
Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
V. Ludovicus Blosius, (7. Jan.), der vierunddreißigste Abt von Liessies
(asceterium Letiense Lesciense * (nicht Liesse), war ein Sohn
Adrians von Blois, Herrn von Jumigni, aus dem Geschlechte der Grafen von Blois,
und seiner Gemahlin Catharina von Barbaçon aus Don-Stienne (bei Beaumont im
Hainaut). Er wurde Anfangs October des J. 1506 im letztgenannten Schlosse
geboren. Er hatte noch fünf Brüder und drei Schwestern. Er war von Natur
außerordentlich sanft und freundlich und wurde von zarter Jugend an in aller
Gottesfurcht erzogen. Er bewahrte jene kindliche Einfalt und Unschuld, die immer
die sicherste Grundlage christlicher Gottseligkeit und wahrer Heiligkeit bleibt.
Als er das gehörige Alter erreicht hatte, kam er an den Hof des nachmaligen
deutschen Kaisers Karl V., wo er als Page für die böchsten Aemter im Staate
gebildet werden sollte. Ein sehr schmerzhaftes Geschwür am Haupte war der
nächste Anlaß, daß er den Hof verließ und eine andere Lebensbahn betrat. Als
nämlich der Chirurg, ehe er die Operation begann, den jungen Pagen fragte,
welche Form er seinem Einschnitte geben solle, sagte derselbe unwillkürlich:
die des Kreuzes von Bourgogne,
eine Aeußerung, die ihn nicht eher ruhen ließ,
als bis er die Welt verlassen hatte. Sein ganzes Wesen war mehr für den
ausschließlichen Dienst des höchsten Herrn
geeignet, als für den Hofdienst. Er trat, 15 Jahre alt, in das
Benedictinerkloster zu Liessies. Der Abt des Klosters, Egidius Gippus, erkannte
bald die ausgezeichneten Eigenschaften des neuen Zöglings und sendete denselben
nach unter Johann Mucerisse vollendetem Noviziate an die Universität Löwen, daß
er sich wissenschaftlich ausbilde. Blosius verlegte sich hier zunächst auf das
Studium der Sprachen, lernte das Hebräische und Griechische, studirte dann mit
ausgezeichnetem Eifer die Schrift, las die Werke der Kirchenväter, machte
Auszüge aus denselben und gewann eine besondere Vorliebe für die tiefsinnigen
Schriften der deutschen Lehrer des geistlichen Lebens, Tauler
und Suso. Nach seiner Rückkehr von Löwen
machte ihn der Abt zu seinem Vicar und bestimmte ihn zu seinem Nachfolger. Am 11.
Nov. 1530 empfing Blosius die Priesterweihe und zwei Tage darauf ward er, da
indessen der Abt am 2. März 1530 gestorben war, ungeachtet seiner Jugend,
einstimmig gewählt und als Abt benedicirt. Der Zustand des Klosters forderte
durchgreifende Verbesserung. Blosius ging mit großem Eifer an dieß Werk, wurde
aber durch Kriegsunruhen verhindert. Die Mönche flüchteten sich nach Mons, er
selber mit drei Religiosen nach Ath. Mit diesen begann er hier die Regel des hl.
Benedict in ihrer Strenge zu befolgen.
Dasselbe suchte er in Liessies noch Beendigung des Krieges von allen seinen
Mitbrüdern zu erlangen. Er verfaßte zu diesem Ende sein erstes ascetisches Buch:
der Spiegel für Mönche,
das er unter dem Namen Dakryanus herausgab. Diesem
folgte die Regel des geistlichen Lebens,
worin er weise Rathschläge zur
Ueberwindung der Versuchungen und zur allmäligen Vereinigung mit Gott ertheilt.
Aus jeder Zeile, die er schrieb, athmet die tiefste, innigste Frömmigkeit.
Heiligung des Innern durch unablässigen Umgang mit Gott und brüderliche Liebe
gegen Alle mit sorgfältiger Wachsamkeit über sich selbst ist die Summe aller
Anforderungen, die er an seine Brüder stellt. Papst Paul IV. approbirte die von
Blosius erneute und erklärte Ordensregel und wollte, daß sie in allen Klöstern
des hl. Benedict, in welchen Blosius nach dem Auftrage des Kaisers die alte
Zucht und Ordnung wieder herzustellen hatte, als Norm gelten sollte. Durch den
unermüdeten Eifer des Abtes wurde Liessies eine Schule hl. Zucht für sämmtliche
Klöster der Umgebung. Nachdem der erste Widerstand gebrochen und viel Bitteres
verkostet war, fügten sich selbst die Hartnäckigsten; denn das Beispiel des
Abtes, der mit der ausnahmslosesten Selbstverleugnung ganz für seine Brüder
lebte, wirkte mit unwiderstehlicher Gewalt. Seine Liebe und Sorgfalt erstreckte
sich aber nicht blos auf die Mitglieder seines Ordens; wo immer sich Jemand mit
aufrichtigem Herzen und mit ernstem Verlangen nach Heiligung an ihn wandte,
stand ihm das Herz des frommen Abtes offen. Ebenso hat er die Acta S. S., das
Hauptwerk der Boll., kräftigst unterstützt; die reiche Bibliothek seines Stifts
stand den Vätern der Gesellschaft Jesu zu diesem schönen Zwecke allezeit offen **.
Um recht Vielen einen geistlichen Nutzen zu schaffen, schrieb er noch mehrere
Büchlein heiliger Belehrung, geistlicher Uebung und himmlischer Tröstung, deren
sich die Laien eben so wohl, wie die Geistlichen in und außer den Klöstern zu
ihrer Erbauung bedienen konnten ***. Siegreich vertheidigte
er den tiefsinnigen Theologen Tauler gegen seine Gegner und schrieb auch
zugleich mehrere Schriften gegen die neue Lehre der Reformatoren, um die
Gläubigen im alten katholischen Glauben zu befestigen und vor dem Abfalle zu
bewahren. Bis an sein Ende blieb er in seinem Kloster. Oefter wurden ihm hohe
Kirchenwürden und Ehrenstellen angeboten; allein nie konnte man ihn bewegen,
seine geliebte Einsamkeit zu verlassen. Kaiser Karl V. bot Alles auf, ihn zur
Annahme des Bisthums Cambrai und später der Abtei St. Martin in Tournai zu
bewegen, allein es war umsonst. Wo er sein geistiges Leben begonnen, wo er so
viele Erfahrungen der göttlichen Gnade und Hilfe gemacht und so Viele zur
Gottseligkeit angeleitet hatte, da wollte er verharren bis an sein Lebensende.
Dieses kam für ihn am 7. Jan. 1566. Neunundfünfzig Jahre hatte sein Erdenleben
gedauert. Von diesen hatte er nahezu 45 im Kloster gelebt und mehr als 35 mit
gutem Erfolge die Bürde eines Vorstehers des Klosters getragen. Die Leichenfeier
wurde durch Martin Cuperus, Bischof von Chalcedon i. p., Suffragan des
Erzbischofs von Cambrai, vollzogen. Die Leiche wurde beim Eingang in den Chor
der Abteikirche eingesenkt und der Ort mit einem einfachen Marmorsteine und
einer ebenso einfachen Inschrift bezeichnet (1565 **** LOYS
de Blois, Abbé 34.). Später (im J. 1631) erhielt er in der Mitte des Chores ein
schönes Mausoleum mit einer längern Inschrift, welche alle seine Verdienste der
Reihe nach aufzählt. (Bei Ram, vies de Saints etc. S. 89 u. 90 abgedruckt.)
Kirche und Kloster wurden im J. 1793 von der schwarzen Bande
verbrannt. Die
Ruinen wurden im J. 1836 auf Abbruch versteigert. Mit dem hl. Ignatius
von Loyola war er im Briefwechsel gestanden, und die geistlichen Uebungen
dieses Ordensstifters waren gleich anfangs im Kloster zu Liessies eingeführt
worden. Eine öffentliche Verehrung von der katholischen Kirche ist ihm bisher
noch nicht zu Theil geworden; die Benedictiner führen ihn in ihrem Martyrologium
mit der Bezeichnung eines Ehrwürdigen
auf. (Joch. u. Ram.)
* Diese berühmte Benedictiner-Abtei lag an der Grenze von Hainaut und Thierache, unfern der Stadt Avesnes, Bisthums Cambrai; ihre Gründung wird der hl. Hiltrudis, welche hier als Reclusin lebte, zugeschrieben.
** Im J. 1793 wurden die werthvollen Bücher und Handschriften zu Freudenfeuern für das Gelingen der Revolution verwendet.
*** Die Schriften des Ehrw. Abtes Blosius sind außer dem schon erwähnten Speculum Monachorum (1527) und dem Canon vitae spiritualis (1549) folgende: Collyrium haereticorum (1549); institutio spiritualis (1551); brevis regula et exercitia quotidiana tyronis spiritualis (1553); consolatio pussillanimium (1555); margaritum spirituale (1555); conclave animae fidelis (1558); facula illuminandis et ab errore revocandis haereticis (1562). Seine erste Jugendschrift war eine Uebersetzung: comparatio regis et monachi (1527). Noch andere Schriftchen sind unter dem Namen dieses frommen Abtes erschienen, die vielleicht nicht von ihm herrühren. Jocham hat viele derselben in's Deutsche übersetzt. Uebrigens sind dieselben in allen Sprachen erschienen.
**** 1566 nach dem gregorianischen, verbesserten Kalender.
