
Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
S. Stephanus, Diac. et Protomart. (26. Dec. al. 7. Mai, 3. August). Das
glorreiche Leben und Ende des heil. Erz- oder Erstlings-Martyrers Stephanus ist
ausführlich in der Apostelgeschichte enthalten, auf welche wir verweisen. Auf
seinem Grabsteine fand man den syrischen Namen Cheliel
oder Chelial
, d. i.
Krone Gottes
, so daß man aus dem griechischen Namen, den er in der
Apostelgeschichte führt, nicht mit voller Sicherheit auf seine griechische
Abkunft schließen könnte, wenn nicht seine mit Juden griechischer Zunge
gehaltenen Disputationen, welche griechische Sprache und Bildung zur
Voraussetzung haben, diese Annahme im voraus rechtfertigten. Hiemit läßt sich
dagegen die fast allgemein getheilte Meinung, der hl. Stephanus sei einer der 72
Jünger Jesu gewesen, nicht vereinigen. In der ersten Christengemeinde zu
Jerusalem war er durch die kräftige Fülle seines Glaubens, durch feurige
Beredsamkeit und innige Liebe zu Jesus ausgezeichnet. Auf ihn fielen daher die
meisten Stimmen, als es sich darum handelte, die Armenpflege vom Dienste der
Apostel auszuscheiden. Die Wahl berechtigte aber noch nicht zur Ausübung des
Amtes. Man brachte ihn also vor das Apostelcollegium, und diese weihten ihn durch
Handauflegung und Gebet. Sein Amt bestand zunächst in der Aufsicht über die
Wittwen, welche dem Dienste der Armen vorstanden, und die Pflege der Armen
überhaupt. Hiemit war wie in späterer Zeit zugleich die Sorge über das
Kirchengut verbunden. Kirchengut und Armengut sind Begriffe, die sich kirchlich
genommen gegenseitig decken. Auch die Bedürfnisse des Gottesdienstes wurden ja
durch die Almosen der Gläubigen bestritten, und die Kirchendiener bezogen ihren
Unterhalt aus derselben Kasse wie die Armen. Mehr als sie bedurften, sollten und
durften auch sie nicht bekommen. Dazu war der hl. Stephanus auch als Prediger
des Evangeliums thätig. Er bewirkte so zahlreiche Bekehrungen, auch unter den
jüdischen Priestern, daß die Juden den gänzlichen Untergang der Synagoge
befürchteten. Auch war er mit außerordentlicher Wunderkraft ausgerüstet, durch
welche er, wie die Apostelgeschichte hervorhebt, vorzüglich auf das Volk wirkte.
Die großen Wunder
, die er that, standen mit seinem Diaconatsamte im engsten
Zusammenhang, weßhalb wir uns dieselben nur als solche der erbarmenden,
heilenden und rettenden Liebe denken dürfen. Wenn es heißt: Er war voll Gnade
und Kraft,
so will das allerdings sagen: die Gnade wirkte kräftig in ihm, aber
nicht sie allein, er ließ es an kräftiger Mitwirkung nicht fehlen. Um sich eine
richtige Vorstellung von seiner Wirksamkeit zu machen, darf man nicht übersehen,
wie die Juden es für nöthig hielten, mehrere Synagogen: die römische (sie hieß
die Synagoge der Libertiner, d. i. der Freigelassenen), die africanische (aus
Cyrene und Alexandria) und die asiatische (aus Cilicien und dem eigentlichen
Asien) gegen ihn zu vereinigen. Doch fiel die eingeleitete Disputation zu ihren
Ungunsten aus, da sie der Weisheit und dem Geiste, der (aus ihm) redete, nicht
widerstehen konnten.
Jetzt aber wurde, wie allemal in solchen Fällen,
Hinterlist und Gewalt angewendet, um sich seiner zu entledigen. Man stellte ihn
vor den hohen Rath, unter der von falschen Zeugen bestätigten Beschuldigung: er
rede fortgesetzt wider Moses, d. i. das Gesetz, und den heiligen Ort, d. i.
gegen den wahren Gottesdienst. Er stand vor seinen Anklägern und Richtern mit
dem Ausdrucke so großer Unschuld und Reinheit in Angesicht und Haltung, daß
Alle, die ihn ansahen, einen Engel zu sehen glaubten.
Seine Vertheidigungsrede
wolle man in der Apostelgeschichte nachlesen. Die Anklage widerlegt er dadurch,
daß er die göttliche Auserwählung und Führung des Volkes Israel von der Berufung
Abrahams angefangen nachweist, und ein vollkommen rechtgläubiges Bekenntniß
ablegt. Mit größter Ausführlichkeit redet er auch von Moses, durch dessen Hand
Gott das Volk erretten wollte, der aber nach Madian flüchten mußte, weil es ihn
nicht annahm, später aber nochmals als Gesandter Gottes vor ihm erschien, sich
als solchen durch Wunder und Zeichen legitimirte, und sein Volk wirklich
befreite. Die Wahl seiner Worte und deren Zusammenstellung lassen keinen Zweifel,
daß er zwischen Moses und Christus, dem Vorbilde und der Erfüllung, und zwischen
dem Verhalten der Juden gegen beide eine Vergleichung anstellen wollte.
Besonders klar geht dieß aus folgender Stelle hervor: Eben dieser Moses, den
sie verleugneten, da sie sprachen: Wer hat dich zum Fürsten und Richter bestellt?
diesen hat Gott zum Fürsten und Erlöser gesendet mit der Hand des Engels, der
ihm im Dornbusche erschienen ist.
Dieser Engel ist Christus.
Aber ihre Väter gehorchten ihm nicht, sondern kehrten mit ihren Herzen wieder
nach Aegypten zurück, und so trieben sie es fort, bis sie nach Babylon in die
Gefangenschaft abgeführt wurden. Das heilige Zelt, das Moses auf Gottes Geheiß
errichtet hatte
, und für welches Salomon später den Tempel erbaute, deuteten
sie irrig wie die Heiden, als ob er, der Höchste, sich in einem Gebäude, das
Menschenhände aufgerichtet, einschließen lasse. Hiemit war seine Vertheidigung
geschlossen, und Niemand konnte und wollte eine Einwendung erheben. *
Daran schließt sich als zweiter Theil seiner Rede die Darlegung, daß die
Israeliten auch jetzt noch ihren Vätern ähnlich seien: das Fleisch sei
beschnitten; den Buchstaben des Gesetzes bewahrten sie sorgfältig, aber dem hl.
Geiste, der aus demselben redet, leisteten sie Widerstand; wie ihre Väter die
Propheten mordeten, welche die Ankunft des Gerechten
verkündeten, so hätten
sie Ihn selbst, als Er kam, an die Heiden verrathen und gemordet, und so kam er
zu dem Schlusse: das Gesetz und der Tempel ist heilig; - ihr, nicht ich, nicht
die Jünger Christi, ihr seid die Verächter; ihr habt das Gesetz durch die
Dienstleistung der Engel empfangen, aber nicht gehalten.
Eine Widerlegung war
unmöglich. Kein Wunder, daß sie diese vernichtende Rede nicht ertragen konnten:
Da sie das hörten, schnitt es ihnen mitten durch die Herzen, und sie knirschten
mit den Zähnen wider ihn.
Er aber, da er voll des hl. Geistes war, blickte
aufwärts zum Himmel, und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesum zur Rechten
Gottes stehen. Und er sprach: Sehet, ich sehe den Himmel offen, und den Sohn
des Menschen stehend zur Rechten Gottes.
Da hielten sie, mit lauter Stimme
schreiend, die Ohren zu, und stürmten Alle wie ein Mann auf ihn los. Und sie
trieben ihn bei der Stadt hinaus und steinigten ihn. Er aber rief zu Gott und
sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!
Dann warf er sich auf die Kniee und
betete mit lauter Stimme rufend: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!
Und
nachdem er dieses gesagt und sterbend für seine Verfolger gebetet hatte,
entschlief er im Herrn. So geschehen im 7. Monate nach der Auffahrt Christi, im
18. Jahre des Kaisers Tiberius. Von diesem Tage an wurde die Verfolgung der
Kirche Gottes groß; die Christen zerstreuten sich mit Ausnahme der Apostel im
ganzen Lande und in Samaria. Namentlich Saulus,
welcher dem Tode des hl. Stephanus zugestimmt und die Kleider der Steiniger
bewahrt hatte, fing an, gegen die Gläubigen förmlich zu wüthen. Seine Bekehrung
schreiben die Väter der Fürbitte des heil. Stephanus zu. Gottesfürchtige Männer
bestatteten seine Leiche und hielten große Trauer um ihn. Es ist nicht zu
zweifeln, daß sie auch die vom Blute des Erzmartyrers gerötheten Steine
sorgfältig sammelten und aufbewahrten. Einer derselben wird zu Rom in der
Sebastianskirche und ebenso bei San Lorenzo bis auf
den heutigen Tag gezeigt. Was die fromme Ueberlieferung von seinem Begräbnisse
und der Auffindung seiner Reliquien im J. 415 erzählt, für welche der hl.
Augustinus als Zeuge einsteht, ist in diesem Werke
(II. 350) schon berichtet. Dieselben wurden, wie bei
Nicetas zu lesen ist, anfänglich auf dem Berge Sion, und hernach in einer von
einem Senator, Namens Alexander, zu seiner Ehre erbauten Kirche beigesetzt. Auch
die Kaiserin Eudoxia, Gemahlin Theodosius II.,
erbaute zu seiner Ehre an dem Orte seiner Steinigung eine Kirche. In der Folge
kamen dieselben nach Constantinopel und von da um die Mitte des 6. Jahrh. unter
dem heil. Papste Pelagius I. (vom Jahre 555-560),
der diese Vergünstigung von dem Kaiser Justinian erlangt hatte, nach Rom, wo der
größte Theil derselben unmittelbar an der Seite des hl. Laurentius in demselben
Grabe bestattet ist. Die Uebertragungsfeier wird am 7. Mai, seine Auffindung am
3. August begangen. Papst Leo III. brachte bei seinem
Besuche in Westphalen, im J. 799, Reliquien des heil. Martyrers nach Paderborn
und weihte in der dortigen, von Carl d. Gr.
erbauten Domkirche einen Altar zu Ehren dieses Heiligen ein Das Gleiche that er
in Detmold. Das Bisthum zu Halberstadt stellte der genannte Kaiser unter den
Schutz des hl. Stephanus. Auch für das Kloster Neu- Corvey wurde er zum ersten
Patron erkoren. (Kampschulte, westfäl., K.-P. S. 46. ff.) Kleinere Reliquien
finden sich fast überall. Sein Haupt wird zu Pavia verehrt. Auf Bildnissen sieht
man den hl. Erzmartyrer gewöhnlich in seinem Martyrium dargestellt. Einzeln
findet er sich meistens als Diacon, die Palme und einen Stein in der Hand, oder
im Levitenkleide tragend. In der St. Laurentiuskirche zu Rom trägt er ein Buch
mit der Inschrift: adhaesit anima mea, d. h. meine Seele ist treu geblieben
(Ps. 62, 9.) Auf andern Bildern ist er, weniger passend, mit einem
Weihrauchfasse dargestellt. In einer africanischen Kirche sah man ihn, wie
Evodius berichtet, als Jünger Jesu, das Kreuz tragend, abgebildet. Die zu seiner
Ehre erbauten Kirchen und Altäre sind zahllos. Besonders sind ihm seit alter
Zeit die meisten Gottesäcker geweiht. Im Kirchengebete zu seiner Ehre rufen wir
zu Gott um die Gnade der Feindesliebe, die der Heilige sogar im Tode noch so
glänzend geübt hat. Zugleich begeht man an seinem Festtage das Andenken an alle
heiligen Martyrer.
* Sehr übersichtlich ist die Analyse von Bisping.
Erkl. der Apg. S. 114: Angeklagt, 1) daß er Gott gelästert habe (6, 11) preiset
er die Herrlichkeit Gottes und seine gnadenvollen Erbarmungen gegen das
auserwählte Volk; beschuldigt 2) daß er lästerliche Worte gegen Moses gesprochen
(ebend.), redet er ausführlich von dessen Geburt, Rettung, Erzieh ung und
Berufung zum Retter Israels und von sein er Weihe zum Propheten; bezichtigt 3)
daß er den Tempel gelästert (6, 13 f), spricht er von der Stiftshütte, aus
welcher später der Tempel entstand, und führt ihren Ursprung auf Gott zurück;
angeklagt endlich 4) daß er der Lehre Jesu
gemäß das Gesetz verachte, und die Mosaischen Satzungen ändern wolle (das.),
geht er in der kurzen Uebersicht der jüdischen Geschichte die verschiedenen
Entwicklungsstufen der göttlichen Offenbarung durch, und zeigt, daß der alte
Bund in Christo zu seiner eigentlichen und wahren Erfüllung gekommen ist.

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