Ökumenisches Heiligenlexikon

Magdalena Delbrêl

französischer Name: Madeleine

Gedenktag katholisch: 13. Oktober

Name bedeutet: Die aus Magdala (am See Gennesaret) Stammende (hebr.)

Sozialarbeiterin, Mystikerin
* 24. Oktober 1904 in Mussidan in der Dordogne in Frankreich
13. Oktober 1964 in Ivry-sur-Seine bei Paris in Frankreich


Magdalena Delbrêl war Tochter eines Eisenbahnbeamten, der kirchenkritisch und liberal dachte und sich durch künstlerische und schriftstellerische Begabung auszeichnete. Ihre Mutter war Tochter eines gutbürgerlichen Fabrikbesitzers. Bis zu ihrem neunten Lebensjahr wechselte Madeleine, bedingt durch den Beruf ihres Vaters, neun Mal den Wohnsitz; deshalb ohne Freundschaften und regelmäßigen Schulbesuch, erhielt sie Privatunterricht und entwickelte ihre persönlichen Begabungen im schriftstellerischen, musikalischen und künstlerischen Bereich. Schon im Alter von 16 Jahren studierte sie an der Sorbonne in Paris Kunst, Geschichte und Philosophie. Durch ihren Verlobten kam sie mit dem Glauben in Kontakt; die an ihrem 19. Geburtstag gefeierte Verlobung wurde aufgelöst, als ihr Freund in den Dominikanerorden eintrat; eine schwere Krise und Erkrankung waren bei Magdalena die Folge.

Nun suchte Magdalena nach der tieferen Quelle der Liebe, die sie in der Beziehung erlebt hatte. Im Gebet erfuhr sie ihre Bekehrung und erwog, den Karmeliterinnen beizutreten; aber sie wurde zu Hause bei ihrem inzwischen erblindeten Vater gebraucht und widmete sich neben dessen Pflege ihrer religiösen Bildung und künstlerischen Tätigkeiten.

In einer Gemeinde gelang es dem Pfarrer, Magdalena zum Engagemant in der Pfarrei zu motivieren, sie wurde Gruppenführerin der Pfadfinder. Im Oktober 1931 begann sie eine Ausbildung als Sozialarbeiterin. In Ivry-sur-Seine, wo die Industrialisierung stürmisch voranging und die die erste kommunistisch regierte französische Stadt wurde, ließ sich Madeleine 1933 mit zwei Kameradinnen zu einem gemeinschaftlichen Leben nach den Evangelischen Räten nieder; sie betrieben miteinander die Sozialstation, kamen immer mehr in Kontakt mit Arbeitern und Kommunisten und lebten mitten im Labyrinth des Nicht-glauben-Könnens, was ihr schließlich den Beinamen Mystikerin der Straße einbrachte. In der Aktion ausgestreckte Hand schlossen sich 1936 Kommunisten und Christen gegen die Faschisten zusammen. Magdalena distanzierte sich nach eingehenden Studien vom atheistisch geprägten Marxismus, arbeitet aber in der Fürsorge auch mit Kommunisten eng zusammen. Es hat sich ergeben, dass die Kommunisten meine Nächsten sind … sie sind meine Nächsten geworden, ich hatte keine Wahl. Unter der Nazi-Herrschaft während des Krieges wurde Magdalena die Leitung der Sozialdienste der ganzen Region anvertraut.

Madeleine Delbrêl
Madeleine Delbrêl

1943 gründeten die französischen Bischöfe ein neues Priesterseminar das Priester befähigen sollte, in entchristianisierten Gebieten zu wirken und dort auch zu leben als Arbeiterpriester: die Mission de France, welche vor allem nach Kriegsende großen Zulauf hatte, sich rasch ausbreitete und auch zahlreich Ordensleute und Laien anzog. Die Gruppe von Magdalena stand dieser Bewegung nahe, ohne sich ihr formell anzuschließen. 1946 kündigte Magdalena ihre Stellung in der Sozialstation wegen Auseinandersetzungen um ihr politisches Engagement und führte für die Gemeinschaft den Haushalt. Als die Arbeiterpriester den Rückhalt der schon immer skeptischen römisch-katholischen Kirche verlor und verboten wurde, reiste Madeleine 1952 nach Rom, um für die Mission de France zu beten. 1953 wurde das Experiment der Arbeiterpriester von der Kirche endgültig untersagt. Magdalena unternahm ihre zweite Reise nach Rom und wurde auch von Papst Pius XII. empfangen. Dabei lernte sie den Kardinal-Staatssekretär kennen, der dann 1958 bei der offiziellen Anerkennung der spezifischen Berufung Magdalena und ihrer Gemeinschaft eine große Rolle spielte.

1954 wurde die Mission de France wieder eingeschränkt erlaubt, 1959 erneut verboten. 1957 erschien Magdalenas viel beachtetes Buch Christ in einer marxistischen Stadt, dessen Botschaft sie auch in vielen Vorträgen verbreitete. Im Juli 1959 nahm sie an einer Tagung des Ökumenischer Rates der Kirchen in Bossey bei Genf in der Schweiz teil und wirkte dabei zum ersten Mal mit Vertretern anderer christlicher Konfessionen zusammen. Sie litt nun aber zunehmend unter Krankheiten. 1961 wurde sie eingeladen, an den Vorbereitungen für das von Papst Johannes XXIII. angekündigte 2. Vatikanische Konzil mitzuarbeiten.

Magdalena Delbrêl gilt als Mystikerin der Straße. Der Schweizer Theologe und Autor Hans Urs von Balthasar sprach von ihr als einer der bedeutendsten Frauen unseres Jahrhunderts. Der Mailänder Kardinal Martini verglich sie mit dem Propheten Jeremia: beide sind für ihn Propheten der apostolischen Einsamkeit in einer Gesellschaft, die nicht hinhört.

Kanonisation: Das Seligsprechungsverfahren für Magdalena wurde 1993 eingeleitet.

Worte von Magdalena Delbrêl

Das Martyrium galt der alten Kirche als Höchstform der Verwirklichung der Liebe und Christusnachfolge. Aber es gibt auch eine Passion, die in der Geduld beziehungsweise im Ertragen von Situationen, die Geduld erfordern, besteht.
Jeder hat ein Kreuz zu tragen, ein Leiden durchzustehen, auch wir. Einverstanden, wir warten darauf, wir wissen, dass es kommen muss, und es ist klar, dass wir es mit einer gewissen Größe durchstehen wollen. Wir warten darauf, dass die Stunde unseres Opfers schlägt. Wie ein Holzscheit im Feuer müssen wir verbrennen. Wie ein Wollfaden, der von einer Schere durchgeschnitten wird, so müssen wir zerteilt werden. Wie ein unerwünschtes Tier, das man beseitigt, so müssen wir ausgeschaltet werden. Wir warten auf unsere Passion. Wir warten, aber sie kommt nicht. Was kommt, sind Umstände, die unsere Geduld erfordern. O diese Übungen der Geduld, diese kleinen Leidenspartikel, deren Aufgabe es ist, uns ganz sanft umzubringen zu deiner Ehre, uns zu töten ohne Eigenruhm! Schon am Morgen suchen sie uns auf: unsere Nerven gehen uns so leicht durch, der Bus ist bereits voll, die Milch läuft über, der Schornsteinfeger kommt, die Kinder verderben alles, der Mann bringt Gäste mit, die Freunde erscheinen nicht, das Telefon läutet ununterbrochen, die, die wir lieben, streiten sich; man möchte schweigen und muss sprechen, man möchte sprechen und muss schweigen, man möchte ausgehen und muss daheim bleiben, man möchte daheim bleiben und muss weggehen, man möchte sich auf den Ehegatten stützen, und der wird schwach wie ein Kind; die tägliche Arbeit wird uns langweilig; es quält uns die Gier nach Dingen, die uns nicht zustehen.
So treten die Geduldsübungen an uns heran, neben- oder hintereinander, und vergessen immer uns zu sagen, dass sie das Martyrium sind, das für uns vorgesehen ist. Wir aber lassen sie mit Verachtung an uns vorüberziehen und warten auf eine Gelegenheit, unser Leben hinzugeben, eine Gelegenheit, die der Mühe wert wäre. Denn wir haben vergessen, dass es Ängste gibt, die im Feuer verbrennen, dass es Bretter gibt, die unter unseren Tritten langsam abgetreten werden. Wir haben vergessen, dass es nicht nur Fäden gibt, die man mit der Schere durchschneidet, sondern auch Fäden in einem Kleidungsstück, die täglich dünner werden am Körper dessen, der es trägt. Wenn jede Erlösung ein Martyrium ist, so braucht doch nicht immer Blut zu fließen. Im Laufe eines Lebens kann man deren viele erleiden. Unser Opfer heißt Früchte bringen in Geduld.

Quelle: Madeleine Delbrel: Früchte bringen in Geduld (Passion des patience). In: Quellen geistlichen Lebens, b. 4, hrsg. v. Gisbert Greshake u. Josef Weismayer. Matthias-Grünewald-Verlag, Ostfildern 2008, S.165f

Zitate von Magdalena Delbrêl:

Gott möchte nicht geliebt werden, wie wir wollen, sondern wie er will.
Es ist ungewiss, ob der Duft der Felder dich sicherer zu Gott führt als der Lärm der Großstadt.
Strategie ist die eine Seite, die Wege Gottes die andere.
Die Mutter wäre fähig, das Glück zu erfinden, um es ihren Kindern zu geben.
Misstraue deinem Urteil über die, die sich deiner Wertschätzung nicht erfreuen.
Das wahre Schweigen ist nie gegen die Liebe gerichtet.
Mühe dich nicht zu schweigen, hör' lieber zu.
Halte Disziplin, auch wenn du allein bist.
Miss deine Freude nicht am körperlichen Wohlbefinden.
Sag nicht zu viel Schlechtes über dich.
Schleif deine Kanten, und du stößt dich weniger.
Beachte die Krisen nicht; dann werden sie an dir vorübergehen.
Wenn die Güte ihr nicht vorausgeht, ist die Gerechtigkeit ein trockenes Brot.
Wenn du dein Gesicht verlierst, mach weiter; verlierst du den Kopf, hör auf.
Siegeslieder ziemen sich nicht für einen heiligen Streiter.
Wenn du selbst nicht tanzen kannst, dann lass' deine Seele tanzen.

Quelle: Madeleine Delbrel: Früchte bringen in Geduld (Passion des patience). In: Quellen geistlichen Lebens, b. 4, hrsg. v. Gisbert Greshake u. Josef Weismayer. Matthias-Grünewald-Verlag, Ostfildern 2008

zusammengestellt von Abt em. Dr. Emmeram Kränkl OSB,
Benediktinerabtei Schäftlarn,
für die Katholische SonntagsZeitung





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Autor: Joachim Schäfer - zuletzt aktualisiert am 02.12.2019

Quellen:
• http://de.wikipedia.org/wiki/Madeleine_Delbr%C3%AAl
• http://ulm.katholikentag.de/data/kt_aktuell/manuskripte/3870.doc
• Ekkart Sauser. In: Friedrich-Wilhelm Bautz †, Traugott Bautz (Hg.): Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. XVII, Herzberg 2000

korrekt zitieren: Joachim Schäfer: Artikel
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet das Ökumenische Heiligenlexikon in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.info/1175439177 und http://d-nb.info/969828497 abrufbar.








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