
Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
S. Othmarus, Abb. (16. Nov., al. 15. Apr., 25. Oct.). Die Biographie des
heil. Abtes Othmar (auch Otmar, Audemarus und Automarus genannt) von St. Gallen
setzte etwa hundert Jahre nach seinem Tode Abt Gozbert aus erhaltenen
Bruchstücken zusammen. Walafrid Strabo hat sie überarbeitet und der
Schulvorsteher Iso (gest. im J. 871) vollendet. Aus gräflichem Geschlechte
entsprossen, stand er als Pfarrer der Kirche des hl. Florin
zu Ramünsch vor, welches dem Grafen Victor von Chur- Rhätien unterstand. Er war
nicht in St. Gallen, sondern an der Domschule zu Chur gebildet und daselbst zum
Priester geweiht worden. Ob hier noch der Ambrosianische Ritus in Uebung war,
welcher im Mailändischen dermalen noch vorgeschrieben ist, gehört nicht hieher.
Er hinderte damals so wenig wie jetzt die Glaubens- und Liebesgemeinschaft mit
der römischen Kirche und die gehorsame Unterordnung unter die Nachfolger des hl.
Petrus. Von Carl Martell auf Betreiben des Grafen
Waldram im J. 720 zum Abte von St. Gallen (custos S. Gallunis) ernannt und vom
Bischof Boso bestätigt (vgl. Brusch. chronol. p. 408), vertauschte er seine
weltliche Priesterkleidung mit der klösterlichen. Mit kräftiger Hand ordnete er
die Verwaltung der Güter, die Disciplin und die Räumlichkeiten nach Art eines
ordentlichen Klosters. Alle gottselig gesinnten Leute lud er freimüthig zum
Eifer in der Gottseligkeit ein, so daß in wenigen Jahren viele Brüder
herbeigezogen waren, unter seiner Leitung dem Dienste eines heil. Lebens sich zu
widmen, und Manche derselben ihre Besitzungen dem Kloster schenkten, und dadurch
dessen Besitzstand erweiterten. Gleich im Anfange seiner Amtsführung stand das
Kloster in solchem Rufe, daß die neugegründete Abtei Tegernsee sich von St.
Gallen die ersten Mönche erbat. Auf seiner Reise nach Italien im J. 747 besuchte
Carlmann das Kloster und empfahl es der Obhut seines
Bruders Pipin. Der hl. Othmar selbst überbrachte den Empfehlungsbrief und erhielt
bei dieser Gelegenheit den Auftrag, statt der harten Regel des heil. Columban
die viel mildere des hl. Benedict einzuführen,
und erhielt zum Zeichen seiner Hochachtung und Gewogenheit von Pipin eine Glocke
zum Geschenke. Die Regel des hl. Benedict wurde also nicht, wie Heber in seinen
christlichen Glaubenshelden
, S. 259 träumt, deßhalb eingeführt, weil sie den
Abt zum Statthalter Christi machte und die Bibel beseitigte. Eine ähnliche
wahnsinnige Anklage desselben Gelehrten werden wir am Schlusse des Artikels
bringen. Bleiben wir jetzt bei der Schilderung Walafrid's. Der heil. Othmar war
ein sehr enthaltsamer Mann. Seinen Leib züchtigte er durch öfteres Fasten und
mit diesem Schilde gegen die Versuchungen bewaffnet, liebte er die Nachtwachen
und hielt die Zerstreuungen des Geistes durch anhaltendes Gebet zurück. Die
Selbstverdemüthigung und die freiwillige Armuth übte er in so hohem Grade, daß
er auf alle Weise dem irdischen Ruhme auswich. Für die Armen war er nicht bloß
sehr besorgt, sondern übernahm auch deren Verpflegung am liebsten selbst, ohne
dieselbe an Andere zu überlassen. Von dem Armenhause abgesondert, errichtete er
ein eigenes Hospiz für die Aussätzigen, welchem er seine persönliche Sorge so
sehr zuwendete, daß er oft in den Nachtstunden das Kloster verließ, um die
Siechen mit bewunderungswürdiger, gottseliger Hingebung zu pflegen. Er wusch
ihnen Kopf und Füße, trocknete eigenhändig deren Eiter ab und reichte ihnen die
nöthige Nahrung. Ob unter seiner Leitung das Glossarium über die heil. Schrift
mit eingeschriebener deutscher Uebersetzung begonnen wurde, läßt sich allerdings
nicht beweisen, aber sicherlich hat er nicht geringen Antheil an dem großen
Aufschwung, welchen das Stift St. Gallen schon um diese Zeit auch in
wissenschaftlicher Hinsicht gewonnen hat. Der Bischof Sidonius von Constanz
wünschte um jene Zeit, daß von seinen drei Neffen der eine sein Nachfolger auf
dem bischöflichen Stuhle, von den beiden Andern aber der Eine Abt von Reichenau,
der Andere Abt von St. Gallen würde. Als daher die fränkischen Beamten Warinus,
Graf im Thurgau und Linzgau, und Ruodhard, Graf im Argengau, die Besitzungen von
St. Gallen bedrängten, fanden sie in dem Bischofe einen Gehilfen. Umsonst hatte
König Pipin die Sache zu Gunsten des hl. Othmar entschieden. Es erfolgten neue
Bedrängungen, und als der heil. Abt abermals in der Absicht, Schutz und Hilfe zu
erlangen, eine Reise an den Hof machen wollte, nahmen sie ihn gefangen. Ein
gedungener Ankläger mußte ihn des Ehebruchs beschuldigen. Er habe eine, seitdem
verstorbene, Frau gekannt, sagte der Ankläger, die ihm das versichert habe. Der
heil. Othmar berief sich vergeblich auf das Zeugniß des Allwissenden, daß er
unschuldig sei an dem Verbrechen, welches man ihm vorwerfe; er wurde verurtheilt
und in die Burg Bodmann am Bodensee eingesperrt. Sogar durch Entziehung der
Nahrung wurde er gepeinigt, so daß nur ein treuer Klosterbruder, Perathgoz,
durch heimlich zugeführte Speise ihn am Leben erhielt. Endlich durfte der
Gefangene auf Verwendung des Gutsbesitzers Gozbert von Eschenz auf die
Rheininsel Werd gebracht werden, wo er unter unablässigen geistlichen Uebungen
am 16 Nov. 759 sein Leben beschloß. Schon im folgenden Jahre starb auch der
Bischof an Dysenterie (Gewissensbissen?), nachdem er einige Zeit auch die
Einkünfte von St. Gallen unter dem Namen Abt sich zugeeignet hatte. Hier wurde
er auch begraben. Nach erkannter Unschuld (der treulose Mönch Lambert, welcher
den falschen Zeugen gemacht hatte, wurde an allen Gliedern gelähmt, kehrte in
sich, und entdeckte die gegen den hl. Abt geschmiedete Verleumdung) führten die
Mönche von St. Gallen nach zehn Jahren (770) die noch unversehrte Leiche in sein
Kloster, dem er 40 Jahre als Abt vorgestanden war, über den Bodensee zurück.
Seine Grabstätte in der St. Peters-Capelle wurde durch Wunder verherrlicht. Nach
104 Jahren zählte man ihn den Heiligen bei. Seine authentischen Reliquien werden
jetzt noch in der Domkirche von St. Gallen aufbewahrt und verehrt. Ueber seinem
Grabe zu Werd (Wörd, Wärdt) befindet sich eine Capelle, deren Altar die folgende
(lateinische) Inschrift trägt: Lobet den Herrn im heil. Othmar, dessen heil.
Ueberreste hier einst begraben, zehn Jahre nach seinem Tode aber in das Kloster
St. Gallen übertragen wurden im J. 770.
Eben diese Inschrift zeigt die
Grundlosigkeit und fanatische Feindseligkeit Heber's (l. c. S. 264): Seinem
Knochen-Petrefact wurde göttliche Ehre erwiesen.
Später entstand an diesem Orte
eine Wallfahrt, welche besonders von Müttern, deren Kind er an Hunger-Ettiken
(sic) litten, viel besucht wurde. Der Pfarrer von Eschenz hält zuweilen hier an
Werktagen Gottesdienst, wobei sich immer noch viele Andächtige und Hilfesuchende
einfinden. (Vgl. Kuhn, Thurgovia Sacra I. Lieferung, S. 111 und 112.) Merkwürdig
ist die Notiz einer alten Chronik (Pertz, mon. scr. IV. 530), nach welcher er
dem hl. Wolfgang von Regensburg in einer Erscheinung
die bischöfliche Würde ankündigte. Die Boll. notiren diesen hl. Abt am 15. April
(II. 371), an welchem Tage zu St. Gallen das Uebertragungsfest gefeiert wird
(Burg. II. 150), und seine Translation zum 25. Oct. (XI. 391.) Abbildungen
zeigen uns einen Abt im Benedictiner-Gewande, und neben ihm ein Weinfaß, weil es
nach der Legende stets gefüllt blieb, so viel er auch daraus nahm. Auch die
benachbarten Bisthümer, z.B. Augsburg, Basel etc. begehen sein Andenken.

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