
Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
S. Thomas, Ep. M. (30. Dec.) Der heil. Thomas Becket (Becchet) war zu London
am 21. Dec. d. J. 1117 geboren. Sein Vater Gilbert war ein wenig bemittelter
Edelmann; seine Mutter Mathilde soll eine bekehrte Türkin, die Tochter eines
Emir, gewesen sein. Von ihr lernte er von Kindheit an Gott fürchten, die heil.
Mutter Gottes verehren und Werke der Nächstenliebe
verrichten. In der Schule, welche er bei den Chorherren zu Marton besuchte,
setzte der reich begabte, lebhafte und schön gestaltete Knabe durch seine
schnelle Auffassung und das sichere Behalten der Lehrgegenstände Lehrer und
Schüler in Verwunderung. Nach dem Tode seiner Mutter, welcher in seinem 20.
Lebensjahr eintrat, ließ er einen Stillstand in seinen Studien eintreten, und
verlegte sich mit Eifer auf die Jagd und die Uebung mit Hunden und Vögeln.
Gleichwohl bewahrte er auch in den weltlichen Gesellschaften, in welchen er
wegen seines gefälligen und geistreichen Benehmens überall gern gesehen wurde,
nicht bloß den äußern Anstand, sondern auch die Reinheit der Sitten und edel
müthige Gesinnung. Nur von zu freien, manchmal die Keuschheit verletzenden Reden
enthielt er sich nicht vollständig. Da fügte es die göttliche Vorsehung, daß er
mitten in diesem leichtfertigen Leben durch ein Unglück, das ihm leicht den Tod
hätte bringen können, aufgeschreckt wurde. Mit Freuden ergriff er daher die
nächste sich darbietende Gelegenheit, die unterbrochenen Studien wieder
aufzunehmen, was auf den Universitäten zu Oxford und Paris geschah. In letzterer
Stadt lernte er theoretisch und hierauf zu London praktisch die Leitung der
öffentlichen Geschäfte, indem er hier bei der Stadtverwaltung eine Stelle annahm.
Bald darauf wurde er Vermögensverwalter eines reichen Verwandten. So kam er zum
zweiten Male in vielseitigen Verkehr mit der Welt. Einige Freunde empfahlen ihn
dem Erzbischofe Theobald von Canterbury, der seine Fähigkeiten und Kenntnisse
alsbald durchschaute, ihn in seine Dienste nahm, und ihm Gelegenheit gab, sich
im weltlichen und im canonischen Rechte weiter auszubilden. Beides that er
sowohl am erzbischöflichen Hofe, als ganz besonders zu Bologna und Auxerre mit
dem größten Eifer. Der Erzbischof gab ihm die heil. Weihen, verlieh ihm
einträgliche Kirchenämter und ließ ihn allmählich zum Archidiacon von Canterbury
emporsteigen. Oeftere Sendungen nach Rom, wo er im Kloster St. Alexius gewohnt
haben soll, hatten die besten Erfolge. Alle diese Ehren und Beförderungen
änderten nichts in seiner Lebensweise. Er blieb, obwohl er im Aeußern Glanz und
Ehrenbezeugungen nicht verschmähte, demüthig, fromm und wohlthätig. Deßhalb
empfahl ihn Theobald dem Könige Heinrich II., um dessen stürmischen Sinn zu
mäßigen und für die Kirche umzustimmen, zum Reichskanzler. Die Ernennung
erfolgte wirklich im J. 1157. In dieser äußerst schwierigen Stellung erfüllte er
seine Amtspflichten mit so großem Geschick und so unverdrossenem Eifer, daß sein
Name im ganzen Lande mit Ehrfurcht genannt wurde. Der König übergab ihm auch die
Oberaufsicht über die Erziehung seiner Kinder. Schon damals wirkte er nach
Kräften der längern Nichtbesetzung der Kirchenstellen, wobei deren Einkünfte vom
Könige oder den Patronatsherren eingezogen wurden, und der Nichtbeachtung der
kirchlichen Gerichtsbarkeit in geistlichen Rechtsstreitigkeiten und über den
Klerus mit gutem Erfolge entgegen. Die Pflichten gegen den König und dessen
Gerechtsame erfüllte er bei allem Bestreben, die kirchliche Freiheit zu schützen,
mit ängstlicher Genauigkeit. Es gelang ihm nicht allemal, die bestehenden
Gegensätze zu versöhnen und auszugleichen, und es wurde ihm deßhalb zu große
Nachgiebigkeit gegen die Willkür des Königs vorgeworfen. Desto reiner war und
blieb sein Privatleben. Bei aller weltlichen Pracht, mit welcher er sich in
seiner Stellung umgeben mußte, war er persönlich demüthig und anspruchslos,
gottesfürchtig und wohlthätig, namentlich gegen Wittwen, Waisen und Bedrängte
jeder Art und bewahrte sorgfältig die Tugend der Keuschheit. Oefter wurden ihm
in dieser Hinsicht gefährliche Fallstricke gelegt, einmal sogar vom Könige
selbst, denen er aber jedesmal entging. Im J. 1162 ernannte ihn der König,
nachdem Erzbischof Theobald von Canterbury im J. 1160 das Zeitliche gesegnet
hatte, mit Beachtung des Wahlrechtes des Domcapitels, zu dessen Nachfolger,
wobei er wünschte und hoffte, daß er fortfahre, auch die Geschäfte des
Reichskanzleramtes wie bisher zu führen. Der heil. Thomas bat den König umsonst
von dieser Ernennung abzustehen, weil er voraussehe, daß er als Erzbischof sich
nicht mehr lange der königlichen Gnade erfreuen würde, indem er fest gesonnen
sei, die Rechte der Kirche mit aller Entschiedenheit zu vertreten, was ihm seine
Gegner ohne Zweifel zum Verbrechen machen würden. In der That lag es in der
Absicht des Königs, das Kirchenregiment an sich zu bringen, oder, was dasselbe
ist, durch ihm gefügige Creaturen zu leiten. Wer ihm nicht zustimmte oder
entgegentrat, war ihm sofort persönlich oder politisch verdächtig. Daß es sich
hierbei oft um äußere und weltliche Dinge, z.B. um Kirchengüter und Einkünfte,
die der geizige König an sich ziehen wollte, um Erecutionen und Privilegien
handelte, deren rechtlicher Bestand übrigens durch Jahrhunderte unangetastet
geblieben war, nicht aber um Glaubenssachen und Kirchenzucht, verlieh manchmal
dem Könige den Schein, es sei lediglich die Herrschsucht und Anmaßung, die
Habsucht, der Ehrgeiz und die Ausschreitungen (enormitates) der Kirchenfürsten,
Aebte etc. gegen welche er kämpfe. Dennoch brach der unter der Asche glimmende
Brand längere Zeit nicht aus. Der neu ernannte Erzbischof nahm den Habit des hl.
Benedictus, welchen seine Capitularen
trugen, und fing sogleich an, mit dem nämlichen Pflichteifer sein Hirtenamt zu
führen, welchen er in allen seinen bisherigen Aemtern bethätiget hatte. Noch
mehr als früher befliß er sich eines heiligen und musterhaften Wandels. Den
canonischen Tagzeiten, welche um 2 Uhr Morgens den Anfang nahmen, wohnte er in
aller Andacht bei; am anbrechenden Tage wusch er einigen Armen die Füße, gab
ihnen Almosen und bat sie um die Hilfe ihres Gebetes. Zur Prim mußte sein
Almosenier zwölf andern Armen die Füße waschen und eine Spende von Brod und
Fleisch an sie vertheilen. Um 9 Uhr las er die hl. Messe und spendete um 10 Uhr
neue Almosen an die Armen. Um 3 Uhr nahm er das gemeinsame, mit geistlicher
Lesung gewürzte Mittagsmahl. Der übrige Theil des Tages war theils dem Studium,
besonders der Lesung der hl. Schrift, die er auch auf seinen Amtsreisen
beständig mit sich führte, theils den bischöflichen Amtsgeschäften, Audienzen u.
s. f. gewidmet. Täglich pflegte er auch kranke Geistliche oder Mönche zu
besuchen und zu trösten. Bei der Aufnahme und Anstellung von KlerikerEin Kleriker ist in der orthodoxen, katholischen, anglikanischen und altkatholischen Kirche ein geweihter Amtsträger, der eine der drei Stufen des Weihesakraments - Diakon, Priester oder Bischof - empfangen hat.
Im Unterschied zu den Klerikern bezeichnet man die anderen Gläubigen als Laien. Angehörige von Ordensgemeinschaften gelten, wenn sie nicht zu Priestern geweiht sind, als Laien und in der Orthodoxie als eigener geistlicher Stand. In den protestantischen Kirchen gibt es keine Unterscheidung von Klerus und Laien.
n ging er
äußerst vorsichtig zu Werke; wo sich ein Verstoß gegen die Reinheit der Sitten
vorfand, schritt er mit unnachsichtlicher Strenge ein. Nicht weniger widersetzte
er sich allem unsittlichen und ungerechten Wesen der Reichen und Machthaber, und
der König gewährte ihm bereitwillige Unterstützung. Er selbst fügte sich seinen
Vorstellungen, und besetzte auf sein Zureden die schon lange erledigten Sitze
von Worcester und Hereford, deren Einkünfte er an sich gezogen hatte. Im J. 1163
wohnte er unter dem Vorsitze des Papstes Alexander III. dem Concil von Tours bei.
Als aber der hl. Erzbischof das Kanzleramt niederlegte, fiel er in Ungnade, und
die Rathgeber des Königs verfehlten nicht, die eingetretene Spannung zur völligen
Feindseligkeit zu erweitern. Der hl. Thomas vermied sorgfältig alle Heftigkeit,
setzte aber allen die kirchliche Freiheit schädigenden Anordnungen des Königs
ehrerbietigen, aber muthigen und beharrlichen Widerstand entgegen. Namentlich
protestirte er gegen folgende Punkte: 1. Es sei ohne die vorgängige Erlaubniß
des Königs keine Berufung an den apostolischen Stuhl zulässig, sondern der Gang
der Rechtsberufungen solle sein: vom Archidiacon an den Bischof, vom Bischof an
den Erzbischof und von diesem an den König; doch solle von ihm der Streit in der
Curie des Erzbisthums entschieden werden, eine weitere Berufung aber ohne
Zustimmung des Königs nicht stattfinden. 2. Kein Erzbischof, Bischof oder
sonstiger Würdenträger der Kirche dürfe einem Rufe des Papstes folgen, sei es
auch um einem Concil beizuwohnen, ohne Erlaubniß des Königs. 3. Kein Hofbeamter
dürfe mit einer kirchlichen Censur, besonders mit der Excommunication belegt
werden, wenn nicht vorher der König darüber befragt sei. 4. Es sei keinem
Kirchenobern gestattet, gegen irgend Jemanden wegen Meineides oder
Vertragsbruches einzuschreiten. 5. Die Vergehen und Verbrechen der KlerikerEin Kleriker ist in der orthodoxen, katholischen, anglikanischen und altkatholischen Kirche ein geweihter Amtsträger, der eine der drei Stufen des Weihesakraments - Diakon, Priester oder Bischof - empfangen hat.
Im Unterschied zu den Klerikern bezeichnet man die anderen Gläubigen als Laien. Angehörige von Ordensgemeinschaften gelten, wenn sie nicht zu Priestern geweiht sind, als Laien und in der Orthodoxie als eigener geistlicher Stand. In den protestantischen Kirchen gibt es keine Unterscheidung von Klerus und Laien.
werden von den weltlichen Gerichten abgeurtheilt, und ebenso gehören
Streitsachen über Zehenten und kirchliche Einkünfte vor die weltlichen Gerichte.
Man darf aber nicht glauben, daß der hl. Erzbischof alle diese Forderungen,
welche man den unschuldigen Namen Gebräuche des Königreiches
(the king customs)
gab, schlechthin zurückgewiesen hätte, sondern er war vielmehr bereit, dem
Könige entgegen zu kommen, und sich zu fügen, jedoch, wie er auf einer
Bischofsversammlung zu Westminster erklärte, mit Vorbehalt seines Amtes
(salvo
ordine suo), oder wenn dieser Zusatz dem Könige nicht annehmbar schiene, mit
Vorbehalt der Ehre Gottes
(salvo honore Dei). Konnte er aber annehmen, daß der
König, welchem diese Zusätze mißfielen, namentlich wenn er seine Gesinnung, die
ihm seit langer Zeit bekannt war, mit in Berechnung zog, irgend ein kirchliches
Recht achten und in Schutz nehmen werde? Dennoch wankte er mehrere Male,
besonders da die Bischöfe von York, Chichester und Lincoln ihn in diesem Sinne
bedrängten, und ließ sich gegen das Versprechen, der König werde nichts gegen
die Rechte und die Freiheiten der Kirche unternehmen, im königlichen Palaste zu
Clarendon im J. 1164 zu einer mündlichen Anerkennung obiger Anordnungen herbei.
Erst als man eine schriftliche Anerkennung forderte, ohne zugleich auch jenes
Versprechen schriftlich zu geben, erkannte er klar den gelegten Hinterhalt, und
verfuhr wegen der bewiesenen Schwäche gegen sich selbst mit derselben Strenge,
welche er in diesem Falle gegen die ihm untergeordneten Priester angewendet
hätte; er beschloß nämlich, sich so lange der Darbringung des heil. Opfers zu
enthalten, bis er vom Papste die Lossprechung erlangt haben würde. Schon damals
wurde der König so sehr gegen ihn aufgebracht, daß er Todesdrohungen ausstieß.
Er berief eine Versammlung der Bischöfe und Großen des Reiches nach Northampton,
auf welcher er wegen ungerechten Widerstandes gegen die Gebräuche des
Königreichs
verurtheilt und aller seiner Besitzungen verlurstig erklärt wurde.
Alle andern Bischöfe zeigten sich gefügig, so daß ihr Primas im Kampfe für die
Freiheit der Kirche allein stand. Er appellirte an den hl. Stuhl, und flüchtete
sich nach Flandern. Das ganze Reich gerieth in Verwirrung. Er schrieb darüber an
die englischen Bischöfe: Wenn durch unser Weggehen die Verwirrung allgemein
geworden ist, so möge derjenige, der es verursacht und herbeigeführt hat, sich
selbst die Schuld beimessen. Nicht mein Weggehen, sondern seine Handlungen
tragen die Schuld; er ist der Verfolger, und ich bin lediglich seinen Unbilden
aus dem Wege gegangen.
Dagegen entschuldigte der König seine Maßnahmen beim
Papste Alexander III. brieflich mit dem Vorgeben, er habe sich genöthiget
gesehen, gegen den starrköpfigen Erzbischof Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen,
damit er nicht das Gift seiner Excommunicationen auf ihn selbst und seine
Anhänger ausgieße. Die erzbischöflichen Güter und sogar sein Privatvermögen
wurden eingezogen. Der Bischof von London schämte sich nicht, einen Theil dieser
Güter für seine Kirche anzunehmen. Dagegen rief der Erzbischof die Hilfe des hl.
Stuhles an und erlangte vom König Ludwig VII. von Frankreich nach kurzem
Aufenthalte in St. Omer ein Asyl zu Soissons. Der König seinerseits verklagte
den Erzbischof gleichfalls durch eine besondere Gesandtschaft beim Papste. Der
hl. Thomas vertheidigte sich persönlich, und erlangte nicht bloß seine
Freisprechung, sondern auch die Gutheißung aller seiner Handlungen. Gerne hätte
er jetzt, um seinem Vaterlande den Frieden zu erlangen, auf seine Würde
verzichtet; aber der Papst nahm die Resignation nicht an, weil hiedurch der
Streit nicht geschlichtet, sondern noch heftiger entbrennen würde. Daher zog
sich der Heilige in die Einsamkeit des Cistercienserklosters von Pontigny
zurück, wo er strenge nach der Hausordnung lebte, und nicht bloß alle Uebungen
einfacher Mönche mitmachte, sondern dieselben durch Bußwerke und Geißelungen
noch verschärfte. Unterdessen bedrängte der König auch die unschuldigen
Verwandten des Erzbischofes mit Vexationen jeder Art und vermehrte dadurch noch
dessen Leiden. Nicht einmal Kinder, Mütter und Greise wurden verschont.
(Spoliati sumus et nos cum nostris, proscripti et ipsi cum laicis, viri cum
mulieribus, mulieres cum infantibus in cunabilis, schrieb später der Heilige).
Alle mußten vor ihrer Abreise zu Lambeth dem Könige das eidliche Versprechen
ablegen, sich zu dem Erzbischofe zu begeben, damit der Anblick ihres Unglücks
und ihrer Thränen seine Gesinnung ändere. Diese Verbannten kamen schaarenweise
nach Pontigny, so daß der hl. Mann sich der Thränen nicht enthalten konnte. Doch
sorgte die Vorsehung für ihren Unterhalt, indem sie ihnen reichliche
Unterstützung zuführte. Aber auch das Kloster zu Pontigny erregte den Zorn des
Königs. Er ließ das Generalcapitel wissen, daß er ungesäumt alle Cistercienser
aus seinem Reiche jagen und ihre Besitzungen an sich ziehen würde, wenn der
Erzbischof zu Pontigny noch länger beherbergt würde. Natürlich wollte der
Heilige den Orden einer solchen Gefahr nicht aussetzen, und verließ seine
Zufluchtsstätte. Daß die Cistercienser ihn entließen, zeigt von bereits
eingetretenem Verfalle, und wurde ihnen sehr übel genommen. Es thut mir leid
(doleo).
sprach z. B. der König von Frankreich, daß die Mönche dieses Ordens,
von denen ich glaubte, daß die Liebe Gottes allein die Richtschnur ihres
Handelns bilde, aus Furcht vor einem sterblichen Menschen diesem Gottesmanne
sein Almosen entziehen. O Religion, wo bist du?
Er bot ihm einen Wohnsitz an,
und ließ ihm die Wahl frei. Der Erzbischof wählte die vor der Stadt liegende
Abtei St. Columba und dem Könige war es genehm. Unterdessen arbeitete der Papst
mit unverdrossenem Eifer an dem Werke der Versöhnung. Dasselbe wurde nicht wenig
durch den Umstand erschwert, daß die Mehrzahl der Bischöfe sich auf die Seite
des Königs stellte. Alle Bemühungen des Heiligen, sie von seinem Rechte und
ihrem Unrechte zu überzeugen, scheiterten an ihrer Scheu, von ihren Einkünften
etwas einzubüßen, oder sonst eine Belästigung zu erfahren. Warum,
so schrieb
er an sie aus der Verbannung, suchet ihr mich zu Schanden zu machen, oder
vielmehr warum machet ihr euch zu Schanden, und mich mit euch, der ich alle
Gefahr auf mich genommen, so viele Beschimpfungen ertragen, so viele Unbilden
ausgehalten und für euch mich habe proscribiren lassen? Es war besser, daß Einer
für die Kirche litte, auf daß sie doch auf solche Weise ihrer Knechtschaft
entkomme. Möge Gott die Binde von euren Herzen nehmen, daß ihr einmal einsehet,
was ihr zu thun habt. Ich fordere euch Alle auf zu sagen, ob ich seit meiner
Erhebung irgend Einem unter euch geschadet habe, ich will es vierfach erstatten.
Wenn ich aber schuldlos bin, warum lasset ihr mich allein in der Sache Gottes?
Warum bemühet ihr euch, Gegner eurer selbst zu sein, in einer Sache, welche, wie
keine andere, die Sache der Kirche ist. Höret doch auf, euch selbst und die
Kirche Gottes, so viel in euch ist, zu Schanden zu machen (confundere).
Schon damals ahnte er, welchen Ausgang die Sache nehmen würde. In dem nämlichen
Schreiben heißt es: Petrus ist vom Fischernetze weg
zum Kirchenfürsten erhoben worden und hat sich das Verdienst erworben, durch
Vergießung seines Blutes um des Namens Christi
willen im Himmel gekrönt und auf Erden geehrt zu werden. Möchten auch wir es ihm
nachthun!
Und später: Mag uns und den Unsrigen Gefahr
drohen; wir achten sie ganz und gar nicht, denn nicht der ist zu fürchten,
welcher den Leib tödtet, sondern derjenige, welcher Leib und Seele zugleich
verderben kann.
Die Verhandlungen des Königs mit dem Papste schritten nur
langsam vorwärts. In Rom herrschte keine durchweg günstige Stimmung für den hl.
Erzbischof. Einige Cardinäle und Bischöfe waren geradezu gegen ihn eingenommen,
und achteten mehr auf Geschenke und Personen
, als auf die Sache, deren
Vertheidigung der hl. Thomas mit so vieler Entschiedenheit und so großen Opfern
geführt hatte, wobei er immer wieder betonte, daß er mit Freuden alles zu thun
bereit sei, was immer mit der Ehre Gottes und seinem Gewissen vereinbar sei, um
die Gnade des Königs wieder zu erlangen. Dieser forderte die Lossprechung seiner
Räthe und Diener von der Excommunication, während der Papst nach längern,
fruchtlosen Verhandlungen vor Allem die Zurückberufung des Erzbischofs und
dessen Wiedereinsetzung in alle seine Rechte und Besitzungen verlangte. Als der
König sich geneigt zeigte, diese Forderung für den Erzbischof und alle, die mit
ihm oder für ihn ins Exil gegangen, zu erfüllen, jedoch vorbehaltlich der Würde
des Reiches
und der hl. Thomas sich an dieser Clausel stieß, erklärte der
Episcopat der Normandie und von Aquitanien, daß in derselben der Würde der
Kirche nichts derogirt sei,
und schrieb an den Papst, er möge nicht eines
Buchstaben- und Wortkampfes wegen die Wahrheit schädigen, und aufhören, die
Sache eines Einzigen zum Nachtheile Vieler zu schützen. Der Papst entgegnete dem
Könige, er wolle gerne in Allem, was ihm mit Gott möglich sei, ihm beitreten:
keine Ehre oder Gunstbezeugung, die er ihm geben müsse, um den Kirchenfrieden zu
erlangen, sei ihm zu hoch; es sei daher zu hoffen, daß auch der König eine
mildere Gesinnung gegen die Kirche annehme, und dem Erzbischofe wieder seine
Gnade zuwende. In dieser Hoffnung habe er demselben einstweilen den Befehl
zugehen lassen, keine weitere Excommunication zu verhängen, bis die
Friedensverhandlungen geschlossen seien. Auch König Ludwig VII. von Frankreich,
welcher dem Heiligen im Kloster St. Columba vor Sens einen Aufenthaltsort
angewiesen hatte, nahm an denselben zu Gunsten des hl. Erzbischofs regen Antheil.
Obwohl öfter und an verschiedenen Orten aufgenommen, wollten sie keinen
günstigen Fortgang nehmen. Endlich nach Umfluß von sieben traurigen Jahren sah
der heil. Erzbischof seine Kirche wieder. Er stieg zu Witsan bei Calais zu
Schiffe und betrat nach einer stürmischen Ueberfahrt, ein Vorzeichen dessen, was
ihm bevorstand, zu Sandwich wieder den vaterländischen Boden. Ueberall wurde er
mit freudenvollen Zurufen empfangen. Aber die feigen Bischöfe, die ihn verlassen
und die Großen des Reiches, welche die Kirchengüter an sich gerissen und
verschleudert und dadurch die Excommunication sich zugezogen hatten, sahen seine
Rückkehr mit verstecktem Zorn. Schon zu London stieß er auf Hindernisse, indem
er Befehl erhielt, ohne Aufenthalt nach Canterbury abzureisen. Besonders die
Bischöfe, welchen ihr böses Gewissen keine Ruhe ließ, suchten neue Klagen gegen
ihn. Er ließ sich nicht irre machen, und beharrte auf seinem Rechte. Während der
König den feigen Wohldienern auf den bischöflichen Stühlen ein gnädiges Ohr
schenkte, erregte der hl. Thomas bei jedem Worte, das er sprach, mit jedem
Schritte, den er that, seinen Verdacht und seinen Zorn aufs Neue. Wie sehr aber
dem hl. Erzbischöfe dieses Mißtrauen und die fortdauernde Zwietracht wehe that,
sieht man aus seinen am hl. Weihnachtsfeste von der Kanzel gesprochenen Worten.
Nachdem er gesagt hatte, die Kirche von Canterbury habe schon einen Martyrer,
bald werde sie einen zweiten bekommen, setzte er hinzu: Von Jesus Christus
verflucht und von der Gemeinschaft der Heiligen ausgeschlossen und vertilgt
seien Alle diejenigen, welche zwischen mir und meinem Könige und Herrn
Zwietracht säen.
Die hievon Betroffenen säumten nicht, diese Rede sogleich dem
Könige zu berichten, der sie in feindseligem Sinne auffaßte, und in seinem Zorne
die Worte fallen ließ: Was für feige und elende Menschen habe ich aufgezogen
und erhoben, daß sie ihrem Herrn keine Treue halten und ruhig zusehen, wie ihn
dieser Pfaffe verspottet.
Diese Rede nahmen vier Ritter, welche sie hörten, als
einen Befehl, dem Erzbischofe das Leben zu nehmen; sie gingen sogleich weg und
setzten, so schnell sie konnten, über das Meer. Der König ahnte ihre Absicht und
schickte ihnen nach, um ihr Vorhaben zu vereiteln. Es war zu spät. Die Ritter
eilten nach Canterbury und drangen unter Beiziehung Anderer, die der hl.
Erzbischof excommunicirt hatte, mit einem Haufen von Soldaten und
Gerichtsdienern in dessen Palast, dessen Thüren sie gewaltsam erbrachen.
Vergeblich forderten sie von ihm, den ausgesprochenen Bann zurückzunehmen, denn
es fehlten die Vorbedingungen, Reue und Buße. Schon hier machten die Gottlosen
Miene, ihn zu tödten. Daher begab sich der hl. Thomas auf Andringen der KlerikerEin Kleriker ist in der orthodoxen, katholischen, anglikanischen und altkatholischen Kirche ein geweihter Amtsträger, der eine der drei Stufen des Weihesakraments - Diakon, Priester oder Bischof - empfangen hat.
Im Unterschied zu den Klerikern bezeichnet man die anderen Gläubigen als Laien. Angehörige von Ordensgemeinschaften gelten, wenn sie nicht zu Priestern geweiht sind, als Laien und in der Orthodoxie als eigener geistlicher Stand. In den protestantischen Kirchen gibt es keine Unterscheidung von Klerus und Laien.
und Mönche in die Kirche. Auch hier suchten ihn die Uebelthäter. Es wurde eben
die Vesper gesungen, aber die Frevler achteten weder den heil. Ort, noch den
Gottesdienst, und traten frech vor den Erzbischof, mit der Forderung, die
ausgesprochene Excommunication augenblicklich zurückzunehmen. Natürlich verwies
ihnen der Heilige diese Keckheit, nannte den Einen der Eindringlinge einen
Kuppler und Verführer, und wehrte einen Andern, welcher die Hand nach ihm
ausstreckte, um ihn vom Throne herunterzureißen, so kräftig von sich ab, daß er
beinahe auf das Kirchenpflaster gefallen wäre. Als aber dieser jetzt sein
Schwert zog, kniete sich der heil. Erzbischof nieder, empfahl sein Bisthum, den
mißleiteten König und seine ganze getreue Heerde dem Schutze der hl. Mutter
Gottes und des hl. Dionysius, und ließ,
ohne irgend einen Laut oder sonst ein Zeichen des Schmerzes von sich zu geben,
sein Leben für die Kirche Gottes. Wie bei der Anstiftung, so fehlte auch bei der
Ausführung der Frevelthat nicht der würdige Vertreter der Hofschranzen unter den
Geistlichen. Ein Subdiacon, Namens Hupo, trat dem entseelten Heiligen auf den
Hals, faßte sein Blut mit den Händen und sprach, indem er es auf dem
Kirchenpflaster umherspritzte: Diese Mißgeburt wird jetzt nicht wieder lebendig
(abortivus iste posthac non resurget). Viel edler benahm sich der König; er
suchte nicht blos die Schuld der Unthat von sich abzuwälzen, sondern leistete
auch die möglichste Genugthuung. Die vom apostol. Stuhle ihm auferlegte Buße war
streng und demüthigend, aber er unterzog sich derselben mit reuevollem Herzen,
ernannte die Schwester des Heiligen zur Abtissin von Barking und machte mit
seinem Sohne im J. 1176 eine Wallfahrt zum Grabe des Heiligen, bei welchem er
wahrhaft königliche Geschenke hinterlegte. Der Tod des hl. Thomas gab der Kirche
Englands den Frieden und die Freiheit wieder zurück, da der König die
kirchenfeindlichen Gesetze, die einzige Ursache des bedauerlichen Zwiespaltes,
unverweilt aufhob. Drei Jahre später erfolgte nach zahlreichen an seinem Grabe
geschehenen Wundern seine Heiligsprechung. Erst der ketzerische König Heinrich
VIII. weckte die alte Feindseligkeit gegen den Heiligen wieder auf. Sein Bildniß
auf der Themsebrücke war das erste Heiligenbild, welches er wegnehmen und
zerstören ließ. Am 16. Nov. 1538 gab er Befehl, ihn aus dem
Heiligenverzeichnisse zu streichen und seine Gebeine zu verbrennen. Die Boll.
haben jene Unthat zum 19. Aug. angemerkt.
