Ökumenisches Heiligenlexikon


Web 3.0 - Leserkommentar:

Karl Borromäus der Inquisitor

Karl Borromäus (Carlo Borromeo) wurde nach seiner Seligsprechung im Jahr 1602 am 1. November 1610 von Papst Paul V. (1605 bis 1721) heiliggesprochen. Die Heiligsprechungsbulle bezeichnet ihn als Märtyrer der Liebe, ein leuchtendes Beispiel für Hirten und Herde und einen Engel in Menschengestalt.

Der Heilige lebte und wirkte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts als Europa zum blutigen Schauplatz dynastischer und religiöser Machtkämpfe zwischen Spanien, Frankreich, Deutschland und England wurde, als in Mitteleuropa der organisierte Massenmord mittels Hexenverfolgung einem Höhepunkt zustrebte und um der heiligen Religion willen Tausende vertrieben und umgebracht wurden – da könnte man doch annehmen, dass dies die ideale Zeit für einen Heiligen gewesen ist, segensreich zu wirken.

So hilfreich und tolerant, wie Karl Borromäus meist dargestellt wird, war er nicht immer und vor allem nicht in allen Bereichen seiner Tätigkeit. Bei der Beschäftigung mit der Römischen Inquisition stößt man für die Zeit zwischen 1542 und 1600 auf rund 200 Mitglieder und Mitarbeiter dieser Einrichtung, dabei taucht auch – was sich zunächst kaum vermuten lässt - Karl Borromäus auf.

Der Heilige, dem zu Ehren Kirchen, Schulen, Straßen und Plätze benannt sind, kam am Sonntag, dem 2. Oktober 1538 als Sohn des Gilberto II. Borromeo, VII. Conte (Graf) di Arona e di Angera (1515 – 1558), und der Contessa Margherita, geborene de Medici (1510 – ca. 1547), zur Welt. Im Alter von 12 Jahren wurde er Kommendatarabt des Dominikanerklosters [richtig: Benediktinerkloster] St. Gratian von Arona, mit 16 begann er in Pavia mit dem Studium der Jurisprudenz und schloss dieses 1559 mit der Promotion zum Doktor beider Rechte ab. Bei der Promotionsfeier soll einer der Universitätsprofessoren erklärt haben: Karl wird große Dinge tun und einst in der Kirche glänzen wie ein Stern. Der Student Karl Borromäus verwendete sich in Rom für den Dominikaner Antonio Michele Ghislieri, der 1557 Kardinal und im Jahr darauf Großinquisitor wurde. Auch die Wahl des Großinquisitors zum Papst im Jahr 1566 wurde von Borromäus entscheidend beeinflusst.

Während Karls Kinderjahren regierte in Rom Papst Paul III. (1534 – 1549), der seinen Onkel mütterlichrseits – Giovanni Angelo de Medici, den späteren Papst Pius IV. – förderte und schließlich am 18. August 1549 zum Kardinal ernannte.

Alessandro Farnese, wie Paul III. vordem hieß und dessen Spitznamen Kardinal Unterrock war, entstammte einer dem Kriegshandwerk verbundenen Familie und verdankte seinen Aufstieg seiner schönen Schwester Giulia, verheiratete Orsini und bevorzugte Geliebte des Papstes Alexander VI. Paul III., der selbst drei Kinder hatte, ist u. a. auch für seinen exzessiven Nepotismus bekannt; schon kurz nach seiner Wahl machte er zwei seiner Enkel zu Kardinälen und zwar im Alter von 14 und 16 Jahren.

Im Verlauf seines Pontifikats ergaben sich erhebliche Auffassungsunterschiede zwischen ihm und Kaiser Karl V. was das Verhalten gegenüber den Protestanten betraf. Karl war altgläubig und ein entschiedener Verfechter einer Reunionspolitik, denn für ihn waren hauptsächlich die weltlichen Aspekte der Religionsfrage, d. h., der Kirchen- und Glaubensspaltung, entscheidend. Maßgebend war der jeweilige Stand der großen machtpolitischen Auseinandersetzung mit Frankreich und die Frage, wieweit das Papsttum ausgespielt und für die eigene Politik nutzbringend eingesetzt werden konnte.

Jahrelang versuchten Karl V. und sein Bruder Ferdinand I. kriegerische Auseinandersetzungen im Deutschen Reich zu verhindern und die für sie so wesentliche Einheit des Reiches durch friedliche Religionsgespräche, durch Ausgleichsverhandlungen zu erreichen.

Auch der Papst hätte gerne eine religiöse Einigung gesehen, aber natürlich auf Kosten der Protestanten und ganz zugunsten der Römischen Kirche. Er war für Druck, Zwang und Verfolgung. Aus diesem Grund schuf er, angeregt durch Ignatius von Loyola, mit der Bulle Licet ab initio vom 21. Juli 1542 die Römische Inquisition als Zentralbehörde für die Bekämpfung der Ketzerei in allen Ländern. An die Spitze des Sanctum Officium stellte er als seinen Stellvertreter eine entsprechend brutale Persönlichkeit, den Kardinal Gian Pietro Carafa, einen guten Kenner der Spanischen Inquisition, der vom Inquisitor auch noch als Paul IV. zum Papst aufstieg.

Der etwas über 20 Jahre alte Karl Borromäus, der das Vorgehen der katholischen Kirchenorgane befürwortete, nahm schon 1559 an dem Prozess gegen den evangelischen Kaufmann und Seidenwirker aus MailandGeorg von Ghese – teil. Ghese lernte den neuen Glauben 1555 in Zürich kennen. Als in Genf eine italienischsprachige evangelisch-reformierte Gemeinde gegründet wurde, verlegte er sein Geschäft dorthin. Die Gemeinde profitierte von seinen finanziellen und ideellen Zuwendungen. Schließlich wollte er auch seinen Sohn aus Mailand nach Genf holen. Der Mailänder Kardinal Filippo II. Archinti ließ daraufhin Gheses Sohn verhaften, der erst nach der Zahlung eines hohen Lösegeldes nach einem Jahr frei kam.

1557 kehrte Georg von Ghese zu einem Besuch nach Mailand zurück. Seine Frau verriet ihn dabei an den Kardinal. Er erhielt eine Freiheitsstrafe mit schweren Haftbedingungen. Nach 18 Monaten gelang ihm mit anderen Gefangenen die Flucht, woraufhin er Unterschlupf bei seinem Bruder suchte. Auch dieser verriet ihn. Georg von Ghese wurde verhaftet, im Verlauf des Prozesses zum Tod verurteilt und am 13. März 1559 auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Während des Prozesses rief ihm Karl Borromäus wütend zu: Du Narr, glaubst Du, Du seist weiser als wir alle?

Nach dem Tod von Papst Paul IV. am 18. August 1559 fand das längste Konklave des 16. Jahrhunderts - vom 5. September bis zum 25. Dezember 1559 – statt, in dem sich die anwesenden Kardinäle für Karls Onkel Kardinal Giovanni Angelo de Medici entschieden, der den Namen Pius annahm. Seine Amtseinführung fand am 6. Januar 1560 statt. Noch im Jahr seines Amtsantrittes erhob Pius IV. den jungen Karl zum Kardinaldiakon und Administrator für Mailand.

Karl Borromäus konnte seinen Onkel dazu bewegen, das unterbrochene Konzil von Trient wieder einzuberufen, das am 18. Januar 1562 unter dem Vorsitz der Kardinäle Gonzaga und Seripando eröffnet wurde. Dieses Konzil, das von der römisch-katholischen Kirche als 19. Ökumenisches Konzil bezeichnet wird, fand in drei, durch die internationale Politik bedingten Etappen vom 13. Dezember 1545 bis zum 4. Dezember 1563 statt. Nach einer zehnjährigen Sessionspause, in der sich die weltpolitische Lage zum Nachteil Karls V. verändert hatte, tagte man wieder in Trient, ohne Protestanten, dafür mit besonders aktiver Beteiligung des französischen Episkopats, dem die in Frankreich vordringen Calvinisten zu schaffen machten. Als bei Abschluss der Konzilsberatungen die Katechismusarbeiten noch unvollendet waren, beschloss das Konzil in einem Dekret auf seiner letzten Sitzung, die ihm gestellte, aber noch nicht zum Abschluss gebrachte Aufgabe der Abfassung eines Katechismus an den Papst weiterzureichen und ihm das bis zu diesem Zeitpunkt erarbeitete Material zu übergeben. Papst Pius IV. beauftragte daraufhin im Jänner 1564 eine unter Leitung seines Neffen, des nunmehrigen Kardinals Karl Borromäus, stehende Redaktionskommission aus ehemaligen Konzilsteilnehmern mit der Weiterführung der in Trient begonnen Vorarbeiten zu einem Katechismus.

Etwa ein Jahr zuvor hatte sich Karl Borromäus nach dem plötzlichen Tod seines älteren Bruders Federico (* um 1535) - der am 19. November 1562, wohl seit 17. November 1544 mit Virginia de Rovere verheiratet, aber kinderlos, verstorben war - entschlossen, Priester zu werden. Am 17. Juli 1563 wurde er zum Priester geweiht und schon am 7. Dezember des gleichen Jahres erhielt er die Weihe zum Erzbischof von Mailand und wurde zum Kardinal ernannt. Sein bischöfliches Amt trat er im September 1565 an.

Im Zuge der Gegenreformation (Rekatholisierung), die im Tridentinum ihren Ausgangspunkt hatte, setzte sich Karl Borromäus sowohl für eine moralische Erneuerung der römisch-katholischen Kirche als auch für den Kampf gegen den Protestantismus ein. Er war einer der eifrigsten Verfechter der tridentinischen Reformen. Seine Wirkung erzielte er unter anderem durch einen demonstrativ asketischen Lebenswandel, inklusive Selbstgeißelungen, und Verzicht auf weltliches Gepränge.

Die Zustände, die er in der lombardischen Stadt antraf, waren höchst unerfreulich. Die Kirchen waren völlig verwahrlost, die Menschen ohne Glauben und Sitten, viele von ihnen verschiedenen Irrlehren verfallen. Obwohl er immer wieder von Neidern und Uneinsichtigen in seiner Arbeit behindert wurde - er musste am 26. Oktober 1569 sogar einen Attentatsversuch hinnehmen - setzte er seine Tätigkeiten unbeirrt fort.

Die katholischen Borromäus-Lebensgeschichten sind allerdings merkwürdig einsilbig, wenn sie auf des Heiligen Missionsmethoden zu sprechen kommen. Erwähnt werden z. B. vom Erzpriester des Mailänder Doms, Angelo Majo - die harten Strafen gegen Zuwiderhandelnde und der Vorwurf … unzulässiger Zwangsmethoden und die wahrlich nicht wohlwollende Titulierung Geißel Gottes.

Auch andere katholische Schriften zum Leben des hl. Karl sind bezüglich des Umgangs mit der protestantischen Häresie nicht sehr ergiebig. Da zum Mailänder Bistum des Karl Borromäus auch drei italienischsprachige Talschaften des heutigen Graubünden gehörten, denen er bei mehreren Visitationen sein besonderes Augenmerk schenkte, ist die protestantische Literatur zur Gegenreformation in Graubünden umfang- und aufschlussreicher. Ab 1531 entwickelte sich die protestantische Bewegung von Locarno im schweizerischen Tessin nordwärts hinein in die bündnerischen Untertanenlande beziehungsweise ins Gebiet der Drei Bünde, einem Freistaat im Gebiet des heutigen Kantons Graubünden, der im 14. und 15. Jahrhundert entstand und bis zum Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft bis 1798 existierte. Gefördert wurde die Ausbreitung des Protestantismus durch Glaubensflüchtlinge aus Italien, vor allem aus Mailand. Sie konnten italienisch predigen und gaben Unterricht in den Häusern Wohlhabender, vor allem im Veltlin (heute im Norden Italiens). Das Zusammenleben der Konfessionen war nicht reibungslos - denn die Protestanten waren um nichts toleranter als die Katholiken. Doch die Bündner Oberen hatten offenbar keine Lust, sich mit religiösen Konflikten herumzuschlagen. In mehreren Toleranzedikten zwischen 1552 und 1557 beschlossen sie die Gleichberechtigung von katholischem und protestantischem Bekenntnis - und, schlau wie sie waren, 1581 ein Verbot des Zuzugs fremder Geistlicher. Graubünden sollte nicht zum Tummelplatz eifernder katholischer Priester und evangelischer Prediger werden - eine geradezu geniale Maßnahme angesichts des religiösen Streits und der religiösen Verfolgung im übrigen Europa.

Karl Borromäus sah das nicht so. Ihm galt die konfessionelle Duldung als libertà diabolica. Das Zuwanderungsverbot für katholische Priester durchkreuzte die geplante Straffung und Erneuerung des kirchlichen Apparats; und am schlimmsten: in vielen Dörfern machten die Menschen keinen großen Unterschied zwischen katholischem und protestantischem Glauben, so dass sie seiner Meinung nach umso dringender des geistlichen Beistands bedurften. Außerdem hätte ein katholisches Bündnerland eine gute Verbindung zwischen dem unter spanisch-habsburgischer Herrschaft stehenden >Mailand und den katholischen Vorlanden der österreichischen Habsburger abgegeben - deshalb wohl galt auch Karl Borromäus' Interesse für das in Vorarlberg gelegene Hohenems, das nicht nur von der Sorge um seine dorthin verheiratete Halbschwester Hortensia Borromeo, Gattin des Jakob Hannibal Graf Hohenems, gespeist war.

Für Karl Borromäus bestand das Problem nun darin, dass er als päpstlicher Visitator der Schweiz zwar kirchliche, aber keine weltlichen Vollmachten hatte, um die protestantischen Ketzer zu vertreiben und den katholischen Glauben wiederherzustellen. Als er 1583 vom Generalrat des überwiegend katholischen Misoxertales (Val Mesolcina, südlich des San Bernardino-Passes) um Hilfe gegen die Protestanten gebeten wurde, fand sich ein Ausweg. Da die Protestanten den Schutz der Landesgesetze genossen und darum nicht der Ketzerei angeklagt werden konnten, wurden sie von Borromäus und seinen Inquisitoren der Hexerei bezichtigt. 108 Personen kamen vor Gericht - vielfach aus Italien geflohene Protestanten. Wahrend die meisten unter der Folter in den Schoß der Kirche zurückkehrten, wurden zehn Frauen und ein Mann der weltlichen Exekutivgewalt übergeben und verbrannt. Ein paar der Hexerei überführte Kinder fanden Milde vor dem Erzbischof und wurden im Hinblick auf ihr Alter zu bloßen Kirchenbußen begnadigt.

Im benachbarten Calancatal wurden weitere Frauen – donne diaboliche - bezichtigt und gefoltert. Von den 50 protestantischen Familien des Tales soll, als Borromäus nach einem Monat die Gegend verließ, keine mehr übrig geblieben sein. Über die Verbrennungen in jenem November 1583 berichtete der Priester, der den gequälten Opfern die Absolution erteilte: Rings herum auf dem Platze stand eine unabsehbare Menge, zu Tränen gerührt und schrie mit lauter Stimme: Jesus! und auch von dem Scheiterhaufen her, wo diese Elenden brieten, vernahm man derartige Rufe, vermischt mit dem Knistern des Feuers. Zum Unterpfand des Heils hatten sie am Halse den heiligen Rosenkranz

In einem Borromäus-Lob aus dem Jahr 1846 heißt es dazu: Diese Verdienste unseres Heiligen um die Wiederbelebung der katholischen Religion in der Schweiz konnten nicht verfehlen, ihm die höchste Zufriedenheit des apostolischen Stuhles zu erwerben.

Die auf Johann Wolfgang von Goethe zurückgehende Redensart: Wo viel Licht ist, ist viel Schatten stimmt nicht nur für den physikalischen, sondern auch für den kirchlichen Bereich.

Literaturverzeichnis:
Deschner, Karlheinz: Kriminalgeschichte des Christentums, Band 8 und 9, Hamburg 2006 und 2008
Greussing, Kurt: Der heilige Karl: Mit Feuer und Flamme für die Kirche, 1988
Obermeier Siegfried: Die unheiligen Väter, Bern 1995
Schreber, Hermann: Die Geschichte der Päpste, München 2007
Ranke, Leopold: Die Römischen Päpste, herausgegeben von Beetz, Hamburg 2013
Wikipedia

Prof. Helmut Bouzek aus Wien über E-Mail, 17. September 2014

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Autor: Prof. Helmut Bouzek - zuletzt aktualisiert am 21.10.2021
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