Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
S. Maurus, Abb. (15. al. 2. Jan., 5. Febr., 12. März, 10. Juni, 13. Nov.).
Der hl. Abt Maurus, geboren zu Rom im J. 510 oder 511, war der Sohn eines
römischen Senators Namens Eutychius (auch Aequitius, Evitius, Euthitius
geschrieben). Seine Mutter hieß Julia. Vom hl. Ordensstifter Benedictus,
zu welchem er von seinen frommen Eltern, als er zwölf Jahre zählte, nach Subiaco
gebracht wurde, erhielt er seine Erziehung. Dieser große Mann erkannte in dem
Knaben frühzeitig den künftigen Gehilfen, und verwendete auf ihn ganz besondere
Liebe und Sorgfalt. In der That zeigten sich bald die schönsten Früchte seiner
Bemühungen. Der Jüngling ehrte seinen Lehrmeister wie einen Vater und untergab
sich seinem Willen mit rückhaltlosester Demuth. Bald ragte er auch durch
Frömmigkeit und strenge Zucht über die Uebrigen hervor. Sein Gebetseifer trieb
ihn gewöhnlich schon vor der festgesetzten Zeit in die Kirche, und in der
Abtödtung und Züchtigung seines Leibes ging er so weit, als es der hl.
Benedictus nur gestattete. Während der Fastenzeit schlief er nie liegend,
sondern immer stehend oder sitzend, sein Essen bestand mehr im Kosten der
Speisen als im Genusse derselben, im Stillschweigen und in der Lesung war er
unermüdlich, in der Kleidung und allen andern Lebensbedürfnissen genügsam bis
aufs äußerste. So stieg er von einer Tugend zur andern empor, indem er stets was
schwerer und vollkommener schien für sich erwählte. In der Kraft des Gehorsams
rettete er dem jungen Bruder Placidus
das Leben, indem er über den Fluß, in welchen dieser beim Schöpfen gefallen war,
wie über festes Land hinwegschritt, ihn bei den Haaren faßte und herauszog, und
erst nach der Rückkehr ans Ufer merkte, daß er auf dem Wasser gegangen sei. Kein
Wunder, daß der hl. Benedict den jungen Maurus sehr liebte, ihn den übrigen
Brüdern trotz seiner Jugend öfter zum Muster vorstellte, aber auch nicht schonte,
wenn er gefehlt hatte. Dieß war namentlich der Fall, als Maurus einst über den
Tod eines dem Kloster feindseligen Priesters sich erfreut zeigte. Bald bediente
sich der hl. Benedictus dieses Schülers als eines tüchtigen Gehilfen bei der
Gründung des Stammklosters Monte Casino. Dieser Mann war von der Vorsehung
auserkoren, den Orden des hl. Benedictus im westlichen Gallien zu begründen. Der
Bischof Bertigrannus *
von Le Mans (Cenomanum) schickte seinen Archidiacon Flodegarins und seinen
Hausbeamten Harderadus nach Monte Casino, um vom hl. Benedictus sich Männer
seines Ordens zu erbitten. - So kam der hl. Maurus mit vier Genossen: Simplicius
(Simplicianus), Antonius, Constantianus und Faustus nach Gallien. Unter den
Segenswünschen des Ordensstifters und den Thränen ihrer Mitbrüder zogen sie im
Namen des Herrn von dannen (zu Jahresanfang
543). Die Reise ging anfänglich beständig zu Fuße und daher sehr langsam. Zu
Vercelli hatte Harderadus das Unglück, über die Stufen eines Thurms, den sie
wegen seiner Höhe und wundersamen Bauart besichtiget hatten, herabzustürzen, und
sich so schwer zu verletzen, daß nach dem Urtheile des Arztes sein Leben nur
durch Amputation des rechten Armes zu retten war. Da faßte der Archidiacon
Flodoardus den Muth, den hl. Maurus zu bitten, daß er dem Kranken die Kraft
seiner Fürbitte zuwende. Dieser warf sich vor dem Altare auf den Boden nieder
und streckte die Hände auseinander, so daß sein Körper die Gestalt eines Kreuzes
bildete, und klopfte lange Zeit unter Seufzern und Thränen an der Pforte der im
Sacramente wunderbar nahen göttlichen Güte, ergriff dann die Reliquien-Capsel,
die er vom hl. Benedictus erhalten hatte, und ging zu dem Kranken. Dort öffnete
er das Gefäß, nahm den Kreuz-Partikel heraus und berühris mit demselben mehrere
Male die Schulter und den ganzen Arm des Leidenden, indem er das Kreuzzeichen
darüber machte, rief dann den allmächtigen Gott, der im Kreuze die Welt von
allen Uebeln erlösete, vertrauensvoll an, und sprach zum Kranken: Der Herr
führe dich durch die Kraft dieses lebendigmachenden Holzes zur frühern
Gesundheit.
Da drang an drei Stellen des aufgeschwollenen Armes Blut und Eiter
heraus und die Genesung war nun gesichert. Von dieser Zeit an wirkte Gott
mehrere Wunder auf die Fürbitte des Heiligen, gab Blinden das Gesicht, und
erweckte sogar einen Todten wieder zum Leben. Die Reise ging von Vercelli über
die Alpen nach St. Moriz, wo die fromme Gesellschaft die Reliquien der
Thebäischen Martyrer zu ehren verlangte. Von da
zogen sie an den Ufern des Genfer See's hin über den Jura, und kamen auf den
Gründonnerstag nach Auxerre. In dieser Gegend hatte der hl. Romanus
ein Kloster gegründet, das von ihm Fons rogi genannt wurde, später aber St.
Romain hieß. Hier wollte der hl. Maurus die Osterfeiertage zubringen. Am
Charfreitage kam er daselbst an. Hier hat er in einer Vision von dem seligen
Hintritt des hl. Benedictus Kenntniß erhalten; ein lichtbesäeter Weg führte ihn
von der Zelle zu Casino in die himmlische Klarheit. In der Gegend von Orleans
hörten sie, daß Bischof Bertigrannus von Le Mans das Zeitliche gesegnet habe.
Sein Nachfolger Dumnolus ** war nicht gesonnen, sie
aufzunehmen. Darum wendete sich der hl. Maurus nach Anjou, wo er durch den
reichbegüterten und beim König im höchsten Ansehen stehenden Minister Florus ein
Kloster zu Glanfeuil (daher Abbas Glannafoliensis) erhielt. Dieses Stift,
herrlich gelegen am linken Ufer der Loire, am Rande eines steilen Hügels, hieß
später gewöhnlich S. Maurus ad Ligerim. Die neue Niederlassung erhielt bald auch
Wachsthum an zeitlichen Gütern. Der König Theodobert nahm sie in seinen Schutz,
denn der hl. Maurus hatte ihm durch seinen Minister Florus wissen lassen, daß
die Beobachtung des Ordens die höchste Ruhe und Sicherheit verlange. Dieser
selbst übergab ihm in voller Rechtsform alle seine Güter in Glannasolium, später
St. Maur-sur-Loire genannt. Gewissermaßen als Pfand seines eigenen spätern
Eintretens übergab er dem Kloster seinen achtjährigen Sohn Bertulfus zur
Erziehung und zum Unterricht. Acht Jahre nach seiner Ankunft war das Kloster
vollkommen eingerichtet. Vier Kirchen wurden gleich Anfangs bei demselben erbaut,
von denen die größte dem hl. Apostel Petrus geweiht
war. Eutropius, Bischof von Angers, weihte sie im J. 550 ein. Ein über die
Stiftung angefertigtes Diplom des Königs Chlotar I. ist (Gallia chr. XIV. 682 cf.
685) nur unvollständig auf uns gekommen, beweist aber auch in dieser
Unvollständigkeit, daß die Zeit der Gründung von Glanfeuil wirklich vor das J.
561 zu setzen ist. König Theodebert selbst kam ins Kloster und beschenkte es bei
dieser Gelegenheit neuerdings mit Gütern und Einkünften. Mit seiner Erlaubniß
trat Florus nun selbst ein. Ihm folgten viele andere vornehme Herren aus
verschiedenen Gegenden, oder brachten wenigstens ihre Söhne, um sie durch den hl.
Maurus erziehen zu lassen. Auch die Könige Theodobald und Chlotar I. (bis zum J.
562) überwiesen ihm, zum Zeichen ihres Vertrauens, Güter und Einkünfte, ja sie
beriethen den hl. Maurus öfter auch in politischen und bürgerlichen
Angelegenheiten. Nichts aber zeigt deutlicher die Größe des hl. Maurus, als
diese Ehrfurcht und Aufmerksamkeit, welche ihm die irdischen Großen bewiesen.
Uebrigens war der Heilige froh, sein Werk nach vielem Hin- und Herreisen endlich
einmal so befestiget zu sehen, daß er die nöthige Ruhe fand, dem Gebete und
Gottesdienste, wie Beruf und Neigung es verlangten, zu obliegen und Andere hiezu
anzuleiten. Er that es achtunddreißig Jahre lang mit unermüdlichem, immer
zunehmendem Eifer. Als aber nach Umfluß dieser Zeit seine Kräfte immer mehr
abnahmen, gab er dem Kloster in der Person seines Schülers Bertulfus einen
andern Vorstand. Er war der Sohn des Florus, Herrn von Glanfeuil, und blühte
unter Chlotar II. (584-628). Darauf bezog der hl. Maurus eine zu diesem Zwecke
erbaute Zelle neben der Kirche des hl. Martinus;
zwei Brüder aus dem Kloster wohnten bei ihm zur nöthigen Dienstleistung. Vor
seinem Hingange wurde ihm geoffenbart, daß dem Kloster eine schwere Heimsuchung
bevorstehe, indem der Tod reiche Ernte unter den Brüdern halten werde. Der hl.
Maurus ermahnte sie, sich durch aufrichtige Buße bereit zu halten, und sich über
diesen Rathschluß des Herrn nicht zu betrüben; der Herr habe jedem seine Tage
gezählt, es komme deßhalb alles darauf an, daß man sein Gewissen reinige, um in
Lobpreisungen Gottes die Stadt über uns zu betreten und die Herrlichkeit des
Herrn mit seinen Heiligen in der Verklärung zu schauen. Binnen fünf Monaten sah
der Heilige 116 Mönche sterben, nur 24 blieben am Leben. Er selbst starb am 15.
Januar 583 (Gall. chr. XIV. 685), nach Andern ein Jahr später, im
einundvierzigsten Jahre nach seiner Ankunft in Gallien und im zweiundsiebzigsten
seines Alters vor dem Altare des hl. Martinus im Bußkleide auf dem Boden liegend,
nachdem er zuvor die heiligen Sacramente empfangen hatte, in Gegenwart der
Brüder und wurde ebendaselbst bestattet. Man legte in das Grab ein
Pergamentblatt, welches seinen Namen und seinen Stand (Mönch und Diacon) nannte,
und außerdem die Zeit seiner Ankunft in Gallien (unter Theodeberts Regierung)
enthielt. Dieses Blatt wurde im J. 845 wieder aufgefunden. In diesem Jahre
übertrug nämlich der Abt Gauslenus, der sechste in der Reihenfolge, die Gebeine
des hl. Stifters in einen eisernen Sarg. Das Lebensbild des Heiligen hat
Ribadeneira in folgenden Worten kurz zusammengefaßt: Er war ein Mann von
gottseligem Wandel, fertigem Gehorsam, tiefster Demuth, besonderer
Bereitwilligkeit zu jeder, auch der verächtlichsten Arbeit, liebreich gegen
jedermann, versöhnlich gegen seine Feinde, gegen Alle mild, gegen sich und
seinen Leib aber streng, wunderthätig vor und nach dem Tode.
Seine Verehrung im
Benedictiner-Orden ist uralt. Sein Name findet sich in den ältesten, von Alcuin
verfaßten, französischen Litaneien und in allen spätern. Wegen der stark
angezweifelten Glaubwürdigkeit der oben erzählten Reise des Heiligen von Monte
Casino nach Gallien neigen sich einige Forscher zu der Ansicht hin, daß der hl.
Abt Maurus von Glanfeuil nicht der durch die Erzählung Gregors
des Großen berühmt gewordene Schüler des hl. Benedictus gewesen sei. Die
heiligen Ueberreste des Abtes wurden im 9. Jahrhundert, um sie vor der
Entweihung durch die Normannen zu schützen, unter dem Abte Odo, dem neunten in
der Reihenfolge, anfänglich nach Burgund geflüchtet, wo der Abt eine Zeit lang
ein Schloß des Grafen Audo an der Saone (Araris) bewohnte, dann aber im J. 868
in das Kloster St. Peter des Fosses bei Paris gebracht (Fossatense coenobium). ***
Von diesem J. an hatte das Kloster Glanfeuil bis zum J. 1096 keine Aebte mehr,
es hieß nur Cella und stand eine Zeit lang unter Prioren, von welchen die Namen
Einiger sich erhalten haben. Erst vom genannten Jahre, unter Papst Urban
II., folgen sich wieder regelmäßig Aebte in der Leitung des Klosters. Unter
den Werken, welche auf die Fürbitte und unter dem Schutze dieses großen Heiligen
zu Stande kamen, ist die im J. 1621 gestiftete und von Papst Gregor XI. gut
geheißene Congregation der reformirten Benedictiner seines Namens ohne Zweifel
das größte. Die ganze Welt kennt und rühmt die Verdienste, welche ihre Glieder
sich um die Religion und die Wissenschaften erworben haben. Das Kloster seines
Namens trat aber erst im J. 1668 in diese schöne Verbindung ein (Gall. chr. XIV.
685). Auch diese einst so blühende Congregation erlag übrigens den Stürmen der
Revolution, ist aber seit dem J. 1833 wieder hergestellt. Der neuen Congregation
hat man bereits die Herausgabe des letzten Bandes der Gallia christiana zu
verdanken, welcher bis ins Einzelnste den früher erschienenen, von den alten
Maurinern herausgegebenen Bänden nachgearbeitet ist. Cöln am Rhein rühmt sich,
das Haupt oder wenigstens einen Theil der Hirnschale des Heiligen zu besitzen.
Einen andern Theil seiner Reliquien ehrte man in dem Kloster der Benedictiner zu
Susa (Segusium) in Piemont. Ein Armbein, in silberner Kapsel verschlossen, wird
seit dem Ende des 11. Jahrhunderts in Casino verehrt; ein Besessener, der es
berührte, wurde sogleich von dem bösen Geiste befreit. Auch Butera in Sicilien
besitzt in der Johanneskirche einen Arm des Heiligen. In Prag befindet sich eine
Rippe des hl. Maurus, die von Carl IV. dahin gebracht wurde und wird das Fest
der Ueberbringung am 2. Januar begangen. In Belgien wurde in die Kirche des hl.
Maurus zu Bavay (Bavacum, Bagacum) stark gewallfahrtet. Auf Bildnissen findet er
sich als Abt, auf dem Wasser wandelnd, mit Buch und Stab. (I. 1038-1062).
*In den Verzeichnissen der Bischöfe von Le Mans
findet sich dieser Name später. In der Gall. chr. (XIV. 348) heißt er Bertramnus,
oder Bertichramus und führt den Titel heilig
, der Reihenfolge nach ist er der
zwölfte Bischof von Le Mans. Er blühte am Ende des sechsten Jahrhunderts und
starb am 30. Juni 615.
** Dem hl. Bertramnus folgte aber der hl. Haducindus (Caduindus, Cadunus, Harduinus, Clodunus) vom J. 625 bis beiläufig 652. Der hl. Dumnolus lebte früher als Nachfolger des hl. Scienfredus. Dieser letztere wird auch (nach Gallia chr. XIV. 345) im Leben des hl. Maurus genannt, so daß also statt Berchtramnus vielleicht Scienfredus zu lesen wäre. Ein fester geschichtlicher Boden beginnt erst mit der folgenden Erzählung.
*** Genauer berichtet die Gallia chr. n. XIV. 688: primo Scameratum, deinde Merulam apud Sagienses, in Burgundiam postea, demum in Fossatense monasterium sub annum 868 transtulit.
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