
Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
B. Urbanus, V. Ep. Conf. (19. Dec.) Dieser Selige führt erst seit Pius IX.,
welcher am 10. März des J. 1870 seine Verehrung bestätigte, unbestritten diesen
Titel; früher hieß er bald heilig
, bald selig
, bald ehrwürdig
. Die Ursache
dieser langen Zögerung ist unzweifelhaft darin zu suchen, daß er nach kurzer
Zeit seinen Sitz zu Rom wieder verließ, um nach Avignon zurückzukehren. Er war
zu Grisac, einem Schlosse im Bisthume Mende, um das J. 1310 geboren und hieß vor
seiner Erhebung Wilhelm von Grimoard (Grimoald). Nachdem er zu Montpellier und
Toulouse studirt hatte, trat er in das Benedictinerkloster St. Victor in
Marseille, und wirkte an verschiedenen Orten als Lehrer der heil. Wissenschaften.
Bald wurde er zum Abte erwählt und stieg von Jahr zu Jahr an Berühmtheit. Die
Päpste Clemens VI. (vom J. 1342-1352) und Innocenz
VI. (1352-1362) übertrugen ihm ehrenvolle und schwierige Sendungen nach Italien.
Als er, obwohl dem Cardinalscollegium nicht angehörig, zum Papste erwählt wurde
(28. Oct. 1362), befand er sich eben im Neapolitanischen. Am 6. Nov. empfing er
die Bischofsweihe. Auch als Papst blieb er, soweit möglich, ein frommer,
einfacher Ordensmann, und liebte die Armuth und die Armen. Aus diesem Grunde
unterließ er an seinem Krönungstage den üblichen Umritt durch die Straßen der
Stadt. Unter seinen Thaten nehmen die zahlreichen und demüthigen Liebeswerke,
welche er an Armen und Nothleidenden vollzog, und die Wiederherstellung der
Kirchen, Klöster und Lehranstalten den ersten Rang ein. Das längere Zeit
unbesetzt gebliebene Bisthum Avignon verlieh er seinem Bruder, dem
Regularkanoniker und Prior bei St. Peter zu Die. Seine nächste Unternehmung,
einen Kreuzzug gegen die Türken zu bewirken, welche dem J. 1363 angehörte, hatte
keinen Erfolg. Das Abendland war zu jener Zeit zu sehr verdorben und zerklüftet,
als daß ein so großes Werk hätte in Angriff genommen werden können. Besonders
die italienischen Länder seufzten unter beständigen blutigen Kämpfen. Der Tyrann
von Mailand, Barnabo Visconti, wurde vom Papste excommunicirt, und der heilige
Krieg gegen ihn beschlossen. Endlich unterwarf er sich im J. 1364, der
Friedensvertrag wurde am 1. März unterzeichnet. Auch Kaiser Karl IV. von
Deutschland trat mit dem Papste in freundschaftliche Verbindung und bot ihm für
seine vorhabliche Rückkehr nach Rom militärische Hilfe an. Waldemar III. von
Dänemark, welcher an dem Kreuzzuge in das Morgenland Theil zu nehmen versprochen
hatte, erhielt von ihm die goldene Rose und zahlreiche Reliquien für die Kirchen
seines Landes. Im folgenden Jahre am 3. Mai erließ der eifrige Oderhirte eine
strenge Verordnung gegen die Pluralität der Beneficien, aus welcher die
Verwahrlosung der Seelsorge, der Zerfall der Kirchengebäude, die Auflösung der
Kirchenzucht und die Schädigung der Rechte und Güter der Kirche hervorgehe.
Ebenso ordnete er die Feier von Provincialconcilien an, und hatte die Freude,
daß noch im nämlichen Jahre ein solches zu Tours eröffnet wurde. Demselben
folgte das Concil zu Vaure, auf welchem die Provinzen Narbonne, Toulouse und
Auch vertreten waren. Nebstdem eiferte Urban V. gegen den Wucher, den Concubinat
und die Simonie. Schon im ersten Jahre seines Pontificats gab er in einem
vertraulichen Schreiben nach Rom die Absicht, dahin zurückzukehren, zu erkennen.
Im J. 1366 ließ er zu Viterbo, wo er einige Zeit zu bleiben gedachte, und zu Rom
die nöthigen Vorbereitungen für seine Ankunft treffen. Unter den berühmten
Männern, welche ihm hiezu riethen, nimmt Petrarca eine vorzügliche Stelle ein.
Er schrieb: Freilich hat der Papst überall seinen rechtmäßigen Sitz; wo er sich
aufhält, ist auch seine Braut, die Kirche. Aber ich bin sehr weit entfernt,
deine Sitze einengen zu wollen. Möchte doch deine Gewalt sich ausdehnen bis an
die Grenzen der Erde! Wo immer der Name Christi
geehrt wird, hast du, ich bekenne es, deinen Sitz. Aber kein Mensch wird
leugnen, daß Rom dir ganz besonders zustehe, denn diese Kirche hat keinen andern
Bräutigam, keinen andern Bischof. Du hast viele Bischöfe von deinem Hofe
weggeschickt, um sie ihren Kirchen zurückzugeben, sollte nicht auch Rom durch
dich den seinigen wieder bekommen?
Nachdem der Minorite Marcus von Viterbo als
Friedensapostel den Kirchenstaat durchwandert, und der Cardinal Aegydius
Albernoz in gleichem Sinne vorgearbeitet hatte, schiffte sich der Papst auf
einem Venetianischen Dreiruderer unter zahlreicher Begleitung von andern großen
Schiffen, welche die Königin Jahanna von Neapel, die Venetianer, Genuesen und
Pisaner ausgerüstet hatten, auf denen sich, fünf ausgenommen, die sämmtlichen
Cardinäle befanden, am 19. Mai des J. 1367 zu Marseile ein, und landete
glücklich in Genua. Nach einem Aufenthalte von fünf Tagen ging die Reise über
Porto Venere, wo drei Tage gerastet wurde, über Pisa und Piombino nach Corneto,
von wo aus der Landweg nach Viterbo eingeschlagen wurde. Ueberall kam ihm das
Volk, Oelzweige in den Händen tragend, jubelnd und beglückwünschend entgegen.
Der Einzug in Rom am 16. Oct. war besonders großartig und feierlich. Der Papst
nahm, nachdem er bei St. Peter gebetet hatte, seine Wohnung im Vatican. Eine
seiner ersten Amtshandlungen war ein Erlaß an die Bischöfe und Aebte in
Süditalien, in welchem er dieselben in allem Ernste an ihre Residenzpflicht
mahnte. Im März des J. 1768 (sic!) nahm er unter feierlicher Erhebung der
Häupter der hhl. Petrus und Paulus
von der Laterankirche, welche mittlerweile wieder in bessern Stand gesetzt
worden war, Besitz. Die Kirche und das Kloster St. Paul hat er gleichfalls
wieder hergestellt. Seinen Sommeraufenthalt nahm er in dem Bergstädtchen
Montefiascone, von wo aus er gegen die öffentliche Verehrung von Heiligen, deren
Leben und Wunder vom heil. Stuhle nicht geprüft seien, ein strenges Verbot
ergehen ließ. Unterm 14. Juli schrieb er an den König Ludwig von Ungarn, er
danke ihm für die Hilfe und Unterstützung, welche er den Franciscaner-Minoriten
bei ihren Missionspredigten in Bulgarien, Rascien und Bosnien habe angedeihen
lassen. Am 1. Nov. des nämlichen Jahres krönte er in der Vaticanischen Basilica
die Gemahlin des bereits im J. 1355 gekrönten deutschen Kaisers Carl IV.,
welcher auf sein Ansuchen zur Unterwerfung der italienischen Großen, welche
Kirchengüter geraubt hatten und nicht herausgeben wollten, nach Rom gekommen war.
Montefiascone, wo er auch im Sommer des folgende Jahres sich aufhielt, erhob er
zu einem Bischofssitze. Am 18. Oct. d.n.J. nahm er den Kaiser Johannes (nicht
Joseph) Paläologus und seine Gemahlin Helena, welchen die Furcht vor der
Uebermacht der Türken und die ihm vom Papste in Aussicht gestellte Hilfe, welche
jedoch trotz aller seiner Bemühungen nicht zu Stande kam, angetrieben hatte, die
Wiedervereinigung mit der römischen Kirche zu suchen, in die Kirchengemeinschaft
auf. Am 13. Nov. trug er den Erzbischöfen von Ragusa und Spalato und ihren
Suffraganen auf, daß sie nach Kräften jede Verbindung, auch die
Handels-Verbindung, der Katholiken mit den Ketzern in Bosnien verhindern und
strafen sollten. Ebenso ließ er sich die Belehrung der Walachei und Moldau
angelegen sein, und zwar mit dem besten Erfolge. Die Anerkennung der
römisch-katholischen Kirche drang immer weiter zu den Orientalen. Der Patriarch
der Nestorianer von Mossul kam nach Rom, sich zu unterwerfen. Im J. 1370 sendete
er neue evangelische Sendboten in die Tartarei und gab ihnen Empfehlungsbriefe
an den Chan und an die übrigen Großen des Landes mit. Für Combalu (Peking) in
China weihte er den ersten Erzbischof. Das Kloster Cassino erneuerte er und gab
ihm zur Einführung der Reform den Camaldulenser Andreas von Favenza. Nicht lange
hernach ging er von Rom nach Viterbo und Montefiascone, um nicht mehr in die
ewige Stadt zurückzukehren. Zu Montefiascone unterzeichnete er noch die
Bestätigung der Brigittinerregel und des neuentstandenen Büßerordens der
Jesuaten. Er bezeugte vor seinem Abgange öffentlich, daß nicht Mangel an Treue,
Gehorsam und Ehrfurcht von Seite der Römer, sondern lediglich das öffentliche
Wohl, nicht allein das der Kirche, ihn bewege, seinen Aufenthalt wieder in
Avignon zu nehmen. Er hoffte nämlich, in dieser Stadt das Friedenswerk zwischen
Frankreich und England mit besserm Erfolge betreiben zu können. Umsonst suchte
die hl. Brigitta ihn
zurückzuhalten, indem sie ihm schriftlich, und auch in eigener Person,
mittheilte, sie habe von der heil. Mutter Gottes die
Offenbarung erhalten, es sei nicht der Wille Gottes, daß der Papst Italien
verlasse; er werde nach Avignon nur zurückkehren, um sogleich dort zu sterben,
und über sein Thun Rechenschaft abzulegen. Der Papst ließ sich aber nicht
zurückhalten, und reiste im August nach Corneto, von wo er sich nach Marseille
einschiffte. Am 24. Sept. kam er in Avignon an, und wurde freudig aufgenommen.
Das Friedenswerk, dessen er sich sogleich annehmen wollte, konnte er nicht
beginnen, denn er wurde bis auf den Tod krank; er dachte jetzt an nichts mehr,
als an die Vorbereitung auf seinen Tod. Nachdem er die heil. Sacramente
empfangen hatte, bekannte er nochmals laut den Glauben an die Lehre der kathol.
Kirche, und verschied gottselig am 19. Dec. 1370. Sein Leichnam wurde anfänglich
im Dome zu Avignon beigesetzt, dann aber nach seinem Willen nach St. Victor in
Marseille übertragen. Bald entstand eine Wallfahrt zu seinem Grabe, und
zahlreiche Votivtafeln bestätigten die wunderbare Wirkung seiner Fürbitte.
