
Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
Magnus, Abb. (6. Sept.) So berühmt der hl. Abt Magnus (auch Maginald,
Maginold und Magnoald, im Munde des Volkes gewöhnlich St. Mang genannt) in den
Annalen der Geschichte und in der Verehrung der Gläubigen ist: so ungewiß und
verwirrt sind die einzelnen Nachrichten, die aus seinem Leben und Wirken auf uns
gekommen sind. Lange Zeit stand zwar eine Vita, deren Verfasser zwischen dem 10.
und 12. Jahrhundert lebten, in großem Ansehen. Schon die Boll. haben ihr aber
dieses Ansehen nicht mehr zuerkannt, im Gegentheil: sie schreiben geradezu von
einer nur erschlichenen, in der Larve der Wahrheit versteckten Autorität
(larvata autoritas). Gleichwohl war eben diese Autorität
beinahe die einzige
Quelle aller spätern Bearbeitungen. Man muß den Boll. Dank wissen, durch eine
äußerst sorgfältige Sichtung des vorhandenen Materials eine solide Grundlage zu
einer neuen, geschichtlich haltbaren Lebensbeschreibung geliefert zu haben.
Dagegen hat Khamm (hierarch. aug. Auct. P. I. Cath. 33 seqq.) wieder eine ganze
Menge Bedenken (dubia) geliefert, welche indessen durch das von Pertz
herausgegebene Leben des hl. Gallus glücklich
beseitiget worden sind. Wenn Burgener (Helv. S. II. 4) meint, erst die neuere
Kritik
hätte behauptet, Magnus sei nicht aus Schottland oder Irland, sondern
ein Deutscher - er hätte hinzusetzen dürfen: Alemanne - gewesen, so ist er
entschieden im Irrthum, denn schon die Boll., auf welche er sich doch selbst
beruft, und Khamm haben diese Behauptung aufgestellt. Wenn Burgener (l.c.) fragt,
wohin dann jener Magnoald gekommen sei, der als Schüler des hl. Columban
von Allen angeführt werde, so antwortet Khamm, daß hier vermuthlich eine
Verwechslung unsers hl. Magnus mit dem hl. Magnoaldus
oder vielmehr Chagnoaldus, Schüler des hl. Columban, vorliege, der nachmals
Bischof von Laon geworden ist (qui postea Lugduní Clavati seu Lauduni constitutus
est pontifex). Dennoch findet sich die irrige Angabe, er sei ein Ire oder
Schotte gewesen, auch in neuern Bearbeitungen. Aus dem
Umstande, daß der hl. Magnus mit seinem Gefährten Theodor in der Geschichte zum
ersten Mal im J. 612 bei dem Pfarrer Willimar auftritt und sich dann dem hl.
Gallus anschließt, geht, wie seine deutsche (alemannische) Herkunft, so auch die
geschichtliche Unhaltbarkeit seiner Reise aus Irland oder Schottland hervor. Er
war auch keineswegs ein unmittelbarer Schüler
des hl. Columban (Khamm: nunquam
fuit S. Columbani minister nec immediatus discipulus), wohl aber mittelbar, da
er den hl. Gallus, welcher die Regel des hl. Columban befolgte, als Lehrer und
Meister des geistlichen Lebens sich erkor und demselben bis zu seinem im J. 625
erfolgten Tode treu anhing. Der hl. Magnus wurde von diesem beauftragt, nach
Bobbio, zum Grabe des hl. Columban, zu reisen und dasselbe zu ehren. Er kam mit
dem Stabe des hl. Columban glücklich wieder zurück und diente Gott unter der
Vorstandschaft des hl. Gallus nach der Regel des hl. Columban. Nach dem Hintritt
des hl. Gallus stand er als sein erster Nachfolger dessen Zelle vor. Schon als
Mitbegründer und zweiter Abt des Klosters St. Gallen ist daher der hl. Magnus
ungemein ehrwürdig, denn über tausend Jahre blieb der Ort ein heiliger Mittel-
und Ausgangspunkt christlichen Wissens und Lebens. Er wurde aber durch einen
Ueberfall der Franken oder nach Burgener des Herzogs Ottovin von Schwaben und
dessen Vogts Erchonald (bei Jocham Bav. S. I. 131 heißt Othwin ein Häuptling
roher Bergbewohner
) schwer mißhandelt und das Kloster beraubt und verwüstet;
doch kam Boso (Buffo), Bischof von Constanz, dem Heiligen zu Hilfe und wurde
zweiter Begründer des Klosters, das er neuerdings einweihte. Nun folgte der für
uns wichtigste Abschnitt seines Lebens, sein Zug ins Algäu und sein Wirken
daselbst. Sind auch die schriftlichen Aufzeichnungen hierüber, wie Eingangs
bemerkt, nicht so zuverlässig, als wir wünschen möchten, so sind die Klöster,
Kirchen, Altäre und andere Monumente, die seinen Ruhm verkünden, desto
zuverlässigere und unwidersprechlichere Zeugen seiner Thätigkeit. Die Legende
erzählt: Bald nach der Wiederherstellung der Zelle in St. Gallen bewog ihn ein
frommer Priester aus dem Algäu
, Namens Tozzo
(Tosso), der das Grab des hl. Gallus zu ehren gekommen war, nach dem Algäu
zu gehen, um auch dort nach dem Muster der Zelle zu St. Gallen klösterliche
Niederlassungen zu gründen. Der obengenannte Theodor war sein Begleiter.
Unterwegs sprach sie ein Blinder um ein Almosen an; Magnus bestrich mit seinem
Speichel des Blinden Augen und der Blinde sah, fiel dem Heiligen zu Füßen,
dankte Gott und wollte sein Jünger werden. Sie hatten, nach der Volkssage, ein
Licht bei sich, das bei einbrechender Nachtzeit sich selbst anzündete und
fortbrannte, ohne daß die Kerze kleiner wurde, - ein schönes, sprechendes Bild
der Ausbreitung des Christenthums und dessen die Finsterniß erleuchtender, nie
abnehmender Kraft. Auf dem Wege hatten sie mit Schlangen und Drachen zu kämpfen,
die der hl. Magnus vertrieb, indem er die Gegend mit seinem Stabe im Namen
Jesu segnete. Da bei Erwähnung dieser Unthiere
auf die Legende von der Bekehrung der hl. Afra Bezug
genommen wird, so kann über die wahre Bedeutung dieser Schlangen und Drachen
kein Zweifel seyn. Sie sind weder (Koch-Sternfeld, der hl. Mangold, Beitr. I. 1)
als Räuber, noch als Luftspiegelungen aufzufassen, sondern als Erscheinungen und
Schreckgebilde der finstern Mächte, zu deren Bekämpfung die heiligen Missionäre
gekommen waren. Tozzo, der sich bei einer solchen Begegnung anfänglich auf einen
Baum geflüchtet hatte, überzeugte sich bald von der Unbesiegbarkeit des hl.
Magnus und wich nicht mehr von seiner Seite. Zu Epfach am Lech, wo damals
BischofWicterp von Augsburg sich
aufhielt, erholten sie sich die nöthige Vollmacht. Der hl. Magnus, der bisher
immer nur Diacon gewesen zu seyn scheint, empfing von ihm die Priesterweihe.
Hierauf wurde zunächst in Kempten eine Zelle gegründet und
Theodor zu ihrem Vorsteher bestimmt. Ebendahin verlegt deßhalb die Legende die
Tödtung des ersten Drachen durch den Stab des hl. Magnus *,
und setzt hinzu, daß hierauf auch die übrigen schädlichen Thiere verschwanden
und die Gegend für immer von ihnen befreit wurde. Zu Roßhaupten stellte sich dem
hl. Magnus ein neuer Drache in den Weg. Der Heilige griff ihn um Mitternacht in
seiner Höhle an. Am Halse trug er das heilige Kreuz, in der einen Hand den Stab
und in der andern das hl. Evangelium, in der Tasche geweihtes Brod. Nachdem er
gebetet hatte, aß er von dem geweihten Brode. So gerüstet, ging er auf die Höhle
zu und warf dem Drachen eine an einer Fackel angezündete Pechkugel in den
aufgesperrten Rachen, daß er barst und todt zu den Füßen des Heiligen
hinstürzte. Hierauf gründete er hier und bei weiterm Vordringen auch in
Waltenhofen eine Kirche. Endlich kam er nach Füssen (Fuerzin, pedes, scil.
Alpium, ad fauces), wo er sich bleibend niederließ und über zwanzig Jahre für
die Ausbreitung des Evangeliums und der Cultur arbeitete. Letzteres bezeugt
unter anderm die Entdeckung von Eisenlagern auf dem Säulingberge, welche ihm
zugeschrieben wird. Die Legende erzählt nämlich, ein großer Bär habe auf den
Befehl des Heiligen die Wurzeln einer Tanne ausgegraben, worauf sich Eisenadern
gezeigt hätten. Der Bär begleitete hierauf den Heiligen in sein Kloster zurück
und diente den von ihm abgesendeten Arbeitern als Führer an die eisenhaltige
Stelle. Mit vollem Rechte heißt daher der hl. Magnus der Apostel des Algäu.
Außer Kempten, Waltenhofen, Roßhaupten und Füssen wird ihm die Gründung vieler
anderer Seelsorgsstellen, namentlich Ober- und Unterlechthal (Holzgau und
Elbingenalp), Aschau, Rieden, Bernbeuern (Auerberg), Bezigan, Nesselwang,
Sonthofen, Durach und Agathenzell zugeschrieben. Als er am Sterben lag, stand
Tozzo, der unterdessen Bischof von Augsburg geworden seyn soll, an seinem Lager.
Er verschied nach der Legende am 6. Sept., der eben auf einen Sonntag fiel, 9
Uhr Morgens in dem Alter von 74 Jahren, wahrscheinlich im J. 655. Bald darauf
hörte man die Stimme: Komm, Magnus, empfange die Krone, welche der Herr dir
zubereitet hat.
Der Bischof verrichtete darauf für seinen liebsten Freund das
hl. Opfer und setzte ihn in dem von dem Heiligen selbst erbauten Oratorium
bei **. Die Kritik hat sich daran gestoßen, daß König Pipin
auf Bischofs Wicterp Betreiben die Zelle des hl. Magnus mit Grundstücken aus dem
Kaltensteiner-Gau dotirt habe. Aber diese Schankungen brauchen nicht dem hl.
Magnus persönlich geschehen zu seyn, sondern galten der von ihm gegründeten
Kirche, wofür in alten Urkunden immer der Patron genannt wird (also S. Magno =
monasterio oder ecclesiae S. Magni). Ebenso kommt nicht viel darauf an, ob Tozzo
Bischof von Augsburg geworden sei. Er konnte eben so gut als Pfarrer von
Waltenhofen die Beerdigung des Heiligen vorgenommen haben und (wie es bei W.-W.
VI. 742 heißt) von den Legendisten mit dem Bischof Tosso des achten Jahrh.
confundirt worden seyn. Die weitere Einwendung, welche die Legende vom hl.
Magnus wegen der Aehnlichkeit mit denen vom hl. Columban und Gallus nur als
Copie der letztern bezeichnen will, verliert an Gewicht, wenn man bedenkt, daß
auch der Beruf des hl. Magnus dem seiner Lehrer gleich war, und daß sohin die
Wunderkraft dieser auf ihn eben so übergegangen seyn konnte, wie die Wunderkraft
des Elias auf den Elisäus. Der hl. Bischof
Simpert restaurirte das Kloster des hl.
Magnus, und die Bischöfe Nidgar ins (gest.
um d.J. 830) und Lanto (gest. um
d.J. 857, oder Hanto, wie es bei Burgener heißt) erbauten dem Heiligen eine
schöne Kirche. Unterm letztern wurde der Leib des hl. Magnus (nach den Boll.
zwischen den J. 825 u. 847) erhoben. Bei dieser Gelegenheit soll dessen kurze
Lebensgeschichte, welche Theodor unter sein Haupt gelegt hatte, zwar vergilbt,
aber noch leserlich, aufgefunden und dem Mönch Ermenrich, später Abt in
Ellwangen, zur Verbesserung übergeben worden seyn. Der in St. Gallen befindliche
Codex mit dem Leben des Heiligen kennt diesen Ermenrich nicht. (Rettberg, K.-G.
Deutschl. II. 149.) Bei näherer Prüfung des in St. Gallen befindlichen Codex
entdeckte man, daß derselbe aus zwei ganz verschiedenen Stücken besteht; die
erste Hälfte gehört etwa dem 12. Jahrh. an und geht bis dahin, wo Magnus den
Blinden heilt, welche Scene im Codex mittelst Federzeichnung dargestellt ist,
während die zweite Hälfte eine frühere Arbeit des 10. Jahrh. ist. Es ist aber
mit dieser Entdeckung für die Sicherheit der Legende Nichts gewonnen. Die Stärke
derselben liegt, wie bemerkt, in den außer ihr vorhandenen Denkmalen, besonders
in der ununterbrochen fortdauernden Verehrung, die dem Heiligen in weitem
Umkreise von seinem Tode an zu Theil wurde, in dem Vertrauen auf die wunderbare
Kraft seiner Fürbitte, das durch zahlreiche Wallfahrten und Verlöbnisse zu
seinem Grabe sich zu allen Zeiten kund gegeben, in den Altären, Bildnissen und
Kapellen, die seinem Andenken geweiht worden sind. Unter den Kirchen sind
vorzüglich die Abteikirchen von Füssen und Kempten zu nennen. In St. Gallen
erbaute der Abtbischof Salomon im neunten Jahrh. eine Kirche unter seiner
Anrufung. Papst Johann IX. (898-900) zählte ihn unter die Heiligen. Seine
Verehrung verbreitete sich in ganz Süddeutschland und der Schweiz. So z.B. wurde
im J. 1127 in Regensburg durch den Domherrn Gebhard unter seiner Anrufung ein
Kloster sammt Kirche gebaut und Augustiner-Mönchen übergeben. Im Canton
Unterwalden wird sein Fest als Feiertag begangen. Hier und in andern Gegenden
wird er als Beschützer der Viehheerden verehrt. Er wird im Pilgergewande und mit
dem Stabe, noch öfter aber als Abt, seine Hand gegen einen fliegenden Drachen
erhebend, oder von Schlangen und drachenähnlichen Gestalten umgeben, dargestellt.
Seine Reliquien wurden bei einem feindlichen Ueberfalle von Füssen nach Tyrol
geflüchtet und sind nicht mehr vorhanden. In St. Gallen befindet sich ein Arm
des Heiligen. Reliquien von seinem Stabe sind zu Füssen und in Wangen im
Württembergischen (Kirchenschm. 1862. XII. 67). Im Mart. Rom. findet sich der
hl. Abt Magnus nicht. (II. 700-781).
* Man sehe hierüber das Augsburger Proprium, in welchem übrigens die Annahme, daß der hl. Magnus aus Irland gekommen sei, festgehalten ist. Das Mainzer Proprium erzählt die Drachentödtung bei Kempten in folgender Weise: quo loco (in Kempten) castrum in montis cacumine positum erat a teterrino daemone, qui se in draconem transformarat, ut et sibi quod solet divinitatem vendicaret et in hominum genus tyrannidem suam exerceret, diu possessum. Magnus ergo cum socio, solo orationis praesidio bestiam aggressus, ubi colla ejus tumentia bacillo, quem in memoriam beati Columbani gestare solitus erat, attigit, eandem occidit e vestigio: ac mox omne vipereum daemonis agmen disparuit. Hier ist deutlich gesagt, welchen Drachen der hl. Magnus auf seiner Missionsreise getödtet hat.
** Die Boll. stellen über das Leben des hl. Magnus folgende Zeittafel (chronotaxis) auf: Geburtsjahr 582; Diacon 612; bis zum Tode des hl. Gallus in dessen Zelle 625; Gründung Füssens 629; Tod 655. Nach Khamm starb der sel. Wicterp, Bischof von Augsburg, in dessen Auftrag der Cleriker Tozzo nach St. Gallen gekommen war, um d.J. 654. Tozzo wurde sein Nachfolger. Die Frage: ob es zwei Bischöfe Namens Wicterp gegeben habe und ob auf beide ein Tozzo gefolgt sei, ist ungelöst. War dieß nicht der Fall, so ist Wicterps Mitwirkung bei der Gründung Füssens unhaltbar, denn der geschichtlich bekannte Bischof Wicterp lebte erst im achten Jahrh. Nach Brauns Geschichte der Bischöfe von Augsburg lebte aber wirklich schon im siebenten Jahrh. ein Bischof d. N., der gewöhnlich Wiggo genannt wird und um d.J. 667 gestorben seyn soll. Dieser Wicterp soll nach Khamm (l. c. 41) den hl. Magnus ordinirt haben. Nach der heiligen Handlung umstrahlte ein ungewöhnlicher Glanz das Haupt des Heiligen. Natürlich wird dem hl. Wicterp auch die Einweihung der Oratorien in Kempten, Waltenhofen (wo Tosso Pfarrer wurde) und Füssen zugeschrieben. Uebrigens setzt auch Mabillon (vita S. Magni. Saec. II. f. 517), dessen großes Ansehen Niemand bestreitet, d.J. 655 als Todesjahr des hl. Magnus, während Pagius d.J. 627 annimmt. Andere, weniger ansehnliche Autoren, setzen seinen Tod in die Jahre 671 bis 683. Ebenso ungewiß ist, ob Pipin I. oder Pipin III. oder beide Wohlthäter des Klosters waren. Khamm (l. c.) sagt: ex mea sententia Pipinus I. Monast. Fuess. tenuibus redditibus fundavit, Pipino III. Franc. rege fundationem c. a. 750 locupletante atque confirmante. Diese Auskunft, welche auch Tafratshofer adoptirt hat (der hl. Magnus, Ap. des Algäus, S. 78), wird von Rettberg (K.-G. II. 150, Anm.) bestritten, da der Zustand Schwabens und Bayerns während der zweiten Hälfte des 7. Jahrh. eine solche Abhängigkeit vom fränkischen Majordomus noch nicht gekannt habe, daß derselbe hier Jagdreviere gehabt hätte. Eine neue Bahn betritt Friedrich, K.-G. Deutschl. II. 662 ff. Nach ihm wirkte der hl. Magnus im 8. Jahrh. und starb im J. 750.

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