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Ökumenisches Heiligenlexikon

Elsa Brandström

Gedenktag evangelisch: 4. März

Name bedeutet: Gott ist vollkommen (hebr.)

Wohltäterin
* 26. März 1888 in St. Petersburg in Russland
† 4. März 1948 Cambridge in Massachusetts in den USA


Elsa Brandström (eigentlich: Brändström), Tochter eines Attachés an der schwedischen Botschaft in St. Petersburg, kehrte mit ihrer Familie nach Schweden zurück, als sie drei Jahre alt war und lebte dann in Linköping. Ihr Vater ermutigte sie zu Selbständigkeit und Entschiedenheit, die Konfirmation war für sie deshalb nicht selbstverständlich: sie ging erst zum Dompropst, um sich von ihm Rat zu holen. Der sagte, er wolle keinen Druck auf sie ausüben, sie könne sich frei entscheiden. Das überzeugte sie, sie ließ sich konfirmieren.

Elsa Brandström
Elsa Brandström

Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges - Elsa Brandströms Vater war seit 1905 als Botschafter wieder in St. Petersburg, Elsa war ihm 1908 gefolgt - meldete sie sich, um sich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. Sie kümmerte sich zunächst um russische Verwundete; dann erlebte sie, wie erbärmlich es den deutschen Kriegsgefangenen ging: nur notdürftig versorgt und ohne Winterkleidung wurden sie in kalten Waggons in die Gefangenenlager nach Sibirien transportiert. Elsa beschloss, etwas für die Gefangenen zu tun und begleitete einen Transport gefangener Kriegsinvaliden zurück nach Deutschland. Bei einem Besuch in Berlin brachte sie eine große Hilfsaktion für die deutschen Kriegsgefangenen in Gang. Tausende von Rucksäcken mit Winterkleidung und anderem alltäglichem Bedarf wurden gepackt und über das Schwedische Rote Kreuz nach Russland gebracht.

Damit die Hilfe auch bei den Notleidenden ankomme, beschloss Elsa, den Zug nach Sibirien zu begleiten. Die Gesellschaft in St. Petersburg war entsetzt, weil die junge Frau aus gutem Hause mitten in Krieg und Chaos ins unwirtliche Sibirien reisen wollte, aber Elsa ließ sich nicht abhalten. Was sie dann in den sibirischen Lagern erlebte, erschütterte sie zutiefst; angesichts der katastrophalen gesundheitlichen und hygienischen Verhältnisse in den Lagern für 700.000 Kriegsgefangene wurde Elsa klar, dass es mit einer einmaligen Hilfsaktion nicht getan war. Privat und manchmal als Delegierte des Schwedischen Roten Kreuzes und mit Vollmacht der schwedischen und dänischen Gesandtschaft als Schutzmächte sorgte sie dafür, dass die gröbsten Missstände beseitigt wurden: sie besuchte alle Lager und erzwang mit der Kraft ihrer Überzeugung die Reinigung der Latrinen, die Verbesserung der Ernährung und andere Maßnahmen und begleitete Austauschtransporte der Schwerverwundeten von Russland nach Deutschland.

Elsa schrieb nun das Buch Unter Kriegsgefangenen in Rußland und Sibirien über ihre Erfahrungen in den Lagern. Meine Tätigkeit hat mich mit etwa 700.000 Kriegsgefangenen in Lagern, in Lazaretten und auf Arbeitsplätzen in Verbindung gebracht, berichtete sie darin. organisierte weitere Hilfsaktionen für die Kriegsgefangenen in Sibirien. Als sie zu ihrem erkrankten Vater zurückkehren wollte, wurde sie in Omsk als Geisel festgehalten, nach sieben Wochen aber freigelassen, weil kriegsgefangene deutsche Kommunisten für sie bürgten. Als ihr Vater gestorben war, ging sie nach Deutschland, um heimkehrenden Kriegsgefangenen zu helfen. Dazu gründete sie zwei Heime in (Bad) Marienborn in Sachsen und auf Gut Schreibermühle bei Lychen in der Uckermark.

1923 reiste sie in die USA und hielt dort in sechs Monaten mehr als dreihundert Vorträge, dazu gab sie viele Pressekonferenzen. 100.000 Dollar kamen zusammen, das war im inflationsgeplagten Deutschland eine riesige Summe. Im gepachteten Schloss Neusorge bei Altmittweida eröffnete sie damit ein Kinderheim für Waisenkinder um mein Versprechen einzulösen, das ich so vielen sterbenden Kriegsgefangenen in Sibirien gab. Ihre Rede auf der Weltkirchenkonferenz für praktisches Christentum im August 1925 in Stockholm, unter dem Titel Liebestätigkeit als völkerversöhnende Macht, verhallte freilich ungehört.

1929 heiratete Elsa Brandström in Dresden den Ministerialrat Professor Robert Ulich. Im Alter von fast 44 Jahren brachte sie 1932 ihre Tochter Brita zur Welt. Vorher hatte sie sich eingestehen müssen, dass ihre drei Häuser für frühere Kriegsgefangene und Kriegswaisen nicht mehr zu halten waren. Am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtübernahme der Nationalsozialisten, legte der christliche Sozialist Robert Ulich seine Professur in Dresden nieder, in den USA war ihm eine Gastprofessur angeboten worden. Die 1935 geplante Abreise der berühmten Brandström löste bei den Nazi-Machthabern Unruhe aus. Aus der Gastprofessur an der Harvard-Universität in Cambridge wurde für Robert Ulich eine dauerhafte Stelle. Elsa Brandström besorgte für deutsche Juden, die nach Amerika flüchten wollten, die Papiere und organisierte Hilfe für Neuankömmlinge. Gemeinsam wurde ein Restaurant eröffnet, in der frühere Professoren nun Teller wuschen, auch Elsa stand in der Küche.

Schon vor Ende des 2. Weltkriegs begann Elsa Brandström mit dem letzten großen Vorhaben ihres Lebens: sie sammelte Kleidung für Kinder im notleidenden Deutschland. Für den Transport ließ sie Holzkisten bauen, die sich auch als kleine Schränke verwenden ließen: die CARE-Pakete waren geboren. Die ersten Kisten wurden von einem schwedischen Schiff nach Europa mitgenommen. Im Februar 1945 reiste Elsa nach Schweden, um weitere Hilfe zu organisieren.

Die Universitäten Uppsala, Kaliningrad und Tübingen verliehen Elsa Brandström ehrenhalber die Doktorwürde.

Elsa Brandström litt inzwischen an Knochenkrebs und wusste, dass sie bald sterben werde. Von Krankheit gezeichnet, kehrte sie nach Amerika zurück. 1948 hatte sie den eineinhalbjährigen Kampf gegen die Krankheit verloren. Die Welt trauerte um eine mutige Frau, die Hunderttausenden geholfen hatte, überall erschienen Zeitungsartikel über den Engel von Sibirien - ein Titel, den sie selbst nicht gern gehört hatte.




Autor: Joachim Schäfer - zuletzt aktualisiert am 03.09.2015
korrekt zitieren:
Joachim Schäfer: Artikel
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet das Ökumenische Heiligenlexikon in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.info/969828497 abrufbar.

Quellen:
• Evang. Gemeindeblatt für Württemberg 9/1998
• Friedrich-Wilhelm Bautz. In: Friedrich-Wilhelm Bautz (Hg.): Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. I, Hamm 1990