
Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
SS. Longinus miles, Longinus Centurio et 2
Soc. MM. (15. März). In alten lat. Martyrologien wird der Name des Soldaten,
welcher die Seite Jesu am Kreuze mit seiner
Lanze öffnete, so daß Blut und Wasser herausfloß (Joh. 19, 34), Longinus genannt,
und so heißt er auch im Mart. Rom. am 15. März. Bei den Griechen wird aber der
Hauptmann, welcher bei der Kreuzigung Christi gegenwärtig war und Jesum als
Sohn Gottes
und als gerecht
bekannte (Matth. 27, 54; Mark. 15, 39; Luk. 23,
47), Longinus genannt und am 16. Oct. verehrt. Während nun Einige (unter ihnen
Baronius) Beide mit einander verwechseln und nur Einen Longinus annehmen, der
Ihn als Sohn Gottes
bekannt und auch Seine Seite geöffnet habe, unterscheiden
die Bollandisten zwei heil. Soldaten mit Namen Longinus, nämlich einen Gemeinen
und einen Hauptmann, und sie sprechen sich am 15. März (II. 383. nr. 41) ganz
bestimmt für zwei verschiedene Personen dieses Namens aus. Sie theilen auch die
Acten eines Jeden mit, aus denen diese Verschiedenheit klar hervorgeht. Daß der
von den 3 ersten Evangelisten erwähnte Hauptmann, welcher Jesum als Sohn Gottes
bekannte, nicht zugleich Seine Seite durchbohrte, geht wohl schon auch daraus
hervor, daß der hl. Evangelist Johannes, welcher ja
Augenzeuge war, ausdrücklich sagt, einer von den zum Beinebrechen (crurifragium)
abgesendeten Soldaten (also nicht ihr Führer oder Hauptmann) habe Jesu Seite mit
einem Speere geöffnet (Joh. 19, 34). - Was nun die Acten dieser Beiden betrifft,
so haben die Bollandisten hierüber Folgendes:
1. Der hl. Soldat Longinus, der die Seite Jesu
mit einem Speere öffnete, soll aus der Provinz Jsaurien in Kleinasien stammen
und vor seiner Bekehrung Cassius geheißen haben. Er gehörte zu jenen Soldaten,
welche unter Anführung eines Hauptmanns bei der Kreuzigung Christi und der zwei
Schächer die Wache zu halten hatten. Da nach der Erzählung des hl. Evangelisten
Johannes (Joh. 19, 31-37) die Gekreuzigten wegen des
folgenden großen Ostersabbaths noch am Freitage vom Kreuze abgenommen und daher
zuvor noch vollends getödtet werden sollten, so wurden den zwei Schächern von
den dazu beorderten Soldaten die Beine zerbrochen. Als man dieses auch bei Jesus
thun wollte, Ihn aber schon todt fand, zerbrachen sie Seine Beine nicht,
sondern einer von den Soldaten öffnete Seine Seite mit einem Speere, und
sogleich kam Blut und Wasser heraus
, was der hl. Johannes unter Hinweisung auf
einige dadurch in Erfüllung gegangene Schriftstellen feierlich bezeugt und
wodurch Sein Tod als gewiß eingetreten erschien. Dieses Blut habe nun der Soldat
voll Erstaunen aufgefangen und sich damit die Augen bestrichen, und hiedurch
wurden ihm, wie ein alter griechischer Dichter singt, sogleich die Augen
geöffnet. Dieses haben Einige so genommen, als wenn dieser hl. Longinus zuvor
blind gewesen wäre. Da jedoch ein blinder Soldat nicht wohl die Seite des Herrn
hätte öffnen können, so meinen Andere, er sei einäugig oder schielend gewesen,
deßhald von seinen Kameraden oft geneckt und jetzt durch das Blut des Herrn
geheilt worden. Aber sicherlich hatte der griech. Dichter nur die Oeffnung
seines geistigen Auges im Sinne, und so wird es auch von den Meisten genommen.
Da er nun auch noch die übrigen außerordentlichen Ereignisse bei dem Tode Jesu
sah, so kam er denn, wie sein Hauptmann, zu der Ueberzeugung, daß der
gekreuzigte Jesus von Nazareth mehr als ein blosser Mensch gewesen seyn müsse.
Die Auferstehung des Herrn, bei welcher er wahrscheinlich auch gegenwärtig war,
bestärkte ihn noch mehr in seiner Ueberzeugung; er glaubte nun an Jesus von
Nazareth und that Buße über sein früheres Leben. Die Apostel unterrichteten ihn
im heil. Glauben und nahmen ihn durch die Taufe in die Kirchengemeinschaft auf.
Sein Leben war fortan, wie die Acten sagen, ein himmlisches zu nennen, so
mildthätig gegen die Armen, so keusch und gewissenhaft wurde er, wodurch er
Viele zum Glauben an Jesus bekehrte. Er führte dann zu Cäsarea in Kappadocien,
wohin er nach seiner Bekehrung sich begab, durch 28 (nach Andern 27, 29, 34, 38)
Jahre ein klösterliches Leben und wurde zuletzt auf Befehl des Statthalters
Octavius wegen der auf seine Veranlassung stattgefundenen Bekehrungen auf die
schmerzlichste Weise gemartert; er ließ ihm nämlich die Zunge ausschneiden und
die Zähne einschlagen, was ihn aber durchaus nicht hinderte, Christum mit lauter
Stimme zu preisen, und die Götzen als nichtig und machtlos darzustellen. Dadurch
wurden wieder Viele zu Christus bekehrt. Deßwegen wurde der hl. Longinus nach
einiger Zeit wieder vor den nämlichen Statthalter geführt, fand aber daselbst an
dem Kerkermeister (commentariensis) Aphrodisius
einen Vertheidiger, wobei der Heilige Gott dankte, daß er ihm einen
Kampfgenossen beigesellt. Der Statthalter ließ auch dem Aphrodisius die Zunge
ausschneiden, worüber der hl. Longinus seufzend zum Herrn flehte. Siehe, da
wurde der Statthalter auf der Stelle blind; Aphrodisius aber, dem ungeachtet der
ausgeschnittenen Zunge die Fähigkeit zu sprechen geblieben, pries die
Gerechtigkeit des Herrn. Der blinde Statthalter flehte nun den Aphrodisius an,
er möge doch den Longinus bewegen, daß er für ihn zu Gott rufe. Aphrodisius
hielt hierauf dem Statthalter seine grausame That vor und erinnerte ihn an die
ihm gegebene Warnung. Der hl. Longinus aber verlangte jetzt vom Statthalter, ihn
schnell der Martyrkrone theilhaftig zu machen; dann werde er vor dem Throne
Gottes um Heilung für ihn bitten, indem er ein größeres Vertrauen habe, den
Herrn für ihn zu bitten, wenn er vor Seinem Angesichte stehe. Hierauf gab denn
Octavius den Befehl, ihn zu enthaupten. Der hl. Longinus betete stehend noch
etwa eine Stunde; dann wurde ihm das Haupt abgeschlagen. Der Statthalter aber
warf sich vor dem Leichnam zur Erde auf sein Angesicht und flehte reuig zu Gott.
Sogleich erlangte er seine Sehkraft wieder, hüllte dann den heil. Leib in reine
Linnen und begrub ihn mit großer Freude. Fortan blieb Octavius treu im Glauben
an Christus bei den Glaubenspredigern und pries immer den Herrn. - So die Acten,
welche die Bollandisten (pag. 384-386) aus mehreren sehr alten Manuscripten über
diesen Soldaten Longinus geben. Die Zeit seines Martyriums fällt in das 1.
Jahrhundert. Als Martertag wird in diesen Acten der 15. März angegeben, während
andere Handschriften den 22. Nov. oder 2. Dec. haben. Ueber seinen Namen, seinen
Leib und seine Lebensgeschichte gehen aber noch verschiedene Behauptungen und
Sagen in andern Quellen einher. Der Name Longinus scheint Einigen nur fingirt zu
seyn und von dem griechischen Worte logxn d.i. Lanze
abgeleitet, so daß er
also gleichsam der Lanzenträger
(Logginos) hieße. Bei den Griechen finde sich
der Name, der wohl aus dem dem hl. Nikodemus
zugeschriebenen apokryphen Werke über das Leiden Jesu geschöpft seyn möge; aber
er sei vor dem Jahre 715 nicht gebraucht worden, nämlich erst von dem hl.
Patriarchen Germanus, während von
dem Hauptmanne Longinus schon der um das J. 434 gestorbene hl. Priester
Hesychius schreibt. Bei den Lateinern wäre es
allerdings schon der hl. Kirchenvater Augustinus,
der denselben erwähnt, wenn das ihm zugeschriebene Manuale wirklich von ihm wäre,
während es nur eine später verfaßte Sammlung einiger Gedanken des hl. Augustinus,
des hl. Anselmus etc. ist. Darin heißt
es nämlich: Longinus hat mir mit seiner Lanze die Seite Christi eröffnet, und
ich bin hinein gegangen und ruhe dort sicher
. Es können daher nur die
Martyrologien in Betracht gezogen werden, aus denen sich zugleich seine
Verehrung beweist, und da nennen die Bollandisten mehrere, namentlich die von
Rabanus Maurus, Notker,
Ado und Andern, welche Alle seinen Namen
Longinus haben, seinen Martertod auf den 15. März setzen und nach Cäsarea in
Kappadocien verlegen, wie das auch im Mart. Rom. der Fall ist. Statt des
Marterortes Cäsarea wollen nun aber die Mantuaner für ihre Stadt die Stelle
seines Leidens in Anspruch nehmen. Mantua habe schon 2 Jahre nach Christi Tod
den Glauben angekommen, den der hl. Longinus dort gepredigt und mit seinem Blute
bezeugt habe. Diese Sage kann aber kein hohes Alter nachweisen. Der im J. 1516
verstorbene Mantuaner Johannes Baptista
berichtet vielmehr, daß der Leichnam auf einem Schiffe über das Meer nach Mantua
gebracht worden sei. Ein Schriftsteller macht auch den Ort Cappadocia für Mantua
geltend. Es sei nämlich ein Ort bei Mantua, oder viele mehr auf der Insel, wo
jetzt Mantua liegt, der Kappadocia
heiße, und zwar von den vielen an jenem
Orte bei Mantua Gemarterten so genannt. Antonius Possevinus geht so weit, daß er
den hl. Longinus sogar den mantuanischen Rittern beizählt; doch kann er jenen
Ursprung des Namens Cappadocia selbst nicht recht zugeben. Diese Sage entstand
wohl in folgender Weise: Zur Zeit Karls des Großen um das I. 804 wurde bei einem
Spitale nächst Mantua ein bleiernes Kästchen mit einem kleinen Gefäße
ausgegraben, auf welchem die Aufschrift sich befand: Blut Jesu Christi
. Bald
hierauf grub man auch einen Leichnam aus, den man dann für den unseres hl.
Longinus hielt. Wie man aber auf diese Meinung kam, ist in der Erzählung nicht
angegeben. Wenn übrigens auch der Name des ausgegrabenen Leichnams etwa durch
irgend eine Aufschrift als Longinus bezeichnet gewesen, so ist zu bemerken, daß
dieser Name unter den Römern sehr häufig vorkam *, und leicht
ist es möglich, daß ein römischer Soldat dieses Namens zu Mantua gemartert wurde,
den man dann für unseren biblischen hl. Longinus hielt. Nach dem oben erwähnten
Johannes Baptista wäre der Leib des Letzteren schon vor dem Einfalle der
Longobarden von Cäsarea in Kappadocien nach Mantua und zwar zugleich mit dem hl.
Blute übertragen worden. - Bei dieser Gelegenheit berühren die Bollandisten die
Geschichte des heil. Blutes aus der Seite des göttlichen Heilandes. Dieses soll
ein Einsiedler, Namens Jakobus, aufgefangen und lange in einem Kürbis
verheimlicht haben, bis es zwei seiner Nachfolger durch Offenbarung eines Engels
erkannten, und endlich sei es in die Hände des frommen Einsiedlers Basipsabas
gekommen, den die Griechen am 10. Oct. als Heiligen verehren. So lautet der
Bericht aus dem Orient. Nach der Erzählung der Mantuaner aber hätte unser hl.
Longinus das bei der Seiten-Eröffnung ausfließende Blut des Herrn alsbald
aufgefangen, heimlich nach Mantua gebracht und dort in der Stille vergraben. Ist
aber auch das zu Mantua verehrte heil. Blut nicht das aus der Seite Christi
geflossene, so gibt es noch verschiedene Begebenheiten, wo hl. Blut gewonnen
wurde, von wo es dann seyn könnte. Nach dem Berichte des 2. nicänischen Concils
und dem auf diese Auctorität am 9. Nov. sich deßfalls stützenden Mart. Rom. ward
zu Berytus in Syrien ein Bild Christi von den Juden gekreuzigt, welches eine
Menge Blut vergoß, wovon orientalische und occidentalische Kirchen reichlich
bekamen. Dieses soll um das J. 765 geschehen seyn, also fast 40 Jahre vor der
Auffindung des heil. Blutes in Mantua. Auch in England und anderwärts wird heil.
Blut aufbewahrt; namentlich aber zu Brügge in Belgien in der St. Basiliuskirche,
wohin es der Abt Leo von St. Bertin im J. 1148 als
Geschenk von Theodorich, dem Schwiegervater des Königs Balduin von Jerusalem,
überbracht hatte. Es war in Kristall eingeschlossen und wurde jeden Freitag bis
zum I. 1309 flüssig. Nach frommem Glauben, den der Bollandist nicht für
unwahrscheinlich findet, sei es von der Kreuzabnahme des Herrn, wo man es mit
einem Schwamme austrocknete. Oft habe sich auch die eucharistische Brod- und
Weinsgestalt in Blut verwandelt. Zu Brüssel gebe es 3 blutig gefärbte Hostien,
die in Folge von Wunden durch Judenhand reichlich Blut vergossen **
etc. etc. - Was die heil. Lanze betrifft, welche von der hl. Kaiserin Helena
sammt dem heil. Kreuze und den übrigen Leidenswerkzeugen des Herrn entdeckt
worden ist, so wurde dieselbe im J. 1098 zu Antiochia wunderbarer Weise wieder
aufgefunden, und die Stadt durch sie von der drückendsten Belagerung befreit.
Die heil. Lanze kam in der Folge an den griechischen Kaiser in Constantinopel,
der die abgefeilte Spitze an die Venetianer verpfändete, hernach aber dem hl.
Könige Ludwig von Frankreich zum Geschenke sandte.
Das übrige Eisen derselben blieb in Constantinopel und kam bei der Eroberung im
J. 1453 in die Hände des Sultans Mohammed II. Dessen Sohn Bajazet schenkte es
gewinnsüchtiger Zwecke halber dem Großmeister der Ritter von Jerusalem, von
welchem es im J. 1492 dem Papste Innocenz VIII. verehrt wurde. Zu Rom nahm man
es mit feierlicher Procession in Empfang, und bewahrte es sodann in der Basilica
des Vaticans auf. - Der, wie bereits gesagt, im J. 804 in Mantua aufgefundene
Leib des hl. Longinus wurde sammt dem heil. Blute in Folge wiederholter
himmlischer Traumgesichte, nachdem Beides wieder eingegraben worden und geraume
Zeit unbekannt geblieben war, im J. 1049 neuerdings ausgegraben. Im J. 1053
bezeugte Papst Leo IX. dem hl. Blute in Mantua seine
Verehrung und nahm ein wenig davon nach Rom, wo es später in der Laterankirche
aufbewahrt wurde. Aber schon im J. 1055 war, um nicht in den Kriegsläuften
Feindesbeute zu werden, Beides wieder vergraben worden. Im J. 1354 begab sich
Kaiser Karl IV., von einigen Angesehenen der Stadt begleitet, bei Nacht, damit
es kein Aufsehen machte, in Mantua zur Stelle, wo das hl. Blut, und zum Schranke,
wo der Leib des hl. Longinus aufbewahrt war. Das heil. Blut ließ er unangetastet
wieder an seinen Ort zurückstellen; aber von den Gebeinen des hl. Longinus nahm
er, nach dargebrachter andächtiger Verehrung, den rechten Arm und einen Theil
der Schulter, um sie nach Böhmen bringen zu lassen. In einem handschriftlichen
Martyrologium der Kirche von Prag wird wirklich von einem Arme und dem Haupte
des hl. Longinus geredet, die der Kaiser von Mantua bekommen habe. Der
Bollandist erklärt sich für Haupt und Arm, da die Quelle, die deren erwähnt, den
Vorzug verdiene. Es fand sich zwar zu des Bollandisten Zeit kein Haupt des hl.
Longinus, wohl aber das Haupt eines S. Innominatus, d.i. eines Ungenannten
.
Der wahre Name ist nämlich durch die Länge der Zeit zu Grunde gegangen, und
dafür letztere anonym
bedeutende Angabe zu lesen. Von einer Schulter war
jedoch in der That nichts zu finden, wohl aber fand sich das angedeutete Armbein
des hl. Longinus vor. Ein kleiner Theil dieser Reliquien kam in Folge einer
Schenkung von Seite des Kaisers Rudolph II. im J. 1587 nach Lissabon. Zu Rom
befand sich in der Basilica des Vatican ein Arm des hl. Longinus und ein Ring.
Der Ring wurde aber bei der Plünderung Roms durch die Truppen des Herzogs von
Bourbon im J. 1527 geraubt, wogegen sich der Arm noch um das J. 1617 vorfand.
Diese Reliquien, so wie eine in der Kirche des hl. Marcellus,
und eine in der Kirche des hl. Augustinus, so wie alle Longinus-Reliquien zu Rom
dürften aber wohl einem oder dem andern hl. Longinus, nicht aber unserm hl.
Seiteneröffner Loginus angehören. Um so weniger läßt der Bollandist einen auf
der Insel Sardinien gebrachten hl. Longinus für den hl. Seiteneröffner gelten.
2. Was nun den Hauptmann (Centurio) Longinus betrifft, so
soll er nach den griech. Menäen aus Sandrales oder Adrales bei Tyana im zweiten
Kappadocien gewesen seyn. Nach einigen (übrigens unsicheren) griech. Acten soll
er auch Primianus geheißen haben. Nach dem (nicht sehr zuverlässigen) spanischen
Schriftsteller Bivarius hätte er Cajus geheißen, wäre der Sohn des Hauptmannes
Cajus Oppius gewesen, dessen Knecht Jesus zu
Kaphernaum heilte (Matth. 8, 5-13), und sei dann später Bischof von Mailand
geworden. Der Cajus (Gajus), an welchen der hl. Evangelist Johannes
seinen 3. Brief geschrieden hat, so wie der Demetrius, welcher in diesem Briefe
gelobt wird, seien seine Söhne gewesen, was aber Alles wohl nur eine Fiction ist.
Jedenfalls ist es geschichtlich gewiß, daß derselbe, es mag nun der Name
Longinus sein wirklicher oder nur ein fingirter seyn, zur Zeit der Kreuzigung
Christi als Befehlshaber einer römischen Centurie in Jerusalem war und von
Pontius Pilatus den Auftrag erhalten hatte, mit einigen Soldaten die Vollziehung
des Todesurtheils zu überwachen. Da er nun vernommen, daß Jesus von den Juden
deßwegen zum Kreuzestode gebracht wurde, weil Er sich den Sohn Gottes genannt,
und da er dann das göttlich erhabene Benehmen Jesu während Seines
Schmerzenganges nach Golgotha und während der ganzen Kreuzigung beobachtete,
namentlich, dem Kreuze gegenüberstehend (Mark. 15, 39), die laute, Himmel und
Erde durchdringende Stimme: Es ist vollbracht!
und Vater, in Deine Hände
empfehle ich meinen Geist
! hörte, mit welcher Er Seinen Geist aufgab (Joh. 19,
30), so wie das Erdbeben, das Spalten der Felsen etc., das nach Seinem Tode
eintrat; da wurde er, der Heide, so erschüttert, daß er - und, wie es bei
Matthäus (27, 54) heißt, auch jene, die bei ihm waren
- vor der ganzen Welt
ausrief: Wahrlich, dieser war gerecht; Er war wirklich Gottes Sohn
. Was also
die Juden geläugnet und selbst die Apostel noch nicht auszusprechen gewagt
hatten, das hat der heidnische Hauptmann Longinus hier zuerst öffentlich
ausgesprochen. Als dann Joseph von Arimathäa
den Leichnam Jesu von Pilatus sich erbat, bezeugte er diesem, daß Jesus wirklich
gestorben sei (Mark. 15, 44 f.). Sein wunderbares öffentliches Bekenntniß und
die Verehrung, die ihm hiefür gebührt, gab nun dem hl. Priester Hesychius
von Jerusalem Veranlassung, sein ferneres Leben nach einem alten Buche, das er
gefunden, und nach anderen auf ihn gekommenen Notizen zu beschreiben, und diese
Acten geben denn die Bollandisten (pag. 386-389) nach einer griech. Handschrift
der Vaticanischen Bibliothek. Nach denselben wäre der Hauptmann Longinus auch
bei der Grabwache gewesen, die Pilatus den Juden auf ihre Bitte zugestanden
hatte, wobei sie zur größeren Sicherheit auch noch den vor das Grab gewälzten
großen Stein versiegelten (Matth. 27, 62-66). Auf diese Weise sei er denn auch
noch Zeuge der Auferstehung Christi gewesen, wodurch sein Glaube an den Sohn
Gottes nur noch mehr bestärkt worden. Als dann die Hohenpriester, welchen einige
von den Grabwächtern die bei der Auferstehung stattgefundenen wunderbaren
Ereignisse hinterbrachten, in ihrer großen Verlegenheit denselben viel Geld
gaben, damit sie sagen sollten, die Jünger Jesu seien bei der Nacht gekommen und
hätten, während sie schliefen, Ihn gestohlen, wobei sie überdieß ihnen
versprachen, sie wegen einer solchen, für einen römischen Soldaten freilich
schmählichen und höchst strafbaren Pflichtvergessenheit bei Pilatus sicher
stellen zu wollen (Matth. 28, 11-15), was wohl auch viel Geld gekostet haben
mag ***; da habe der Hauptmann Longinus dieses Geld mit
Verachtung von sich gewiesen und auch ferner der Wahrheit unerschrocken Zeugniß
gegeben, was sowohl dem Pilatus als auch den Juden höchst unangenehm war. Da sie
ihm deßwegen auf alle Weise nachstellten, und weil er nun, nachdem er noch von
den Aposteln unterrichtet und getauft worden war, ganz dem Herrn dienen wollte,
so verließ er zu Cäsarea den Kriegsdienst und zog sich mit zwei seiner Soldaten,
die auch an Jesus glaubten, aber in den Acten nicht genannt sind, in sein
Vaterland zurück, wo er Landwirtschaft trieb und zugleich den Kapadociern den
Glauben an Jesus Christus verkündete. Aber der Haß der Juden verfolgte ihn auch
dort noch. Sie bewogen daher den Pilatus durch Geld, den Longinus beim Kaiser
Tiberius anzuklagen wegen Verlassung seines militärischen Postens, so wie wegen
seiner Predigten, in welchen er Jesum als König darstellte. Mit dieser Klage
schickten sie auch Geld an den Kaiser und erwirkten von ihm wirklich einen
Befehl an Pilatus, daß er den Longinus als einen Deserteur tödten lasse. Pilatus
schickte nun einige Vertraute nach Kappadocien zur Ausführung dieses Befehles.
Dort angekommen begegneten sie einem unbekannten Manne, den sie sofort fragten,
wo Longinus sich befinde. Dieser nahm die Abgesandten freundlich in sein Haus
auf und bewirthete sie zwei Tage lang. Am dritten Tage führte er sie auf das
Feld, zeigte ihnen seine beiden Gefährten, die er inzwischen hatte kommen lassen,
und sagte ihnen, daß er selbst der gesuchte Longinus und zum Tode bereit sei.
Lange wollten die erstaunten Abgesandten nicht daran, ihren Wohlthäter zu tödten;
erst nachdem er ihnen gesagt, wie sehr er nach dem Tode verlange, um mit Jesus
vereinigt zu seyn, und nachdem er ihnen den Ort, wo er begraben werden wollte,
bezeichnet, entschlossen sie sich, ihn und seine beiden Gefährten zu enthaupten,
was denn auch geschah, und zwar, wie die Acten ausdrücklich sagen, am 16.
October. Hierauf nahmen sie sein Haupt und brachten es zum Beweise des
vollzogenen Befehls nach Jerusalem zu Pilatus, der es den blutdürstigen Juden
gegen viel Geld aushändigen ließ, dann aber den Befehl gab, daß es außerhalb
der Stadt auf einen Düngerhaufen geworfen werde. Dort blieb es lange Zeit
verborgen, bis es endlich durch den Heiligen selbst entdeckt wurde. Es war
nämlich in Kappadocien eine blinde Frau, welche in der Hoffnung auf Heilung mit
ihrem einzigen Sohne nach Jerusalem sich begab, dort aber auch noch ihren Sohn
durch den Tod verlor. In dieser doppelten Trübsal rief sie Gott um Hilfe an, und
da erschien ihr der hl. Longinus und bezeichnete ihr den Ort, wo sein Haupt zu
finden sei, ihr voraussagend, daß sie nach dessen Ausgrabung sehend werde. Sie
that, wie ihr geboten, und erhielt wirklich das Licht ihrer Augen; zugleich
zeigte er ihr auch ihren Sohn, wie er mit ihm eine große Herrlichkeit im Himmel
genieße, wodurch die Mutter sehr erfreut wurde, dann aber das Haupt des hl.
Longinus nach Kappadocien zurückbrachte und in Sandrales zu seinem heil. Leibe
legte etc. Nach anderen Acten, welche die Bollandisten (pag. 389-390) nach einer
anderen alten Handschrift der Vaticanischen Bibliothek geben und in welchen die
Erfindung des Hauptes des hl. Hauptmannes Longinus
ausführlicher, aber mit
einigen Fabeln vermischt, erzählt wird, hätte die Frau Christina und ihr Sohn
Christion geheißen. Sie habe das Haupt des hl. Longinus vom Präfecten Lucius in
Jerusalem um 200 Denare gekauft und mit ihrem Sohne in das Vaterland
zurückgebracht, wo dann die Christen einen herrlichen Tempel über seinen heil.
Leib gebaut hätten. Dieses hätte jedenfalls erst viel später geschehen können,
nämlich erst, nachdem die Kirche Ruhe erhalten, ungefähr zur Zeit der Regierung
des Kaisers Constantin und seiner Söhne
etc. - Nach den Visionen der A. K. Emmerich hätte der Hauptmann, ein geborner
Araber, Abenadar geheißen, und bei der Taufe den Namen Ctesiphon ****
erhalten. Nachdem er Jesum als den Sohn Gottes
bekannt, habe er nicht mehr
länger im Dienste Seiner Feinde stehen wollen, daher sein Pferd zu seinem
Unterofficier Cassius, der dann später bei der Taufe den Namen Longinus erhalten,
gewendet, ihm Lanze und Pferd übergeben und sei dann zu Pilatus gegangen etc.
Cassius habe nun das Pferd bestiegen und den Befehl geführt, dann aber mit der
Lanze die Seite Jesu geöffnet etc. Später habe er als Diakon Christum gepredigt
und immer von dem heil. Blute, das mit Wasser vermischt aus der Seite Jesu
fließend in einer Vertiefung des Felsenbodens unter dem Kreuze sich gesammelt
habe, und von welchem auch Maria und Johannes
sammt den heil. Frauen geschöpft hätten, bei sich geführt. Man habe davon auch
in seinem Grabe in Italien gefunden etc. etc. - In den großen griech. Menäen
findet sich ein Officium des hl. Hauptmanns Longinus am 16. Oct. Die Auffindung
des heil. Hauptes wird aber von den Griechen am 1. Nov. gefeiert. Die
Bollandisten haben am 16. Oct. (VII. 792) den hl. Hauptmann und Martyrer
Longinus unter den Prätermissen, da sie beide hhl. Longinus am 15. März
behandeln. (II. 376-390).
* Er war der Familienname des Cassischen Geschlechts (Cassia gens). Auch in unserem Augsburger Antiquarium findet sich ein im J. 1731 an den Ufern der Wertach bei Augsburg aufgefundenes (gut erhaltenes) Römer-Monument, welches der Eliten-Zeughaus-Aufseher (Aedituus Singularium) Claudius Latinus dem Victorinus Longinus, einem Reiter aus dem zweiten Flavischen Flügel der Eliten, hat erreichen lassen.
** Bei dem Artikel
Jesus Christus
ist oben Seite 165 auch öfters vom heil. Blute die Rede und
zwar in den Nummern 1. 4. 5. 14.
*** Daß Pilatus das Geld liebte und sogar seine Urtheilssprüche um Geld zu verkaufen pflegte, bemerkt auch der Jude Philo. Bei der Verurtheilnug Jesu wirkte aber auf ihn vorzüglich die Menschenfurcht, die leider auch bei uns Viele in's Lager der Feinde Jesu führt und zu Freunden des Barabbas macht, den sie ihrem Heilande vorziehen.
**** Die Bollandisten haben am, 1. April (I. 4) das Leben des hl. Bischofs Ctesiphon von Vergio in Spanien und sagen nr. 7 ebenfalls, er sei nach Einigen ein Araber gewesen und habe mit seinem väterlichen Namen Abenathar geheißen; aber von einem Hauptmann Abenadar sagen sie nichts.