
Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
S. Stanislaus, Ep. M. (7. al. 8. Mai, 11. Apr.) Der hl. Bischof und Martyrer
Stanislaus, dessen einzelne Lebenszüge indessen erst nach 400 Jahren gesammelt
und aufgezeichnet wurden, und deßhalb nicht in jeder Hinsicht auf historische
Genauigkeit Anspruch machen können, war am 26. Juli d. J. 1030 zu Scepanów im
Bisthum Krakau geboren, zu welcher Zeit die grünende Saat des Evangeliums nach
halbhundertjährigem Bestande durch die kriegerischen Einfälle der Böhmen und
Pommern so niedergetreten war, daß man von deren gänzlichem Untergange sprach.
Nur im Verborgenen konnten einzelne Familien ihren religiösen Verpflichtungen
nachkommen. Das thaten mit besonderem Eifer die aus altem polnischen Adel
abstammenden, frommen und reichen Eltern des hl. Stanislaus, Velislaus und Bogna.
Sie hatten das Kind nach 30jähriger unfruchtbarer Ehe und vielem Beten als ein
Geschenk des Himmels empfangen und ernstlich gelobt, es für den Dienst des Herrn
zu erziehen. Der Knabe wuchs und wurde kräftig an Körper und Geist. Mit großer
Freude bemerkten die Eltern, daß er mit vortrefflichen Geistesgaben ein zu allem
Gutem geneigtes Gemüth offenbarte. Schon frühe liebte er das Gebet und die
Uebungen eines abgetödteten Lebens. Man brachte ihn nach Gnesen, wo damals der
Sitz des Reiches und eine hohe Schule sich befand. Nach einigen Vorstudien bezog
er die Universität Paris, wo er sieben Jahre lang dem Studium der Philosophie
und schönen Künste, besonders aber der Theologie und des canonischen Rechtes
oblag. Ohne die ihm angetragene Doctorwürde anzunehmen, kehrte er in sein
Vaterland zurück, wo er die durch den Tod seiner Eltern ererbten Güter sofort an
die Armen vertheilte, um Gott ungehinderter dienen zu können. Der damalige
Bischof Lambertus Zula von Krakau weihte den widerstrebenden Jüngling zum
Priester. Der hl. Stanislaus, einer kräftigeren, in saftigeren Boden versetzten
Pflanze ähnlich, fing an, in den schönsten Tugendblüthen zu erglänzen, so daß
ihn der Bischof zuerst zum Pfarrer von Czembocz (ecclesia Zemhociensis), unfern
von Krakau, wo er noch als Schutzpatron verehrt wird, und nachdem er hier einige
Zeit mit vorzüglichem Eifer in der Seelsorge gearbeitet hatte (Marangoni,
thesaurus. S. 477), zum Kanoniker ernannte und zur Verwaltung des Predigtamtes
bestimmte. Bald führten seine Vorträge, unterstützt durch die Kraft seines
Beispieles und fortwährende Gebete und Bußwerke, eine fast allgemeine
Sittenverbesserung herbei. Das ganze Land blickte mit Verwunderung und Vertrauen
auf ihn. Geistliche und Laien zogen ihn in Gewissens- und Rechtsangelegenheiten
zu Rathe. Bischof Lambertus, alt und gebrechlich, erhob ihn zu seinem
Generalvicar und setzte ihn, gleichsam einen andern Joseph,
über sein Haus.
Bald darauf starb er (im J. 1072); der hl. Stanislaus wurde zu
seinem Nachfolger gewählt. Aber erst auf besondern Befehl des Papstes Alexander
II. ließ er sich bestimmen, diese Würde und Bürde anzunehmen. Ein muthiger
Kämpfer für Gottes Ehre, die Reinheit des Glaubens und der Sitten umgab er sich
mit dem Panzer der Gerechtigkeit und der Liebe
, und bemühte sich mit allem
Eifer, nicht bloß als Oberhirte, sondern auch in seinem Privatleben in die
Fußtapfen der hl. Apostel zu treten. Sein bischöflicher Palast wurde die
Freistätte der Armen, der Zufluchtsort aller Bedrängten. Er ließ ein Verzeichniß
aller Hilfsbedürftigen, besonders der Waisen und Wittwen, anfertigen, um keinen
zu übersehen. In jedem Jahre durchreiste er sein Bisthum und untersuchte nicht
bloß, ob die Altäre und hl. Gefässe reinlich gehalten seien, sondern mit noch
größerer Sorgfalt, ob die Diener des Altares ein reines und unbescholtenes Leben
führten, und ob in ihren Häusern Alles in Ordnung sei. Dabei zeigte er überall
eine außerordentliche Geduld und Nachsicht, wohl wissend, daß ihn Gott nicht zu
einem Gefäße des Zornes, sondern zur Vermittlung des Heiles bestimmt habe.
Die
Unverbesserlichen entsetzte er ihrer Pfründen und entfernte sie aus dem Bisthume.
Auch Boleslaus II. (Simialy), welcher seit dem Jahre 1058 über Polen herrschte,
und mit den vortrefflichsten Eigenschaften die hassenswerthesten Laster in sich
vereinigte, wurde von ihm zwar mit Ehrfurcht, aber zugleich mit apostolischem
Freimuthe zur Besserung ermahnt. Von seiner großen Tapferkeit im Kriege führte
er den Beinamen der Kühne
, aber er war ebenso grausam, ehrgeizig, wankelmüthig
und äußerst wohllüstig. Die größten Schandthaten, die raffinirtesten Quälereien
wehrloser Frauen fielen ihm zur Last. Dennoch ergriff ihn der beispiellose Muth
des Heiligen, so daß er Besserung versprach, aber bald fiel er in sein
Lasterleben wieder zurück, und jetzt zürnte er dem Heiligen, der sich nicht
gefürchtet hatte, dem von Allen Gefürchteten die Wahrheit zu sagen. Der hl.
Oberhirte trat indessen wiederholt vor dem gottlosen König und drohte ihm
zuletzt mit der Excommunication. Boleslaus schrie nun in voller Wuth über
Beleidigung der königlichen Majestät, trieb ihn unter Schimpf und Schande aus
dem Palaste und schwur ihm den Untergang. Daß außerdem auch Rechtsstreitigkeiten
wegen Kirchengütern bestanden, die der König dem Bischofe bestritt, ist nach der
Legende unzweifelhaft. Diese erzählt nämlich Folgendes: Um das Einkommen der
Krakauischen Kirche zu mehren, kaufte der hl. Mann von einem Edelmanne, der
Petrus hieß, ein Stück Land am Ufer der Weichsel in der Gegend von Lubin (in
agro Lubinensis tractus). Petrus starb bevor der Kauf in den öffentlichen
Büchern verbrieft war. Diesen Umstand benutzte der König, um dem Bischofe zu
schaden, und reizte die Anverwandten des Verstorbenen an, ihn gerichtlich zu
belangen. Der Bischof wird zu Soletium, wo der König nach damaliger Sitte unter
aufgeschlagenen Zelten zu Gericht saß, zur Beibringung von Zeugen aufgefordert.
Niemand wagt, aus Furcht vor dem Könige, zu seinen Gunsten aufzutreten. Da
spricht der hl. Bischof: Weil die Wahrheit unter den Menschen abhanden gekommen,
so soll sie aus dem Erdboden heraussteigen und die Gerechtigkeit vom Himmel
hervorblicken! Im Namen Jesu Christi, welchem ich diene, und dessen Kirche ich
beschütze, gehe ich von hier weg und verspreche, nach drei Tagen den Petrus
selbst lebendig hier als Zeugen der Wahrheit und der Gerechtigkeit meiner Sache
vorzuführen.
Er ging also nach Petrovin, wo er mit seinen KlerikerEin Kleriker ist in der orthodoxen, katholischen, anglikanischen und altkatholischen Kirche ein geweihter Amtsträger, der eine der drei Stufen des Weihesakraments - Diakon, Priester oder Bischof - empfangen hat.
Im Unterschied zu den Klerikern bezeichnet man die anderen Gläubigen als Laien. Angehörige von Ordensgemeinschaften gelten, wenn sie nicht zu Priestern geweiht sind, als Laien und in der Orthodoxie als eigener geistlicher Stand. In den protestantischen Kirchen gibt es keine Unterscheidung von Klerus und Laien.
n drei Tage
lang fastete und betete. Am dritten Tage begab er sich in die dortige
Thomaskirche, wo Petrus begraben lag, und rief laut im Namen des nämlichen
allmächtigen Gottes, welcher dereinst die Unschuld der Susanna
bezeugt hatte: Komm' hervor, Petrus, und gib der von den Lebendigen begrabenen
Wahrheit aus dem Grabe heraus Zeugniß!
Der schon drei Jahre begrabene Petrus
richtete sich auf und verließ sein Grab, worauf ihn der hl. Bischof bei der Hand
nahm und zu dem bis zum Tode erschreckten Könige führte. Sein Zeugniß war dem
Bischofe günstig. Dieses Wunder schien den König für einige Zeit zu besänftigen.
Es folgte ein Heereszug gegen die Russen, der glücklich geführt wurde, und mit
der Einnahme von Kiew endete, während zu gleicher Zeit in der Residenz große
Unordnungen entstanden, welche den Zorn des Königs zu den unerhörtesten
Grausamkeiten hinrissen. Nochmal und öfter machte der hl. Bischof Vorstellungen,
erhielt aber nur Hohn und Spott zur Antwort. Da schritt er öffentlich und
feierlich zu der angedrohten Kirchenstrafe. Als der König, darauf nicht achtend,
zum allgemeinen Aergernisse dennoch beim Gottesdienste erschien, wurde derselbe
auf Anordnung des Bischofes sistirt. Sehr schön heißt es deßhalb in dem Hymnus
zur ersten Vesper:
Hic certans pro justitia
Regis non cedit furiae,
Stat pro plebis injuria
Christi miles in acie;
zu Deutsch:
Er kämpft für die Gerechtigkeit
Und weichet nicht des Königs Wuth,
Er steht für seines Volkes Recht,
Vertheidigt es mit festem Muth.
Solchen Widerstand konnte er nicht ertragen. Er spaltete dem seeleneifrigen
Oberhirten in der St. Michaelskirche außerhalb der
Stadt (eigentlich Vorstadt: in ecclesia Cracoviae suburbano) mit eigener Hand
das schuldlose Haupt. Darauf hieben die Soldaten den hl. Leib in 72 Stücke und
zerstreuten sie, damit sie von den wilden Thieren und Raubvögeln aufgefressen
würden. Allein Gott beschützte wunderbar durch vier herbeigeflogene Adler die
Gliedmassen des hl. Martyrers. Himmlische Lichter beleuchteten die Orte, wo sie
zerstreut lagen. Sie wurden gesammelt und ehrerbietig in dem Vorhause der
Martyrcapelle (in vestibulo ejusdem sacelli) beigesetzt. Er war am 7. Mai d. J.
1079, des achten seines Pontificates, gemordet worden. Der verbrecherische König
wurde angeblich von Papst Gregor VII. mit seinen
Helfern und Helfershelfern in den Bann gethan und der Krone verlustig erklärt.
Aus den noch vorhandenen Briefen dieses hl. Papstes läßt sich indessen diese
Angabe nicht beweisen, wenn sie auch viel Wahrscheinliches hat. Von seinen
Unterthanen verabscheut und gehaßt, flüchtete sich der unbußfertige Tyrann nach
Umfluß von drei Jahren nach Ungarn, wo er sich selbst ermordet haben soll. Im J.
1088 erhoben sein Nachfolger, Bischof Lambert III. und König Ladislaus auf
göttliche Weisungen hin, die sich in Gesichten offenbarten, die Gebeine des
Heiligen und übertrugen sie in die damals noch dem heil. Wenceslaus
geweihte Kathedralkirche, wo viele Wunder seine Heiligkeit bezeugten. Nach 170
Jahren baten der König Boleslaus und seine Gemahlin Kinga durch Vermittelung des
heiligmäßigen Bischofs Pandrota den Papst Innocenz IV. um die Canonisation des
Martyrers. Sie erfolgte im J. 1253 zu Assisi, wo auf die Fürbitte des hl.
Stanislaus ein Todter wieder zum Leben kam. Jetzt führt der Dom zu Krakau den
Namen dieses Heiligen. Seine Grabstätte daselbst ist ein herrliches Denkmal
katholischer Gesinnung und befindet sich in der Mitte des Gotteshauses. Die hl.
Gebeine ruhen in einem silbernen, mit Laubwerk reich verzierten Sarge. Der Altar
ist von vier hohen, mit einer Kuppel bedeckten, vergoldeten Säulen
eingeschlossen. Sein Fest wird in ganz Polen am 8. Mai mit Octave, wobei für
jeden Tag im Officium ein Abschnitt seines hl. Lebens bestimmt ist, gefeiert. Am
27. Aug. begeht man die Feier seiner Translation, in den treffenden Tagzeiten
ist jedoch keinerlei geschichtliche Hinweisung auf dieselbe enthalten. Auf
Bildnissen trägt er die bischöflichen Insignien und ein Schwert. Auf größern
Gemälden ist er vor dem Gerichte stehend oder vor dem Altare knieend, wie er den
Todesstreich empfängt, dargestellt. Nicht nachahmungswürdig ist die Abbildung
seines auf bloßem Felde nackt daliegenden zerstückelten Leichnames, welchen vier
Adler bewachen. Sehr erbaulich ist folgende Sage, die bei Stabell (Lebensbilder)
aufgezeichnet ist. An einem Abend klopfte an der Klosterpforte zu Ossiach in
Kärnthen ein Pilger und bat um Nachtherberge. Am andern Morgen übergab er dem
Abt ein Zettelchen, auf welchem geschrieben stand: Erbarmet euch um
Gotteswillen des stummen Gottschalk, und nehmet ihn als Knecht ins Kloster auf.
Die Bitte wurde gewährt. Der stumme Bruder verrichtete in Demuth und Gehorsam
die geringsten Dienste des Hauses, er spaltete Holz, trug Wasser, reinigte die
Klostergänge, grub und arbeitete im Garten, spülte Teller und Schüsseln in der
Küche. Erst nach 8 Jahren löste sich die Zunge des Stummen; er entdeckte sich
dem Abte und den Brüdern als den königlichen Büßer Boleslaus. (II. 198-276)
