
Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
S. Kumernissa, V.M. (120. Juli). Unter dem Namen Heil. Kümmerniß
- oder hl.
Wilgefortis wird in Deutschland, und besonders in Bayern, eine Jungfrau und
Martyrin verehrt, von welcher der Bollandist Wilhelm Cuper unter dem Namen S.
Liberata oder S. Wilgefortis am 20. Juli (V. 50-70) ausführlich handelt. Wie
ihre ziemlich sagenhafte Geschichte selbst, so hat er auch den Namen dieser
Jungfrau vielfach variirt getroffen, nämlich auch Virgo fortis d.i. tapfere
Jungfrau
, was wohl das Ursprüngliche seyn dürfte und später in Vilgofortis und
Wilgefortis (auch Wilfordis) verändert wurde, dann Dignefortis, Eutropia,
Liberatrix, Regenfledis, Regenflegis, Regenfredis, Regufledis; Commeria (wovon
vielleicht das Wort Kümmerniß
entstand), Cumerana, Barbata; bei den Belgiern
Ontcommera, Oncommena, Ontcommena, d.i. die Entkommene
; bei den Deutschen
Ohnkummer, Ohnkummernus
, und abgekürzt Kummernus, Kummernis
, welch letzteren
Formen eine lateinische S. Kumernissa (p. 62. nr. 63) entspricht; endlich im
Französ. Ste-Livrade, Kombre, Ancombre, was wohl vom deutschen Kummer
sich
herleiten mag. Zu Mainz fand er sie in der Kathedrale vom Volke Sanct Gehulff
genannt. Andere wissen sie auch als St. Gehülfe, St. Hilpe
etc., woher sogar
ein S. Hilperious entstanden seyn soll. In Bayern wird sie als Heilige
Kümmerniß
oder S. Wilgefortis an mehreren Orten verehrt, und in dem zur Pfarrei
Eching gelegenen Filialdorfe Neufahrn * ist ihr sogar eine
ziemlich große, im gothischen Style erbaute Kirche geweiht. Nach Dr. Sighart ist
dieß wohl der einzige Ort in Bayern, wo sie am meisten verehrt wurde. Noch im
vorigen Jahrhunderte zogen 60 Processionen jährlich hieher. Das Bild der
Heiligen, von Holz geschnitzt, bebartet, mit einer Krone auf dem Haupte, bildet
das Mittelstück des Hochaltares. Die Inschrift über dem Bilde lautet: St.
Wilgefortis, ora pro nobis
. An der Chorwand findet sich auch eine Tafel aus dem
17. Jahrhundert, welche die Legende der Heiligen enthält. Sie ist die
vollständigste von allen bisher bekannten und umfaßt alle Züge des Sagenkreises,
der sich um den Namen dieser Heiligen allmählig in einer Weise angelegt, daß
selbst die Bollandisten erklären: Die Legende dieser Heiligen sei ein Labyrinth,
aus dem kaum ein Ausgang zu finden.
Die Grundgedanken jener Tafel sind folgende:
Die hl. Commeria
oder Wilgefortis war die Tochter eines heidnischen Königs von
der Provence oder von Sicilien. Durch einen frommen Mann wurde sie zum christl.
Glauben bekehrt und gelobte nun auch jungfräulich zu bleiben, wie die Mutter des
Herrn. Als bald darauf ihr Vater sie zur Gemahlin des heidnischen Königs Amasius
von Portugal bestimmte, erklärte sie standhaft, sie sei eine Christin und werde
nie einen irdischen Mann zum Gemahl nehmen. ** Darüber
erzürnt, ließ ihr Vater sie mit glühenden Zangen peinigen und in das Gefängniß
werfen, bis sie seinen Willen thun und den Götzen opfern würde. Die Heilige aber
bat im Kerker den Herrn, sie so zu entstellen,
daß kein Mann ihrer mehr begehre. Darauf erhielt sie das Aussehen eines Mannes,
und reicher Bart umgab ihr Antlitz. Als nun der Vater sie wieder erblickte, ward
er von Entsetzen ergriffen. Er fragte die Jungfrau, wer sie in diesen Zustand
versetzt. Darauf gestand sie ihm, sie habe ihren Bräutigam, der am Kreuze
gestorben, darum gebeten, daß Er alle Schönheit von ihr nehme und sie Ihm
ähnlich machen möchte. Da kam ihr Vater fast von Sinnen und ließ sie an das
Kreuz schlagen, damit sie auch darin ihrem Bräutigam ähnlich wäre. Sie aber
lobte Gott und predigte vom Kreuze herab die drei Tage, die ihr noch zu leben
gegönnt waren, so eindringlich, daß viele Tausende und selbst ihr Vater zum
christl. Glauben bekehrt wurden. Zur Sühnung seines Verbrechens erbaute ihr
Vater eine Kirche zu Ehren der hl. Scholastica und
stellte darin von Gold das Bild seiner Tochter auf. Da geschahen viele Wunder
und unter Andern auch folgendes: Ein armes Geigerlein betete einmal in großer
Bekümmerniß vor dem Bilde der Heiligen. Da warf sie ihm einen ihrer goldenen
Schuhe zu. Als man nun bei ihm diesen goldenen Schuh fand, wurde er für einen
Dieb gehalten und zum Galgen verurtheilt. Da alle seine Betheuerungen nichts
halfen, stellte er nur die Bitte, noch einmal in der Kirche vor dem Bilde der
Heiligen spielen zu dürfen. Und siehe, in Gegenwart des Königs und des ganzen
Volkes warf ihm die hl. Kümmerniß auch noch den andern Schuh hin. So war seine
Unschuld erkannt und er vom Tode errettet. Der Leib der Heiligen ruht in
Steinwart im Sand oder Pöringen in Holland. Dort war er im Jahre 1404 feierlich
erhoben.
So lautet die Legende, wie sie in Altbayern im 17. Jahrhundert
vorgetragen wurde. Die Geschichte ihres Bildes, das in Neufahrn erhalten ist,
sieht man auf sechs großen Holzgemälden an den Wänden der Kirche dargestellt.
Diese Tafeln sind sowohl wegen des dargestellten Gegenstandes wie auch als
Kunstwerk altbayerischer Malerei von hohem Interesse. Nach den Inschriften
dieser Gemälde soll das Bild auf der Isar angeschwommen gekommen seyn. Ein
Holzhacker, welcher mit Andern im Walde am Ufer arbeitete, schlug mit der Axt
darauf, wonach Blut aus dem Bilde floß. Als der Bischof davon Kenntniß erhalten,
sei er in Procession gekommen und habe das Bild erhoben. Dann ließ er es auf
einen Wagen legen und zwei Ochsen anspannen, die es nach Neufahrn zogen. Wie das
Bild dort war, fanden dabei sogleich eine blinde Frau und ein krummer Mann
Heilung. Ein Maler, der statt des blauen Rockes ihn roth färben wollte,
erblindete; wie er die blaue Farbe wieder hergestellt hatte, wurde er wieder
sehend. Auf der letzten Tafel steht das Jahr 1527. Es finden sich von ihr in
verschiedenen Ländern verschiedene Bildnisse, von denen einige bei den
Bollandisten abgebildet sind nebst Angabe der Art und Weise ihres Cultus. Doch
hierüber wollen wir Näheres unten bei S. Liberata4
angeben. Hier sei nur noch bemerkt, daß in Bayern an vielen Orten solche oder
ähnliche Bildnisse der hl. Kümmerniß oder Wilgefortis verehrt werden, namentlich
in Alt- und Neu-Oetting, in Freising, Dorfen, Palling, Metten, Lauingen,
Hofhegnenberg, Kissing bei Augsburg, in Eltersdorf bei Erlangen, in der hl.
Kreuzkirche zu München etc. *** In der Gegend von
Aschaffenburg gab ihr das Volk den Namen Veränderung
, wahrscheinlich weil sie
Gott um Veränderung
ihrer Leibesgestalt gebeten hat. Im ehemaligen kath.
Hochstifte Braunschweig wurde sie die hl. Eva
genannt. Den Namen hl.
Kümmerniß
erhielt sie wohl deßwegen, weil sie selber in großer Kümmerniß war
und daraus erlöst wurde, hinwieder aber durch ihre Fürbitte auch Andere wieder
errettete, wie sie ja auch Liberata d.i. die Befreite
und dann wieder
Liberatrix, d.i. die Befreiende
heißt. Besonders verehrt wird sie auch in
Diedersheim **** bei Bingen und auf dem Hülfsberge im
Eichsfelde. Dieser Letztere hat im J. 1853 eine kleine Schrift von Dr. Schäfer
veranlaßt, in welcher die - übrigens auch schon den Bollandisten bekannte -
Vermuthung aufgestellt wird, die Bilder der bärtigen Jungfrau am Kreuze seyen
ursprünglich nichts als alterthümliche (byzantinische
) Crucifixe aus der Zeit,
in der man den Heiland am Kreuze noch nicht nackt, sondern im langen Gewande, im
sogenannten Herrgottsrocke
, dargestellt habe. In späterer Zeit seyen jene
älteren Bilder als fremdartig aufgefallen, und das lange Gewand habe zu der
Fabel Veranlassung gegeben, hier sei nicht Christus, sondern eine bärtige
Jungfrau ***** gekreuzigt. Sofort sei dann auch aus dem
Heiland und Helfer
(Salvator) eine weibliche Hilfe gemacht worden. Menzel,
welcher dieß a. a. O. anführt, theilt diese Ansicht nicht, sondern es scheinen
ihm in der Legende, die an verschiedenen Orten verschieden ist, Züge aus einem
älteren heidnischen Cultus zu liegen, und da es bekannt ist, daß die ersten
Glaubensprediger bei Zerstörung der Götzenbilder an deren Stelle Heiligenbilder
setzten, so wäre es allerdings möglich, daß an solchen Orten, an welchen sonst
eine helfende Göttin verehrt wurde, eine christliche Heilige gesetzt ward, die
auch Bekümmerniß, aber auch eine besondere Gotteshilfe erfahren habe, und die
daher um so mehr bereit wäre, durch ihre Fürbitte zu helfen. Auch die
Bollandisten sprechen sich entschieden für die Existenz einer heil. Jungfrau aus,
welche, wie so viele Andere, aus Liebe zur Jungfräulichkeit kein Bedenken trug,
dem Tode, ja selbst dem Kreuzestode sich hinzugeben, und welcher man dann, weil
man ihren wahren Namen nicht kannte, einen andern Namen beilegte oder auch den
allgemeinen Namen starke Jungfrau
(Virgo fortis) gab, woraus dann der Name
Wigefortis entstand, auf welche sofort das übergetragen wurde, was wir auch von
der hl. Paula (20. Febr.) und der hl. Galla6
lesen, daß ihnen auf ihre Bitte, von der zudringlichen Liebe eines Mannes frei
zu werden, ein Bart gewachsen sei etc. Jedenfalls wurde der Name Wilgefortis
nicht ohne gute Gründe in das Propr. Frising. und das Mart. Rom. aufgenommen, wo
sie am 20. Juli als Jungfrau und Martyrin mit dem Beisatze steht, daß sie, für
den christlichen Glauben und die Keuschheit kämpfend, am Kreuze einen
glorreichen Triumph zu erhalten verdient habe. Vgl. übrigens S. Liberata4.
(V. 50-70).
* Hr. Prof. Dr. Sighart von Freising hat in einem
Artikel, der auch in die A. Postzeitung
(Beilage 178 und 182 vom J. 1858) und
in den Sulzbacher Kalender für kath. Christen
vom J. 1866 (S. 121 ff.)
überging, sich über das dort verehrte Bild der hl. Kümmerniß, so wie auch über
diese Heilige selbst näher ausgesprochen. Nach ihm kommt der Name Neufahrn
(niwivara = neue Fuhrt, d.i. Colonie) schon in alten Freisinger Urkunden um das
J. 854 vor, und hier war es auch, wo im J. 1485 in einer Fehde der letzte Graf
Niklas von Abensberg vom Herzog Christoph von Bayern getödtet wurde. Jetzt
bildet es den 3. Haltposten der von München nach Freising führenden Eisenbahn.
Wir haben diesen Artikel bei unserer Darstellung benützt, so wie auch den Sulzbr.
Kalender vom J. 1864 (S. 49) und 1865 (S. 115), wo ebenfalls über die hl.
Kümmerniß gesprochen und auch eine Abbildung derselben gegeben ist.
** Nach einer andern Version, die auch bei Menzel (Symb. I. 535) sich findet, hätte ihr heidnischer Vater selbst sie in unnatürlicher Liebe begehrt, wie denn überhaupt in manchen Orten manche Nebenumstände weggelassen oder verändert sind.
*** Vgl. die oben citirten 3 Sulzbacher Kalender, wo noch mehrere Orte angegeben sind.
**** Vgl. Hack der christliche Bilderkreis
(S.
305), nach welchem die dortige Kirche früher ein stark besuchter Wallfahrtsort
der Heiligen war, deren Bild da nebst dem Barte auch ein langes Haupthaar hat,
wie es auch in den im Sulzbacher Kalender enthaltenen Abbildungen der Fall ist,
während die bei den Bollandisten S. 59 vorfindliche Abbildung einen kurzen Bart
und kurze Haupthaare wie bei gewöhnlichen Crucifixbildern hat. Bei dieser
Abbildung sind die zwei Hände angenagelt, bei jenen nur angebunden; die Füße
hängen in Beiden frei herab, ohne angenagelt zu seyn.
***** Wie man gerade auf eine bärtige Jungfrau verfallen sei, wird freilich nicht gesagt.
