Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
S. MARIA, die seligste Jungfrau und Gottesgebärerin, die Königin aller
Heiligen, theilt als die Mutter des Erlösers
auch seine Vorgeschichte. In allen Weissagungen, die von Ihm handeln, ist sie
stillschweigend, öfter aber ausdrücklich mit eingeschlossen. Sie geht Ihm voraus
wie die Morgenröthe dem hellen Tage, wie der Morgenstern der Sonne. Im
Urevangelium (1. Mos. 3,15) ist sie schon angekündigt als das Weib, das der
Schlange den Kopf zertreten soll. Von den Tagen der Apostel angefangen ist sie
in der Kirche allgemein anerkannt und gepriesen als die von Isajas
(7,4) vorausgesagte Jungfrau, welche den Emmanuel, den Gott mit uns
, gebären
sollte, und als das Zeichen
, welches dem König Achaz für die beständige
Fortdauer des Hauses David gegeben wurde. Sie ist die
Erde, welche (Isaj. 45,8) sich wunderbar geöffnet hat, um aus ihrem unbefleckten
Schooße die herrlichste Frucht, - den Heiland der Welt hervorzubringen. Schon
die ältesten Väter haben sie wegen ihrer jungfräulichen Mutterschaft dem Thore
des Heiligthums beim Propheten Ezechiel (44,2)
verglichen, welches jedermann verschlossen blieb, weil der Herr, Israels Gott,
durch dasselbe eingezogen war. Wie der Welt-Heiland von den Propheten als
derjenige bezeichnet wird, welcher gesandt werden soll
, so wird Maria, seine
Mutter, vom Propheten Michäas (3,3) als die Gebärerin,
welche gebären soll
, angekündigt. Im Evangelium erscheint uns ihr liebliches
Bild zum ersten Male zu Nazareth, dem verachteten Galiläischen Städtchen, wo der
hl. Erzengel Gabriel als Bote Gottes sie begrüßt als
die Gnadenvolle, mit welcher der Herr ist, als die Gesegnete unter den Weibern.
Sie war damals als aufblühende Jungfrau mit Joseph,
aus dem Hause David, versprochen. Die Jungfrau erschrickt, als sie den Gruß
hört, offenbar sowohl wegen des Boten, als auch wegen seines ungewöhnlichen
Inhalts, und denkt nach über seine Bedeutung. Als ihr der Engel hierauf die
Empfängniß und Geburt Jesu, des verheißenen Messias, verkündet, glaubt sie wohl
an die ihr zugedachte Gnade, aber die Art, wie dieselbe in Vollzug kommen soll,
macht ihr Bedenken, da sie keinen Mann erkenne. Als der Himmelsbote ihr hierauf
erklärt, daß sie gerade als Jungfrau ausersehen sei, durch die übernatürliche
Thätigkeit des göttlichen Geistes, durch die Kraft Gottes des Allerhöchsten, die
Mutter des Sohnes Gottes zu werden, spricht sie voll Glaube und Demuth: Siehe,
ich bin eine Magd des Herrn, es geschehe mir nach deinem Worte
(Luc. 1,26-38).
Da sie ausdrücklich sagt, daß sie keinen Mann erkannte, noch je erkennen wollte,
ungeachtet ihrer Vermählung mit dem hl. Joseph, so ist der Schluß auf ein ihrer
Verlobung vorausgegangenes Gelöbniß der Jungfrauschaft gerechtfertiget (vgl. S.
Ambros. de Virg. c. 4: quod profecto non diceret, nisi se virginem ante
vovisset), und dieser Umstand führt wieder im Einklange mit der Tradition auf
ihre Weihung und Aufopferung im Tempel, die wahrscheinlich schon vor ihrer
Geburt von ihren Eltern gelobt, nach derselben aber wirklich vollzogen wurde.
Daß sie aus dem Stamme Davids war, ist unbezweifelt. Das Evangelium nennt (Luc.
3,23) nur den Vater der seligsten Jungfrau - Eli - mit Namen. Nach der von der
Kirche recipirten Ueberlieferung hieß derselbe Joachim
(s.d.), seine Frau Anna (s.d.). Ihre Ehe war, wie die
Legende erzählt, längere Zeit unfruchtbar. Als deßhalb die hl. Anna eines Tags
sogar aus dem Tempel, wohin sie in festlichen Kleidern gekommen war, gejagt
wurde, und sich in tiefer Trauer in ihrem Garten unter einen Lorbeerbaum setzte,
Gott bittend, er möge ihre Ehe segnen wie einst die der Sara,
erschien ihr und dem in der Wüste bei den Heerden weilenden Gatten ein Engel mit
der Verheißung eines Sprößlings, der die Bewunderung aller Zeiten seyn würde bis
an ihr Ende. So kam Maria zur Welt, ungefähr im 22. Regierungsjahre des Augustus,
in der 64. Jahreswoche des Daniel, im 14. Jahre der Regierung des Königs Herodes.
Als die Stätte ihrer Geburt bezeichnet die fromme Ueberlieferung die
unterirdische Capelle in der Basilica der hl. Anna zu Jerusalem. Doch besteht
darüber keine Gewißheit. Andere lassen sie zu Nazareth geboren seyn. Daß sie das
einzige aus jener Ehe entsprossene Kind war, läßt sich aus Obigem entnehmen.
Noch deutlicher weist darauf hin, daß sie zur Zeit der römischen Schatzung als
Erbin für ihre Person, wie Einige annehmen, zu Bethlehem sich einschreiben
lassen mußte. Doch wird in den Evangelien (Joh. 19,25) noch eine Schwester
Marias, der Mutter des Herrn, erwähnt. Sie hieß gleichfalls Maria,
und war das Weib des Klopas oder Alphäus. Indessen kann hier Schwester
auch
Schwägerin bedeuten. Die genannte Aufopferung im Tempel geschah nach der
Ueberlieferung, als sie drei Jahre alt war; sie stieg die fünfzehn Stufen hinan,
ohne nach ihren Eltern zurückzuverlangen. Als sie mannbar geworden, wurde sie,
und hier kehren wir auf den sichern Boden der evangelischen Geschichte zurück,
mit dem hl. Joseph, welcher gleichfalls ein Abkömmling des davidischen Hauses
war, vermählt. Es sollte hiedurch das Geheimniß der wunderbaren Geburt Christi
der Welt und ihrem Fürsten, dem Teufel, verheimlicht werden. Noch war sie nicht
in das Haus des Bräutigams eingetreten, als sie die Botschaft des Engels
empfing. In Folge derselben hat in ihr, als seiner wahren Mutter, der Sohn
Gottes und Weltheiland Jesus Christus durch unmittelbare Einwirkung des hl.
Geistes die menschliche Natur angenommen. Da dieses Wunder undenkbar ist - um
der Würde und Natur des Sohnes willen - bei einer Mutter, die nur einen
Augenblick unter der Herrschaft der Sünde, sonach des bösen Feindes, gestanden
wäre, so ist der Glaubenssatz der unbefleckten Empfängniß hieraus allein schon
zu erklären. Er ist vom Standpunkte des Glaubens und der hl. Schrift nie und
nimmer zu bekämpfen. Sie ist eben deßhalb unbefleckt empfangen, d.h. von der
Erbsünde durch ein besonderes Wunder der göttlichen Gnade befreit geblieben,
weil Jesus, ihr wahrer Sohn, zugleich der Sohn Gottes, vom hl. Geiste empfangen
ist. War sie also als wahre Tochter ihrer Eltern ganz auf dieselbe Weise
empfangen und geboren wie andere Menschen, so hat ihr, als der zukünftigen
Mutter des Erlösers, die Erbsünde nie und nimmer angehaftet, und konnte sie auch
nicht im Augenblick ihrer Empfängniß von derselben befleckt werden. Zugleich mit
der Botschaft der eigenen hohen Begnadigung erhielt die hl. Jungfrau durch den
Engel Gabriel auch die Kunde von der bereits im sechsten Monate stehenden
Schwangerschaft ihrer Base Elisabeth (s.d.). Sie
eilte, so sehr sie konnte, über das Gebirge, sie zu besuchen. Als sie in das
Haus des Zacharias trat, wurde
sie von Elisabeth als die Mutter des Herrn
begrüßt. Selbst ihr Kind hüpfte auf
in ihrem Leibe. Sie rief mit lauter Stimme und sprach: Gebenedeit bist du unter
den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes.
Maria sprach darauf
den herrlichen Lobgesang, der unter dem Namen Magnificat allgemein bekannt ist
und von der gesammten Kirche täglich in der Vesper zum Preise der hl. Jungfrau
wiederholt wird. Sie blieb in Hebron (Juta) ungefähr drei Monate und kehrte dann
nach Nazareth zurück. Hier wollte Joseph, weil er gerecht war, die schwanger
befundene Verlobte nicht zu sich ins Haus nehmen und faßte, um ihre Ehre
möglichst zu schonen, den Vorsatz, sie mittelst Scheidebriefs vor zwei Zeugen
ohne Angabe eines Grundes (heimlich) zu entlassen. Da erschien ihm im Traume ein
Engel, der ihn belehrte und Maria, seine Gemahlin, zu sich nehmen hieß. Da ihre
Zeit erfüllt war, führte die vom Kaiser Augustus anbefohlene Aufschreibung des
ganzen Erdkreises Joseph und Maria in die Davidsstadt Bethlehem. Dort gebar sie,
da in der Herberge sich kein Platz fand, in einem Stalle unter dem Jubelgesange
der Engel den Weltheiland, und legte Ihn, in Windeln eingehüllt, in die Krippe.
Es ist selbstverständlich, daß Maria Gottesgebärerin genannt und als solche
geehrt werden muß, weil Jesus, ihr Sohn, nicht bloß Mensch, sondern Gott und
Mensch, ohne Vermischung und Aenderung der Naturen, in Einer Person ist. War
aber in dieser Weise die Weissagung des Propheten Isajas (7,14), daß der
Weltheiland von einer Jungfrau empfangen und geboren werden sollte, in Erfüllung
gegangen, so ist nicht minder klar, daß durch die Empfängniß und Geburt Jesu,
des Sohnes Gottes, ihre Jungfräulichkeit keine Einbuße erlitt und erleiden
konnte, sowie daß schon, abgesehen von der evangelischen Erzählung die hiemit in
vollkommenem Einklange steht, in Anbetracht ihrer Eigenschaft als jungfräulicher
Gottesmutter die Annahme eines ehelichen Umgangs mit dem hl. Joseph als
undenkbar wegfällt. Jesus ist zugleich ihr Erstgeborener und ihr Einziggeborener.
Wenn und so oft daher von den Brüdern
Jesu gesprochen wird, sind jedesmal, dem
Schriftgebrauch entsprechend, seine Blutsverwandten gemeint *.
Der hl. Joseph war, wie das Evangelium zu erkennen gibt, obschon die Juden ihn
für den leiblichen Vater Jesu hielten, lediglich der von Gott erwählte
Beschützer Maria's und Nährvater Jesu. Durch die Geburt Jesu, des Erlösers der
Welt, ist Maria dem menschlichen Geschlechte die Ursache des Heiles (Iren. adv.
haer. III. 22) geworden. Sie ernährte und erzog das göttliche Kind mit ihrem
Gemahl, dem hl. Joseph. Sogleich nach der Geburt erfolgte die Anbetung des
Kindes durch die Hirten. Maria aber behielt und erwog die in ihr der ganzen Welt
geschehene Gnadenerweisung dankbar in ihrem Herzen. Nach acht Tagen wurde das
Kind beschnitten und Ihm nach der Anweisung des Engels der der Name Jesus
gegeben, nach vierzig Tagen aber erfolgte, wie es im Gesetze vorgeschrieben war,
seine Aufopferung und ihre Reinigung im Tempel zu Jerusalem. Als Reinigungsopfer
brachte sie das Opfer der Armen, welches in einem Paar Turteltauben oder in zwei
jungen Tauben bestand. Hier fand die merkwürdige Begegnung mit dem greisen
Simeon statt, welcher sowohl dem Kinde als
der Mutter schwere Bedrängnisse
weissagte, zugleich aber sich selig pries, weil er noch vor seinem Ende das von
Gott dem Volke Israel vor dem Angesichte aller Völker bereitete Heil, das Licht
zur Erleuchtung der Heiden, die Ehre seines Volkes gesehen habe. Von dem
damaligen Aufenthalte der Mutter Gottes zu Jerusalem erzählt die Sage, daß sie
die Windeln Jesu in der Quelle Siloah gewaschen habe, die deßhalb später die
Quelle der hl. Jungfrau
genannt wurde. Inzwischen hatten Maria und Joseph eine
Behausung in Bethlehem bezogen, wo die Anbetung und Opferung der Weisen aus dem
Morgenlande erfolgte. Der Schmerz, welchen Simeon der jungfräulichen Mutter
geweissagt hatte, fing nun an, in Erfüllung zu gehen. Sie mußte, um ihr Kind vor
dem Mordstahle des Herodes zu schützen, mit demselben nach Egypten flüchten.
Hier ist das Wunder der Palme, die auf den Befehl des Jesuskindes sich neigte,
um der Mutter seine Früchte anzubieten und geneigt blieb, bis ihn Jesus sich
wieder aufrichten hieß, sowie der aus ihren Wurzeln fließenden Quelle
unzweifelhaft eine der schönsten Sagen, die darüber vorhanden sind. Daß die
Götzenbilder des Landes umstürzten, als die hl. Familie dasselbe betrat, ist
eine Anlehnung an Isaj. 19,1. Nach der gewöhnlichen Annahme wohnte die heilige
Familie in Heliopolis. Die Geschenke der Weisen aus dem Morgenlande bewahrten
sie vor der Noth des Hungers. Als Herodes nach einigen Monaten starb, kehrte die
hl. Familie in Folge einer neuen göttlichen Weisung wieder in ihr Land, und
zwar, aus Furcht vor Archelaus, nach Nazareth zurück. Von jetzt an erscheint die
hl. Jungfrau und Gottesgebärerin nur noch viermal in der hl. Geschichte Zuerst
finden wir sie mit dem zwölfjährigen Jesus zu Jerusalem im Tempel, hernach beim
Beginne seines Lehramtes zu Cana in Galiläa, wo Er auf ihr Bitten sein erstes
Wunder verrichtet, dann noch einmal zu Kapharnaum und endlich auf dem
Calvarien-Berge, wo der unter dem Kreuze stehenden Schmerzensmutter Johannes
als Pflegesohn übergeben wird. Sie wird wohl (vgl. Matth. 13,55) größtentheils
zu Nazareth gewohnt haben. Ohne Zweifel war sie stets mit Gebet und Arbeit
beschäftiget. Die Sage erzählt bekanntlich, daß sie den ungenähten Rock des
Herrn gefertiget habe, da Er noch klein war, und daß derselbe wunderbarer Weise
mit Ihm gewachsen sei. Dem Brunnen, aus welchem sie das Wasser schöpfte, wurde
heilende Kraft in Krankheiten jeder Art zugeschrieben. Die hl. Familie kannte
fast keine Bedürfnisse. Wie im Hause der Sunamitin, die den Propheten Elisäus
beherbergte, gab es dort nur ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen
Leuchter
. Die einzige und höchste Freude der frommen Eheleute war ihr innigst
geliebter Sohn, der ihnen unterthan war und zunahm, wie an Alter, so auch an
Gnade und Liebenswürdigkeit vor Gott und den Menschen
. Mehr hat das Evangelium
uns nicht hinterlassen. Aber es genügt, um die Worte des hl. Bernardus
zu gebrauchen, das zweifache Wunder: die beispiellose Demuth, daß Gott einer Frau
gehorsamt, und die unvergleichliche Größe, daß eine Frau über Gott befiehlt
.
Nach der Himmelfahrt Jesu befand sie sich im Kreise der Apostel und der heiligen
Frauen, die bei ihnen im Speisesaal zu Jerusalem versammelt waren. Von da lesen
wir Nichts mehr von ihr. Wie aber Jesus Christus immer Gott bleibt mitten unter
allen Demüthigungen seines Lebens und in der Schmach seines Todes, so ist Maria
immer die Mutter Gottes auch bei dieser Dunkelheit, wodurch sie unsern Blicken
entzogen wird. (Vgl. Nicolas, die Jungfrau Maria nach dem Evg. II. 14.) Derselbe
Beweggrund, welcher den Sohn Gottes angetrieben hatte, den Himmel mit der Erde
zu vertauschen, bewog Ihn auch, Maria gegen die Sünder aufzugeben, weil sie
vermöge ihrer unbefleckten Unschuld gewissermassen dem Himmel angehörte. (Das.
S. 29.) Man darf indessen wohl annehmen, daß sie wenigstens nach dem Tode ihres
Gemahls, des hl. Joseph, stets unter den Frauen sich befand, die Jesus
nachfolgten. Wie von den Handlungen, so wissen wir auch nur wenig von den Worten
der hl. Jungfrau. Der hl. Bernard zählt nach den evangelischen Begebenheiten
vier, der hl. Bonaventura aber nach dem
Inhalte sieben Worte Mariä, von welchen drei an Gott, zwei an den Engel Gabriel
und drei an die Menschen gerichtet sind. Die ersten drei sind das Magnificat,
ihr Klagewort beim Wiederfinden Jesu und ihre Fürbitte bei der Hochzeit zu Cana;
die zwei an die Engel gerichteten sind schon erwähnt; die drei an die Menschen
sind die Begrüßung der Elisabeth, deren Wortlaut uns nicht bekannt ist, und das
Wort an die Diener: Alles, was Er euch sagen wird, das thuet.
Nach der
besonders hierin höchst glaubwürdigen Tradition hielt sich die Mutter Jesu in
den letzten Tagen seines Lebens in Bethanien auf und erfuhr daselbst Alles, was
mit Ihm vorging. Nach seiner Verurtheilung eilte sie nach Jerusalem. Was sie
empfand, als sie ihren Sohn wieder sah, sucht der hl. Anselm
in den kurzen Worten auszudrücken: Sie sah Ihn in Banden und konnte sie nicht
lösen; sie sah Ihn in Wunden, und konnte sie nicht verbinden; sie sah Ihn mit
blutendem Angesicht, und konnte es nicht trocknen.
Dieß war der Anfang ihres
unblutigen Martyriums, das sie neben dem Kreuze stehend starkmüthig vollendete
**. Die Capelle in der Grabkirche zu Jerusalem, welche an
dem Orte, wo sie stand, sich befindet, ist nur einige Schritte von der Stelle,
in welche das Kreuz eingesenkt war, entfernt. Ihr seliges Hinscheiden, welches
nach Suarez eher eine Ekstase als ein Sterben war, ist in Dunkel gehüllt. Nach
der Tradition waren alle Apostel, mit Ausnahme des hl. Thomas,
welcher um drei Tage zu spät kam, gegenwärtig. In Uebereinstimmung hiemit nennt
man das Apostel-Concil zu Jerusalem als die Zeit ihres Todes. Der Speisesaal, wo
sie sich zu versammeln pflegten, war der Ort, wo sie ihre Augen für dieses Leben
schloß. An dieser Stelle entstand die erste christliche Kirche, deren Alter
wirklich (nach Tobler) noch in die Zeiten vor der Kaiserin Helena
hinaufreicht. Natürlich bestehen auch über das Lebensalter, welches die hl. Jungfrau
erreichte, nur Vermuthungen. Die Angaben schwanken zwischen 50 und 72 Jahren.
Würde das Apostel-Concil zu Jerusalem einen sichern Anhaltspunkt bilden, so
dürfte sie beiläufig 65 Jahre gelebt haben. Die Apokryphen über das Entschlafen
der Mutter Gottes sind lange Zeit, ungeachtet ihrer Dementirung durch die
römischen Päpste, von den Legendenschreibern als Quelle benutzt und theilweise
von einzelnen Kirchen gebilligt worden. Der Vollständigkeit halber geben wir
hier (nach dem Bonner-Lit.-Bl. 1866 Sp. 300-304), einen kurzen Auszug derselben:
Maria wollte anfänglich ihren Tod zu Bethlehem abwarten und verließ deßhalb
Jerusalem. Wegen der dort geschehenden Wunder beginnen aber die jüdischen
Priester eine grausame Verfolgung. Der hl. Geist versetzt darum mittelst einer
Wolke die Sterbende und ihre Umgebung (die Apostel waren aus allen Weltgegenden,
selbst aus dem Jenseits, wunderbar nach Bethlehem gekommen) wieder nach
Jerusalem. Von dem Versuche, das Wohnhaus Maria's daselbst in Brand zu stecken,
werden die Juden durch Wunder abgehalten. Auf einen Sonntag läßt dann die hl.
Jungfrau durch die Apostel Weihrauch anzünden und Jesus erscheint in voller
Herrlichkeit, getragen von den Cherubim, umgeben von Myriaden von Engeln. Die
Mächte des Himmels fallen vor Maria nieder und Jesus kündigt ihr an, daß nun
ihre Seele in den Himmel, ihr Leib aber in das Paradies versetzt werden solle.
Sie küßt ihrem Sohne die Hand, betet für die ganze Christenheit und segnet die
Apostel. Jesus läßt unterdessen den Petrus Hymnen
anstimmen und die Engel antworten Alleluja. Der Tod Maria's erfolgt, das Gemach
erfüllt sich mit süßem Duft und blendendem Licht, eine Stimme vom Himmel ertönt:
Du bist gebenedeit unter den Weibern. Die Apostel tragen die Leiche hinaus zur
Beerdigung nach Gethsemane. Diese Erzählung trägt allerdings nur den Werth einer
frommen Dichtung, zeugt aber wegen ihres hohen Alters von der frühzeitig
eingetretenen hohen Verehrung, welche der hl. Jungfrau bald nach ihrem Tode zu
Theil wurde. Am Grabe, erzählt die Sage weiter, erklangen drei Tage lang die
Lobgesänge der Engel. Als diese aufhörten, fanden die Apostel, daß der hl. Leib
ins Paradies entrückt worden war. Die an jener Stelle befindliche Grabkirche ist
grottenartig angelegt, man gelangt auf 47 breiten Marmorstufen zu ihr hinab.
(Tischendorf, aus dem hl. Lande, S. 189.) Auch die Mahomedaner haben hier eine
Gebetsnische. Doch sind alle diese Sagen, die zum Theil auf unächten, selbst
kirchlich reprobirten alten Schriften, zum Theil auf Visionen frommer Seelen und
wohl auch auf Schlüssen aus solchen beruhen ohne kirchliche Beglaubigung, mögen
aber bei vorsichtigem Gebrauche zur Erbauung dienen. Einiges davon ist, wie
gesagt, durch die Päpste verworfen. (Caetera quae sub nomine Matthaei
sive Jacobi minoris
circumferuntur, non solum repudianda, verum etiam noveris esse damnanda. Innoc.
I. ad Exup. Tolos. Ep. bei W. W. vi. 836.) Nach der Tradition, welcher die
Kirche des Morgens- und Abendlandes folgt, ist die hl. Jungfrau am 15. August
gestorben. Die fromme Meinung, daß ihr Leichnam der Verwesung nicht unterlag,
sondern wunderbarer Weise in den Himmel versetzt wurde, wurde nach und nach
allgemein angenommen, obwohl sie kein ausgesprochener Glaubenssatz ist. Die
Legende weiß zu erzählen, daß die Apostel, als sie nach der Ankunft des hl.
Thomas das Grab öffneten, nur die Leinwand, die zur Einhüllung des Leichnams
gedient hatte, und frische rothe Rosen darin antrafen. Hiemit steht im
Einklange, daß keine Kirche weder im Morgen- noch im Abendlande je behauptet
hat, im Besitze von Resten des hl. Leibes der Mutter Gottes zu seyn. Viele Orte
aber rühmen sich, Haare oder Kleidungsstücke der Mutter Jesu unter ihren
Kirchenschätzen zu haben. Zu den erstern zählen: Rom (in vier Kirchen), Oviedo,
Paris (Notre-Dame), Puy-en-Velay, Troyes, Besançon, St. Omer, Rouen,
Belle-Fontaine in Anjou, Aachen, Croyland, Brügge, Canterbury, Cappenberg, Cöln,
Andechs (Theilchen) u. A. Unter die Kleidungsstücke, welche der fromme Glaube
als noch vorhanden annimmt, ist vorzüglich ihr Gürtel zu zählen. Zu
Constantinopel bestand eine Kirche, welche ebendeßhalb das Ziel vieler
Wallfahrten war. Das Fest der Uebertragung dieser kostbaren Reliquie wurde
daselbst am 31. August gefeiert. Indessen gibt es auch zu Rom, Aachen, Brügge,
Arras, Prag, Cöln, Andechs solche Gürtel der hl. Jungfrau. Dieselben sind
wahrscheinlich nachgemacht, und Theilchen des ächten eingenäht, so daß ihre
Anzahl nicht mehr überraschen kann. Von ihrem Schleier verehrt man Reliquien zu
Rom, in Constantinopel, in Venedig, zu Soissons, zu Prag u.a.O. Eine Sandale der
hl. Jungfrau wurde noch im vorigen Jahrh. zu Soissons gezeigt. Eine ganze Tunica
aus Linnen erhielt die Cathedrale von Chartres durch Carl den Kahlen; eine
andere besaß Ancyra, beide sollen im J. 810 durch den Kaiser Nicephorus Carl
dem Großen übersendet worden seyn. Ein kleiner Theil ihrer Bettstelle soll
ehedem im Dom zu Brandenburg aufbewahrt worden seyn und dermalen in der dortigen
Antiquitäten-Kammer sich befinden. Andere Orte verehren den Kamm, die
Schnürbeine, die Handschuhe, die Spindeln, den Brautring der Mutter Gottes. Man
wird kaum irren, wenn man annimmt, daß die meisten dieser Reliquien ehemals
solchen Bildnissen der hl. Jungfrau angehört haben oder gewidmet wurden, welche
beim Volke in großer Verehrung standen. Ein Beispiel aus der Nähe gibt die
alljährliche Vertheilung von Stücken aus dem Schleier, mit welchem das
Muttergottesbild zu Altötting am Charfreitage umhängt wird. Viel Anstoß haben
jene Reliquien mehr gefunden als gegeben, welche sich z.B. in Quedlinburg als de
lacte B.M.V. ankündigten. Zur Erklärung diene, was Mislin (les Saints-Lieux III.
31-33) erzählt: Nicht weit vom Kloster zu Bethlehem gegen Süden befindet sich
die Milchgrotte, welche nach einer örtlichen Tradition benannt ist. Nach
derselben kam die hl. Jungfrau oft dahin, um ihr göttliches Kind zu säugen;
einst fiel ein Tropfen ihrer Milch auf das Gestein, das alsbald blendend weiß
und den Säugammen heilsam wurde. So viel ist gewiß, daß alle Frauen der
Umgegend, jüdische, christliche und muselmännische, eine große Verehrung für
diese Grotte haben, und daß sie daselbst gerne ihr Gebet verrichten.
Nachdem
der Verfasser bemerkt hat, daß dieses Gestein sehr weich ist und sich leicht
zerreiben läßt, und daß an Regentagen eine Feuchtigkeit, welche wie Milch
aussieht, davon wegfließt, setzt er hinzu: Es ist wahrscheinlich, daß der
größte Theil der Phiolen, wenn nicht alle, die man als Milch der hl. Jungfrau
enthaltend zeigt, nur Milch dieser Grotte sind.
Auf solche Weise erscheint
gerade diese Reliquie, gegen welche so viel Geschrei erhoben worden ist,
vielleicht als die ächteste unter allen ***. Drei Briefe
in lateinischer Sprache, welche von der Mutter Gottes herrühren sollen, sind
entschieden unächt. Auch viele der oben genannten Reliquien mögen bezüglich
ihrer geschichtlichen Wahrheit angefochten werden können. Offenbar falsch aber
sind ohne Zweifel z.B. die ehedem in Cappenberg (Boll. Jan. I. 844) verehrten,
von Constantinopel gekommenen Thränen aus dem Herzen der Mutter Gottes
und die
Blumen, welche sie in der Hand trug, als der Engel ihr die freudenreiche
Botschaft brachte.
Mit der Aufnahme ihrer Seele und ihres Leibes in den Himmel
beginnt ihre Geschichte in dessen Vorhof, der Kirche auf Erden, sich in
zweifachem Lichte zu offenbaren - einerseits nämlich in dem gnadenreichen
Schutze, den sie ihren Kindern und der ganzen Kirche gewährt, andererseits aber
in der Verehrung und Verherrlichung, womit ihr, der mächtigen und überaus
mildreichen Himmelskönigin, an allen Orten und zu allen Zeiten gehuldiget wird.
In diesem zweifachen Sinne verkünden die Lehrer und Hirten der Kirche ihr Lob in
Wort und Schrift von Jahrhundert zu Jahrhundert. Die Weissagung: Von nun an
werden mich selig preisen alle Geschlechter
ging von dem Augenblicke, da sie
gesprochen wurde, in Erfüllung. Von Elisabeth und von jenem Weibe, das Jesus
zurief: Selig der Leib, der dich getragen, selig die Brüste, die du gesogen
hast
angefangen, gab es nie eine fromme, dem Weltheiland gläubig und treu
anhängende Seele, die nicht seiner hl. Mutter die nach der Anbetung Gottes
größtmögliche Liebe und Verehrung geweiht hätte. Sie erhielt daher im
Gottesdienste und in den Festzeiten der Kirche den ihr gebührenden Ehrenplatz.
Kirchen und Altäre, Klöster, Pfarreien und Bisthümer, Städte und Länder wurden
unter ihren Schutz gestellt. Wo immer der Glaube an Jesus, ihren Eingebornen
Sohn, in einem Herzen Eingang fand, wurde auch der hochgebenedeiten,
jungfräulichen Mutter die schuldige Ehrfurcht erwiesen. Der Apostel Johannes,
der Jesus am meisten liebte, ward zuerst von ihm erkoren, an ihr treue und
ehrfurchtsvolle Kindespflicht zu üben. Wie er dieser Ehrenpflicht nachkam, läßt
sich denken, wenn auch das Evangelium nur sagt, daß er sie von jenem Augenblicke
an zu sich nahm. Sein Schüler, der apostolische Vater
Ignatius
(ad Eph. c. VI. und c. XVIII.) preist mit Christus auch die Würde seiner Mutter,
die Ihn - unsern Gott
- in ihrem Leibe trug, Ihn, als Nachkommen Davids,
wahrhaft geboren hat (ad Trall. c. IX.), und dabei Jungfrau geblieben ist (ad
Smyrn. c. I.). Dieses Geheimniß zählt er unter jene, die dem Fürsten dieser Welt
verborgen geblieben sind (ad Eph. c. XIX.). Die Thatsache der Neugeburt des
menschlichen Geschlechtes durch Jesus Christus, welche den hl. Paulus
veranlaßte, Ihn dem Adam gegenüberzustellen, legte es
nahe, die hochgebenedeite jungfräuliche Mutter mit Eva in
Vergleich zu bringen und ihrer ehrenvoll zu gedenken. So thaten bereitsJustinus
der Martyrer (dialog. cum Tryph. Jud.), welcher sie nicht bloß die seligste
Jungfrau
nennt, sondern auch ihre Verehrung ausdrücklich als von Christus
gewollt bezeichnet (ebouleto makarizestai ten mntera antou), und ihr nachrühmt,
daß sie alle Frauen an Tugend überragt habe und zugleich Mutter und Jungfrau sei
(quaest. et resp. ad Orthod.). Das Gleiche lesen wir bei Irenäus,
welcher hinzusetzt, daß sie (im Gegensatze zu Eva) durch ihren Gehorsam sich
selbst und dem ganzen Menschen-Geschlechte die Ursache des Heiles geworden ist
(Virgo obediens et sibi et universo generi humano causa facta est salutis), daß
sie durch ihren Glauben gelöst hat, was Eva durch ihren Unglauben gebunden hatte
(adv. haer. III. 22). Der nämliche Vater fragt (l. c. 32): Warum wird ohne die
Zustimmung Maria's das Geheimniß der Menschwerdung nicht vollbracht?
und
antwortet: Weil Gott will, daß sie der Anfang aller Heilsgüter sei.
Auch ihre
Fürbitte für Eva und das durch sie gefallene Geschlecht, und ihre Anrufung wird
von Irenäus (l. c. V. 19) bereits angedeutet, da er sie advocata nennt (suasa
est obedire Deo, ut virginis Evae virgo Maria fieret advocata). Denselben
Ausführungen begegnen wir bei Tertullian (de carne
Chr. c. 17): Eva hatte der
Schlange geglaubt, Maria dem Engel; was jene durch ihren Glauben sündigte, hat
diese durch ihren Glauben getilgt (crediderat Eva serpenti, credidit Maria
Gabrieli; quod illa credendo deliquit, haec credendo delevit). Sie ist ihm die
vom Propheten verheißene Ruthe aus der Wurzel Jesse; die Blume, welche aus ihr
sproßte, ist ihr Sohn Jesus Christus. Scheinbar nicht Jungfrau, da sie die wahre
Mutter Jesu war, ist sie gleichwohl das von Isajas (7,14) gegebene Zeichen:
Siehe, die Jungfrau wird empfangen
, denn sie hat Ihn als Jungfrau geboren
****. Wenn sie gleichwohl Weib
genannt werde, setzt er
anderwärts (de virg. vel.) hinzu, so geschehe dieß nicht, weil sie nicht
Jungfrau war, sondern weil sie in Wahrheit das Weib Josephs war (non quia
femina, sed quia maritata ... ex virgine natus est, licet ex desponsata, tamen
integra). Niemand kann sonach verkennen, daß schon in der ersten Kirche eben
durch die Auserwählung der jungfräulichen Mutter Gottes zur Ursache des Heils
der Grund zu ihrer Verehrung und Anrufung gelegt war, denn die angeführten
Zeugnisse gehen über die ersten drei Jahrhunderte nicht hinaus und gelten
zugleich für den Orient (Ignatius und Justin), für Rom, Africa und Gallien
(Tertullian und Irenäus). Wenn daher selbst katholische Schriftsteller den
Ursprung der Verehrung und Anrufung Mariä erst in spätere Zeiten verlegen, so
kann dieß nicht sachlich, sondern nur hinsichtlich der Art und Weise ihrer
Kundgebung richtig seyn. So oft die ersten Christen das apostolische
Glaubensbekenntniß beteten, verkündigten sie auch den Ruhm der hl.
Gottesgebärerin und bewiesen ihr als der Jungfrau, die vom hl. Geiste empfangen
und geboren hatte, die schuldige Ehrfurcht. Da aus den ersten drei Jahrhunderten
kein reiner Text der Liturgie auf uns gekommen ist (Mone, lat. und griech.
Messen aus dem zweiten bis sechsten Jahrh., S. 70), läßt sich nicht bestimmen,
wie in dieser Zeit die seligste Jungfrau in der hl. Messe geehrt wurde. Daß es
geschah, ist nicht zu bezweifeln, da keine der noch vorhandenen älteren
Liturgien ihre besondere Anrufung unterläßt. Wenn also erst im fünften und den
folgenden Jahrhunderten die positiven Zeugnisse über die Verehrung der
Gottesmutter zahlreich erscheinen, so darf daraus nur geschlossen werden, daß
dieselbe früher ebenfalls stattgefunden hat. Es ist wahr, daß wir von
Feierlichkeiten und besondern Andachten zur hl. Mutter Gottes in den ersten
Jahrhunderten nichts lesen, und daß die ältesten Kirchenväter nirgends zu ihrer
Anrufung aufmuntern. Aber damals gestatteten die Zeitverhältnisse, abgesehen von
der gewiß nicht zu leugnenden Gefahr, daß die Heidenchristen die Grenzen
zwischen Verehrung und Anbetung leicht überschreiten konnten, nicht einmal eine
regelmäßig wiederkehrende Feier der Feste des Herrn, mit Ausnahme von Ostern und
Pfingsten, wie hätte man erst weitere Feiertage einführen und begehen können?
Fast gleichzeitig mit der öffentlichen Anerkennung des christlichen Glaubens
zeigt sich aber auch die öffentliche Verehrung der hl. Jungfrau, und später
wurden alle bedeutenderen Ereignisse aus dem Leben Mariä in den Festkreis der
Kirche eingewoben, und diese Erscheinung ist (W. W. K.-L. VI. 865) den Lateinern
so wenig eigenthümlich, daß die Orientalen ihnen hierin nicht bloß vorangingen,
sondern sie im Eifer übertrafen. Gebete und Lobpreisungen, wie die hhl. Ephräm
(gest. um d.J. 379), Epiphanius
(gest. im J. 403) u. A. sie verfaßten, setzen einen hiefür wohlbereiteten,
längst bebauten Boden voraus. Bereits der erste christliche Kaiser, Constantin
der Große, soll seine neugegründete Haupt-Stadt unter den Schutz der Mutter
Gottes gestellt haben. Von Julian dem Abtrünnigen (seit dem J. 361) erzählt man,
daß er die Christen beschuldiget habe, daß sie nicht aufhörten, Maria die Mutter
Gottes zu nennen (vos Mariam Deiparam vocare non cessatis). Zur Zeit des heiligen
Basilius (gest. im J. 379) gab es bereits
auf dem Berge Didymus in Cappadocien ein der Mutter Gottes geweihtes, weit
berühmtes Heiligthum. Noch älter ist das Zeugniß der um d.J. 304 gestorbenen hl.
Martyrin Juliana, welche durch die
Anrufung der hl. Jungfrau von teuflischen Anfechtungen befreit wurde. Bekannt
ist die Andacht, welche die fromme Kaiserin Pulcheria
(seit dem J. 450) und ihr Gemahl Marcian (s.d.)
gegen die hl. Jungfrau trugen; sie erbauten ihr zu Ehren die unter dem Namen
Chalkopratum, Blacherna und Hodegus bekannten großen Kirchen in Constantinopel.
Das in letzterer Kirche verehrte Bild der hl. Jungfrau wurde Hodegetria genannt,
und war nach der Ueberlieferung ein Werk; des hl. Lucas.
(s. u.) Die Heere des Narses und Belisar pflegten, wie diese Heerführer selbst,
alle großen Erfolge ihrer Waffen der Gunst und Fürbitte der seligsten Jungfrau
zuzuschreiben. Der Kaiser Justinian (reg. vom J. 527-565) erbaute zur Danksagung
für die durch Maria erlangten Siege über die Arianischen Vandalen die Kirchen zu
Leptis, Ceuta und Carthago.
Die zu Ehren der heiligen Mutter Gottes eingeführten Feste beruhen theils in
den durch die göttliche Heilsordnung an und mit ihr vollzogenen Wundern der
Gnade, z.B. Mariä Empfängniß, theils in ihren eigenen Thaten, z.B. Mariä Reinigung,
Mariä Heimsuchung, theils endlich in besondern, durch die Fürbitte und die
Verdienste der hl. Jungfrau der Kirche zugewendeten Wohlthaten, z.B. das Fest
Maria vom Siege. Eine summarische Aufzählung dieser Feste, wobei wir die
chronologische Ordnung für die unserm Zwecke entsprechendste halten, ist nicht
zu umgehen. Das älteste unter denselben ist nach allen Schriftstellern Mariä
Verkündigung (annuntiatio B.V.M.). Die Zeit der Einführung läßt sich nicht
bestimmen. Gleichwohl dürfen wir hieraus nicht auf apostolische Einsetzung
schließen, weil kein Schriftsteller vor dem fünften Jahrhundert desselben
gedenkt. Daß es zunächst dem Herrn selbst geweiht ist, bezeugt das Officium des
Tages. Auch die öfter vorkommenden Namen: Fest der Fleischwerdung des Sohnes
Gottes (incarnatio Filii Dei), Anfang der Erlösung (initium redemtionis), des
Herrn, Christi Verkündigung (annuntiatio Dominica, a. Christi) und Fest der
Empfängniß Jesu (festum Conceptionis), wie es z.B. im 10. Canon der SynodeSynode (altgriech. für Zusammenkunft) bezeichnet eine Versammlung in kirchlichen Angelegenheiten.
In der alten Kirche wurden "Konzil" und "Synode" synonym gebraucht. In der römisch-katholischen Kirche sind Synoden Bischofsversammlungen zu bestimmten Themen, aber mit geringerem Rang als Konzile. In evangelischen Kirchen werden nur die altkirchlichen Versammlungen als Konzile, die neuzeitlichen Versammlungen als Synode bezeichnet.
von
Freysing und Salzburg im J. 799 genannt wird (Hefele, Concil.-Gesch. III. 686),
lassen die ursprüngliche Bedeutung des Festes leicht erkennen. Bei den Griechen
wurde es das Fest der frohen Botschaft
, der freudenreichen Begrüßung
(eyaggelismon, xairetismon) genannt. In der griechischen und in der lateinischen
Kirche bestand es schon am Anfang des fünften Jahrhunderts. In dieser wurde es
von jeher gerade neun Monate vor Weihnachten, also am 25. März, bei den Griechen
aber, welche in der Fastenzeit überhaupt keine Feste feiern, am 18. Dec.
begangen. Der 53. Canon des zweiten Trullanischen Concils (Quinisexta), welcher
für dieses Fest, wie für die Samstage und Sonntage eine Ausnahme macht (Hefele,
l. c. S. 307), scheint nicht zum Vollzuge gekommen zu seyn. Auch die zehnte
SynodeSynode (altgriech. für Zusammenkunft) bezeichnet eine Versammlung in kirchlichen Angelegenheiten.
In der alten Kirche wurden "Konzil" und "Synode" synonym gebraucht. In der römisch-katholischen Kirche sind Synoden Bischofsversammlungen zu bestimmten Themen, aber mit geringerem Rang als Konzile. In evangelischen Kirchen werden nur die altkirchlichen Versammlungen als Konzile, die neuzeitlichen Versammlungen als Synode bezeichnet.
von Toledo beschloß (Hefele, l. c. S. 95), dieses Fest wegen seines
Zusammentreffens mit der Fasten- und Osterzeit auf den 18. Dec. zu verlegen,
aber eben so feierlich wie Weihnachten zu begehen. Bald darauf kam das Fest
Mariä Reinigung (purificatio B.V.M.) in Aufnahme. Zu Rom wird es schon
unter Papst Gelasius I. (492-496) zum ersten Mal
erwähnt; im Morgenlande kam es durch ein Gesetz des Kaisers Justinian I. im J.
542 in Aufnahme. Auch dieses Fest bezeugt die innere Zusammengehörigkeit der
Feste Christi und Mariä, denn seine Darstellung im Tempel ist der eigentliche
Gegenstand desselben. Daher wird es auch 40 Tage nach der Geburt Christi, d.J.
am 2. Febr. begangen und festum praesent. Dom. genannt. Im Abendlande suchte man
durch dasselbe zugleich die zu Rom am 15. Febr. den Abgöttern Pan und Pluto
(Februus) unter dem Namen Reinigungsfest der Stadt gewidmeten Abscheulichkeiten
zu verbannen. Durch die Lichterweihe
(daher der Name festum candelarum) beging
man jetzt nicht mehr die fünfjährige Dauer des irdischen, sondern die
immerwährende des himmlischen Reiches, wo gemäß der Parabel von den klugen
Jungfrauen alle Auserwählten ihrem Bräutigam und König mit den glänzenden
Lichtern der guten Werke entgegengehen, um in Bälde mit ihm zum Hochzeitmahle
des Himmelreiches einzutreten
(Beda V.
de tempor. Rat. c. X. ap. Grets. de festis Chr. II. 3). Die Procession mit den
Lichtern knüpft aber nicht an jene heidnische Feier, sondern vielmehr an das
Evangelium des Tages, das die erste christliche Procession erzählt, selbst an.
Ebenfalls hieran anschließend, nannte man das Fest bei den Griechen das der
Begegnung (papantn o der pantn). Zu Jerusalem wurde es (Aschbach, K.-L. IV. 151)
schon in der Mitte des fünften Jahrhunderts durch einen Umgang mit Kerzen
gefeiert; denselben Gebrauch schildern für das Abendland in der zweiten Hälfte
des siebenten Jahrhunderts die hhl. Ildephons
von Toledo und Eligius von Noyon. In Deutschland
wird es seit dem achten Jahrh. erwähnt. Es heißt hier wegen der damit
verbundenen Kerzenweihe Mariä Lichtmeß. Fast gleichzeitig mit der Einführung
dieses Festes im griechischen Reiche begegnet uns das Fest Mariä
Himmelfahrt (festum assumtionis [Aufnahme] dormitionis [Entschlafung] B. V. M.),
welches in den Calendarien und Martyrologien auch unter den Namen mors (Tod),
pausatio (Ruhe), depositio (Begräbniß), transitus (Uebergang), ascensus
(Auffahrt) zum 15. August verzeichnet ist, nachdem früher der Todestag
besonders, nämlich am 16. oder 18. Januar gefeiert worden seyn soll (Aschbach,
K.-L. IV. 155). Wäre es nachweisbar, daß dieses Fest mit der Entstehung und
Verbreitung der Sage von der wunderbaren Aufnahme des Leibes der hl. Jungfrau
zusammenhängt, so könnte es nicht vor der zweiten Hälfte des sechsten
Jahrhunderts eingeführt worden seyn. Indessen soll es in der orientalischen
Kirche gleich nach dem Ephesinischen Concilium (131) angeordnet worden seyn.
Es findet sich wirklich schon im Sacramentarium des Papstes Gelasius (492-496)
und in dem aus dem vierten, spätestens aber aus dem fünften Jahrhunderte
stammenden Calendarium Rom. Eccl. (herausgegeben von Martene, thes. nov. Anect.
V. 65 ff.), wo es (fol. 76) heißt: die XV. mensis Augusti Assumtio S. Mariae.
Als Evangelium ist bereits angegeben Luc. 10,38 ff. In Frankreich und
Deutschland gehörte es (W. W. K.-L. VI. 879, und Hefele, Conc.-Gesch. III. 549)
bereits im sechsten und siebenten Jahrh. zu den gebotenen Feiertagen. Noch unter
Carl dem Großen war es aber nicht überall recipirt. Kaiser Ludwig
der Fromme befahl nach dem Vorgange der SynodeSynode (altgriech. für Zusammenkunft) bezeichnet eine Versammlung in kirchlichen Angelegenheiten.
In der alten Kirche wurden "Konzil" und "Synode" synonym gebraucht. In der römisch-katholischen Kirche sind Synoden Bischofsversammlungen zu bestimmten Themen, aber mit geringerem Rang als Konzile. In evangelischen Kirchen werden nur die altkirchlichen Versammlungen als Konzile, die neuzeitlichen Versammlungen als Synode bezeichnet.
zu Mainz im J. 813 und der
von Salzburg und Freysing im J. 799 seine Heilighaltung auf dem Concil zu Aachen
(Aquisgranum) im J. 818 oder 819. Die Octave wurde durch Papst Leo IV. im J. 847
angeordnet. Im Orient hatte Kaiser Mauritius, nach dem Berichte des Nicephorus
(l. XVII. c. 28), gleichfalls den 15. August zu feiern befohlen. Nicht unerwähnt
darf hier die an diesem Tage in vielen Gegenden übliche Kräuterweihe, worunter
auch die s. g. Muttergotteskerze (Königskerze), gelassen werden. In den Gesetzen
der Angelsachsen um d.J. 887 kommt ein Fest vor, Maria im Herbste
genannt.
Piper sagt darüber (die Kalendarien und Martyrologien der Angelsachsen, Berlin
1862, S. 50 Anm.), daß ohne Zweifel Mariä Himmelfahrt zu verstehen sei, indem
der Herbst nach Beda am 7. Aug. anfängt, und ihr Geburtstag am 8. Sept. minder
hoch gehalten wurde. Auch habe die alte lateinische Uebersetzung dieser Gesetze
statt: im Herbst, in Augusto. Wie hoch dieses Fest im M.-A. gefeiert wurde, geht
auch daraus hervor, daß an demselben (wie zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten)
selbst bei ausgesprochenem Interdict feierlicher Gottesdienst mit Glockengeläute
stattfinden durfte. (Ferraris, Bibl. II. 14 s. v. campana.) Zuverlässig am Ende
des siebenten Jahrhunderts, wenn nicht früher, entstand im Morgenlande das Fest
Mariä Geburt (Nativitas B. V. M.). Einige sagen zwar, dasselbe stamme wie
das vorgenannte aus der Zeit des dritten allgemeinen Concils, aber es lassen
sich hiefür keine sichern Belege beibringen. Im Abendlande, wenigstens in
Spanien, wurde es in den Tagen des hl. Ildephons von Toledo begangen. Aber es
steht schon im Sacramentarium des Gelasius (492-496) und Gregorius
(590 bis 604), und für Deutschland und Frankreich in den Festverzeichnissen des
siebenten, achten und neunten Jahrhunderts (Hefele, l. c. und W. W. K.-L. VI.
874). Doch hat es erst unter Papst Innocenz IV. im J. 1244 den Rang eines
allgemeinen Kirchenfestes mit Octave erlangt. Es wird am 8. September begangen.
In innigem Zusammenhange hiemit steht das Fest der unbefleckten Empfängniß
Mariä, welches anfänglich bald in diesem, bald in jenem Theile der Kirche
aufleuchtete und gefeiert wurde, bis es zuerst als Fest der Empfängniß, dann als
Fest der unbefleckten Empfängniß allgemeine Geltung erhielt. Im Orient wurde es
schon seit dem fünften Jahrhundert begangen (W. W. K.-L. VI. 865); im Abendland
wird wieder der hl. Ildephons von Toledo als sein erster Stifter genannt.
Hierauf folgte im neunten Jahrh., was jedoch gleichfalls zweifelhaft ist, die
Kirche von Neapel. In der zweiten Hälfte des eilften Jahrh. wurde es von dem hl.
Anselm von Canterbury
zuerst in seinem Sprengel angeordnet und hierauf in allen Kirchen Englands
eingeführt. Von hier kam es zunächst in die Normandie. Als es im zwölften
Jahrh., nämlich im J. 1145, auch die Canoniker in Lyon einführten, erhob der hl.
Bernardus kräftigen Widerspruch, weil sie hiezu kein Recht hätten, bewirkte aber
hiedurch seine allgemeine Einführung im dreizehnten Jahrh., in welchem es auch
in Rom Eingang fand, so daß Papst Clemens IX. es im J. 1389 zu einem duplex
majus erhob und ihm eine Octave beifügte, und die Kirchenversammlung von Basel
im J. 1439 sagen konnte, nach einer alten und löblichen Gewohnheit werde dieses
Fest am 8. Dec. sowohl in der römischen als in den übrigen Kirchen gefeiert. Von
Clemens XI. wurde es im J. 1708 für die ganze Kirche zu einem Hauptfeste
erhoben. In der griechischen Kirche wird es als Empfängniß der hl. Anna, Mutter
der überaus heiligen (peragias) Gottesgebärerin
am 9. Dec. begangen. Mit der
endlichen Feststellung des Dogmas im J. 1854 erhielt das Fest ein neues
Meßformular und Officium *****. Das Fest Mariä Opferung
(praesentatio B.V.M.) wurde in der morgenländischen Kirche schon frühe begangen.
Es führte dort den Namen: Einführung, Eintritt der Jungfrau Maria in den
Tempel
, und soll im J. 730 eingeführt worden seyn. Sicher ist, daß es
wenigstens bis ins 12. Jahrh. zurückreicht. Eine feste biblische Nachricht liegt
diesem Feste nicht zu Grunde. Im Abendlande fand es daher erst spät und sehr
langsam Aufnahme. Seine erste Spur findet sich hier (W. W. K.-L. VI. 884) im J.
1374, wo es durch Carl V. mit Gutheißung des Papstes Gregor XI. in Frankreich
eingeführt wurde. Dieselbe Bewilligung ertheilten die Päpste Pius II. und Paul
II. im J. 1464 dem Herzog Wilhelm von Sachsen für den Umfang seines Landes. Wie
bei den Griechen wurde der 21. Nov. für diese Festfeier bestimmt. Nachdem
dieselbe unter Pius V. zeitweilig aufgehoben war, wurde sie durch Sixtus V. für
die ganze Kirche neuerdings vorgeschrieben. Viel Anklang fand gleich Anfangs das
Fest Mariä Heimsuchung (Visitatio B.V.M.) zur Erinnerung an die Begrüßung
der Elisabeth bei dem ihr abgestatteten Besuche (Luc. 1,39-57). Es wurde
anfänglich im Franciscaner-Orden, wo der hl. Bonaventura
für dasselbe thätig war, eingeführt und auf der SynodeSynode (altgriech. für Zusammenkunft) bezeichnet eine Versammlung in kirchlichen Angelegenheiten.
In der alten Kirche wurden "Konzil" und "Synode" synonym gebraucht. In der römisch-katholischen Kirche sind Synoden Bischofsversammlungen zu bestimmten Themen, aber mit geringerem Rang als Konzile. In evangelischen Kirchen werden nur die altkirchlichen Versammlungen als Konzile, die neuzeitlichen Versammlungen als Synode bezeichnet.
von Le Mans im J. 1247
erwähnt, durch die Päpste Urban VI. und Bonifacius IX. aber als allgemeines
Kirchenfest vorgeschrieben, im J. 1389. Das Concil von Basel hat es in den J.
1432 und 1441 neuerdings gut geheißen und zu feiern befohlen. In der
morgenländischen Kirche ist es nicht eingeführt. Es wird gegenwärtig am 2. Juli
begangen. Das Fest Mariä Verlobung (desponsatio B.V.M.), welchem in
einigen Bisthümern das ihrer Vermählung (S. conjugium B. Mariae Deiparae et S.
Joseph) noch besonders beigegeben war, wird am 8. März begangen. Die Diöcese
Nantes feierte Mariä Vermählung (Boll. Jan. I. 993) am 15. Jan. Andere Kirchen
am 19. Jan., 8. März und 30. Mai. Für dasselbe hat sich besonders der fromme
Kanzler Johannes Gerson sehr begeistert. Gegenwärtig wird es am 23. Jan.
begangen. Es stützt sich auf Matth. 1,20, und ist sicherlich von großer
Bedeutung. Als neues und zugleich sehr altes Fest ist noch das Fest der
Erwartung des Herrn (expectatio partus B.V.M.) anzuführen. So hieß
nämlich in Spanien anfänglich das Fest Mariä Verkündigung; dasselbe ist aber
seit Gregor XIII. als besonderes Fest indulgirt und heißt auch das Fest U. Fr.
vom O
, was sich auf die bekannten großen O
in der Adventfeier bezieht. Seit
dem fünfzehnten Jahrh. wurde die Andacht der Gläubigen aufMariä sieben
Schmerzen gelenkt, wofür nach glaubwürdigen Berichten zuerst in Cöln (im
J. 1423) eine eigene Feier stattfand. Sie wird zweimal, am Freitag nach dem
Passionssonntag (welcher deßhalb vom Volke der schmerzhafte Freitag genannt
wird) und am dritten Sonntag im September, begangen und ist von Benedict XIII.
im J. 1727 auf die ganze Kirche ausgedehnt worden. Als Ergänzung dieses Festes
können wir hier zugleich das Fest der Freuden Mariä, deren bald fünf
(Boll. Maji II. 131), bald sieben, bald fünfzehn gezählt werden, das übrigens
nur im Bisthum Sitten seit dem J. 1728 indulgirt ist, einreihen. Unter die Feste,
welche zur Danksagung für göttliche Wohlthaten, die man der Fürbitte der hl.
Jungfrau zuschrieb, eingeführt wurden, gehört auch das Andenken (Commemoratio)
an die sel. Jungfrau Maria vom Siege. Es ist von Pius V.
zur Danksagung für den am 7. Oct. 1571 über die Türken in der Seeschlacht von
Lepanto erfochtenen Sieg angeordnet worden. Das Fest des hl. Rosenkranzes
(SS. Rosarii), hie und da auch protectio B.V.M. genannt, fällt eigentlich mit
dem Feste Mariä vom Siege
zusammen, wurde aber von Papst Gregor XIII. im J.
1573 auf den ersten Sonntag im October verlegt und wird seit dem J. 1670, wo es
Clemens X. auch für Spanien, besonders aber seit dem J. 1716, wo Clemens XI. es
der ganzen Christenheit vorschrieb, allgemein begangen. In ähnlicher Weise wie
das eben genannte erwuchs auch das Fest der hl. Jungfrau vom Berge Carmel
(de monte Carmelo), in der Volkssprache Scapulierfest genannt, aus einem Ordens-
und Bruderschaftsfeste, als welches es im J. 1587 die Genehmigung des Papstes
Sixtus V. erhalten hatte, zu einem Feste der ganzen abendländischen Kirche. Als
solches wurde es durch Papst Benedict XIII. im J. 1726 eingeführt und auf den
16. Juli festgesetzt. - In diese Reihe gehört ebenfalls das im J. 1696 aus einem
Ordensfeste zu einem allgemeinen Kirchenfeste erhobene Fest der hl. Maria von
der Barmherzigkeit (de mercede, i. e. misericordia) zur Erlösung der
Gefangenen (24. Sept.), nämlich jener Christen, die in türkischer Gefangenschaft
der Gefahr des Abfalls vom Christenthum preisgegeben waren. - Hier muß auch das
Schutzfest Mariä (f. patrocinii B.V.M.) erwähnt werden, welches von
Benedict XIII. im J. 1726 der ganzen Kirche bewilliget wurde und jedesmal am
dritten Sonntag im November begangen wird. - Das Fest Mariä Namen (s.s.
nominis B.V.M.), welcher hebräisch Mirjam heißt und so viel als Erhabene, Starke,
Mächtige oder auch Frau, Herrin bedeutet (andere Erklärungen, z.B. Meeresstern,
Erleuchterin, Bitterkeit etc. dienen nur erbaulichen und homiletischen Zwecken),
wird dermalen am Sonntag in der Octav ihres Geburtsfestes gefeiert und wurde
ehedem am 22. Sept. begangen, weil die jüdischen Mädchen vierzehn Tage nach
ihrer Geburt den Namen erhielten. Es entstand in Spanien und erhielt im J. 1513
für dieses Reich die päpstliche Bestätigung. Es wurde, anläßlich der Befreiung
Wiens von der Belagerung der Türken, von Papst Innocenz XI. im J. 1683 auf die
ganze Christenheit ausgedehnt. - Auf den 5. Aug. fällt das Fest Maria Schnee
(S. Maria ad Nives), eigentlich das Fest der Einweihung der von Papst Liberius
zu Ehren der Gottesmutter erbauten Kirche. Seine Absicht ist die eines jeden
Kirchweihfestes, mit besonderer Beziehung auf die Mutter der Gnade, die uns in
Christus erschienen ist. Unrichtig ist übrigens, daß in Rom bis auf die Zeiten
des Liberius keine Muttergotteskirche bestanden habe, da bereits Papst
Callistus eine solche erbaut hatte. (Gretserus,
l. 2 de festis Christian. cap. III. Baron. Annal. I. II. ad a. 224.) - Wie
dieses Fest ist auch jenes der Uebertragung des Hauses von Loretto
(translatio domus S. Lauretanae) am 10. Dec. eigentlich ein Kirchweihfest, was
jedem Kenner des von Papst Innocenz XII. gestatteten Officiums augenblicklich
klar wird, so daß die Frage nach der geschichtlichen Wahrheit jener Uebertragung
von Nazareth zuerst nach Dalmatien und dann nach Loretto als frommer Glaube
hievon unabhängig ist. Doch ist derselbe nicht nur sehr verbreitet, sondern von
der Kirche auch sehr begünstigt ******.
Aus demselben entstanden die weltberühmte Wallfahrt Loretto und viele tausend
andere dem Lauretanischen Hause genau nachgebildete Andachtsstätten zu Ehren der
hl. Jungfrau und jene herrliche Litanei, die durch die wunderlieben Ehrentitel,
womit sie die Mutter Gottes schmückt, eine Lieblingsandacht frommer Christen und
eine reiche Fundgrube anregender und heilsamer Betrachtungs- und Erbauungsbücher
geworden ist. - Das Portiuncula-Fest mit dem hiemit verbundenen Ablasse
ist gleichfalls hieher zu zählen, denn er ist ursprünglich für das Kirchlein
Unserer lieben Frau von den Engeln
bei Assisi bewilliget worden. - Andere
von einzelnen Kirchen, Orden und Bruderschaften begangene und vom Oberhaupt der
Kirche denselben zugestandene Feste sind: Maria vom guten Rathe (de bono
consilio) am 26. April, das Fest der Mutterschaft (maternitas B.V.M.) am zweiten
Sonntag im October, das ihrer Reinheit (puritas) am dritten Sonntag im October,
das ihres reinsten Herzens (f. cordis purissimi B.V.M.) am dritten Sonntag nach
Pfingsten, das ihrer Hilfeleistung (auxilii) am 24. Mai, das ihrer Wunderthaten
(prodigiorum) am 9. Juli, dann der dreißigste Tag (trigesimus) nach ihrer
Aufnahme in den Himmel am 13. September u.e.A. - Noch finden wir bei den Boll.
erwähnt das Fest der zehn Tugenden (4. Febr.), das der Stola (2. und 3. Juli),
das der Synaxis (21. Juli), ihrer Erscheinung in Spanien (10. Aug.) und
ähnliche, die wir der Kürze halber nur nennen wollen. - Einige dieser Feste
gaben in Italien, Frankreich und Spanien Anlaß zu neuen Taufnamen, z.B.
Annuntiata, Dolores, während man dort längere Zeit aus Ehrfurcht vor der hl.
Gottesmutter sich enthielt, den hochgebenedeiten Namen Maria selbst als
Taufnamen zu gebrauchen.
Wie aber in dieser Weise im Festkreise der Kirche die Gnaden- und
Ehren-Vorzüge der sel. Jungfrau alle untergebracht sind, fehlt es auch nicht an
entsprechenden Lobpreisungen in Gesängen, Gebeten und Anrufungen. Zunächst
erhielten die schon den ältern Vätern geläufigen Vorbilder aus dem A. T. noch
weitern Zuwachs. So wurde Maria dem feurigen Busch verglichen, in welchem der
Herr vor Moses sich herabließ, und der unversehrt blieb.
Sie ist auch der Berg, aus welchem (Dan. 2,45) ohne Menschenhand der Stein, d.i.
Christus kam, welcher das Bild zerstörte,
welches Nabuchodonosor im Traume sah. Da Christus der wahre Salomon
ist, so ist Maria die Braut des hohen Liedes. Die Lobsprüche, in welchen diese
verherrlichet wird, werden daher auf sie angewendet. Sie heißt z.B. die Rose
ohne den Dorn der Sünde, die Lilie unter den Dornen, der Thurm Davids,
der versiegelte Brunnquell, der beschlossene Garten, schön wie der Mond,
auserlesen wie die Sonne, die aufgehende Morgenröthe u.s.f. Weil Maria den bösen
Feind versagt, so gleicht sie der Judith, die den
Holofernes tödtete. Alle diese Gleichnisse und noch viele andere sind in die
liturgischen Bücher der kathol. Kirche aufgenommen. Ja man hat in neuerer Zeit
vereinzelte Stimmen gehört, welche in dieser Deutung nicht die bloße Anwendung,
sondern den wirklichen und eigentlichen Sinn der Worte des hohen Liedes finden
wollten. Aehnlich verhält es sich mit den Lesungen, welche aus dem Buche
Ecclesiasticus und dem der Sprüchwörter auf Maria bezogen werden. Die göttliche
Weisheit, welche von Ewigkeit her die Erlösung der sündigen Welt beschlossen,
hat sie von Ewigkeit her in diesen Beschluß eingeschlossen und sie kann in
Wirklichkeit sagen: Der mich schuf, hat geruht in meinem Zelte
(Eccl. 24,12).
Auf diese und ähnliche Stellen der heil. Schrift, so wie auf den Bericht des
Evangeliums gründen sich alle übrigen kirchlichen Verehrungs- und
Anrufungs-Formeln, insbesondere die Hymnen und Antiphonen in ihren Tagzeiten.
Unter letztern ist wohl die älteste das Regina coeli, welches zur Zeit des
Papstes Gregor d. Gr. bereits im Gebrauche war; das Salve Regina, welches im J.
1239 durch Papst Gregor ins hl. Officium eingesetzt wurde, und das Alma
Redemtoris werden gewöhnlich Hermann dem
Contracten, zugenannt von Vehringen, Mönch von Reichenau, gest. im J. 1054,
das Ave Regina coelorum dem hl. Anselm,
Erzbischof von Canterbury, gest. im J. 1109, zugeschrieben. Der Verf. des Ave
maris stella (Meerstern sei gegrüßt) ist unbekannt, hat aber zwischen dem
sechsten und neunten Jahrh. gelebt, während der Hymnus: Memento rerum conditor,
wenn er wirklich vom hl. Ambrosius
herrührt, nicht bloß einer der schönsten, sondern auch einer der ältesten ist.
Die Hymnen: Quem terra pontus sidera (dem Erde, Meer und Sternenheer) und O
gloriosa virginum (o heil'ge Jungfrau hoch und hehr) sind eigentlich nur
getrennte Theile desselben Kirchenliedes und werden (Schlosser, l. c. I. 112
[106]) dem Venantius Fortunatus
zugeschrieben. Das Stabat mater (Stand die Mutter qualentragend) gehört dem im J.
1306 in hohem Alter gestorbenen Jacobus de
Benedictis, genannt Jacopone da Todi, an. Er soll es im Gefängnisse verfaßt
haben. Ihre sieben Schmerzen verherrlicht der schöne Hymnus: Ave dulcis mater
Christi (Schlosser I. 267); die sieben Freuden ein anderer, welcher anfängt:
Gaude virgo mater Christi (freu' dich Jungfrau, Mutter Christi, ebendas. S. 239),
eine Umarbeitung eines ältern eben so anfangenden aus der ersten Zeit des
fünfzehnten Jahrh. (Katholik, 1851 II. S. 265). Diese und viele andere sind zwar
in die kirchlichen Tagzeiten nicht aufgenommen, leisten aber den Verehrern der
Mutter Gottes zur Privatandacht vorzügliche Dienste. Man kann z.B. nichts
Schöneres lesen, als das Omni die dic Mariae vom hl. Casimir,
König des Polenlandes. Unter die kirchlich gutgeheißenen, mit Ablässen
begnadigten Andachten gehört auch der Marien-Mai, welcher dem früher mehr
gefeierten Dreißigst den Rang abgelaufen hat. Namentlich aber ist es der hl.
Rosenkranz, welcher seit den Tagen des hl. Dominikus
für fromme Seelen ein wahres Bedürfniß geworden ist. Das katholische Volk
schenkt allen Andachten der Art, besonders auch den Marienliedern, eine so rege
und lebhafte Theilnahme, daß noch kein Seelsorger sie ohne den besten Erfolg
eingeführt hat. Auch die verschiedenen Bruderschaften und Congregationen zu
Ehren der hl. Jungfrau finden, je mehr der kirchenfeindliche Zeitgeist sie
anfeindet, desto größere Verbreitung. Alle geistlichen Orden, von den ältesten
angefangen bis auf die jüngsten, haben den Cult der hl. Jungfrau gepflegt; ihr
zu Ehren sind aber namentlich gestiftet die Orden der Carmeliten, der
Trinitarier, der Serviten, der Olivetarier (Maria vom Oelberg), der
Regular-KlerikerEin Kleriker ist in der orthodoxen, katholischen, anglikanischen und altkatholischen Kirche ein geweihter Amtsträger, der eine der drei Stufen des Weihesakraments - Diakon, Priester oder Bischof - empfangen hat.
Im Unterschied zu den Klerikern bezeichnet man die anderen Gläubigen als Laien. Angehörige von Ordensgemeinschaften gelten, wenn sie nicht zu Priestern geweiht sind, als Laien und in der Orthodoxie als eigener geistlicher Stand. In den protestantischen Kirchen gibt es keine Unterscheidung von Klerus und Laien.
der Mutter Gottes, die Töchter der Heimsuchung
(Salesianerinnen), die Oblaten der hl. Jungfrau (s. S. Francisca),
und viele neuere Genossenschaften. Ueberaus herrlich sind die zu Ehren der hl.
Mutter Gottes erbauten Kirchen, Kapellen, Altäre, Denksäulen etc., von welchen
der katholische Erdkreis so zu sagen überdeckt ist. Zahllos sind die
Wallfahrtsorte und Wallfahrtskirchen, in welchen die hl. Jungfrau in den Nöthen
und Bedrängnissen der Gläubigen sich hilfreich erweist. Wir nennen Maria
Einsiedeln und Maria Stein in der Schweiz; Maria Taferl in Oesterreich, zu
dessen Gnadenbild einst die Engel in Prozession herniederstiegen; Maria-Zell in
Steyermark, nahezu der berühmteste österreichische Wallfahrtsort; ebendaselbst
Maria Buch und Maria Kulm; ein anderes Maria Kulm und Maria Schein in Böhmen;
Trens in Tyrol, wo die seligste Jungfrau sich als mächtige Fürbitterin für
Kinder, die in Gefahr sind ohne Taufe zu sterben, erweist; Kevelaer, die größte
Wallfahrt der Rheinprovinz. In Bayern glänzet vor allen andern: Altötting, wohl
der älteste, aber auch wunderreichste und besuchteste Wallfahrtsort; dann folgen
Bogenberg, auf der Spitze des gleichnamigen Berges an der Donau, dessen
steinernes Gnadenbild, wie das von Maria Ort bei Regensburg auf der Donau
aufwärts geschwommen kam; Maria Hilsberg bei Passau, Kößlarn bei Rotthalmünster;
Langenwinkel bei Beuerbach; Maria Hilf bei Amberg; Dettelbach, Limbach und
Marienweiher in Franken; die Klosterkirche zu Ettal, dessen kleines Gnadenbild
nach der Volkssage Niemand heben kann, der eine schwere Sünde auf dem Gewissen
hat; Andechs, Maria Dorfen, Aufkirchen am Würmsee, die schmerzhafte Kapelle und
die Herzogspitalkirche in München, Ramersdorf bei München, Maria Thalheim bei
Erding, Birkenstein bei Miesbach, Maria-Eck bei Traunstein etc. In Schwaben
gebührt der Vorrang der Wallfahrt zur schmerzhaften Mutter Gottes in Steinbach,
dann folgen Violau, Kirchhaslach, Maria Schein, die Loretto-Kapellen auf dem
Kobel bei Augsburg und in Burgau, Maria Trost bei Nesselwang, Mussenhausen bei
Mindelheim u.v.a. Ueber andere berühmte Wallfahrtsorte sehe man das schon einmal
angeführte Buch: Berühmte Gnadenorte U. L. Fr. in verschiedenen Ländern
Europa's. Von Spencer Northcote. Uebersetzt von Studemund. Cöln, 1869.
Zu
bedauern ist, daß der Verfasser, welcher außer Italien, Frankreich, Spanien und
England den Orient und Polen nennt, nach den Wallfahrts- und Gnadenorten
Deutschlands sich gar nicht umgesehen hat und von ihnen, außer Maria Zell,
keinen einzigen auch nur vorübergehend anführt. Er beschreibt aus dem
Kirchenstaate: St. Maria die Größere in Rom, U.L.Fr. vom guten Rath zu
Genazzano, Madonna della Guercia (Maria Eich ist auch in Deutschland sehr
häufig) zu Viterbo; U.L.Fr. von der Barmherzigkeit zu Rimini, das hl. Haus von
Loretto; ferner Madonna del Carmine und Santa Maria della Grotta in Neapel.
Diesen müssen wir beifügen: U.L.Fr. von den Engeln (Portiuncula) bei Assisi,
U.L.Fr. vom Schutze (Guardia) bei Bologna, St. Maria de la Salute in Venedig,
Varese im Mailändischen, Maria vom Troste in Turin. In Frankreich nennt Spencer:
U. L. Fr. von Fournieres, Laus, Puy, Chartres und La Salette; wir fügen (aus
Bourassé, l. c. S. 476) hinzu: U.L.Fr. de la Garde zu Marseille, Bon-Secours
(Maria- Hilf) zu Rouen; von Liesse in der Picardie; U. L. Fr. von Ardilliers zu
Saumur, von Clery, Bisthums Orleans; Rocamadour in Query. Unter den 553
Gnadenorten, deren sich die spanische Halbinsel rühmt, ragen Montserrat, del
Pilar in Aragonien, Guadelupe in Estremadura, U. L. Fr. von Atocha besonders
hervor. Der vorzüglichste Gnadenort der seligsten Jungfrau in Belgien ist Hall
in Brabant. Das wunderthätige Bild daselbst ist ein Geschenk der hl. Elisabeth
von Ungarn. Daß alle Künste, vorab die Malerei und Bildnerei, ihre göttliche
Mutterwürde, ihre Geheimnisse und Gnadenerweisungen, ihr wundervolles Leben, von
ihrer unbefleckten Empfängniß bis zu ihrer Krönung und Verherrlichung im Himmel,
auf die mannigfaltigste Weise zu verherrlichen bemüht waren und sind, ist
bekannt. Die ältesten Abbildungen der seligsten Jungfrau sind zweifellos jene in
den römischen Katakomben, von welchen nach de Rossi einige bis nahe an das
apostolische Zeitalter hinaufreichen, keines aber erst nach Constantin dem
Großen entstanden ist. Nebstdem erzählt eine alte Tradition, daß uns der hl.
Lucas nicht bloß in seinem Evangelium eine in ihrer Einfachheit unübertreffliche
Federzeichnung, sondern auch im Gemälde das wirkliche Porträt der seligsten
Jungfrau überliefert habe. In dem Synodal-Schreiben, welches die Patriarchen
von Antiochia, Alexandria und Jerusalem zu Gunsten der Bilderverehrung an den
Kaiser Theophilus absendeten, ist diese Tradition zum ersten Male als
geschichtliche Thatsache aufgestellt und beigefügt, daß das betreffende Bildniß
mit Farben auf Wachs gefertigt worden sei. Dasselbe wurde zuerst in Antiochia
aufbewahrt, von woher es die Kaiserin Eudoxia an
ihre Schwägerin Pulcheria nach
Constantinopel gesendet hat. Daß es hier in der Kirche Hodegetria beigesetzt und
vom gesammten Volke, namentlich aber vom Heere, so zu sagen als das Palladium
der Stadt und des Reiches verehrt wurde, ist geschichtliche Thatsache. Fraglich
ist seine, angeblich unter dem Dogen Dandolo nach der Einnahme von
Constantinopel im J. 1204 stattgefundene Uebertragung nach Venedig, da die
Griechen es noch bis zum J. 1453 im Besitze zu haben behaupteten. Doch hatte
nach einem griechischen Menologium der hl. Lucas selbst schon zwei Copien nach
dem Original angefertiget, ja nach einer alten römischen Inschrift wären es
sogar sieben gewesen, wovon eines auf Cedernholz sich in der Kirche St. Maria
Maggiore zu Rom befindet. Natürlich vermehrten sich dieselben und hieraus läßt
sich zur Genüge erklären, warum viele Orte das vom hl. Lucas gemalte Bildniß der
hl. Jungfrau zu besitzen glauben. Es ist zugestanden, daß bei keinem derselben
ein strenger Beweis der Aechtheit möglich ist. Die erfindungsreiche Sage aber
ging noch weiter; sie machte den hl. Lucas auch zum Bildhauer und ließ, damit
kein Zweifel übrig blieb, die Aechtheit und Aehnlichkeit eines solchen aus Holz
geschnitzten Bildnisses die hl. Jungfrau selbst bestätigen. Auch ein Bild in
Relief sollte (nach Gretser) der hl. Lucas von der Mutter Gottes gefertiget
haben. Was man übrigens hiegegen einwenden möge, so darf wenigstens das hohe
Alter dieser Bildnisse kein Hinderniß seyn, ihre Aechtheit anzuerkennen, so
lange in unsern Museen Bilder aufbewahrt werden, welchen die Archäologen, ohne
viele Zweifler zu finden, ein viel höheres Alter zuschreiben. Betreten wir aber
die heiligen Räume der Katakomben, so stehen wir auf festem, geschichtlichem
Boden. Sie erscheint hier, namentlich auf ältern Bildern, am öftesten ohne das
göttliche Kind, in betender (fürbittender) Stellung, mit ausgebreiteten oder auf
die Brust gelegten Armen, in jugendlichem Alter und verschleiert. Erst nach dem
Concil von Ephesus im J. 431 wurden die Bildnisse, in welchen sie ihr göttliches
Kind trägt oder auf dem Schooße hält, zahlreicher. Später gesellten sich zu den
Malern und Bildhauern auch die Mosaikarbeiter, die Goldschmiede, die Kunstweber,
die Glasmaler, um die hl. Jungfrau zu ehren und zu verherrlichen. Gegenwärtig
hat nicht bloß jede christliche Kirche und Kapelle, sondern auch jedes
christliche Haus ihre Muttergottesbilder, welche ungeachtet ihrer
Kunstlosigkeit, oft selbst ihres gänzlichen Kunstmangels das Vertrauen und die
Andacht der Gläubigen zu dieser ihrer Mutter und trostreichen Helferin
aussprechen, und in Folge zahlreicher Gebetserhörungen, welche bis auf diese
Stunde stattfinden, noch erhöhen und vermehren. Daß viele Marienbilder sie mit
schwarzer Gesichtsfarbe darstellen, ist gewiß weniger aus ihrem hohen Alter
(vgl. Menzel, Symbolik II. 95.), als aus der von der Kirche auf Maria
angewendeten Stelle des hohen Liedes: Schwarz bin ich, aber schön, Töchter
Jerusalems
, zu erklären.
* Sie heißen Jacobus (der Jüngere), Judas (Thaddäus), Simon, sämmtlich später Apostel des Herrn, und Jose, und waren Söhne der Maria, des Weibes des Klopas oder Alphäus.
** Sehr schön bemerkthiezu der sel. Canisius: (de Maria Deipara Virg. IV. 2) Quid illa in fide constantius atque firmius excogitare potest, quae nutantibus fidei columnis, h.e. Apostolis fugientibus, a Christi latere, imo cruce, non potuit dimoveri.
*** Der Abbé Bourassé, von welchem wir eine sehr fleißig geschriebene, hier öfter benützte und prachtvoll ausgestattete Geschichte der hl. Jungfrau besitzen (Tours, 1869), erzählt (S. 365 bis 367), daß er selbst im J. 1854 im Auftrage des Cardinals Morlot, Erzb. von Tours, mehrere in eine kleine bleierne Büchse eingeschlossene Reliquien habe untersuchen müssen, unter welchen sich ein blendend weißer, in einen Pergamentstreifen eingewickelter alabasterähnlicher Stein befand. Auf dem Pergament las man: de lacte B.M.V.
**** Cf. l. 4. adv. Marcion: Discutiendum, cujus hominis filius accipi debeat, patris an matris. Si ex Deo Patre est, utique non est ex homine. Si non ex homine, superest ut ex homine sit matre. Si ex homine, jam apparet, quia ex virgine. Cui enim pater non datur, nec vir matri ejus deputabitur. Porro cui vir non deputabitur, virgo est. ... Si haec ita distinguuntur, i. e. si ex matre filius est hominis, quia ex patre non est, ex matre autem virgine, quia non ex patre homine, hic erit Christus Isajae, quem concepturam virginem praedicat.
***** An dieser Stelle erlauben wir uns anzuführen, was der selige P. Canisius in seinem schönen Werke de Maria Deipara Virg. (I. 8) auf die selbst in unsern Tagen noch vorkommende Einrede, daß es für unser Seelenheil gleichgiltig sei, ob Maria mit oder ohne Erbsünde empfangen wurde, daß die Religion hiebei weder etwas gewinne, noch verliere, antwortet: Habet sane suum fructum et salutarem piis usum adfert illorum doctrina et pietas, qui Deum in Mariae conceptione praepotentem et efficacem praedicant atque inde principium aliquod Evang. gratiae sumunt, dum sanctam illam radicem, ex qua fructus sanctior Christus prodiit grato pectore contemplantur, meritis que laudibus prosequuntur. Er setzt hinzu, daß es der Religion sicherlich nachtheilig sei, wenn die Feste der Kirche und ihre Grundlage mißgünstig beurtheilt und Zweifeln unterworfen werden, wenn die Mutter Gottes eines ihrer schönsten Ehrentitel (pulchra ut luna etc.) beraubt und zum Gefäße des Zornes erniedriget werde, wenn man sage: Christus habe seiner Mutter nicht geben wollen oder können, was Er den Engeln, Adam und Eva, selbst den Teufeln gegeben hat.
****** So weit sich der fromme Glaube
,
wie die Päpste sich über dieses Wunder ausdrücken, historisch begründen läßt,
ist es von Northcote (Gnadenorte, S. 78 ff.) geschehen.
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