Ökumenisches Heiligenlexikon

Mit leeren Händen

Die Botschaft der Thérèse von Lisieux

Die Liebe ruft

Thérèse Martin.

Knapp fünfzehn Jahre alt. Ein Mädchen voller Leben und dazu ungewöhnlich intelligent. Sie liebt alles Schöne, alles Lebendige. Sie ist für die Freundschaft offen und fühlt sich gedrängt, einem Ideal, das sie in aller Freiheit gewählt hat, zu folgen. Sie erinnert an eine Knospe auf der Wasseroberfläche, die uns durch ihre Frische und durch das Versprechen, das sie in sich trägt, fesselt.

Dazu kann sich Thérèse in finanzieller Hinsicht einiges leisten. Ihre Familie ist wohlhabend; die Geschäfte gehen gut! Sie wohnt in einem schönen Haus, sie kann reisen und blieb nicht unbemerkt bei ihrem Eintritt in die Welt ihrer kleinen Stadt: Lisieux!

Wir erfreuten uns des angenehmsten Lebens, das junge Mädchen sich erträumen können; alles um uns herum entsprach unserem Geschmack, man gewährte uns die größte Freiheit, kurz, ich sagte, unser Leben sei der Inbegriff des Glücks auf Erden (A 106).

Morgenröte

Thérèse hat einen umgänglichen Charakter, aber sie war nicht immer so. Ihre Mutter starb an Krebs, als Thérèse gerade vier Jahre und acht Monate alt war. Also in einem sehr kritischen Moment in der psychologischen Entwicklung eines Kindes. Die affektive Beziehung zwischen Thérèse und ihrer Mutter war sehr glücklich. Als der Tod dem ein plötzliches Ende setzte, verlor das Kind diese warmherzige Zärtlichkeit, die es noch so sehr brauchte. Dem konnte niemand wirklich abhelfen. Sie wurde schüchtern, überempfindlich und verletzlich. Nur in dem schützenden Nest der Buissonnets fühlte sie sich noch sicher.

Als Kind wurde Thérèse also schwer beeinträchtigt. Sie begann unbewußt mit einem Strom von Tränen nach Mitleid zu heischen. Und wieviel sie geweint hat…

Meine übergroße Empfindlichkeit machte mich wirklich unausstehlich, schrieb sie streng über sich selbst, und wenn ich mich endlich über die Sache selbst zu trösten begann, weinte ich darüber, geweint zu haben (A 93).

Thérèse war hoffnungslos auf sich selbst bezogen. Sie litt furchtbar darunter. Sie, die so reiche Möglichkeiten in sich selber hatte und doch nicht das Mittel fand, sie zur Entfaltung zu bringen …

Dank ihrem - zunächst vergeblichen, aber beharrlichen - Bemühen, ihre Charakterfehler auszumerzen, bekommt sie mit der Zeit und unmerklich einen eisernen Willen. Später wird dann Thérèse niemals mehr der Versuchung erliegen, etwas, das sie sich einmal vorgenommen hat, vorschnell wieder aufzugeben!

Am Weihnachtstag 1886 wird alles anders. Die Familie kehrt aus der Christmette zurück. Ihr sonst allzeit liebenswürdiger Papa ist müde. In einem Anflug von schlechter Laune macht er eine Bemerkung darüber, daß Thérèse noch immer eine so kindliche Freude daran hat, ihre Schuhe in den Kamin zu stellen. Naja, glücklicherweise ist dies das letzte Jahr…, sagt er gereizt.

So etwas ist Thérèse bei ihrem Vater noch nie passiert. Er war immer so lieb und zuvorkommend: ein heller Spiegel, in dem sie sich getreulich erkennen konnte. Plötzlich durchzieht diesen Spiegel ein Sprung, und Thérèse erkennt ihr Antlitz verzerrt. Papa ist nicht mehr das geduldige Spiegelbild, sondern ein herber Widerstand.

Auf einmal begreift Thérèse, genauer und klarer als zuvor, daß es nun höchste Zeit ist, die Windeln der Kindheit hinter sich zu lassen. Sie hat es schon so oft versucht. Aber diesmal gelingt es ihr! Die Tränen waren ihr wie immer in die Augen gestiegen, aber zum ersten Mal in ihrem Leben meistert sie wirklich eine schwierige Situation und hält ihre Tränen zurück. Sie erfährt, wie sie in einem Augenblick gewachsen ist, wie sie plötzlich stark und mutig wurde (A 95).

Thérèse schreibt dieses kleine Wunder dem Kind in der Krippe zu, diesem Jesus, den sie soeben in der Kommunion empfangen hat.

Jesus verwandelte die Nacht meiner Seele in einen Strom des Lichtes… Seit jener gesegneten Nacht unterlag ich in keinem Kampf mehr, sondern schritt, ganz im Gegenteil, von Sieg zu Sieg vorwärts.

Die Kraft Gottes nimmt ihre Seele in Besitz. Alle früheren vergeblichen Anstrengungen verwandeln sich nun in einen dauernden Zustand der Kraft. Thérèse nennt das Ereignis von Weihnachten 1886 die Gnade ihrer vollkommenen Bekehrung.

Nun ist es vorbei mit der fast krankhaften Beschäftigung mit sich selbst! Vorbei der enge Kreis, in dem ich mich drehte, ohne zu wissen, wie ich ihm entkommen sollte! (A 99). Thérèse holt schnell auf. Nun beginnt der dritte Abschnitt meines Lebens, der schönste von allen (A 96). Beinahe schonungslos öffnet sich für das vierzehnjährige Mädchen das Tor zum Leben, und es entdeckt eine Welt, die darauf wartet, erforscht zu werden. Nun, da sie von ihrer Überempfindlichkeit befreit ist, begeistert sie sich für alles, was außerhalb ihrer selbst liegt: Studium, Reisen, Freundschaft, all diese ungeheuren Möglichkeiten!

Was geht im Herzen dieser Jugendlichen vor, die um so vieles reifer ist als ihre Altersgenossinnen? Was sich hier abspielt, ist nicht alltäglich. Ja sogar den ersten Reaktionen von jemandem, der gerade das Leben entdeckt, entgegengesetzt. Normalerweise wird man von allem und nichts gefesselt, alles erscheint wichtig. Bei Thérèse relativieren sich viele Dinge. Die Öffnung ihres tiefsten Wesens ist nicht länger richtungslos. Alles ist bereits auf einen Punkt hin ausgerichtet, dem sie einen absoluten Wert zuweist. Sie hat ihre Mitte gefunden; ihr Herz ist von einer einzigen und beständigen Liebe gefangen genommen. Wenn man sie mit anderen Jugendlichen vergleicht, so hat die Frühreife ihrer Liebe etwas Besonderes an sich: es ist bereits eine endgültige Liebe. Aber etwas hat sie mit allen anderen Jugendlichen gemeinsam: sie träumt einen Traum, der keine Grenzen hat.

Das Ideal, von dem die jüngste der fünf Martin-Töchter ergriffen ist, ist weder eine Ideologie noch ein Gegenstand. Es ist ein menschliches Wesen, das allerdings anders ist als die anderen. Sie möchte Jesus über alles lieben. Das Leben ist ein Geschenk Jesu, das für Ihn eingesetzt werden muss. Thérèse weiß sich von einer schöpferischen Liebe gerufen und möchte darauf mit der völligen Hingabe ihrer selbst antworten.

Für Thérèse ist Jesus nicht bloß eine historische Persönlichkeit, in weiter Ferne und aus grauer Vorzeit. Er ist jetzt gegenwärtig, Er liebt sie jetzt, Er ist ganz nahe. Später wird sie nie viel über die Auferstehung Jesu schreiben: für sie ist es offensichtlich, dass Jesus lebt, dass Er gegenwärtig ist; man spricht ja auch nicht von der Luft, die man jeden Augenblick einatmet. Er ist ihr göttliches Umfeld. Überall findet sie Seine Spur. Für Thérèse ist die Welt durchscheinend und klar: das Universum des Viel-Geliebten.

Wenn sie von jener frühlingshaften Periode spricht, dann zitiert sie das Gedicht Es war in dunkler Nacht des heiligen Johannes vom Kreuz, das zeigt, wie die Liebe den ganzen Weg beleuchtet.

Ich hatte weder Führer noch Licht, 
außer dem einen in meinem Herzen, 
dieses Licht leitete mich sicherer 
als das des Mittags zur Stätte, wo der auf mich wartete, 
der mich vollkommen kennt.

Der Weg, den ich wandelte, war so gerade, so voller Licht, dass ich keinen anderen Führer brauchte als Jesus… Er wollte in mir Seine Barmherzigkeit aufbrechen lassen; weil ich klein und schwach war, ließ Er sich zu mir herab und unterwies mich im geheimen in den Dingen der Liebe (A 104).

Thérèse begreift, dass Gott sie zu lieben lehrt und dass Er sie mit dem Geschenk Seiner Liebe überschüttet. Die altehrwürdige Bibel wird zu einer neuen, lebendigen und persönlichen Erfahrung. Sie wendet auf sich selbst das Wort des Propheten Ezechiel an:

Als Jesus an mir vorüberging, sah Er, dass für mich die Zeit gekommen war, geliebt zu werden. Er schloß einen Bund mit mir, und ich wurde Sein… Er breitete Seinen Mantel über mich (A 100).

Thérèse kann sich ihre Zukunft noch aussuchen und ist doch gleichzeitig nicht mehr frei. Sie hat begriffen, dass ihr Leben sich unter dem Zeichen Jesu abspielen wird. Darin wird alles beschlossen sein.

Wir können die innere Entwicklung Thérèses nicht in eine Reihe stellen mit der anderer junger Christen ihres Alters. Denn nach Gottes Willen sollte Thérèse ein Leitbild für viele andere sein. Sie hat sehr früh begonnen, ein intensives christliches Leben zu führen. Als sie die Heiligkeit zu ihrem Ideal erwählt, ist sie kaum neun Jahre alt. Wenig später wird sie sich dessen bewußt, daß sie, um diese zu erwerben, viel leiden wird müssen. Und sie nimmt es an. In ihrer Radikalität wählt sie alles und will nicht eine halbe Heilige sein (A 23).

Bei ihrer Erstkommunion erfährt sie die Begegnung mit dem Herrn als ein Aufgehen ineinander, sie waren nicht mehr zwei, Thérèse war verschwunden, wie der Wassertropfen, der sich im weiten Meer verliert. Jesus allein blieb, Er war der Herr, der König (A 73).

Unter dem Einfluß tief erlebter eucharistischer Gnaden nimmt ihre Liebe zum Leiden zu.

Das Leid braucht sie nicht zu suchen. Es ist eine Wirklichkeit in ihrem Leben. Mit zwölf, dreizehn Jahren leidet Thérèse während eineinhalb Jahren unaufhörlich unter schlimmen Zweifeln im bezug auf den moralischen Wert ihrer Taten. Sie denkt ständig, dass sie sündigt. In der Schule hat ein strenger Katechismusunterricht eine verheerende Rolle gespielt. So schreibt Thérèse die vier Predigten des Pater Domin mit, die dieser den Kindern während der Vorbereitungsexerzitien zu ihrer Erstkommunion gehalten hat: dabei geht es um die Rechenschaft, die Gott einmal von uns fordern wird, um den Tod, die Hölle und die unwürdig empfangene Erstkommunion… Glücklicherweise stirbt zu diesem Zeitpunkt die Superiorin der Schule, und der Priester kann seine Unterweisung nicht fortsetzen.

Und ständig kommt dazu die demütigende Ohnmacht ihrer Überempfindlichkeit! Bis Weihnachten 1886, wie wir bereits erwähnten. Die Erfahrung zunächst ihrer eigenen Armseligkeit und dann die der befreienden Barmherzigkeit Gottes ist sehr tief. Thérèse stellt fest, dass ihre eigenen Bemühungen und das unerwartete Resultat in keinem Verhältnis zueinander stehen.

In einem einzigen Augenblick hatte Jesus vollbracht, was mir in zehnjähriger Anstrengung nicht gelungen war, Er begnügte sich mit meinem guten Willen, an dem es mir nie fehlte (A 96).

Ich musste mir diese unschätzbare Gnade gewissermaßen durch meine Sehnsucht danach erkaufen (A 91).

Nun, da Thérèse vom Druck ihrer Unsicherheit und ihrer Überempfindlichkeit befreit ist, wird sie von ihrer Psychologie her befähigt, ihrem Nächsten viel Aufmerksamkeit zuzuwenden. Sie faßt diese ihre Entdeckung folgendermaßen zusammen:

Ich fühlte die Liebe in mein Herz einziehen, das Bedürfnis, mich selbst zu vergessen, um anderen Freude zu machen, und von da an war ich glücklich (A 97).

Sechs Monate später bekommt sie ein Buch von Arminjon in die Hände. Sie verschlingt es förmlich, läßt sich von ihm mitreißen.

Diese Lektüre gehört auch zu den größten Gnaden meines Lebens. Ich saß dabei am Fenster meines Studierzimmers, und der Eindruck, den ich im Gedenken daran empfinde, ist zu innerlich und zu zart, als dass ich ihn wiedergeben könnte …

Alle großen Wahrheiten der Religion, die Geheimnisse der Ewigkeit tauchten meine Seele in ein überirdisches Glück. … Ich empfand schon im voraus, was Gott denen vorbehält, die Ihn lieben (nicht mit dem leiblichen Auge, sondern mit dem des Herzens), und da ich sah, dass die ewigen Belohnungen in keinem Verhältnis stehen zu den geringen Opfern des Lebens, wollte ich lieben, Jesus mit Leidenschaft lieben, Ihm tausend Zeichen der Liebe geben, solange ich es noch vermochte… (A 101).

Welches Glück bedeutet es für Thérèse, frei über diese Dinge sprechen zu können! Erst im Sprechen erhellen sich für sie die neuen Erkenntnisse und entfachen in ihrem Herzen eine noch tiefere Begeisterung. Ihre Gesprächspartnerin ist Céline, ihre um vier Jahre ältere Schwester. Céline ist aber mehr als eine Schwester, Thérèse nennt sie ihr zweites Selbst (Brief 90). Bei ihr wird Thérèse ganz sie selbst. Ganz so wie im Gebet.

Céline war die innige Vertraute meiner Gedanken geworden… Jesus ließ uns der Seele nach Schwestern werden… Die Funken der Liebe, die Er mit vollen Händen in unsere Seelen streute, der köstliche und starke Wein, den Er uns zu trinken gab, ließen die vergänglichen Dinge vor unseren Augen entschwinden, und unseren Lippen entströmte ein Hauch der Liebe, die Er in uns weckte. Wie lieblich waren die Gespräche, die wir jeden Abend im Belvedere führten! … Mir scheint, wir erhielten Gnaden von so hohem Range, wie sie den großen Heiligen zuteil werden … Wie zart und durchsichtig war der Schleier, der Jesus unseren Blicken verbarg! … Ein Zweifel war nicht möglich, schon waren Glaube und Hoffnung nicht mehr nötig, die Liebe ließ uns Jenen, den wir suchten, auf Erden finden. Da wir Ihn einsam gefunden, schenkte Er uns Seinen Kuß, damit niemand uns künftig verachte ... (vgl. Hld 8,1). (A 102-103).

Der Ruf

Als Thérèse zur Frau heranwächst, weiß sie, daß sie sich einzig und allein für Jesus bewahren will. Eines Sonntags fällt ihr Blick nach der heiligen Messe auf ein Bild Jesu, wie Er am Kreuz hängt. Und sogleich ist sie beim Anblick des Blutes, das von der Hand des Gekreuzigten herabrinnt, zutiefst bewegt. Dieser Anblick erweckt in ihr den brennenden Wunsch, am Erlösungswerk Jesu teilzuhaben, für das Heil derer, für die Er Sein Leben hingibt. Unentwegt hört sie Seinen Schrei am Kreuz: Mich dürstet.

Seit dieser einzigartigen Gnade wuchs meine Sehnsucht, Seelen zu retten, jeden Tag; mir war, als hörte ich Jesus wie zu der Samariterin zu mir sagen: Gib mir zu trinken! Es war ein wahrer Austausch an Liebe; den Seelen gab ich das Blut Jesu, und Jesus bot ich eben diese vom Göttlichen Tau erquickten Seelen an; so glaubte ich Seinen Durst zu stillen, und je mehr ich Ihm zu trinken gab, desto größer wurde der Durst meiner armen kleinen Seele, und diesen brennenden Durst gab Er mir als den köstlichsten Trank Seiner Liebe… (A 99)

Nun, da sie vielen Leuten begegnet, wächst die kontemplative Dimension ihres Lebens sprunghaft, selbst in ihrer Art, die Menschen zu sehen. Alles bei ihr strebt in eine einzige Richtung: Jesus. In allen ist Er es, den sie liebt; in Ihm liebt sie alle; allen will sie Jesus schenken. In ihrer persönlichen Berufung heißt geschwisterliche Liebe: den Menschen helfen, Gott näher zu kommen.

Das missionarische Apostolat zieht sie stark an. Aber nach sorgfältiger Überlegung findet die künftige Patronin der Mission für sich selbst ein betendes Leben im Karmel fruchtbringender, um dort drinnen ihre Mission leben zu können. Sie glaubt, dass sie sich dort noch mehr für die Kirche hingeben kann, dort, in der Eintönigkeit eines strengen Lebens (MST 124), ohne je die Frucht ihrer Mühen sehen zu können (MST 166).

Das ist weder Weltflucht noch Verrat am Menschen. Thérèse möchte die ganze Welt mit sich in den kleinen Karmel ihrer Stadt mitnehmen, wie in eine Werkstatt, wo sie für die Seele der Menschheit arbeiten wird. Sie betrachtet die Welt mit dem göttlichen Blick der Liebe Jesu. Mit demselben Eifer möchte sie für die Heiligung des Namens Gottes beten, und dass Sein Reich zu uns komme. Dies wird ihre Art sein, für die Befreiung jedes einzelnen zu arbeiten.

Als sie in den Karmel eintritt, scheint es, dass ihr Ehrgeiz vor allem ein soziales Ziel vor Augen hat: Ich bin gekommen, um die Seelen zu retten, und besonders um für die Priester zu beten (A 153).

Seelen bedeutet Menschen: das ist typisch, und wir können darin nichts Negatives erblicken. Sie möchte den Menschen auf der tiefsten Ebene begegnen; über Gott, der der direkteste Zugang ist. Thérèse ist sich ihrer Rolle und ihrer Mitverantwortung bei der Heiligung des Menschen bewußt:

Jesus liebt uns mit so unbegreiflicher Liebe, dass Er will, daß wir mit Ihm Anteil haben am Heil der Seelen. Er will nichts ohne uns tun. Der Schöpfer des Alls wartet auf das Gebet einer armen kleinen Seele, um die anderen Seelen zu retten, die so wie sie um den Preis all Seines Blutes losgekauft wurden (B 135).

Gegen Ende ihres Lebens wird ihr apostolisches Bewußtsein eine bemerkenswerte Dichte erlangen, verbunden mit einer außerordentlichen Aufmerksamkeit ihrem Nächsten gegenüber.

Und später haben die Christen sie auch sehr gut verstanden. Wie viele Missionare hegen eine besondere Sympathie für die Kleine Heilige - die niemals ihren Fuß außerhalb ihres Klosters gesetzt hat. Wie viele einfache Gläubige haben von Thérèse gelernt, daß auch sie Missionare sein können, dort, wo sie sich gerade befinden, in der Berufung, die Gott ihnen gibt, in den ganz alltäglichen Dingen: durch ihre Nächstenliebe, ihr Gebet, vielleicht durch ihr Kreuz. Thérèse wird die Heftigkeit ihrer Wünsche erfahren: O Jesus … Ich möchte die Welt durcheilen … eine einzige Mission genügt mir nicht, ich möchte das Evangelium in allen fünf Weltteilen gleichzeitig verkünden, bis zu den fernsten Inseln … (B 198).

Aber sie wird die Erfüllung dieses Verlangens in der Liebe finden, die sie als die treibende Kraft im mystischen Leib Christi ansieht:

Im Herzen der Kirche werde ich die Liebe sein … So werde ich alles sein… So wird mein Traum Wirklichkeit werden!!! (B 201).

Lieben, das ist überall möglich. Von Thérèse von Lisieux bis Teresa von Kalkutta und in jeder Situation - die Unterschiede sind bloß äußerlich. Nichts hat für Gott mehr Wert als die Liebe, aus der heraus wir leben. Wenn mir die Liebe fehlte, wäre ich dröhnendes Erz, eine lärmende Pauke (1 Kor 13,1).

Als Thérèse Martin fünfzehn Jahre alt wird, ist sie entschlossen, so schnell wie möglich ein Leben für Gott zu beginnen, in der radikalsten Weise, die ihr zur Verfügung steht. Ihr Wunsch, ja die Gewißheit eines göttlichen Rufes (A 53) wappnet sie gegen jeglichen Widerstand, gegen jeden wohlmeinenden Rat. Die Zeit scheint ihr reif zu sein, um zur Tat zu schreiten.

Dieser Ort, an dem Er mich erwartete, war der Karmel; ehe ich ruhen durfte im Schatten, musste ich noch durch viele Prüfungen, doch der göttliche Ruf war so drängend, dass, hätte ich durchs Feuer gehen müssen, ich es getan hätte, um Jesus treu zu sein… (A 105).

Sie überwindet alle Widerstände: die, welche von ihrem Vater kommen, die von seiten des Karmel mit seinem Rektor und die des Bischofs. Bei ihrer Romreise legt sie das Anliegen ihrer Berufung sogar dem Papst vor!

Am 9. April 1888 steht sie mit der Liebe als Ideal - sie ist nahezu das einzige Gepäck, das sie hat - vor der Klausurpforte des Klosters. Ein letztes Mal küßt sie ihren Vater und die Familienmitglieder. Mit klopfendem Herzen überschreitet sie die Schwelle dieses Hauses des Gebetes. Niemals mehr wird sie die Straßen von Lisieux sehen …

Ist sie zu diesem Schritt bereit? Diese fünfzehnjährige Jugendliche hat sicherlich die Reife einer Zwanzigjährigen. Und in ihrem Innersten strahlt ein großes Licht! Sie ist getragen von der Freude der Liebe: Ich bin Sein, und Er ist mein! Das immer gleiche Lied! Thérèse vergleicht ihre jugendliche Begeisterung mit dem köstlichen Wein, der das Herz erfreut und einen so manches vergessen läßt (A 102). Mit dem heiligen Paulus weiß sie, dass nichts sie von Gott trennen kann, von Ihm, der sie fesselt. Sie lebt im Himmel der Liebe (A 113).

Dennoch weiß sie, woran sie ist.Mein Glück war nicht nur von kurzer Dauer, es hat sich keineswegs in den Illusionen der ersten Tage verflüchtigt. Was Illusionen betrifft, so hat der liebe Gott mir die Gnade gewährt, bei meinem Eintritt in den Karmel keine einzige gehabt zu haben. Ich fand das Klosterleben so, wie ich es mir vorgestellt hatte; kein Opfer überraschte mich (A 153).

Welcher Realismus! Sie ist reif genug, um diesen Schritt zu tun. Natürlich muß sie noch reifen, aber dazu hat sie Zeit. Und trotz all des hellseherischen Voraussagen, ist nicht zu leugnen, dass das Leiden recht spürbare Korrekturen mit sich bringen wird. Aber so wächst man eben.

Hat das Beispiel ihrer Schwester Agnès bei ihrer Entscheidung mitgespielt? Es ist möglich und kann schwer außer acht gelassen werden. Oft sind wir von Gott einer dem anderen geschenkt. Nach dem Tod der Mutter wurde Agnès für Thérèse eine zweite Mutter (A 28) und ihr Vorbild (A 14). Der Eintritt von Agnès in den Karmel (der einige Jahre später eine zweite Schwester, Marie, folgte) ist ein psychologischer Faktor, der Thérèse Gottes Ruf und Seine Gnade vermittelt hat. Aber Thérèse weiß sehr wohl, dass der Grund für ihren schweren Entschluß letztendlich einzig und allein ihre freigewählte Hingabe an den Plan ist, den sie als von Gott kommend und von Ihm gewollt erfährt. So formuliert sie es nach Jahren, wenn sie Rückschau hält mit ihrem bereits zutiefst abgeklärten und durch die Nähe Gottes erhellten Urteilsvermögen:

In der Tat, nur die Liebe zu Jesus konnte mir die Kraft verleihen, diese und die späteren Schwierigkeiten zu überwinden (A 116).

Die Wüste

Was bedeutet der Karmel für sie? Als Kind hatte Thérèse den Wunsch, ein einsames Leben zu führen, in einer fernen Wüste - gemeinsam mit ihrer Schwester Agnès (A 52). Als ihr später die Berufung einer Karmelitin erklärt wird, fühlt sie, dass der Karmel die Wüste ist, wo sie sich nach Gottes Willen verbergen soll… - und sie möchte dorthin gehen für Jesus allein (A 53)…

Wegen eines Abenteuers mit Gott. Unbeachtet. An einen Ort, wo es nur Gott gibt.

Bei ihrem Eintritt begreift sie, dass sie sich nicht geirrt hat.

Alles entzückte mich, ich glaubte mich in eine Wüste versetzt; ganz besonders glücklich machte mich unsere kleine Zelle, aber es war eine ruhige Freude… Mit welch tiefer Freude wiederholte ich die Worte: Nun bin ich hier für immer, für immer! … So waren meine Wünsche endlich erfüllt, meine Seele empfand einen so süßen, so tiefen Frieden, dass ich unmöglich Worte dafür finden kann, und dieser innerste Frieden ist mir auch geblieben (A 152- 153).

Thérèse strebt so intensiv und so buchstäblich wie möglich danach, das Wort des heiligen Paulus zu verwirklichen: Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische… euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott (Kol 3,2-3).

Die Berufung ist eine Gnade. Für die Nicht-Eingeweihten wäre es begreiflicher, wenn man zwei Leben hätte: man könnte eines dazu verwenden, um Erfahrungen zu sammeln, und das andere gewissermaßen als Reserve; wenn alles gut geht, dann setzt man das zweite ein. Aber Thérèse hat nur ein einziges Leben. Und sie setzt es für Jesus ein. Für nichts anderes. In der Wüste. Ohne Hoffnung darauf, die verflossenen Jahre von neuem leben zu können. Das ist die Gnade der Berufung.

Als sie über ihre wundervolle Reise durch die Schweiz und Italien nach Rom nachdenkt, schreibt Thérèse:

Niemals noch war ich von solchem Luxus umgeben gewesen… Die Freude findet sich nicht in den Dingen, die uns umgeben, sie findet sich im Innersten der Seele, man kann sie ebensogut in einem Gefängnis wie in einem Palast besitzen; als Beweis kann ich anführen, dass ich im Karmel trotz innerer und äußerer Prüfungen glücklicher bin als in der Welt, wo ich von den Annehmlichkeiten des Lebens und vor allem den Freuden des Familienlebens umringt war!… (A 141).

Thérèse verläßt dies alles aus freiem Willen. Und sie wird die Durchquerung der Wüste kennenlernen! Wie einsam und still ist ihr Haus, mit seinen kahlen Mauern und der einfachen Einrichtung. Wie streng und anscheinend eintönig dieses Leben mit seinen täglichen Gebetszeiten, der knappen Nachtruhe, dem kargen Essen und der Kälte im Winter. Aber nicht das ist es, was sie am meisten läutert. Darin liegt eher ein gewisses Freiwerden: um ihrem eigenen Weg folgen zu können, dem behüteten und bürgerlichen Leben im Vaterhaus Lebwohl zu sagen.

Was wird ihr dieses neue Leben bringen? Die Zukunft liegt nicht immer ganz klar vor unseren Augen. Man kennt den Anfang, aber wo das Ende liegt, weiß man nicht. In der Geschichte gab es andere Wüstendurchquerungen, wie die des Mose und seines Volkes, während der sich dessen Herz verhärtete, sich auflehnte und sich wünschte, in das Land mit seinen vertrauten Gewohnheiten und der materiellen Sicherheit zurückzukehren. Die Wüste steht der Geborgenheit des Nestes gegenüber. Sich für Gott bedingungslos einzusetzen, von der Liebe zu Ihm beseelt und ohne sich um sich selbst zu sorgen, alles aus diesem einzigen Beweggrund heraus anzunehmen: das ist der Wagemut, um den es geht.

Wenige junge Mädchen haben mit solcher Leidenschaft geliebt, wie Thérèse Jesus, ihren Herrn, liebte. Auf der Suche nach Ihm geht sie mitten durch die Wüste, das ist der kürzeste Weg. Ihr geistlicher Vater im Karmel, Johannes vom Kreuz, lehrt sie: durch das Nichts kommt man zum Alles. Die Einsamkeit ist aber keine Leere: sie ist ein Marsch hin zum Geliebten, der in der Oase wohnt. Die Entbehrung erhält dadurch einen Sinn. Die Wüste nimmt eine Dimension der Tiefe an.

Bei der Durchquerung der geistlichen Wüste findet sich der Geliebte nicht nur in der Oase, sondern Er begleitet uns bereits, unerreichbar, aber tatsächlich nahe, für die Augen des Glaubens sichtbar, dem betenden Herzen zur Freude.

Als Céline in den Ferien ist, schreibt ihr Thérèse:

Céline, die große Abgeschiedenheit, die zauberhaften Weitblicke, die sich vor Dir öffnen, müssen wohl sehr zu Deiner Seele sprechen? Ich selbst sehe das alles nicht, doch ich sage mit dem heiligen Johannes vom Kreuz: In meinem Geliebten habe ich die Berge, die abgeschiedenen, bewaldeten Täler … Und dieser Viel-Geliebte unterweist meine Seele. Er spricht zu ihr im Schweigen, in der Dunkelheit … (B 135).

Manchmal hat Thérèse den Eindruck, dass es Nacht wird über der Wüste. Alles zerrinnt im Nichts, sie kann den Unsichtbaren nicht mehr erkennen; die Dunkelheit gewinnt Macht über ihr Herz, darunter leidet sie. Diese Wüstenerfahrung ist die tiefste. Das Herz der Wüste ist die Wüste des Herzens. Sie fühlt die Hand, die sie führt, nicht mehr. Schaudernd blickt sie um sich und ist versucht zu denken: Nirgends ist Er, es gibt nichts …

Aber das ist nicht die Logik des Evangeliums! Selig sind, die nicht sehen und doch glauben, sagt Jesus (Joh 20, 29). Vorwärts! Weiter! Nicht stehenbleiben. Wenn der Weg einmal vorgezeichnet ist, muss man ihm folgen (Antoine de Saint-Exupéry). Je mehr Thérèse riskiert, desto sicherer ist sie sich: dieser Weg führt nicht ins Nichts. Sie zieht ihren Kompaß zu Rate: die Evangelien. Mit Feuereifer liest sie, was der heilige Johannes vom Kreuz über die Wüste schreibt: er ermuntert sie, ihren Weg bis zum Ende zu gehen.

Thérèse wagt sich in Gemeinschaft von etwa zwanzig Frauen vorwärts. Eine kleine Karawane, Vorposten des Volkes Gottes auf dem Weg, eine kleine Zelle der Kirche. Die junge Schwester hat von dieser Gruppe enorm viel bekommen! Es ist ihr Karmel, die Schwestern geben einander die Fackel weiter, sie teilen ihr ihre Erfahrungen mit. Eine gemeinsame Berufung hat sie, die aus sehr unterschiedlichen Milieus kamen, zusammengeführt, eine bunte Gruppe, trotz des gleichen braunen Kleides, das sie alle tragen! Alle haben sie den Geist Gottes!

Die Kommunität Thérèses ist vielleicht ärmer als der Durchschnitt der Karmelkommunitäten. Es gibt darunter einige hervorragende Persönlichkeiten, aber noch viel mehr gewöhnliche Schwestern, bei denen sich Qualitäten und Fehler die Waage halten; und dann einige zutiefst verwundete Naturen. Nach und nach wird sich Thérèse dessen bewußt:

… Mangel an Urteil, an Erziehung, die Empfindlichkeit gewisser Charaktere, lauter Dinge, die das Leben nicht sonderlich angenehm machen. Ich weiß wohl, dass diese Charakterschwächen chronischer Art sind.

Wo sie kann, wählt sie ihren Platz an der Seite der Ärmsten:

Daraus ziehe ich folgenden Schluß: Ich muss in der Rekreation während der Redezeit die Gesellschaft jener Schwestern aufsuchen, die mir am wenigsten angenehm sind, und an diesen verwundeten Seelen das Werk des guten Samariters vollbringen. Ein Wort, ein liebenswürdiges Lächeln genügen oft, um eine traurige Seele aufzuheitern (C 259).

Schwester Thérèse widmet sich ihnen mit grenzenloser Hingabe. Dies ist das Zeichen, dass ihr geistliches Streben gesund ist. Gott lieben, das heißt, auch immer mehr seinen konkreten Nächsten lieben, die, welche mit uns leben. Die Armen habt ihr immer bei euch, sagte Jesus (Joh 12,8).

Viele Menschen befinden sich in einer ähnlichen Wüstensituation wie Thérèse. Die Wüste kann sich im Herzen eines Menschen ausbreiten, ohne dass dieser es möchte. In den sozialen Beziehungen, der täglichen Arbeit, der großen Stadt. Sie kann: Ohnmacht aufgrund einer Krankheit oder einer psychischen Behinderung, Einsamkeit, selbst in einer Ehe, Unverständnis, soziale Unsicherheit, Altersleiden, Ärger, Mühsal … heißen. Hat nicht jeder seine eigene Wüstenerfahrung gemacht?

Dies ist dann die Stunde eines noch größeren Vertrauens, sagt uns Thérèse! Bleib nicht allein! Jesus ist bei dir. Wandle dein Leid in Liebe. Thérèse macht aus ihrem Leiden das Herz der Kirche. Das Herz der Kirche ist überall dort, wo gebetet wird, wo man liebt, aus Liebe arbeitet, dort wo man sein Leid mit dem Blick auf den Gekreuzigten trägt. In den Augen Christi entdeckt sie die Menschen. Sie gehört zur Kirche, im umfassenden Sinn und verantwortlich für Tausende von Seelen (Brief 135). Und sie hat das Leid bewußt in ihr Lebensprogramm hineingenommen: Apostel sein durch das Gebet und das Opfer (A 107)! Als Céline sich ihrerseits fragt, ob sie die Berufung für den Karmel besitzt, ermutigt Thérèse sie mit einem verblüffenden Argument:

Fürchte nichts, hier wirst Du mehr als anderswo das Kreuz und das Martyrium finden! (Brief 167).

Niemals verliert sie die Liebe aus den Augen. In den Briefen, die sie in ihrer Wüstenzeit schreibt, kommt Thérèse ständig auf sie zurück.

Da ich kein einziges Geschöpf zu finden vermag, das mich zufriedenstellt, will ich alles Jesus geben. Ich will den Geschöpfen auch nicht ein Atom meiner Liebe schenken … (Brief 76).

Mein einziger Wunsch ist es, immer den Willen Jesu zu tun (Brief 74).

Es gibt nichts außer Jesus, der ist; alles übrige ist nicht. Lieben wir Ihn also bis zur Torheit… Unsere Sendung ist es, uns zu vergessen, zu nichts zu werden … Wir sind so gering… Und dennoch will Jesus, dass das Heil der Seelen von unseren Opfern und unserer Liebe abhängt … Ah, verstehen wir Seinen Blick! … Jesus zu lieben mit der ganzen Kraft unseres Herzens und Ihm Seelen zu retten, damit Er geliebt wird! … (Brief 96).

Wenn man auch - in der Karawane vereint - gestützt und ermutigt wird, so ist ihr Einfluß dennoch manchmal ein Hemmschuh. Manche wollen durch ihr Verhalten die anderen überreden, sich nicht so anzustellen, ruhig einmal unterwegs stehen zu bleiben. Ohne es wirklich auszusprechen, bringen sie zum Ausdruck, dass das Unternehmen unmöglich ist. Selbst ein Beichtvater hält Thérèse ihre Wünsche, eine Heilige zu werden und so zu lieben, wie die heilige Teresa von Avila Ihn geliebt hat, vor. Dies zeuge von Anmaßung. Thérèse antwortet folgendermaßen:

Aber, Pater, ich finde nicht, dass dies vermessene Wünsche sind, da unser Herr ja gesagt hat: Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist (Apostolischer Prozeß).

In einem Brief an Céline bekräftigt sie:

Vollkommen sein, wie Dein himmlischer Vater vollkommen ist! … Ach, Céline, unser unendliches Verlangen ist also weder Traum noch Hirngespinst, weil Jesus selbst uns diese Weisung gegeben hat. (Brief 107).

Oft spricht sie vom Wahnsinn der Liebe, vom Verrückten in der Liebe, als einzige angemessene Antwort auf die verrückte Liebe Gottes zum Menschen.

Der Sand

In der Wüste sieht man nichts als den Himmel und den Sand. Seit langem schon fühlt sich Thérèse vom Firmament angezogen. Denn sie hatte stets das Gefühl, dass sie jung sterben würde, daß sie schnell dort oben sein würde.

Nun entdeckt sie auch die Symbolik des Sandes. Das anonyme, winzige, beinahe unsichtbare Sandkorn wird für sie zum Bild für das verborgene Leben, für die Zurückgezogenheit und die Armut - Werte, die sie intensiv lebt.

Während der ersten Jahre ihres Ordenslebens paßt die Symbolik des Sandkornes wunderbar in ihr Weltbild. Thérèse lebt für die Augen der Welt verborgen in einem Kloster. Seit langem hat sie eine Vorliebe für die kleinen Zeichen der Liebe, die nicht auffallen. Dazu kommt, dass ihr Gebet dürr und trocken ist. Thérèse wird unter dem Leidensdruck fast aufgerieben (wir werden gleich darauf zurückkommen). Man könnte ihr geistliches Leben in dieser Periode als den Wunsch charakterisieren, völlig zu verschwinden, um zur noch reineren Jesusliebe zu werden. Wie könnte man auch von sich selbst erfüllt sein und gleichzeitig von Gott? …

Wahrscheinlich hat Thérèse von ihrer Schwester Agnès kurz vor ihrem Eintritt das Bild vom Sandkorn mitbekommen. Sie identifiziert sich damit völlig. Beten Sie, dass Ihre kleine Tochter immer ein ganz unscheinbares, allen Augen ganz verborgenes Sandkörnlein bleibt, das Jesus allein zu sehen vermag; dass es immer kleiner werde, daß es zu nichts werde … (Brief 49).

Es geht also nicht bloß darum, klein zu sein, sondern es immer mehr zu werden. Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden (Joh 3,30): diese Worte von Johannes dem Täufer mit dem Blick auf Jesus fassen ihr ganzes Bestreben zusammen.

Ihr Wunsch, klein zu sein, wird immer fordernder und umfassender. Sie bedauert, dass sie noch nicht klein genug und auch noch nicht leicht genug ist (Brief 54).

An ihrem Profeßtag betet sie:

Jesus, sei mein Alles! … Die Dinge dieser Welt mögen meine Seele niemals beunruhigen, nichts soll meinen Frieden stören. Jesus, ich bitte Dich nur um den Frieden und auch um die Liebe, die unendliche Liebe, die keine Grenzen kennt als Dich, die Liebe, die nicht mehr die meine, sondern die Deine sein soll … Mach, dass ich der Kommunität niemals zur Last falle, sondern dass sich niemand um mich kümmert, daß ich geringgeachtet und mit Füßen getreten werde, vergessen wie ein kleines Sandkorn, das Dir gehört …

Später wird Agnès das Charakteristische der fünf ersten Klosterjahre von Thérèse definieren als die Demut und die Sorge, treu bis in die kleinsten Dinge zu sein (Seligsprechungsprozess).

Wenn die Vervollkommnung in der Liebe auch immer Thérèses Ideal bleiben wird, so glaubt sie in diesen ersten Jahren ihres Karmellebens doch aufrichtig daran, dass die Liebe selbst gleichzeitig der einzige Weg zu diesem Ideal ist. In bezug auf ihr Unvermögen muss sie noch viel dazulernen! Aber für den Moment fallen ihr Wunsch nach Demut und Auslöschung noch völlig mit der Liebe zusammen - wie wunderbar ist diese Sicht, wie wunderbar diese Synthese! Immer kleiner werden, um immer mehr lieben zu können! Um immer glühender zu lieben, immer reiner, immer öfter zu lieben, indem man immer wieder von neuem beginnt! Thérèse erfährt wohl ihre Schwachheit, aber sie versucht, ihre Erfahrung zugunsten dieser drei Aspekte der Liebe umzuwandeln. Ihre Schwäche ist ein Komplize ihrer Liebe.

Jesus ist auf dem Weg zum Kalvarienberg dreimal gefallen … Und Du möchtest nicht, wenn es sein muss, hundertmal fallen, um Ihm Deine Liebe zu beweisen, und dann mit größerer Kraft aufstehen, als Du sie vor dem Fallen hattest!… (Brief 81).

Oh, wieviel kostet es, Jesus zu geben, worum Er bittet! … Welches Glück kostet es … Welche unaussprechliche Freude, unser Kreuz schwach zu tragen… Versäumen wir die Prüfung nicht, die Jesus uns schickt. Es ist eine Goldmine, die es auszubeuten gilt. Werden wir die Gelegenheit verpassen? … Das Sandkorn will sich ans Werk machen, ohne Freude, ohne Mut, ohne Kraft, und alle diese Eigenschaften werden ihm das Unternehmen erleichtern: es will sich aus Liebe mühen. Das Martyrium beginnt (Brief 82).

Es ist klar, dass dieser Wunsch nach Leiden und nach Vergessenheit nicht von Masochismus oder Leidenssehnsucht herrührt. Die Schriften der jungen Karmelitin bezeugen uns überall, dass ihr Mut zum Leiden ihrer Liebe zur Person des Herrn Jesus entspringt, in der Absicht, nur Ihm zu gefallen und Sein Los mit Ihm so vollkommen wie möglich zu teilen, ohne sich dabei die geringste Herausforderung entgehen zu lassen, die ihr konkretes Leben als Karmelitin mit sich bringt.

Beten Sie, dass das Sandkorn immer an seinem Platz ist, d. h. unter den Füßen aller, dass niemand an es denkt, dass sein Vorhandensein sozusagen unbekannt ist. Das Sandkorn wünscht nicht, gedemütigt zu werden, das wäre noch zuviel der Ehre, weil man sich ja mit ihm beschäftigen müßte. Es wünscht nur eines: vergessen zu werden, nichts zu gelten! … Aber von Jesus möchte es gesehen werden (Brief 95).

Die Ehre meines Jesus, das ist alles, meine eigene übergebe ich Ihm, und wenn er mich zu vergessen scheint, nun, Er ist frei, denn ich gehöre nicht mehr mir, sondern Ihm… Er wird es schneller leid sein, mich warten zu lassen, als ich, Ihn zu erwarten (Brief 103).

Thérèse nimmt oft den Ausdruck Kleinsein in den Mund. Das tut sie später auch noch. Aber man kann feststellen, dass sich der Schwerpunkt da wesentlich verlagert hat. Im selben Gebäude können zu verschiedenen Zeitpunkten verschiedene Waren gelagert sein. In ihren ersten Jahren als Ordensschwester ist Kleinsein für Thérèse vor allem ein Synonym für Demut, die ihre Gottesliebe mehrt. Später wird Kleinsein oder Kindsein eine über die bloße Demut hinausgehende Bedeutung haben, die allerdings stets eine grundlegende Haltung Gott gegenüber bleiben wird und das Erfordernis für eine reine Liebe darstellt. Kleinsein wird für Thérèse in den folgenden Jahren im wesentlichen ein Synonym für vertrauensvolle Hoffnung werden, für die Hoffnung eines Kindes gegenüber seinem Vater. Kleinsein wird nicht mehr unmittelbar in Verbindung mit der Gottesliebe, die Thérèse anstrebt, gebracht werden, sondern vielmehr mit der barmherzigen Liebe Gottes zu ihr, einer Liebe, die sie empfängt.

Selbstverständlich ist Thérèse auch in dieser ersten Zeit von der Hoffnung getragen. Sie hofft glühend, dass sie mit Hilfe der Gnade Gottes zum Gipfel der Liebe gelangen wird, und das sehr schnell. Aber sie muss noch viel tiefer von dem Bewußtsein ihrer eigenen Ohnmacht durchdrungen sein, ehe sie ihre Hoffnung einzig und allein auf Gottes Treue setzen kann, die so barmherzig ist und immer den ersten Schritt tut. Bevor Thérèse zu dem existentiellen Bewußtsein gelangt, dass Gott selbst und Gott allein es ist, der uns heilig macht, muß sie eine lange Nacht voll vergeblicher Anstrengungen durchmachen (Joh 21). Aber Leben heißt Wachstum, und es gibt viele, die zunächst mit Gott kämpfen, ehe sie sich von Ihm bezwingen lassen.

Als Thérèse in den Karmel eintritt, möchte sie zuerst noch zu sehr durch eigene Anstrengung zur Heiligkeit gelangen. Mit Hilfe ihrer eigenen Liebe. Sie denkt zu sehr: Ich will Jesus alles geben, und zu wenig: Jesus wird mir alles geben. Wir könnten dies nicht besser erklären als durch die Stelle in einem Brief vom Juli 1890. Thérèse ist seit zwei Jahren und einigen Monaten Karmelitin, aber das heilige Feuer glüht immer noch, und nichts hat ihre Überzeugung, eine Heilige zu werden, erschüttern können - vorausgesetzt, dass ihre Liebe zunimmt. Natürlich weiß sich Thérèse schwach, aber sie betrachtet diese Schwäche stets als beinahe außergewöhnliche Chance für eine reinere Liebe. Später wird sie vertrauensvoll ihre Schwäche dem Herrn überlassen, als eine Chance für Ihn, damit wir Seiner barmherzigen Liebe noch mehr teilhaftig werden.

Sie schreibt ihrer Kusine Marie Guérin:

Wenn Du nichts bist, darfst Du nicht vergessen, dass Jesus alles ist. Deshalb musst Du Dein kleines Nichts in Sein unendliches Alles hineinverlieren und nur noch an dieses einzig liebenswerte Alles denken… Wenn man sich so elend sieht, will man sich nicht mehr anschauen und blickt nur noch auf den einzigen Viel-Geliebten! Meine liebe Marie, für mich kenne ich kein anderes Mittel, um zur Vollkommenheit zu gelangen, als die Liebe. Wie sehr ist unser Herz für die Liebe geschaffen! (Brief 109).

Kein anderer Weg zur Vollkommenheit als die Liebe… Thérèse muß sich noch viel weiter entwickeln, ehe sie das entdeckt, was sie ihren kleinen Weg nennen wird. Nachdem ihr in einzigartiger Weise die rettende Barmherzigkeit Gottes offenbar wurde, schreibt sie sechs Jahre später:

Das Vertrauen, und nichts als das Vertrauen, muss uns zur Liebe führen (Brief 197).

Auf diese Entwicklung wollen wir nun näher eingehen.

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zuletzt aktualisiert am 12.09.2016
korrekt zitieren:
Mit leeren Händen - Die Botschaft der Thérèse von Lisieux:
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