gefangenschaft starb, und
seinem Sohne Karl VII. blieben zuletzt von seinem ganzen Reiche nur noch die
Länder südlich von der Loire, zu deren Eroberung der englische Feldherr Lord
Talbot im Jahre 1428 auszog und den Anfang mit der Belagerung von Orleans machte.
Dieses Unglück des Vaterlandes und der Schmerz des Volkes hierüber ging der
edlen Jungfrau tief zu Herzen. Sie betete für das Wohl ihres geliebten
Vaterlandes und hatte dabei mehrfache Erscheinungen des hl. Erzengels Michael
sowie vorzüglich der hhl. Catharina
und Margaretha, welche sie
aufforderten, hinzugehen, um die Stadt Orleans zu befreien und dem Dauphin Karl
VII. zur Krönung in Rheims zu verhelfen. Aber Schwierigkeiten aller Art waren im
Wege. Sie konnte sich Niemandem anvertrauen, Niemanden um Rath fragen, mußte
selbst mit ihren Eltern vor einer burgundischen Rotte nach Neufchâteau fliehen,
von wo sie jedoch bald wieder nach Domremy zurückkehrte. Da die Stimmen
täglich mehr in sie drangen, begab sie sich endlich zu einem Oheim, Namens
Durand Laxart, mit der Bitte, sie zu dem franz. Hauptmanne Robert Baudricourt
nach Vaucouleurs zu führen. Doch dieser wollte anfangs nichts von ihr wissen.
Erst später ging er auf ihre Bitten ein. Endlich am 13. Febr. 1429 bestieg die
muthige, gottvertrauende Jungfrau in männlicher Kleidung ein Roß, und mitten
durch die Feinde, wie sie vorher gesagt hatte, führte Gott sie mit ihren
Begleitern, nämlich ihrem dritten Bruder Peter, zwei Edelleuten und deren zwei
Knechten, sammt einem Boten und Knappen des Königs, der ein Schreiben desselben
überbracht hatte, welches der jungen 18jährigen Heldin zu kommen erlaubte. Nach
einem Ritte von eilf Tagen kam sie mit ihrer Begleitung glücklich nach Chinon,
wo sich Karl VII. damals aufhielt. Dieser ließ nun Johanna vor sich rufen, die
ihn sogleich erkannte und sodann ihren Auftrag aussprach, Frankreich zu retten
und den König in Rheims krönen zu lassen. Auch entdeckte sie diesem in geheimer
Unterredung ein Geheimniß, das Niemand als nur er und Gott wissen konnte, was
auf Karl einen großen Eindruck machte. Doch noch zögerte er, ihr vollen Glauben
zu schenken. Erst nachdem sie noch in Poitiers ein schweres Verhör vor einer
großen Versammlung von Priestern und Gelehrten unter dem Vorsitze des
Erzbischofs von Rheims zum Erstaunen Aller bestanden, und Gutachten von
verständigen Männern und Frauen eingeholt waren, willigte der König endlich in
ihr Vorhaben, Orleans zu entsetzen. Johanna bezeichnete ein in der Kirche der
heil. Catharina von Fierbois (6 Stunden von Chinon) hinter dem Altare
vergrabenes Schwert, das man richtig so fand, wie sie es beschrieben hatte. Mit
diesem Schwerte und einer weißen mit den französischen Lilien besäten Fahne, auf
welcher die Worte Jesus, Maria
standen, trat
nun die mit einem leichten Panzer bekleidete Jungfrau an die Spitze des
französischen Heeres, welches sie durch Wort und Beispiel begeisterte, warf sich
am 29. April 1429 von Blois aus in das hartbedrängte Orleans, zwang durch
Ausfälle die Engländer am 8. Mai zum Abzuge und entriß ihnen durch die Schlacht
bei Patay vom 18. Juni, wo Talbot blieb, und Fastolf floh, vollständig ihr
bisher behauptetes Uebergewicht im Felde. Am 17. Juli 1429 ward Karl VII. in
Rheims wirklich feierlich gekrönt, worauf Johanna den ihr gewordenen höhern
Auftrag für erfüllt ansah und nach Hause zurückkehren wollte. Der König aber
hielt sie zurück, damit sie auf seinen weitern Zügen ihn begleite. Am 8. Sept.
1429 griff sie Paris an; aber der träge und vergnügungssüchtige König Karl hob
die Belagerung auf, wie er denn überhaupt die junge Heldin nicht genug
unterstützte. Endlich am 23. Mai 1430 gerieth sie bei einem Ausfalle aus
Compiegne in die Gewalt der Feinde und wurde von dem englischen Heerführer
Lionel, mit dem Beinamen Bastard von Vendome
nach Marigny geschleppt. Lionel
verkaufte sie an Johann von Luxemburg, der sie nach dem Schlosse Beaulieu und
von da nach Beauvais bringen ließ, wo sie vier Monate zubrachte. Bei der
Nachricht, sie werde an die Engländer übergeben werden, denen man sie verkauft
habe, war Johanna vom Thurme des Schlosses herabgesprungen, so daß die Wächter
sie schwer verwundet und besinnungslos auf dem Walle liegend fanden. Nun ward
der den Engländern ergebene Peter Cauchon, Bischof von Beauvais, zu ihrem
Richter bestimmt, und von der Universität Paris ein Gutachten über die Jungfrau
abverlangt, das sie für eine Zauberin, Ketzerin u. dgl. erklärte. Der Proceß
begann am 9. Jan. 1431; sie wurde in 17 Sitzungen verhört, dabei auf alle Weise
gequält und jeden Trostes beraubt. Es ward ihr Tod beschlossen; aber man
fürchtete das Volk, das Johanna für unschuldig hielt, wie sie es auch war. Man
griff nun zu einem schrecklichen Mittel. Man hielt zwei Urkunden und zwei
Unterwerfungserklärungen bereit, deren Unterschrift man von ihr erzwingen wollte.
Das eine Urtheil sprach ihre Verdammung aus, falls sie sich nicht unterwerfen,
das andere ewiges Gefängniß, falls sie sich unterwerfen und ihre Sünden bereuen
würde. Von diesen zwei Erklärungen fand sich jedoch nur eine unterschriebene bei
den Acten. Am 24. Mai führte man sie nach dem Gottesacker von St. Ouen (S.
Audoëni), wo ihr vor einer großen Volksmenge das Urtheil auf ewiges Gefängniß
verkündet wurde, nachdem man ihr - sie konnte nicht lesen, unterzeichnete auch
blos mit einem Kreuze - eine Schrift zur Unterzeichnung unterschoben hatte, in
welcher sie sich einer Menge Sünden für schuldig erklärte. Nun legte sie
Frauenkleidung an und wanderte in den Kerker, in welchem sie auf die gröbste
Weise mißhandelt wurde. Der Gerichtsdiener bezeugte nachher, man habe sie bald
wieder zur Anlegung von Mannskleidern gezwungen, um darin einen Rückfall zu
erkennen und die Qualen des Verhörs aufs Neue beginnen zu können. Jetzt wurde
Johanna dem weltlichen Gerichte übergeben, das ihr bald den Tod verkündigte. Am
30. Mai 1431 wurde sie auf den Marktplatz von Rouen geführt, um da auf dem
Scheiterhaufen zu sterben. Als Rauch und Feuer sie umhüllte, verlangte sie nach
Weihwasser und einem Kreuze, rief ihre Heiligen an und sprach zuletzt noch mit
lauter Stimme: Jesus! Jesus! Jesus!
Ein fanatischer Engländer wollte Holz zu
den Flammen tragen, als er diesen letzten Ruf hörte, und da war's ihm, als sähe
er eine weiße Taube aus den Flammen zum Himmel auffliegen, worauf er ohnmächtig
niedersank. Der Scharfrichter sagte eidlich aus, daß er mit allem Oel, Schwefel
und Kohlen das Herz der Jungfrau nicht habe verbrennen können. Dasselbe wurde
dann sammt der Asche und Johanna's ganzem Rücklasse in die Seine geworfen. Ihre
ungerechten Richter fanden alle, wie die Jungfrau es ihnen voraus gesagt hatte,
einen elenden Tod. König Karl VII., bisher unthätig, wollte doch nach dem Tode
der Befreierin Frankreichs noch Schritte für ihre Ehrenrettung thun. Nachdem er
nach Aschbach (III. 532) unterm 15. Febr. 1451 eine vorgängige Untersuchung
angeordnet hatte, wodurch die Nichtigkeit des gegen Johanna eingehaltenen
Verfahrens nachgewiesen worden war, erlangten ihre Mutter Isabella (der Vater
war vor Kummer über das Ende seiner Tochter gestorben) und ihre beiden Brüder
Johannes und Petrus vom Papste Calixtus III., daß er i. J. 1455 ein Breve erließ,
in welchem der Erzbischof von Rheims und andere unparteiische Richter mit einer
Revision des Processes beauftragt wurden. Die genaueste Untersuchung stellte nun
die ganze Unschuld der Jungfrau von Orleans
heraus, und dieses Urtheil wurde
am 7. Juli 1456 zu Rouen feierlich verkündet. Auf Grund derselben erklärt denn
auch Papst Benedikt XIV. (De Canoniz. l. 3. c. 45. nr. 9), daß über ihre
prophetische Gabe, ihre katholische Gesinnung, ihre unbefleckte Jungfrauschaft
und die Unsträflichkeit ihrer Sitten kein Zweifel bestehe. Doch wurde ihre
Beatification niemals in Anregung gebracht, und es konnte daher hierüber auch
niemals ein Ausspruch erfolgen, obwohl, wie schon oben bemerkt, der Hagiolog
Saussayus am 29. Juni ihr Martyrium zu Rouen erwähnt. Auch Papst Calixtus III.
hat sie nach Feller (III. 663) als Martyrin ihrer Religion, ihres Vaterlandes
und ihres Königs
erklärt. König Karl VII. hatte nach Aschbach schon im J. 1429
ihre Eltern und Geschwisterte unter dem Namen Du Lys
in den Adelstand erhoben,
und die Stadt Orleans ihrer Mutter seit dem J. 1438 eine kleine monatliche Rente
ausgeworfen. Ihr Geburtsort Domremy hatte auf ihre Bitte Steuerfreiheit auf
ewige Zeiten erlangt und bis zur französischen Revolution besessen. Schon früher
wurde ihr in Domremy und Rouen, dann im J. 1855 auch in Orleans ein Denkmal
errichtet. - Nach W.W. (VII. 855) spielte eine schlechte Dirne eine Zeitlang die
Rolle der edlen Johanna nach, verschwand aber dann spurlos, und schon im J. 1458
ist von dieser Pseudo-Johanna keine Rede mehr. Dort sind zugleich mehrere
Schriften über Johanna d'Arc aufgeführt, und findet sich auch die richtige
Bemerkung, daß Fr. Schiller's Jungfrau von Orleans
ganz unhistorisch ist und
bei aller Schönheit mehr der Phantasie des Dichters angehört. *
So z.B. wird sie von demselben als blutgierig dargestellt, während es doch ganz
bestimmt nachgewiesen und auch bei Pierer (XV. 74) anerkannt ist, daß sie
keinen Feind tödtete und keine Wunden schlug
. Auch hat sie die Gefangenen
stets milde behandeln lassen etc. Vgl. G. Görres, die Jungfrau von Orleans.
Regensburg 1837. Auffallend ist uns, daß bei Migne gar nichts über dieselbe sich
findet, da sie doch, wie bemerkt, sogar bei den Bollandisten erwähnt ist. (Jun.
V. 397.)
* Die von Shakespeare entweihte Ehre der Jungfrau hat später der englische Dichter Robert Southey in seinem Heldengedichte Joan of Arc herzustellen gesucht. Einer der Ersten, die nach Shakespeare diesen Gegenstand dramatisch behandelt haben, ist der lateinische Dichter Nikolaus de Vernule (Vernulaeus), ein Luxemburger, geb. den 10. April 1585, gest. als Canonicus und Professor in Löwen am 6. Jan. 1649. Er war nach Feller ein fleißiger Schriftsteller und auch ein guter Dichter. Bei Schiller finden sich mehrere Reminescenzen aus dieser Tragödie des Bernuläus.
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