Prof. Helmut Bouzek aus Wien hat für uns die wesentlichen Erkenntnisse über den Ort des Schiffbruchs von Paulus bei dessen Reise nach Rom dargestellt:
Als Schauplatz des Schiffbruches des Paulus wird seit dem Beginn der Neuzeit gemeinhin Malta angenommen, während man im Mittelalter die kroatische Adriainsel Mljet favorisierte. Der Wechsel mag damit zusammenhängen, dass den Johannitern, den Malteser-Rittern, daran gelegen war, ihr abseitiges Eiland als urchristlich und wichtig für die Kirchengeschichte zu verkaufen. Während das mittelalterliche Malta keine Lobby hatte, durfte sich Mljet venezianischer Protektion erfreuen.
Die maltesische Überlieferung läßt den Schiffbruch auf den St.
Pauls Inseln stattfinden, also vor der St. Pauls Bucht. Die Lokaltradition nennt die Insel
Selmunetta als historischen Ort, auf der die Paulusstatue steht, die ihn als
unbezwinglichen Rhetor und Triumphator zeigt (im Paulusbild nach Lukas).
In Rabat,
der größten Stadt des südwestlichen Gebirgsplateaus Maltas, befindet sich
das Zentrum der Verehrung des Paulus auf dieser Insel. Schon in einer Urkunde
aus dem Jahr 1372 wird ein Kapelle St. Paul vor den Mauern
erwähnt, die sich
über der legendären Paulusgrotte erhob, in der der Apostel
während seines
Aufenthaltes auf Malta gefangengehalten worden sein soll.
Die St.-Pauls-Kirche in Rabat auf Malta
Den eigentlichen Pauluskult Maltas ließ jedoch erst der spanische Adelige Giovanni Beneguas, der von 1600 bis 1617 in der Grotte als Eremit gelebt hatte, entstehen. Er stiftete direkt neben der ersten Kirche eine Kapelle für St. Publius, den legendären ersten Bischof Maltas. Wenig später errichtete Großmeister Alof de Wignacourt ein Collegium, eine Klosterschule für Ordenskapläne, und erhob die Kapelle zur Kollegiatskirche des Ordens. Die jetzige Fassade der St. Pauls Kirche stammt jedoch aus der Regierungszeit von Manuel de Pinto (1714 - 1773).
Die Diskussion um den wahren Ort des Schiffbruches begann im Jahr 1730 mit
einem in Venedig
erschienen Buch des Benediktinermönchs aus Ragusa
- dem heutigen Dubrovnik
- Ignatius Georgi. Im Anschluss an dieses Buch entstand eine Fülle weiterer
Veröffentlichungen. Doch schon vor dem Erscheinen des Buches von Georgi waren
Bücher mit Hinweisen auf den Ort des Schiffbruches herausgegeben worden: Zu
nennen sind hier einige Reiseberichte, die teilweise Paulustraditionen bezeugen
und Rückschlüsse auf den Schiffbruchort zulassen. Ein nie versiegender Strom
von Wallfahrern zog in den Jahrhunderten der Kreuzzüge
und bald nachher nach dem Morgenlande, um das Land zu betreten, den Boden zu
berühren, ubi steterunt pedes eius (wie es in den Kreuzzugsbullen hieß), und
manche von diesen Pilgern haben Reiseberichte, Itineraria in terram sanctam,
hinterlassen.
(Jürgen Niebecker).
Einige besonders erwähnenswerte Publikationen:
Konstantin VII. Porphyrogenitus
Der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogenitus (* 905, † 9.
November 959; Kaiser von 913 bis 959) verfasste um 950 die Schrift De
administrando Imperio
. In dieser Schrift kommt er auf den Schiffbruch des
Apostels Paulus zu sprechen. Er beschreibt neben anderen Inseln auch die Insel
Melite (Meleta) und erwähnt, dass Paulus dort von einer Schlage gebissen worden
sei. Es ist erwähnenswert, dass er die Insel, die er beschreibt, zuerst Meleta
oder auch Malozeata nennt, und dann die Verbindung zum Melita der
Apostelgeschichte (28, 1) zieht. Bei Konstantins Text handelt es sich um die
erste nachzuweisende Quelle, die auf Mljet
verweist. Er wendet sich, ohne
Nennung von Argumenten gegen die Auffassung, dass Paulus auf der Insel Kreta,
Ios
oder Lesbos
Schiffbruch erlitten hat. Somit muss es vor der Entstehung
dieser Schrift, obgleich heute nicht mehr in schriftlicher Form vorliegend,
Traditionen gegeben haben, die auf diese drei Inseln verwiesen haben. Es liegt
jedoch die Vermutung nahe, dass der Grund, den Schiffbruch des Paulus auf Mljet
zu verlegen, in der Tatsache zu suchen ist, dass Kaiser Konstantin VII. den
Schiffbruch auf einer Insel seines Byzantinischen Reiches hat stattfinden lassen
wollen. Malta wurde jedoch in der Zeit von 870 bis 1090 - der Zeit der
Entstehung dieser Schrift - von Arabern beherrscht, und gehörte somit nicht zum
Byzantinischen Reich.
Conrad von Hildesheim
In einem Brief spricht Conrad I. von Hildesheim
im Jahre 1195 davon, dass er auf Capri
Sarazenen sah. Diese Bewohner der Insel könnten giftige Tiere durch
Anspucken töten. Diese Kraft, die sie seit ihrer Geburt besäßen, bringt er nun
mit dem Schiffbruch des Paulus auf der Insel Capri, die in der Apostelgeschichte
Mitilena genannt werde, in Zusammenhang. Paulus sei dort von einer Schlage
gebissen worden, was ihm nicht geschadet habe, und die Einwohner hätten ihn dann
verehrt. Paulus habe dann ihnen und ihren Nachkommen die Kraft gegeben, giftige
Tiere mit ihrem Speichel zu töten. (vgl. Apostelgeschichte 28, 3 - 6)
Der Inselname Mitilena ist ungewöhnlich, da die Vulgata auch Militene schreibt.
Offensichtlich wurden hier im Inselnamen zwei Buchstaben vertauscht, was dann zu
dieser Interpretation führte. Es scheint hier zu einer Vermischung von
Volksglauben und Inhalt der Apostelgeschichte gekommen zu sein.
Eine ähnliche Darstellung findet sich etwa 150 Jahre später bei Ludolf von
Suchen und um 1390 bei Kopisten desselben. Bis zu dieser Schrift lassen sich aus
dem 13. Jahrhundert einige Itinerarien und andere historische Aufzeichnungen
nachweisen, in denen Reisende auf Malta eine Zwischenstation eingelegt haben
oder von Malta gesprochen wird. Von Paulustraditionen ist jedoch keine Rede. Da
derartige Traditionen an sich gerne rezipiert wurden, scheinen die Reisenden auf
Malta nicht auf solche Traditionen gestoßen zu sein oder sie hielten sie nicht
für erwähnenswert. Ein positives oder negatives Argument lässt sich aber aus dem
Fehlen eines Hinweises auf Paulus kaum ableiten.
Nikolaus von Hude
Von dem Itinerar Ludolfs gibt es aus dem Jahre 1390 eine stark verkürzte
und umgearbeitete Ausgabe. Zwei oder auch alle vier Handschriften stammen aus
dem ehemaligen Zisterzienserkloster in
Hude im Kreis Delmenhorst in der Diözese Bremen.
Bischof Ylario
Im Archiv der Kathedrale von Mdina auf Malta befindet sich eine Urkunde
aus dem Jahre 1366, durch die Bischof Ylario ein Grundstück an Bochius de Bochio
übereignete, das sich nahe der Kirche St. Paul de cripta
befand und im Westen
von Kirche und Friedhof begrenzt wird. Demnach muss zu dieser Zeit bereits eine
Pauluskirche und eventuell eine Krypta bzw. Grotte existiert haben. Dies ist,
neben den schon gefundenen Angaben in Ludolfs Itinerar, der zweite konkrete
Hinweis auf eine Paulustradition auf Malta.
Vor diesem Hintergrund wird der zwar oft angezweifelte und für übertrieben
gehaltene Hinweis von Matteo Surdu, dem Pfarrer der Kirche S. Paulu di Fora in
Rabat,
verständlicher, der 1549 - auf eine ältere Tradition verweisend - von
Leuten spricht, die aus verschiedenen Regionen des christlichen Europa aus
Verehrung für den Apostel Paulus und seine Wundertaten nach Malta gekommen waren,
um sich schließlich auf dem Friedhof unweit der Paulusgrotte beerdigen zu
lassen
.
Jacop von Verona
Der italienische Notar Jacop von Verona, der 1346 nach Palästina reiste,
verlegt den Ort des Schiffbruchs nach Kreta.
Auch für ihn ist die Schlangenbiss-Episode (Apostelgeschichte 28, 3 - 6) das
erwähnenswerte Ereignis im Zusammenhang mit dem Schiffbruch. Er schreibt hierzu:
Idem in der selben innsel Crete is gar ein hocher pergch, den man verr
sicht auf dem mer, da Sant Pauls sich selber ledigt von der Schlaggen oder
vipper nater, all geschriben ist in dem puch der werch der zwelff poten in dem
achten capitel.
weitere
Der serbische Bischof von Dulcigno (heute Ulcinij)
- Martino Segono - sprach sich für die Insel Mljet aus.
Der Mönch des Dominikanerklosters in Ulm
- Felix Fabri - nennt die Insel Lesbos,
die auch nach ihrer Hauptstadt Mitylena genannt wird, als Ort des Schiffbruches.
Pierre Rosseti ist der letzte Autor, der noch vor der Ankunft der
Johanniter auf Malta (1530) diese Insel
als Ort des Schiffbruches bezeugt.
Bis zu Georgi befassten sich noch mit dem in Rede stehenden Thema: Jean
Quintin d' Autun, Gerard Mercator, Matthaeus Beroaldus, Sebastian Munster,
Michael Herberer von Bretten, Philipp Cluver, Giovanni Francesco Abela, Burchard
Niderstedt, Christophorus Cellarius, E. Veryard und Johann Christian Beckmann.
Ignatius Georgi legt in seinem etwa 300 Seiten umfassenden Werk dar, dass
der Schiffbruch des Paulus nicht auf oder vor Malta, sondern auf der
dalmatinischen Insel Mljet
stattgefunden haben soll, wobei auffällt, dass er mehr Argumente gegen Malta als für Mljet aufführt.
Heinz Warnecke
Für die Gegenwart von besonderem Interesse ist die 1987 in der Reihe
Stuttgarter Bibelstudien
(SBS) erschienen Dissertationsschrift von Heinz
Warnecke mit dem Titel Die tatsächliche Romfahrt des Apostels Paulus
. Sie ist
zu einer der am kontrovers diskutiertesten Schiffbruchtheorien der letzten Jahre
geworden und die Diskussion hat noch kein Ende gefunden. Fünf Jahre später (1992)
folgte vom gleichen Autor in Zusammenarbeit mit Thomas Schirrmacher das Buch:
War Paulus wirklich auf Malta?
Der erste Teil dieses Buches wiederholt die
Ergebnisse von Warneckes Dissertationsschrift; der zweite Teil stammt von Thomas
Schirrmacher und geht unter Berücksichtigung der Argumente des ersten Teils auf
die Historizität und Verfasserschaft der Pastoralbriefe ein.
Nach Warnecke war Paulus nie in Malta und er hat plausible Begründungen
angeboten. Die Fahrt hätte von der Südküste Kretas
nach Pylos (Peloponnes) führen sollen, wo man in dem antiken Phoenix überwintern wollte. Dieses Ziel
erreichte das Schiff freilich nie. Ein in dieser Region im Herbst häufiger
Tiefdruckwirbel, dessen - selbst für ein modernes Fährschiff - heftige Unbillen
Reisende bei der Überfahrt vom Peloponnes nach Kreta am eignen Leib erfahren können,
trieb das Schiff nach Norden ab (wie in der Apostelgeschichte ja auch zutreffend von
der Adria die Rede ist, 27, 27).
Schauplatz des Schiffbruches war demnach das westgriechische Kephallinia,
und hier die Bucht von Livadia,
für welche die geographischen und nautischen
Angaben allesamt passen. Auch wurden die Einwohner der Region von den Griechen
Barbaren genannt, weil sie einen unverständlichen (illyrischen) Dialekt sprachen;
ist der Herbst kalt und regenreich; verehrten die Bewohner die griechische
Göttin Dikae; gab es auf dem zur senatorischen Provinz Achaia gehörenden
Kephallinia einen ersten Beamten (praedia principis) während das kaiserliche
Malta von einem Prokurator verwaltet wurde; gibt es auf Kephallinia bis heute
Giftschlangen, nicht aber auf Malta.
Nach der Überlieferung wurde Publius
von Paulus zum Bischof geweiht und er verbreitete die Religion weiter auf der
Insel. Vom Christentum finden sich auf Malta vor dem 4. Jahrhundert keine Spuren,
noch wissen die seinerzeitigen Quellen davon. Anders Kephallinia,
wo schon im 2. Jahrhundert von einer christlichen Gemeinde berichtet wird. Schließlich die
Überfahrt nach Italien im Januar: Von Malta ist solches zwar nicht
ausgeschlossen, doch nicht überliefert. Von Griechenland her war die Überfahrt
hingegen während der kurzen Schönwetterperiode der Eisvogeltage
im Januar gang
und gäbe: Man segelte die Küste entlang bis Kephallinia, verließ die Insel
abends gegen Westen, orientierte sich bei Morgengrauen an den noch sichtbaren
Bergen der Insel neu, und ließ sich in der folgenden Nacht vom Glutschein des
Ätna nach Sizilien leiten.
Prof. Helmut Bouzek, E-Mail vom 6. März 2005