
Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
S. Mathildis, Reg. Vid. (14. März). Die hl. Mathildis, eigentlich Mahthildis,
zuweilen Mechtildis aber auch Mahilda, Mahilla genannt, Gemahlin des Königs
Heinrich, des Vogelstellers, leitet ihr Geschlecht von dem berühmten Witikind
(Widukind) ab, der unter Carl dem Großen
als Anführer der Sachsen sich rühmlich hervorthat, und nach seiner Unterwerfung
ein eben so gläubiger und frommer Christ als treuer Unterthan wurde. Ihr Vater
war Dietrich, Graf in Westfalen (Thietricus, Ditericus, Thidericus, Theodericus),
* ihre Mutter Reinhildis stammte aus einem Dänisch-Frisischen
Geschlechte. Ihre Großmutter von väterlicher Seite Mathildis, Abtissin in
Herford **, übernahm ihre Erziehung. Näheres ist von ihrer
Familie nicht bekannt. Die kleine Grafentochter wurde an diesem heiligen Orte
(sancta Herfordia) in Lesung der heiligen Bücher wie in Handarbeiten, im
Psalmensingen wie in der Gottesfurcht unterrichtet. In allem dem machte
Mathildis glänzende Fortschritte: obwohl zart an Alter zeigte sie eine gereifte
Frömmigkeit, und schritt ebenso in den Schulgegenständen wie in Handarbeiten
vorwärts. So entfaltete sich mehr und mehr ihre innere und äußere Schönheit und
ihre Tugenden wurden ein Gegenstand allgemeinen Lobes. Sie war so sittsam,
demuthsvoll, freigebig, daß sie allen Gespielinnen in allem dem vorauseilte.
Herzog Otto von Sachsen beschloß deßhalb für seinen Sohn Heinrich, genannt der
Vogelsteller, der damals 33 Jahre zählte, um ihre Hand anzuhalten. Graf Thietmar
begab sich in seinem Auftrage ins Kloster, sah die Jungfrau und nahm, von ihrer
Liebenswürdigkeit und Majestät begeistert, schon am nächsten Tage auch den
jungen Heinrich mit, damit er die Braut sehe, die der Vater ihm geben wollte.
Als er sie im Bethaus erblickte, ihr Psalmbuch in der Hand, in Ehrfurcht
gebietender frommer Andacht, stand sein Entschluß fest, bei der Großmutter in
ihrer Gegenwart um ihre Hand zu bitten. In ausgewählter, seiner Geburt
angemessener Kleidung betrat er mit zahlreichem Gefolge zum zweiten Male das
Heiligthum und begehrte die Abtissin des Klosters zu sprechen. Sie empfing ihn
und sein Gefolge mit Freude und ließ auf seine Bitte auch die Enkelin kommen.
Als sie erschien mit der heitern Stirne, mit dem freundlichen Angesichte, weiß
wie die Lilien und roth wie frische Rosen, erfüllte sich sein Herz mit der
innigsten Liebe, so daß er inständig bat, daß die Jungfrau ihm möchte verlobt
werden. Die Aebtissin schwankte, indem sie nicht wisse, ob ihre Eltern nicht
bereits sie einem Andern verlobt hätten, da gar Viele, durch Geburt und
Schönheit hervorleuchtend, Verlangen nach ihr trügen. Aber schon am folgenden
Tage führte Heinrich seine Braut durch die Städte seines Vaters. Er gab ihr zum
Brautgeschenk Wallhausen (an der Helme) in Thüringen und was dazu gehörte. Hier
wurde im J. 909 auch das Beilager gehalten. Drei Jahre später starb ihr
Schwiegervater Otto, der sie wie sein eigen Kind geliebt hatte. Er erlebte noch
die Geburt eines Enkels, der auch Otto
genannt wurde. Durch Fügung Gottes sollte sie noch höher steigen. Am Anfang d.J.
919, nach Königs Conrad, des Saliers, kinderlosem Tode, bestieg ihr Gemahl den
deutschen Königsthron. Sie selbst bemühte sich von Tag zu Tag an Demuth
zuzunehmen. So kam es, daß ihr heiliges Leben ihr größere Berühmtheit
verschaffte, als die Königskrone. Je erhabener sie war an Macht und Ansehen vor
den Menschen, desto mehr erniedrigte sie sich und ertrug die Ehren der Krone wie
eine Last. Sie bedachte stets die Rechenschaft, welche sie einst vor Gott werde
ablegen müssen. Wenn sie ausging, sagt ihre Lebensbeschreibung, trug sie ein
Kleid von Seide, geschmückt mit Edelsteinen, aber im Herzen trug sie den
köstlichern Schmuck der vollkommenen Gottergebenheit. Ihr Wille fing in Gott an
und endigte wo er angefangen hatte: in Gott. Man kann sagen, Mathildis habe sich
in wunderbarer Weise das Königsschloß zum Kloster umgeschaffen und auf demselben
alle Uebungen vorgenommen, welche man von einer Ordensfrau würde erwarten dürfen.
Ihrer Umgebung erschien sie nie als Herrin, sondern war Allen eine liebe Mutter,
die man, auch wenn sie weniger hoch gestellt gewesen wäre, hätte ehren und
lieben müssen. Nie wendete sich ein Trauriger an sie, der nicht fröhlich von ihr
weggegangen wäre. Jeder erhielt was er begehrte. Selbst der Verurtheilten
erbarmte sie sich und erwirkte ihnen, wo sie nur konnte, durch inständiges
Bitten die Begnadigung. Mit ihrem Mann lebte sie in solchem Frieden, daß beide
nur ein Leib und eine Seele zu seyn schienen. Sie liebten sich beide gleich sehr
in Christo, hatten beide gleiche Neigung zur
Ausübung des Guten, waren beide gleich geneigt, den Willen Gottes als das
einzige Gesetz ihres Willens zu erkennen und zu achten, hatten beide gleiche
Liebe zum Nächsten, gleiches Mitleid für die Unglücklichen, gleiche Sorgfalt für
ihre Unterthanen. Oefter entfernte sie sich in der Stille der Nacht heimlich von
der Seite ihres Gemahls und lenkte ihren Geist zum Gebete, und der König, um sie
nicht zu stören, that, als sähe er sie nicht. Alles, nach dem sie Verlangen trug,
gewährte er, denn sie begehrte nie etwas als was gut und löblich war. Die Lust,
welche die Welt ihr darbot, schätzte sie gering um der Liebe Christi willen. Ihn
ehrte und liebte sie auch in ihrem Gemahl, und so wurde ihre Gattenliebe die
reinste, hingebendste und vollkommenste, die man sich denken kann. Heinrich
erhielt von ihr fünf Kinder: Otto, Gerberga, Haduwin, Heinrich und Bruno.
Die zwei letzten gebar sie, als ihr Gemahl bereits König war. Den König Heinrich
nahm Gott am 2. Juli 936 zu Meinleben zu sich; er bezeugte seiner tief betrübten
Gattin in rührenden Worten seine Dankbarkeit und sagte unter anderm: Nie hat
Einer ein Weib genommen, dessen Treue zuverlässiger, dessen Eifer für alles Gute
erprobter gewesen wäre. Habe Dank dafür, daß du mich besänftigtest wenn ich
erzürnt war, daß du in allen Dingen mir heilsamen Rath gegeben, öfter von der
Unbilligkeit zur Gerechtigkeit und Milde geführt und mich an den Unterdrückten
Erbarmen zu üben gemahnt hast. Ich empfehle dich und unsere Kinder dem
allmächtigen Gott und der Fürbitte seiner Auserwählten und so auch meine Seele,
die nun von dieser Erde scheiden wird.
Nach seinem Tode ließ die fromme Königin
sogleich Nachfrage halten, ob noch ein Priester da wäre, der nichts genossen
hätte, um für die Seele des Königs den Gottesdienst zu halten. Es fand sich
einer Namens Adeldac. Sie gab ihm zur Belohnung ihre
beiden mit bewunderungswürdiger Kunst gefertigten goldenen Armringe. Er wurde
später Erzbischof von Hamburg und Bremen und ist auch dadurch merkwürdig, daß er
die ersten Bischöfe für Dänemark ordinirte. Ihre Trauer um den verstorbenen
Gemahl war so beschaffen, daß sie aufrichtig und ernst, und doch von tiefer
Gottergebenheit durchdrungen war. Sie zeigte nun ihren Söhnen die Leiche ihres
verstorbenen Vaters mit den Worten: O meine liebsten Söhne, ich bitte und
beschwöre euch wiederum bei der Leiche eures Vaters: fürchtet Gott, dienet nur
Ihm allein, in dessen Hand alle Reiche ruhen. Nie streitet miteinander um einer
so flüchtigen und hinfälligen Ehre willen. Sehet, so endet alle irdische
Herrlichkeit: glückselig wer sich ewige Güter erwirbt, die nie aufhören!
Dann
ließ sie den Gemahl im Servatii-Münster zu Quedlinburg, wie er gewünscht hatte,
durch den Bischof Bernhard von Halberstadt königlich bestatten. Das Frauenstift
in Winithehusen, dessen Zucht gesunken war, wurde hieher verlegt, und die
Stiftsfrauen verpflichtet, des Königs beständig im Gebete zu gedenken. Als
Wittwe beging sie den Fehler, daß sie ihren liebsten Sohn Heinrich, später
Herzog von Bayern, vor ihrem Sohne Otto, der vom Vater als Nachfolger auf dem
Königsthrone bezeichnet war, bloß deßhalb bevorzugte, weil dieser, der
Erstgeborene, schon auf die Welt gekommen war, da der Vater nur erst Herzog war,
während er jenen als König erzeugt hatte. Es kam zum Bruderkampfe, der mit
Heinrichs Niederlage endigte. Nachdem er einige Zeit zu Ingelheim gefangen
gesessen, versöhnte er sich mit seinem Bruder und erhielt von ihm im I. 946 das
Herzogthum Bayern. Bis dahin hatte die fromme Mutter viel Schmerz und Herzenleid
zu ertragen. Der drittgeborene, der hl. Bruno, später Erzbischof von Cöln,
studirte noch als der Vater starb. Wittwe geworden, suchte die selige Mathildis
in der Frömmigkeit es Allen zuvorzuthun. Die Lebensbeschreibung erschöpft sich
im Lobe ihrer Gottesfurcht, Geduld, Starkmüthigkeit, Barmherzigkeit,
Friedensliebe, Schamhaftigkeit und Andacht. Einen großen Theil der Nacht brachte
sie im Gebete zu. Wenn sie eine kurze Zeit geschlafen hatte, so weckte sie das
Kammermädchen und ging mit ihr in die Kirche, um zu beten. Oft ging sie dann
erst beim Morgengrauen aber ohne Geräusch in ihr Gemach zurück und legte sich in
ihr Bett. Wurde das Zeichen zur Andacht vor Tages Anbruch gegeben, so erhob sie
sich rasch und ging wieder in die Kirche zum Gebet. Speise und Trank genoß sie
nur so viel, als die Natur nothwendig erforderte. Selten sah man sie erzürnt
oder auch nur stark erregt, denn sie war streng nur gegen sich, nicht gegen
Andere. Bei Tage sah sie Niemand auch nur kurze Zeit müssig. Im Almosengeben war
sie so verschwenderisch, daß ihre Söhne Otto und Heinrich ihre Dotalgüter mit
Sequester belegten und sie anwiesen, sich in ein Kloster zu begeben. Demüthig
fügte sie sich und wählte den Ort ihrer Kindheit, die Villa Enger (Angria) bei
Herford zu ihrem Aufenthalte. (Die Gegend zwischen Ems und Weser heißt ditio
Angerinensis.) Zuweilen wohnte sie auch in der Burg Grohnde (Gruona, Grona,
Gremonata) bei Hameln an der Weser. Diese Zurückgezogenheit betrachtete die
selige Mathildis als eine Fügung Gottes, die Er zu ihrer Besserung über sie
verhängt habe. Sie bewies sich stark im Unglück, bis ihre Söhne zunächst auf
Bitten Editha's, Otto's II. (sic! richtig: Otto I.) Gemahlin, die Maßregel reuig
zurücknahmen. Sie weilte in dem Kloster Pöhlde (Polten, Palidum), nahe bei
Herzberg am Fuße des Harzes, als ihr Liebling Heinrich sie zum letzten Mal
besuchte. Seinen Tod voraussehend, ermahnte sie ihn zu gründlicher Bekehrung. Er
starb bald darauf zu Regensburg am 1. Nov. 955. Einige Jahre vorher war Editha,
die Gemahlin Otto's I., die sich für die Zurückrufung der Königin Mutter
verwendet hatte, gestorben. Der König verehlichte sich zum zweiten Mal mit
Adelheid, der Wittwe des Königs Lothar (932-950),
die er gegen die Bedrückungen Berengars geschützt hatte. Als die Nachricht vom
Tode des Herzogs Heinrich der heiligen Mathildis hinterbracht wurde, befand sie
sich eben in Quedlinburg. Sie wurde blaß im Gesichte, kalter Schauer durchlief
ihre Glieder, sie ließ das Angesicht in das Buch sinken, mit welchem sie eben
beschäftiget war, brach in Thränen aus, und konnte den ganzen Tag nicht mehr
aufhören zu weinen, noch einen Bissen Nahrung zu sich nehmen. Sie ordnete an,
daß für den Verstorbenen gebetet würde und betete selbst für ihn, der so selten
freudenvoll lebte und fast alle Tage seiner irdischen Pilgerfahrt in Angst
zugebracht hat.
Dieser Todesfall benahm ihr aber vollends alle Anhänglichkeit
an die irdischen Dinge. Nichts Vergängliches hatte ferner einen Reiz für sie.
Sie wollte keine weltlichen Gesänge mehr hören und kein Vergnügen mehr genießen;
sie las nur mehr geistliche Schriften, besonders solche die vom Leiden Christi
und den lieben Heiligen handelten. Sie erstieg allmählich die letzte Stufe der
Vollkommenheit. Sie redete nur was nothwendig und nützlich war. Den Waisen,
Wittwen und Pilgern war sie eine zweite Mutter. Zweimal täglich theilte sie in
Person Speisen an die Armen aus, indem sie Christum in ihnen zu nähren glaubte.
Den Kranken, welche nicht zu ihr kommen konnten, schickte sie Obst und die
besten Speisen, wobei es manchmal geschah, daß dieselben durch die von ihr
gesendete Erquickung geheilt wurden. Diese fromme Liebe dehnte sie auch auf die
unvernünftigen Thiere aus: ein Hahn war der Gegenstand ihrer besondern Pflege,
weil er durch sein Krähen die Christgläubigen zum Dienste Christi erwecke.
Den
Vögeln ließ sie Brodkrummen und andere Nahrung aufstreuen, damit sie den Namen
ihres Schöpfers preisen.
Wie wohlgefällig dieß der liebe Gott sah, zeigte sich
eines Tags an einem wunderbaren Vorfalle mit der jungen Hirschkuh, welche in den
Mauern des Klosters zu Quedlinburg zahm gehalten wurde. Dieselbe verschluckte
nämlich das goldene Weinkrüglein, in welchem die Heilige den Wein zum heiligen
Opfer darzubringen pflegte. Umsonst versuchten die erschreckten Anwesenden durch
Schlagen, Drohen, Händeklatschen den Raub wieder zu erlangen. Da hielt die
Königin ihre Hand an den Mund des Thieres und sprach mit sanfter Stimme: Gib
her; was du genommen gehört uns!
Kaum hatte sie dieß gesagt, als das Thier das
verschluckte Gefäß wieder von sich gab. Wenn sie eine Reise machte, so ließ sie
Kerzen mittragen, die sie an die Capellen und Kirchen verschenkte, an welchen
sie vorüberkam, und Speisen für die Armen, welche ihr etwa auf dem Wege
begegneten. Wenn sie las oder schlief, hatte Richburgis, ihre Hofdame, den
strengsten Auftrag, es für sie zu thun. Im Winter sorgte sie allenthalben für
offene Wärmestuben, damit die Armen nicht frieren dürften, für Laternen, damit
sich in der nächtlichen Dunkelheit Niemand verirre. Auch Bäder ließ sie den
Armen zubereiten, die sie öfter selbst bediente. Immer war sie mit Handarbeiten
beschäftigt; bevor sie ihr selbst auferlegtes Pensum verrichtet hatte, pflegte
sie nichts zu essen. Stets las oder betete sie oder hielt Betrachtung oder that
irgend etwas Nützliches und dem Nächsten Zuträgliches. Auch war sie dabei
eifriger für Andere in nützlicher Thätigkeit, als für sich. An sich selber
dachte sie immer zuletzt. Zu der heil. Messe, die sie keinen Tag versäumte,
brachte sie jedesmal die Oblation (Brod und Wein) für das Wohl und den Nutzen
der ganzen heiligen Kirche. Sie stiftete drei Klöster: Nordhausen in Thüringen,
Quedlinburg im Herzogthum Sachsen und Pöhlde (Poled), die ersten beiden für
Frauen, das letzte für Männer. Oefter besuchte sie die Klosterschulen, um sich
von den Fortschritten der Zöglinge zu überzeugen. Wie alle Heiligen, so hatte
auch Mathilde die Gabe der Thränen. Anfänglich flossen sie freilich am öftesten
wegen irdischer Leiden, aber die Gnade des Herrn wandelte sie allmählich in
Thränen der heiligen Liebe um, indem sie sowohl ihre eigene Unvollkommenheit,
als auch die Leiden der Mitmenschen beweinte. Aber die Güte des allmächtigen
Gottes wirkte sogar Wunderthaten mit ihr. Als sie einmal zu Quedlinburg in der
Tiefe des Thales einen Armen erblickte, der am Jahrtage ihres Gemahls Heinrich
leer ausgegangen war, ergriff sie hurtig ein Stück Brod, machte das Kreuzzeichen
darüber, rief den Namen Christi an, und warf es aus der Höhe hernieder. Das Brod
sprang von einer Stelle zur andern abwärts über Felsen und Zäune und fiel
zuletzt dem Armen in den Schoos, dem sie es zu geben beabsichtigt hatte. Daß ihr
die Gabe des Hellsehens und der Weissagung zu Theil geworden war, zeigt ihre
Lebensbeschreibung durch mehrere Beispiele. Als ihr Enkel Otto auf die Welt kam,
beugte sie ihre Kniee zur Erde, rief die Gott dienende Schaar zusammen, ließ
Lobgesänge anstimmen, die Kirchenglocken läuten und sprach: dieser wird einst
an Ruhm die Andern überstrahlen und uns Eltern zur Zier gereichen.
Nach Ostern
des J. 965 sah sie zum letzten Male in diesem Leben alle ihre Lieben zu Cöln.
Kaiser Otto I. war mit seinem Bruder Bruno, seinen Söhnen Otto und Wilhelm dahin
gekommen. Auch Gerberga mit ihren Söhnen Lothar und Carl, vielleicht auch die
Abtissin Hedwig, war erschienen. Die alte Königin bildete des Festes Mittelpunkt.
Von ihren Sprößlingen mit hohen Ehren empfangen, brachte sie Christo Preis und
Dank für das Wohlergehen Aller, besonders aber dafür, daß ihr kaiserlicher Sohn
wohlbehalten in solcher Herrlichkeit aus Italien zurückgekommen war. Sie empfahl
ihnen neben andern Dingen vorzüglich die Einrichtung und Vollendung des Klosters
zu Nordhausen. Hier sah sie etwa im Juli 966 nochmal ihren Sohn, den Kaiser Otto
I., welcher nach siebentägigem Aufenthalte sich nach Anhörung der hl. Messe von
ihr verabschiedete. Sie küßten sich gegenseitig und weinten; auch Alle, die
dabei waren zerflossen in Thränen. Die Königin eilte darauf in die Kirche zurück
und küßte weinend die Stelle, an welcher ihr Sohn während der Meßfeier gestanden
hatte. Als dieß dem Kaiser gemeldet wurde, kehrte er wieder zurück und abermals
kamen sie ins Gespräch, das die fromme Mutter zuletzt mit den Worten abbrach:
Was frommt es uns, länger zu verweilen. So sehr wir widerstreben mögen, müssen
wir uns doch von einander losreißen. Wenn wir einander noch länger anschauen, so
werden wir unsere Betrübniß nicht mindern, sondern vielmehr erhöhen. So gehet
nun im Frieden Christi!
*** Ihr Sohn Bruno, Erzbischof von
Cöln, war noch im J. 965 am 11. Oct. zu Rheims gottselig gestorben. Die hl.
Mathilde, obwohl sehr angegriffen, faßte sich in Geduld, um als elende Sünderin
in immer tieferer Verwaisung die Last des Lebens zu tragen. Als sie ihr Ende
nahen fühlte, begab sie sich von Nordhausen in das Stift Quedlinburg, ihre und
ihres Gemahls Lieblingsstiftung. Nochmals befahl sie zum Heile ihrer Seele
reiche Spenden an die Armen, Klöster und Kirchen zu vertheilen. Der Bischof
Wilhelm von Mainz, ihr Enkel, der selbst, ohne es zu wissen, dem Tode näher
stand, als die hl. Mathildis, versah sie mit den hl. Sacramenten - obiturus
obituram. Sie schaute im Geiste sein frühes Ende und sagte es ihm voraus. Als er
ihr nämlich nach dreitägigem Verweilen seinen Caplan zu weiterer Hilfeleistung
zurücklassen wollte, sprach sie: Es ist nicht nöthig, Ihr bedürfet seiner mehr
als ich. Gehet im Frieden Christi, wohin sein Wille es bestimmt hat.
So war es:
der Bischof starb plötzlich auf der Reise zu Radulferode am 2. März 968. Umsonst
suchte man der hl. Mathildis diesen Todesfall zu verheimlichen. Ich weiß
,
sprach sie, daß Bischof Wilhelm aus dieser Welt gewandert ist, und dieß
vermehrt meine Schwäche. Lasset die Glocken läuten und die Armen zusammenkommen,
damit sie Almosen empfangen zur Fürbitte bei Gott.
Auch ihre treue Dienerin
Richburgis, nun Abtissin von Nordhausen, hatte sie an ihr Sterbebett gerufen. Am
Samstag nach dem ersten Sonntag in der Fasten beichtete sie nochmal und empfing
aufs Neue die hl. Communion. Hernach bat sie, die Nähe des Todes fühlend, alle
Umstehenden für ihre hinscheidende Seele zu beten, und mit Ablesung des
Evangeliums und Psalmengesang so lange fortzufahren, bis die Seele sich vom
Leibe getrennt hätte. Sie hob Augen und Herz gen Himmel, und betete unablässig
mit ausgebreiteten Händen. Unterdessen war es neun Uhr geworden. Jetzt befahl
sie, daß ein härenes Gewand auf den Boden gebreitet und ihr sterbender Leib
darauf gelegt werde; sie streute mit eigener Hand Asche auf ihr Haupt und
verschied mit dem Zeichen des hl. Kreuzes. Die Lebensbeschreibung, der wir dieß
entnommen haben, schließt mit den schönen Worten: Der Herr sei in ihr gepriesen
und sie in dem Herrn. Er, dessen Lob ihr Mund unaufhörlich pries, ist auch ihr
Lob. Ihm gebührt Ehre und Herrlichkeit, Ruhm und Macht ewiglich.
Ihr
Hinscheiden erfolgte am 14. März 968, zu der Stunde, in welcher sie sonst die
Armen erquickte. An diesem Tage steht ihr Name auch im Mart. Rom., dessen
deutsche Ausgabe sie in folgender Weise aufführt: Zu Halberstadt in Deutschland
(statt des Todesortes ist hier der Name des Bisthums gesetzt) das Entschlafen
der heiligen Königin Mathildis, des Kaisers Otto I. Mutter: sie war in Demuth
und Geduld vortrefflich.
Sogar Giesebrecht kann nicht umhin, hier der Wahrheit
Zeugniß zu geben und sich für ihr Lob zu begeistern, indem er schreibt: Selten
hat sich weltlicher Ruhm und irdische Höhe so wahr und aufrichtig dem Dienste
des Herrn ergeben, als es in dieser ausgezeichneten Frau der Fall war. Ihr
Beispiel und ihre unermüdliche Thätigkeit haben für die Gesittung und
christliche Erweckung des Sachsenvolkes mehr gethan als man sagen kann. Mit
Freude und Stolz muß der Deutsche setzt noch ihren Namen nennen, denn mit
demselben sind die schönsten und rühmlichsten Erinnerungen unserer Geschichte
innigst verknüpft.
Ihr Leib ruht neben dem ihres Gemahls, zur Zeit ohne
Verehrung, in der Krypta der Schloßkirche zu Quedlinburg. Vor dem steinernen
Altare, der als Ruine noch steht, sind die Grabsteine der beiden königlichen
Gatten. Mit der Reformation ging in den Ländern, welche ihr zufielen, das
Bedürfniß und das Verständniß, Gott in seinen Heiligen zu ehren, verloren. Das
zu Quedlinburg gestiftete adelige Kloster wurde um diese Zeit in ein
freiweltliches adeliges Stift
verwandelt. Die Damen, welche in ihm lebten, und
ihre Vorsteherinnen hatten den Geist und den Glauben ihrer hl. Stifterin
eingebüßt. Im ganzen Stift wurde der katholische Cultus verboten. Es war also
kein Nachtheil für die Religion, daß im J. 1803 diese Abtissinnen
und
Stiftsdamen
zu bestehen aufhörten, und der westphälische König Jerome im J.
1812 dem Stift selbst ein Ende machte. Später wurde eine Waisenanstalt an dessen
Stelle gegründet (Heyer'sche Stiftung), welche noch besteht. Gegenwärtig
befindet sich wieder eine kleine katholische Gemeinde in Quedlinburg, welche mit
vieler Mühe sich ein Kirchlein erbaut hat. Nordhausen ist jetzt eine preußische
Stadt; von der zu Ehren der Mutter Gottes und des hl.
Kreuzes gemachten Stiftung der Heiligen ist aber keine Spur mehr vorhanden. Nur
ihr Standbild beim Hochaltare des Doms hat sich durch die Ungunst der Zeiten bis
auf unsere Tage gerettet. Das Kloster Pöhlde kam später an
Prämonstratenser-Nonnen, ist aber jetzt gleichfalls aufgehoben. Auf Abbildungen
erscheint Mathildis in ihrer zweifachen Eigenschaft als Königin und
Klosterstifterin, manchmal auch als Wohlthäterin der Armen. (II. 356-370).
* Einige geben an, er sei ein Oldenburgischer Graf
gewesen, jedoch läßt sich diese Angabe nicht geschichtlich erweisen. Sein
Wohnort heißt Villa Enger
, u.w. von Herford. Dort stand ehedem Widnkinds Burg,
deren Reste jetzt noch gezeigt werden. (Clarus, die hl. Mathilde, S. 22.)
** Nicht Erfurt, wie Butler (IV. 20) und v. A. nach ihm schreiben. (Vgl. Pertz mon. hist. VI. scr. IV. 284 et 285.) Die Literatur über die hl. Mathilde ist ziemlich reich. Eine recht gut geschriebene populäre Biographie, von Dr. Schwarz, ist in Regensburg 1846 erschienen. Auch das ausführlichere Buch von L. Clarus: Die hl. Mathilde, Münster 1867 haben wir benützt. Dazu noch Strunck, Westphalia Sancta etc. I. 68 bis 80.
*** Es ist auffallend, wie oft der Biograph hier und anderwärts des Klosters Nordhausen erwähnt, so daß es fast den Anschein gewinnt, er habe mehr für die Vortheile dieses Stiftes, als zum Ruhme seiner hl. Stifterin geschrieben.
