Ökumenisches Heiligenlexikon

Mit leeren Händen

Die Botschaft der Thérèse von Lisieux

Meine Berufung ist die Liebe!

Nicht für sich allein geht Thérèse ihren Kleinen Weg und vertraut sie sich der Barmherzigkeit Gottes an. Als sie gerade seit zwei Monaten von der tiefsten Dunkelheit umhüllt ist, bittet Marie de Gonzague sie, für einen zweiten Priesterbruder zu beten und für ihn zu opfern, für Adolphe Roulland, der gerade nach China fahren soll. Thérèse selbst hat ebenfalls den Wunsch geäußert, in einen Karmel in der Mission zu gehen, und im Herbst 1896 denkt man ernsthaft daran, sie nach Hanoi zu senden.

Zu dieser Zeit haben ihre missionarischen Wünsche ihren Höhepunkt erreicht! Sie möchte für Jesus Missionarin sein, für alle Zeiten und an jedem Ort gleichzeitig: Wünsche, die zeitmäßig und geographisch unvereinbar sind und die schließlich harmonisch in ihrer Berufung, im Herzen der Kirche die Liebe zu sein, münden.

All dies hat Thérèse in ihrer Autobiographie Manuskript B beschrieben, dem langen Brief an ihre Schwester Marie vom September 1896, der ein geistliches Dokument von unsterblichem Wert darstellt und die große Charta ihrer Lehre über die geistige Kindschaft ist.

Ein langer Brief!

Zunächst kurz zu der äußeren Struktur dieses Manuskripts. Vor nicht allzu langer Zeit hatte Thérèse ein Gespräch mit ihrer Schwester Marie, die sie damals gebeten hatte, ihre kleine Lehre (B 194) für sie niederzuschreiben. Thérèse geht während ihrer Exerzitien am 8. September 1896, dem sechsten Jahrestag ihrer Profeß, ans Werk. Sie nimmt zwei Blatt kariertes Papier, faltet sie in der Hälfte zusammen und schreibt sie ganz voll: das ergibt also acht Seiten, in chronologischer Hinsicht der erste Teil des Manuskripts B.

Danach nimmt Thérèse ein neues Blatt Papier, faltet es, gibt es als Schutzblatt über die beiden beschriebenen Blätter und hat nun eine neue erste Seite, welche sie bis zu den bereits beschriebenen Seiten hin vollschreibt. Was nun in der gedruckten Ausgabe der zweite Teil des Manuskripts B (195-208) ist, wurde chronologisch gesehen also zuerst geschrieben. Und was der erste Teil ist (B 191- 194), wurde chronologisch später geschrieben: dies sind die Seiten, die die folgenden, bereits geschriebenen, zusammenfassen und deuten.

Thérèse schiebt dann ihr literarisches Produkt unter der Tür Maries durch! Aber ihre Schwester versteht das Ganze nicht so recht. Das Wesentliche bei der Argumentation begreift sie nicht. Angesichts der stürmischen Wünsche ihrer Schwester reißt sie die Augen weit auf und bittet sie entmutigt um eine weitere Erklärung… Die Antwort läßt nicht auf sich warten: es ist dies der Brief 197 Thérèses vom 17. September, ein neuerlicher Versuch, das Wesentliche an ihrer kleinen Lehre herauszustellen, gewissermaßen der dritte Teil des Manuskripts B! In dieser Reihenfolge wollen wir versuchen, die Hauptgedanken dieser Seiten, die zur höchsten geistigen Literatur zählen, darzulegen.

Der Weg der Liebe

1. Thérèse erzählt zunächst ihren ermutigenden Traum vom 10. Mai (B 195-197). Im Schlaf sieht sie die ehrwührdige Anna von Jesus, die rechte Hand der heiligen Teresa von Avila, die die theresianische Reform von Spanien nach Frankreich und in die Niederlande gebracht hat. Thérèse beginnt mit ihr ein kurzes Gespräch, weil sie wissen will, ob sie bald in den Himmel eingehen kann, und dann fragt sie sie (und beide Fragen sind bereits fest in ihrem Unterbewußtsein verwurzelt): Sagen Sie mir noch, ob der liebe Gott nicht mehr von mir verlangt als meine armseligen kleinen Handlungen und meine Sehnsüchte. Ist Er zufrieden mit mir? (B 196/197).

Die Antwort ist positiv, und Thérèse wird vor Freude wach. Sie betrachtet diesen Traum als eine Ermutigung durch den Herrn inmitten ihrer dunklen Glaubensprüfung und als eine Bestätigung der Richtigkeit ihres Weges. Denn ihr kleiner Weg ist hier tatsächlich gut zusammengefaßt: dein Möglichstes tun in den armseligen kleinen Handlungen, die du verrichten kannst, und dann sehnen: vertrauen, dass der Herr sich mit deinen ohnmächtigen Anstrengungen zufrieden gibt und dir schließlich das schenken wird, was du aus eigener Kraft nicht erreichen kannst. Der Bericht von diesem Traum stellt von nun an ein schönes Präludium zu ihrer kleinen Lehre dar.

Bleiben wir ein wenig bei dem Ausdruck armselige kleine Handlungen stehen. Für Thérèse sind das keine lieben und leeren Verkleinerungsformen. Die große Kontemplative gibt den Ausdrücken, die sie gebraucht, stets einen Sinn! Sie glaubt an das, was sie sagt, durchdrungen von dem Wissen um ihre Armut und ihre Grenzen, und von diesem präzisen Blickwinkel her müssen wir den häufigen Gebrauch des Wortes klein in diesem Manuskript interpretieren.

Das Kleinsein gehört zum Leben Thérèses. Aber welcher Adel verbirgt sich dahinter! Kleinsein bedeutet hier Tiefe in Demut und Selbstvergessenheit, Wahrheit und Verfügbarkeit, freier Raum für diesen so viel größeren Gott, auf den sie ihre Hoffnung setzt. Jesus hat die Armen in der Bergpredigt selig gepriesen, und Thérèse reiht sich entschieden in ihre Reihen ein. Sie betrachtet die Kleinen als die privilegierte Klasse der Freunde Jesu - im Grunde die einzige Klasse, die Er spontan liebt. Denn wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen, sagt Er zu allen (Mt 18,3). Thérèse möchte jeden Schatten von Stolz meiden! Und deshalb führt sie ihre Treulosigkeiten an, ihre Schwächen und Fehler.

Auffallend ist, dass sie in diesem Brief jedesmal den Ausdruck kleine Seelen unterstreicht, bis zu sieben Mal. Sie weiß, dass diese Leute Legion (B 208) sind! In ihrer Gesellschaft fühlt sie sich zu Hause, für sie ist ihre kleine Lehre bestimmt. Im Grunde beschreibt Thérèse den Weg, den jeder gehen muss.

2. dass dieses Kleinsein zur Großherzigkeit nicht in Widerspruch steht, geht aus den unermeßlichen Wünschen, die sie nun beschreiben wird, ganz klar hervor (B 196/197). Mit der Vertiefung ihrer Liebe zu Jesus und ihres Glaubens an die Barmherzigkeit Gottes ist ihr apostolischer Eifer gewachsen und weltumfassend geworden. Ihre ungestümen Bestrebungen stellen für sie ein wahres Martyrium dar, die Anfänge des Martyriums der Liebe, um das sie in ihrem Akt der Hingabe an die Liebe gefleht hat.

Ihre große Qual besteht in dem Umstand, dass ihre zahlreichen und sogar widersprüchlichen Wünsche offensichtlich nicht miteinander in Einklang gebracht werden können. Nicht ein einziger kann in ihrer verborgenen Berufung als Karmelitin zur Gänze erfüllt werden! Thérèse möchte sich in einem begrenzten Leben grenzenlos verschenken. Es sind Hoffnungen, die ans Unendliche grenzen, größer als das Universum, Verrücktheiten, also unvernünftiges Gerede! Niemand wird je zur selben Zeit diese ganze Palette an Wünschen verwirklichen können, die so weit wie die Welt selber sind. Zwischen Traum und Grenze entsteht eine unerträgliche Spannung, die das höchste Leid in dieser großen Liebe ist.

3. Das Manuskript B zeigt uns dann, wie Thérèse an einem Tag im Sommer 1896 die Kapitel 12 und 13 des ersten Korintherbriefes auf der Suche nach einer Antwort betrachtet. Und der Heilige Geist schenkt ihr Licht und Frieden! Sie begreift, wie die Liebe, die Paulus den Weg nennt, der die vollkommensten Gaben übersteigt, die treibende Kraft der Kirche ist. Wie die Vitalität des physischen Leibes vom Pulsschlag des Herzens abhängt, so lebt der mystische Leib Christi, der die Kirche ist, von der göttlichen Liebe, aus der die Herzen der Menschen schöpfen können, für sich selbst und für die anderen. Die Liebe ist die Gabe Gottes, die dem Wort und den Sakramenten der Kirche Leben schenkt - und die auf sehr verborgenen Wegen wirken kann.

Ich erkannte, dass die Liebe allein die Glieder der Kirche in Bewegung setzt, und würde die Liebe erlöschen, so würden die Apostel das Evangelium nicht mehr verkünden, die Märtyrer sich weigern, ihr Blut zu vergießen… Ich begriff, dass die Liebe alle Berufungen in sich schließt, dass die Liebe alles ist, dass sie alle Zeiten und alle Orte umspannt … mit einem Wort, daß sie ewig ist! … Da rief ich im Übermaß meiner überschäumenden Freude: O Jesus, meine Liebe … endlich habe ich meine Berufung gefunden, meine Berufung ist die Liebe! … Ja, ich habe meinen Platz in der Kirche gefunden, und diesen Platz, mein Gott, den hast Du mir geschenkt… Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich die Liebe sein … So werde ich alles sein … So wird mein Traum Wirklichkeit werden!!!(B 200/201).

Thérèse verfolgt auch ihr früheres Ideal weiter: die Liebe, in der Fülle der Heiligkeit. Aber diese Liebe erhält hier ihre apostolische Fülle. Das einstige Ideal wird in einem umfassenderen Sinn verstanden. Thérèses Gemeinschaftssinn wird jede Grenze überschreiten, ihre Liebe zu Jesus und zu Seinem Reich wird tief wie das Meer, weit wie der Meeresstrand, treu bis in den Tod.

4. Aber hat sich Thérèse ihr Ziel nicht zu hoch gesteckt, will sie nicht zu vieles auf einmal umfassen? Wie kann ein kleines und ohnmächtiges Wesen, das sich so intensiv auf die Liebe hin ausspannt, dieses Ideal verwirklichen? Die Antwort in Manuskript B beinhaltet einen neuerlichen, aber noch tieferen Ruf zum kleinen Weg des vollkommenen Vertrauens auf Gott, der sie selber zum Gipfel der Liebe führen wird. Das Geheimnis (B 201) Thérèses, ihr Ziel zu erreichen, besteht in ihrer radikalen Empfänglichkeit!

Thérèse erneuert tatsächlich voll Vertrauen ihre Hingabe an den barmherzigen Gott. Ich bin nur ein Kind, ohnmächtig und schwach, aber gerade meine Ohnmacht verleiht mir die Kühnheit, mich Deiner Liebe, o Jesus, als Opfer anzubieten! (B 201).

Und Thérèse erinnert uns an die neuen Wege des Heils, die Gott uns damit eröffnet hat, dass Er uns Seinen Sohn schenkte: dem alten Gesetz folgte das Gesetz der Liebe Jesu. Und je tiefer sich die Liebe herabneigen kann, desto stärker enthüllt sie ihr Antlitz des Erbarmens: Die Liebe hat mich schwaches, unvollkommenes Geschöpf als Brandopfer erwählt … Ist diese Wahl nicht der Liebe würdig? … Doch, denn damit die Liebe vollkommen befriedigt wird, muss sie sich erniedrigen, sich bis zum Nichts hinab erniedrigen und dieses Nichts in Feuer umwandeln … (B 201).

5. Dann erklärt Thérèse unter anderem, wie sie ihre großherzige Liebe zu Jesus und zur Kirche verwirklichen will. Die Liebe beweist sich durch die Werke (B 203): ein gesunder Grundsatz von Thérèse, der weit davon entfernt ist, Laxheit zu predigen, wenn sie auch dem sich herniederneigenden Erbarmen Gottes das letzte Wort überläßt. Auch hier gilt: sie will all ihre Liebe von Gott selbst erhalten, um dann diese Liebe in konkrete Taten umzusetzen.

Wir werden im folgenden sehen, wie diese Liebe in all ihrer Radikalität dennoch ein demütiges und bescheidenes Antlitz trägt, wie sie sich in all den kleinen Umständen und Handlungen des alltäglichen Lebens zeigt (B 203/204).

In der Allegorie vom kleinen Vogel liefert uns Thérèse eine genaue Beschreibung ihres Vertrauens inmitten ihrer Schwachheit und ihrer Glaubensprüfung. Was einen dabei berührt, ist einerseits der Frieden, die Freude, die entschiedene Hingabe und ihre Glaubenstreue, andererseits ihr Zurückweisen aller Furcht, aller Traurigkeit oder Flucht (B 203/ 204). Der ganze Abschnitt ist in Form eines Gebetes geschrieben, das am Ende ihre innere Glut ganz wunderbar zum Ausdruck bringt.

Thérèse entwickelt ihren Gedanken um die Achse Erbarmen-Vertrauen. Oh Jesus! Laß mich im Überschwang meiner Dankbarkeit, laß mich Dir sagen, dass Deine Liebe bis zum Wahnsinn geht … Wie sollte denn, nach Deinem Willen, angesichts dieses Wahnsinns mein Herz Dir nicht entgegenfliegen? Wie sollte mein Vertrauen Grenzen kennen? … Jesus, ich bin zu klein, um Großes zu tun … und mein eigener Wahnsinn besteht darin, zu hoffen, dass Deine Liebe mich als Opfer annimmt … Eines Tages, das ist meine Hoffnung, wirst Du, mein angebeteter Adler, Deinen kleinen Vogel holen und Dich mit ihm zum Flammenherd der Liebe erheben, wirst ihn auf ewig in den brennenden Abgrund dieser Liebe versenken, der er sich als Opfer geweiht hat … Oh Jesus! Könnte ich doch allen kleinen Seelen sagen, wie unaussprechlich Deine Herablassung ist … Ich fühle, wenn Du - was nicht anzunehmen ist - eine schwächere, eine kleinere Seele fändest als die meine, so hättest Du Dein Wohlgefallen daran, sie mit noch größeren Gnaden zu überhäufen, wenn sie sich nur mit vollem Vertrauen Deiner unendlichen Barmherzigkeit überließe. Aber warum soll ich danach verlangen, Deine Liebesgeheimnisse mitzuteilen, o Jesus, hast nicht Du allein sie mich gelehrt und vermagst Du sie nicht auch anderen zu offenbaren?… (B 207/208).

Vertrauen, nichts als Vertrauen

Wie wir bereits erklärt haben, hat Thérèse die beiden ersten Seiten der Endfassung des Manuskripts B erst im nachhinein geschrieben. Sie beleuchten noch einmal einerseits das Ziel, das ihr Leben bestimmt (die Wissenschaft der Liebe, die jeden Reichtum übertrifft, das einzige Gut, nach dem ich strebe), und andererseits die Haltung, die erforderlich ist, um zu dieser Liebe zu gelangen: Jesus gefällt es, mir den einzigen Weg zu zeigen, der zu diesem göttlichen Glutofen führt, und dieser Weg ist die Hingabe des kleinen Kindes, das angstlos in den Armen seines Vaters einschläft (B 192).

Um diese These zu untermauern, beruft sich Thérèse auf zwei Texte der Heiligen Schrift, die ihrer Entdeckung des kleinen Weges zugrunde liegen (B 192).

Der Brief an Marie (Brief 197) vom 17. September ist ein neuerlicher Versuch, ihre Gedankengänge zu erklären. Thérèse argumentiert, dass ihre brennenden Wünsche nach dem Martyrium nichts sind und in keiner Weise die Grundlage für ihr unbegrenztes Vertrauen darstellen. Es könnte sogar zu den geistlichen Reichtümern, die einen nicht gerecht machen, zählen, wenn man daran Gefallen fände! Ich fühle wohl, dass es keineswegs das ist, was dem lieben Gott in meiner kleinen Seele gefällt; Ihm gefällt es zu sehen, dass ich mein Kleinsein und meine Armut liebe, meine blinde Hoffnung auf Seine Barmherzigkeit … Das ist mein einziger Schatz.

Und dann erklärt Thérèse weiter mit noch größerer Entschiedenheit: Verstehen Sie: Wenn man Jesus lieben, Sein Opfer der Liebe sein will - je schwächer man ist, ohne Wünsche, ohne Tugenden, umso eher ist man geeignet für das Wirken dieser verzehrenden und umwandelnden Liebe… Schon allein der Wunsch, Opfer zu sein, genügt. Aber man muss einwilligen, immer arm und kraftlos zu bleiben, und das ist schwer …

Im höchsten Bemühen um Verdichtung gelangt Thérèse zu dieser in ihrer Einfachheit erstaunlichen Formulierung: Das Vertrauen und nichts als das Vertrauen muss uns zur Liebe führen.

Vor sechs Jahren hatte Thérèse als Novizin in einem Brief an Marie Guérin auch vom Weg gesprochen, der zur Liebe führt. Damals lautete die Formulierung ganz anders: Für mich kenne ich kein anderes Mittel, um zur Vollkommenheit zu gelangen, als die Liebe (Brief 109).

Damals glühte Thérèse in einer Begeisterung, die noch nicht genügend im Leben erprobt war. Sie stützte sich noch auf die unausgesprochene Überzeugung, dass es ihr mit ihren sehr großherzigen persönlichen Kräften gelingen könnte, ihren Traum von der Liebe zu verwirklichen. Trotz aller Großherzigkeit mußte Thérèse Jahre der Ohnmacht und ein Mehr an göttlichem Licht erleben, ehe sie zu ihrer neuen und endgültigen Sicht gelangte, wo alle Ehre der göttlichen Barmherzigkeit allein zukommt. Ihre Erfahrung spiegelt zweifellos die eines jeden Christen wider, der ernsthaft sucht.

Die Botschaft weitergeben

Während der letzten eineinhalb Jahre ihres Lebens arbeitet Thérèse weiter an der Darstellung und der Ausformulierung ihrer Lehre, um sie möglichst dicht und doch gut verständlich weitergeben zu können. So finden wir in ihren Briefen jede Menge an Definitionen und kurzen Beschreibungen, in denen sie ihren Gedanken über die Heiligkeit entwickelt. Ihre Ansichten bilden ein zusammenhängendes Ganzes: es ist eine kleine Lehre. Diese hat etwas ganz Persönliches an sich: mein Weg, sagt sie, meine Art. Thérèse ist sich dessen bewußt, dass es sich dabei um etwas Ungewöhnliches handelt, etwas, das von der gängigen Meinung ihrer Zeit abweicht.

Ausgehend von der Heiligen Schrift entwirft Thérèse ihr Bild von Gott, dem Vater, und färbt dieses auch spontan nach ihrer persönlichen Erfahrung eines sehr guten und verständnisvollen Vaters, M. Martin. Und das Bild des Kindes, das sie skizziert, entspricht zu einem guten Teil ihrer eigenen sehr vorbildlichen und schöpferischen Kindheit.

Von dieser Hinwendung Thérèses zu Gott als Vater dürfen wir allerdings nicht schließen, dass ihre Frömmigkeit nicht christozentrisch gewesen wäre. Christus bleibt die Mitte. Er ist ihr Bräutigam, aber ein Bräutigam mit sehr väterlichen Zügen. Und Thérèse bleibt Braut, aber eine Braut, die im Lauf der Jahre immer mehr wie ein Kind wird.

Mehrere Faktoren haben zu der klaren Ausformulierung und Darstellung ihrer Lehre beigetragen. An erster Stelle die Nacht ihres geistigen und auch bald körperlichen Leidens. In ihr muss sie sich an die Gewißheiten ihres Glaubens und die Intuitionen ihres Vertrauens klammern, sie muss sie durch ihr Gebet nähren und sie sich immer mehr zu eigen machen. Hier vertieft das Leben die Lehre.

Dann ist da ihre erzieherische Tätigkeit. Seit März 1896 ist sie als Novizenmeisterin bei lernbegierigen jungen Schwestern voll im Einsatz - ohne den Titel zu tragen, den Marie de Gonzague sich vorbehält. Thérèse muss sie begleiten und ihnen helfen, ihnen Ratschläge erteilen, auf ihre Fragen und Einwände antworten. Ihnen gegenüber drückt Thérèse ihre tiefsten Überzeugungen aus. Sie sucht nach Symbolen, nach Beispielen, Veranschaulichungen, nach Anekdoten… Sie versteht sich als Verkünderin ihres kleinen Weges!

Sogar außerhalb der Klostermauern hat sie ihre Schüler! Zum Beispiel den Missionar Pater Roulland, für den sie betet und dem sie schreibt. Ihm legt sie am besten verständlich ihre Vorstellungen vom Zusammenspiel zwischen der Barmherzigkeit Gottes und seiner Gerechtigkeit dar; aus Gerechtigkeit muss Gott unsere Schwäche bedenken und daher barmherzig sein (Brief 226). Und dann ihre eigene Schwester Léonie, die bereits dreimal beim Versuch, ein Ordensleben zu beginnen, gescheitert ist. Gerade Léonie braucht besondere Ermutigung. Sie ist eine typische Vertreterin einer kleinen Seele: schwach, aber voll guten Willens. Schließlich der Seminarist Bellière, ihr erster geistlicher Bruder. Bellière ist jung, sehr gefühlvoll, sogar sentimental (ihm fehlte bei der Erziehung der Vater), er quält sich mit Schuldkomplexen. Thérèse genießt sein ganzes Vertrauen und kann ihm ganz weit die Schleusen zu ihrer kleinen Lehre öffnen. Die Briefe an Bellière liefern uns diesbezüglich einen weiten Rundblick in Thérèses Gedankengut.

Gegen Ende ihres Lebens bemerken wir, wie bei Thérèse das prophetische Bewußtsein zunimmt, dass sie eine Sendung gegenüber der Welt zu erfüllen hat (IGL 110). Vor allem auf ihrem Krankenbett äußert sie sich bei den Befragungen, der ihre Schwestern sie unterziehen, zu diesem Thema.

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zuletzt aktualisiert am 12.09.2016
korrekt zitieren:
Mit leeren Händen - Die Botschaft der Thérèse von Lisieux:
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