Ökumenisches Heiligenlexikon

aus dem Lateinischen von Richard Benz Hinweise zur Legenda Aurea

Von Sanct Anastasia


Anastasia kommt von ana, das ist nach oben, und stasis, das ist stehend oder Stand; denn sie ist hoch gestanden, auferhöhet von den Untugenden zu den Tugenden.


Anastasia war edler Leute Kind von Rom. Ihr Vater, Praetaxatus mit Namen, war ein Heide; aber ihre Mutter Fausta war eine Christin. So ward die Tochter in ihren jungen Tagen von ihrer Mutter und von Sanct Chrysogono gelehrt, wie sie Christenglauben halten sollte. Darnach ward sie wider ihren Willen einem Jüngling vermählt, Publius mit Namen. Doch wollte sie ihre Reinigkeit bewahren, darum stellte sie sich siech, daß sie die Gemeinschaft ihres Gemahls vermiede. Nun ward aber dem Publius hinterbracht, wie sie alleine mit einer einzigen Magd in schlechten Kleidern die Gefängnisse der Christen besuche und Almosen unter sie teile. Da ließ er sie streng bewachen, und ließ ihr kaum nach ihrer Notdurft Speise reichen: so meinte er sie zu töten, daß er darnach von ihren reichen Gütern nach Wollust leben könnte. In den Ängsten wähnte Sanct Anastasia zu sterben und schrieb Sanct Chrysogono klägliche Briefe; da schrieb er ihr tröstlich hinwider. Unter dem starb ihr Gemahl und sie ward aus dem Gefängnisse erlöst.

Anastasia hatte drei schöne Mägde, die waren Schwestern; und hieß die erste Agape, die zweite Chionia, die dritte Irene. Sie waren Christinnen und wollten dem Gebot des Richters nicht gehorsam sein. Da ließ er sie in eine Kammer sperren, darin man Küchengerät bewahrte. Darnach ging er selber zu ihnen in die Kammer, daß er seinen Willen an ihnen vollbrächte, denn er war in Liebe zu ihnen entbrannt. Da kam er aber von Sinnen; und indem er wähnte die Jungfrauen zu umfangen, umarmte er Töpfe, Pfannen und Kessel und küßte sie. Als er sich daran ersättigt hatte, ging er heraus, schwarz und ungestalt und mit zerrissenen Kleidern. Da ihn seine Knechte also verunreinet sahen, die vor der Türe seiner warteten, wähnten sie, es sei der Teufel, und schlugen nach ihm und flohen von dannen. Nun wollte er vor den Kaiser gehen und sich darob beklagen, da vermeinte des Kaisers Gesinde auch, er wäre tobig worden, und schlugen ihn mit Stecken, und spieen ihm ins Angesicht, und warfen ihn mit Kot und aller Unreinigkeit. Aber seine Augen waren mit Blindheit geschlagen, daß er nicht sah, wie ungestalt er war, sondern es bedeuchte ihn, er hätte weiße Kleider an wie die Andern auch; und verwunderte sich gar sehr, daß sie alle seiner spotteten, den sie sonst in großen Ehren hielten. Endlich ward ihm gesagt, wie unrein er wäre; da dachte er bei sich "das haben die Jungfrauen getan und mich verzaubert". Und ließ sie vor sich führen und befahl, sie nackend auszuziehen, daß seine Augen sich doch an ihnen ersättigten. Da blieben die Kleider an ihren Leibern so fest, daß man sie nicht von ihnen bringen mochte. Von den großen Wundern entschlief der Richter, und schnarchte, und mochte durch keine Schläge aufgeweckt werden. Zuletzt wurden die Jungfrauen gemartert; Anastasia aber empfahl der Kaiser einem anderen Richter, der sollte sie zum Weib haben, wenn er sie zum Opfern bewegen könnte. Er führte sie in sein Gemach, aber da er sie umfahen wollte, da ward er blind. Er lief in den Tempel der Abgötter und fragte die, ob er wieder sehend möchte werden. Antworteten die Abgötter "Darum, daß du Sanct Anastasien hast betrübet, so bist du in unsre Gewalt gegeben, daß du fortan ewiglich in der Hölle mit uns mußt gepeinigt werden". Und da seine Knechte ihn wieder heimführten, starb er ihnen unter den Händen. Darnach ward Anastasia einem andern Richter übergeben, daß er sie in seiner Hut hielte. Als der vernahm, wie überflüssig viel Geld und Gut sie hätte, sprach er heimlich zu ihr "Anastasia, willst du eine Christin sein, so erfülle das Gebot deines Gottes, der da spricht: wer nicht abgesagt hat allem, was er besitzet, der kann mein Jünger nicht sein. Darum, so gieb mir alles was du hast und gehe darnach frei wohin du willst; dann bist du wahrlich eine Christin". Sanct Anastasia antwortete ihm und sprach "Mein Herr hat geboten: verkaufe alles was du hast und gieb es den Armen; aber nicht den Reichen. Du bist reich, also täte ich wider Gottes Gebot, wenn ich dir etwas gäbe". Da ward Anastasia in harte Gefängnis getan und sollte da Hungers sterben. Aber Sanct Theodora, die kürzlich zuvor war gemartert worden, speiste sie zwei ganzer Monate mit himmlischer Speise.

Darnach ward sie mit zweihundert anderen Jungfrauen auf die Insel Palmaria gesandt, dahin viele um Christi Namen verbannt waren. Nach etlichen Tagen rief der Richter die Christen alle zusammen und ließ Sanct Anastasia an Pfähle binden und verbrennen; und tötete die anderen auf mancherlei Weise. Da war auch einer, der war um Christi willen gar oft großen Reichtums beraubt worden, der sprach ohn Unterlaß "Eines müßt ihr mir nicht rauben, Christum". Apollonia aber nahm Sanct Anastasien Leichnam und begrub ihn in ihrem Garten mit großen Ehren, und bauete eine Kirche daselbst. Sie litt unter Diocletianus, der um das Jahr 287 zur Herrschaft kam.




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Aus: Jacobus de Voragine: Legenda Aurea, Aus dem Lateinischen übersetzt von Richard Benz, 13. Aufl. Gütersloher Verlagshaus Gütersloh 1999 - zuletzt aktualisiert am 16.12.2014
korrekt zitieren:
Jacobus de Voragine: Legenda Aurea: Artikel
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