Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
S. Barbara, V. M. (4. Dec. al. 12. Febr.) Vom Griechischen barbbaros = die
Fremde, Ausländerin etc. - Die hl. Jungfrau und Martyrin Barbara wurde von den
allerersten Zeiten an sowohl in der morgen- als abendländischen Kirche verehrt,
und steht auch jetzt noch in besonderen Ehren, obwohl keine bestimmte und
sichere Nachrichten über ihre Lebensumstände auf uns gekommen sind. Wohl sind
Acten über sie vorhanden, die bei Surius sich finden; allein sie widersprechen
sich in einzelnen wichtigen Punkten, und tragen dazu bei, die Geschichte der
Heiligen zu verdunkeln. Während die Einen derselben ihren Martyrtod nach
Nikomedia in Bithynien setzen (unter der Regierung des Kaisers Maximinus I., der
im J. 235 eine allgemeine Christenverfolgung erregte), liest man bei Andern, die
hl. Barbara habe zu Heliopolis in Aegypten unter Galerius gegen das J. 306
gelitten. Nach Baronius verdienen die Erstern den Vorzug, während dagegen Jos.
Assemani (in seinem Calend. univers. Tom. V. p. 408) die bei dem Metaphrastes
(bei Surius) und Montbritius für die zuverlässigsten hält, welche Annahme nach
Butler mit dem Menologium des Kaisers Basilius übereinstimmt, und mit dem
Synaxarium der Griechen insofern, als in diesem die Regierungszeit Maximians
(toubasileos), der von 286-305 mit Diokletian regierte, gesetzt wird. *
Es sei dem aber wie ihm wolle, die erstere Annahme ist die allgemeine in der
abendländischen Kirche und ging auch in das Mart. Rom. (4. Dec.) über. Worin
aber beide Quellen übereinstimmen, besteht in Folgendem: Die hl. Barbara war die
einzige Tochter eines reichen, angesehenen, dazu sehr eifrigen Götzendieners,
Namens Dioskorus, der sie ungemein liebte, und an ihrer Erziehung und Bildung
nach dem Muster natürlicher Weisheit nichts ermangeln ließ. Da sie von
ausgezeichneter Schönheit war, und zu befürchten stand, es könnte ihr dieselbe
zum Falle dienen, ließ ihr Vater an seinem Hause einen Thurm aufführen, versah
ihn mit allem Nöthigen und Bequemlichen, und sperrte seine Tochter in denselben
ein, um sie vor allem verderblichen Umgang abzuschneiden und ihr Gelegenheit zu
verschaffen, der Erlernung der Wissenschaften zu obliegen. Nicht umsonst war
diese Sorge für Barbara, wohl aber in anderer Hinsicht vergeblich nach der
Absicht des Vaters; denn Gott lenkte die Sache gerade gegen diese Absicht, indem
Barbara an diesem Orte ihrer Abgeschiedenheit, man weiß nicht wie, mit dem
Christenthume bekannt gemacht wurde und die hl. Taufe empfing. Allgemein ist die
Annahme, Origenes sei ihr Lehrer im
christlichen Glauben gewesen. Uebrigens trug sie schon von frühester Kindheit an
ein Verlangen nach höheren Dingen in sich. Einst soll sie die Sterne betrachtet
haben und von tiefer Sehnsucht ergriffen worden seyn, zu wissen, was sie seyen
und wer sie gemacht habe. Was man ihr Heidnisches über ihre Bedeutung sagte,
genügte ihr nicht. Darauf soll sie zum unbekannten Urheber der Gestirne gebetet
haben, als Origenes in ihre Nähe kam und sie im Glauben unterrichtete. Mit der
Zunahme ihrer Jahre dachte Dioskorus daran, seine Tochter zu vermählen, und
machte ihr deßfalls auch Vorschläge; allein sie dachte nicht an irdische
Verbindungen und bat ihren Vater, sie mit solchen Anträgen zu verschonen. Diese
Zartheit schrieb er ihrem Geschlechte und der Absonderung von andern Menschen zu,
und dachte auf ein Mittel, sie zu vermögen, zumal die Gesuche um ihre Hand an ihn
immer häufiger wurden. Um sie durch Langweile und Entbehrung seiner Gegenwart
auf andere Gedanken zu bringen, kündigte er ihr eines Tages an, er werde eine
weite Reise vornehmen. Barbara erbat sich von ihm ein Badezimmer in ihrem Thurme,
wo sie sich immer noch aufhalten mußte. Der Vater willfahrte ihrer Bitte, gab
den Plan derselben, ordnete zwei Fenster zu dessen Beleuchtung und trat die
Reise an. Die fromme Jungfrau ließ die Arbeit beschleunigen, aber anstatt der
zwei Fenster deren drei machen und ein Kreuz an einer Wand anbringen, um das
Geheimniß des dreieinigen Gottes und das Zeichen der Erlösung stets vor Augen zu
haben. Es findet sich zwar in unsern Quellen keine Andeutung darüber, aber doch
wäre es möglich, daß sie diesen Badeort sich erbeten habe, um während der
Abwesenheit des Vaters getauft zu werden. Denn es ist nicht denkbar, daß sie,
die vielleicht schon lange ohne Badeort sich in diesem Thurme befand, ohne
wichtigen und höheren Grund sich einen solchen erbeten und in der angegebenen
Weise habe ausschmücken lassen. Indeß ist dieß nur unsere Vermuthung, die in uns
durch die Bitte der Heiligen und ihre Anordnung hinsichtlich der Fenster und des
Zeichens des Kreuzes rege ward, und die uns um so annehmbarer erscheint, als
durch sie ihre Bitte in ein helles Licht gestellt wird. Als nach seiner Rückkehr
Dioskorus wahrnahm, daß in dem genannten Bade drei statt zwei Fenster angebracht
seyen, drang er in seine Tochter, ihm die Ursache dieser Abänderung anzugeben.
Diese ließ ihn nicht im Unklaren hierüber, sondern gestand offen und frei, daß
sie Christin sei, und ermahnte ihren Vater, ebenfalls das Christenthum
anzunehmen. Voll Wuth über diese Entdeckung zog er sein Schwert und würde sie in
seinem Zorne augenblicklich getödtet haben, hätte sie sich ihm nicht durch
schleunige Flucht entzogen. Unsere Quellen berichten hier, wie der Herr seine
Braut auf wunderbare Weise vor der Wuth des sie verfolgenden Vaters geschützt
habe. Denn als sie auf ihrer Flucht an einen Felsen kam, that er sich auf und
schloß sie ein, so daß sie aus den Blicken des Vaters verschwand. Durch dieses
Wunder nicht zur Besinnung gebracht, forschte der Rasende allenthalben nach ihr;
endlich fand er sie durch den Verrath eines Hirten, der dafür empfindlich
gestraft ward, ** ergriff sie bei den Haaren, schleppte sie
über Dorngesträuch und
warf sie, zu Hause angekommen, in einen finstern Ort. Wie er aber sah, daß dieß
Alles nicht im Stande war, sie von ihrem Glauben abzubringen, übergab er sie des
andern Tages dem Statthalter Martianus, und beschwor ihn, alles anzuwenden, um
die Treulose vom Christenthume abwendig zu machen. Der Statthalter redete ihr
anfänglich freundlich zu, auf ihre Jugend zu achten, auf ihre schöne Gestalt und
die glänzende Hoffnungen der Welt, ließ aber, als seine Rede fruchtlos war, sie
entkleiden, mit Ochsensehnen bis zur Verwundung am ganzen Leibe schlagen, und
die Wunden mit Scherben reiben, um ihre Schmerzen noch zu vermehren. Barbara
litt dieß Alles mit Glaubenskraft und öffnete nach dem Beispiel ihres Erlösers
den Mund nicht, in der furchtbaren Pein. Während der folgenden Nacht erschien
ihr der liebe Heiland, flößte ihr Muth ein und heilte ihre Wunden. Erstaunen
über ihre Heilung ergriff den Richter, als sie des andern Tages ihm vorgeführt
wurde, und er schrieb dieselbe der Gunst der Götter zu; allein die Heilige trat
seinem Irrthum entgegen, und bekannte unerschrocken, wer sie geheilt, und daß
die stummen Götzen nichts vermögen. Voll Grimm über den Freimuth der edlen
Jungfrau befahl er ihren Leib mit Hacken zu zerreißen, die Seiten mit Fackeln
zu brennen, das Haupt mit Hämmern zu schlagen, darauf die Brüste abzuschneiden,
und sie entkleidet durch die Straßen der Stadt zu führen und der Beschimpfung
und Mißhandlung preiszugeben. Zugleich mit ihr wurde eine andere Frauensperson,
Namens Juliana, die beim Anblick ihrer
Marter weinte und ihr Muth zusprach,
gemartert und entkleidet durch die Stadt geführt. Heldenmüthig ertrugen sie alle
diese Marter-Peinen. Endlich sprach der Richter das Urtheil der Enthauptung und
die Verurtheilte ging fröhlichen Herzens der Richtstätte zu, um die Siegeskrone
zu erlangen. Hier aber zeigte sich ein Schauspiel, worüber sich Alles entsetzte.
Ihr Vater, der der Mißhandlung seiner Tochter beigewohnt und dieselben betrieben
hatte, erschien auf der Richtstätte, wurde der Scharfrichter seiner Tochter,
führte selbst das Schwert und enthauptete sein Kind. Die hl. Barbara war damals
im 20sten Jahre ihres Lebens. Vor solch unerhörter Grausamkeit entsetzte sich
der Himmel, und es erschlug ihn ein Blitzstrahl bald nach verübter That - nach
der einen Quelle an derselben Stelle, wo er seine Tochter enthauptet und
sogleich nach geführtem Streiche; nach dem Synararium aber, das dem Metaphrastes
folgt, etwas später, als er vom Berge, wo die Enthauptung geschah, zurückkehrte.
- Dieß ist in Kürze das Hauptsächlichste aus dem Leben der hl. Barbara, wie es
in das röm. Brevier und mehrere uns bekannte Proprien z.B. von Breslau, Polen u.
Schweden, Utrecht, der Congregation der Redemptoristen, der ehem. Diöcese
Constanz etc. überging. In unzähligen Kirchenbildern erscheint die hl. Barbara
mit der hl. Katharina gepaart,
unmittelbar neben der Himmelskönigin Maria,
gleichsam (wie Menzel sagt) als deren vertraute Dienerinen. Dieß hat nach
demselben Schriftsteller die Bedeutung: Die hl. Katharina, eine geistreiche und
sehr gelehrte Jungfrau, bezeichnet den Kopf, und die hl. Barbara, die in
geheimnißvoller Sehnsucht der Seele ahnete, was ihr später als christliche Lehre
bekannt wurde, bezeichnet das Herz; jene die Macht des Geistes, diese die Tiefe
des Gemüthes, wie sich dieselben zur Kirche verhalten, welche die hl. Jungfrau
als die in ihrer Mitte thronende Herrin darstellt. Die hl. Barbara hat in
kirchlichen Darstellungen zum Attribut einen Kelch mit darüber schwebender
Hostie, genau dasselbe Symbol, woran überhaupt der Glaube kenntlich ist. Sie
selbst wird, wie Menzel meint, zu einer Personification des Glaubens. So guten
Sinn dieses gibt, und so sehr es sich auch aus dem Leben der Heiligen erklären
ließe, so wäre es doch möglich, daß sie aus einem andern Grunde den Kelch mit
der heil. Hostie zum Attribute hätte. Die hl. Barbara gilt in der kathol. Kirche
als Patronin der Sterbenden, namentlich in der Beziehung, daß, wer von ihnen sie
anruft und verehrt, nicht ohne Sterbsacramente von hinnen scheide. Ihr Name
kommt auch in der Litanei der Sterbenden vor. Ein eclatantes Beispiel in dieser
Hinsicht findet sich in dem Proprium der Diöcese Utrecht, welches Beispiel auch
von Surius aufgenommen wurde. Es war im Jahre 1448, als in einem
niederländischen Dorfe ein Brand entstand, und das Haus eines Mannes ergriff,
der fast ganz verbrannt, von der hl. Barbara, die er allzeit verehrte, aus den
Flammen geführt ward und nicht eher verschied, als bis er die heil.
Sterbsacramente der Buße und des Altars empfangen hatte. Zur Darstellung dieses
Patronats ist nichts passender, als der Kelch mit der hl. Hostie. Vielleicht
auch hat sie dieses Attribut, weil sie nach der Legende in jener Felsenhöhle,
die sich ihr auf der Flucht vor dem Vater öffnete, von den Engeln die heil.
EucharistieEucharistie - von griechisch ευχαριστειν, "Dank sagen" - vergegenwärtigt das heilvolle Sterben Jesu Christi.
Die Römisch-Katholische, die Orthodoxe und die Anglikanische Kirche nennen die Mahlfeier im Anschluss an 1. Kor 11, 24 Eucharistie, die Evangelischen Kirchen sprechen von "Abendmahl" im Anschluss an Mark 14, 17 und 1. Kor 11, 23. empfangen haben soll. In unsern Quellen haben wir zwar über diese
Communion nichts finden können; aber daß die Legende von ihr Kenntniß habe, möge
daraus hervorgehen, daß sie auf einzelnen Gemälden, wie z.B. auf einem solchen
im Kirchlein der hl. Barbara dahier in Augsburg, abgebildet ist, wie sie von
Engeln die hl. Communion empfängt. Anderweitige Attribute der Heiligen sind die
Palmen des Martyrthums und der Thurm mit den drei Fenstern. Auf alten Bildern
und Stichen haben sich übrigens die Künstler zuweilen seltsame Abweichungen
erlaubt, z.B. den Kelch in eines der Fenster gestellt, ja sogar der Heiligen
ihren Thurm als Kopfputz aufgesetzt, gemäß der im 15. Jahrhundert modischen
thurmhohen Hauben der Frauen. Uebrigens wird die Heilige als Prinzessin
gewöhnlich mit einer Krone, und wegen ihres sanften Charakters mit holdseligen
Zügen, ein wenig lächelnd dargestellt. Der öfter genannte Menzel ist der
Ansicht, diese Taubensanftheit sei es auch, weßhalb man sie zur Schutzpatronin
gegen die Gewitter erkoren habe. Er setzt bei: Im Toben der Gewitter erschöpft
gleichsam der Böse seine Wuth, muß aber dem sanften Glauben weichen. Daher ruft
man die Heilige in schweren Ungewittern an, und sind viele Glocken, die man
gegen die Gewitter läutet, auf ihren Namen getauft.
So sinnreich diese
Erklärung hinsichtlich des Patronats unserer Heiligen auch seyn mag, so können
wir mit ihr schon um deßwillen nicht einverstanden seyn, weil überhaupt jedes
Patronat eines Heiligen auf ein Factum in seinem Leben sich gründet, oder auf
ein Wunder, das im Leben oder Tode von ihm gewirkt worden ist. Wir glauben,
dieses Patronat schreibe sich von den Wundern her, welche auf ihre Fürbitte in
Feuergefahren, wie wir oben eines angeführt, sich ereignet haben, wie ja auch
die hl. Jungfrau Agatha gleichfalls bei
schweren Unwettern angerufen wird,
obwohl ihre Fürbitte zuerst nur darauf hinging, ihre Vaterstadt Catanea vor den
Lavaströmen des Aetna zu retten. Dieß mag auch der Grund seyn, warum nach
Erfindung des Schießpulvers unsere Heilige als Schutzpatronin der Artillerie
gewählt wurde, weßwegen ihr Bild ehemals auf allen katholischen Arsenalen
aufgerichtet war, und noch jetzt auf den französischen Schiffen die Pulverkammer
St. Barbe
heißt. Die hl. Barbara ist eben Patronin des Feuers und hat sich,
wie wir oben gesehen, als solche bewährt. Interessant ist die Erklärung, welche
Menzel von diesem Gebrauche gibt. Indem man, sagt er, die schrecklichste der
Waffen ihr weihte, geschah es nicht etwa, damit sie die Feigheit vor der Wirkung
des feindlichen Geschützes bewahre, sondern damit sie wache, daß der Glaube
siege; man gelobte auch, nur einen heiligen Gebrauch davon zu machen zur Ehre
Gottes. Bei der tapfern Vertheidigung von Gerona bildeten die spanischen Frauen
und Jungfrauen der Stadt noch im J. 1809 sogenannte Compagnien der hl. Barbara,
um die Männer beim Kampfe gegen die Franzosen zu unterstützen. Noch sei bemerkt,
daß die hl. Barbara wegen dieses Patronats gegen den Blitz und auch wegen des
gegen den unvorhergesehenen Tod zu den 14 Nothhelfern gerechnet wird, und daß am
12. Febr. eine Translation (die dritte von Rom nach Piacenza) gefeiert wird.
* Uebrigens wird in dem griech. Eynaxarium, das uns vorliegt, von dem Orte ihres Martyriums keine Erwähnung gemacht; nur aus der Zeitangabe könnte man schließen, daß die Griechen Heliopolis als Marterort annehmen.
** Nach dem Metaphrastes wurden seine Schafe nachmals in Käfer (scarabeos) verwandelt, die das Grab der Heiligen umflögen.
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