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Der Bauernsohn Johann Michael Hahn verlor im Alter von vier Jahren seine
Mutter, seine Stiefmutter behandelte ihn schlecht. Am Karfreitag
1774 erlebte er beim Singen des Liedes Der am Kreuz ist meine Liebe
eine besondere Erweckung. Er las eifrig in der Bibel, hatte aber viele unbeantwortete
Fragen. Im Sommer 1777 erlebte er seine erste Zentralschau
, wie er es nannte;
in einer drei Stunden dauernden Erleuchtung wurden all seine Fragen beantwortet.
Hahn besuchte nun die pietistische
Erbauungsstunde
in seinem Heimatort und
geriet deshalb mit dem Vater in Konflikt. Nachdem er sich deshalb auswärts als
Bauernknecht verdingt hatte, gelang nach zwei Jahren die Versöhnung und Hahn kehrte
nach Hause zurück, erhielt ein eigenes Zimmer und vertiefte mit Bibelstudium und
Gebet die Eindrücke aus seiner Zentralschau. Eine zweite Ereuchtung im Jahr 1883
hielt sieben Wochen an.
Hahn begann, in Versammlungen darüber zu sprechen; auch Ortsfremde kamen nun
in seine Erbauungsstunden in Altdorf,
er selbst wurde in umliegende Orte eingeladen und begann, seine Visionen schriftlich
festzuhalten. 1785 wurde er bei der Kirchenleitung angezeigt und verhört.
Konsistorialrat Riegger erkannte aber das Original in Hahn und ermahnte ihn
lediglich, sich in seinen Reden und Schriften mehr dem Sinn und der Sprache
der Heiligen Schrift anzuschließen. Der Schmähartikel eines Pfarrers machte
ihn 1787 jedoch im ganzen Land bekannt. Hahn zog sich von 1789 bis 1794 aus der
Öffentlichkeit zurück, um den Anfeindungen zu entgehen; nun entstanden die
Stunden im engeren Kreis, aus denen später die Hahn'sche Gemeinschaft
hervorging. Dennoch überschritt Hahn auch damit die geltenden engen Bestimmungen
für pietistische Versammlungen und
wurde immer wieder zur Rechenschaft gezogen.
Nach dem Tod seines Vaters zog der unverheiratete Hahn deshalb 1794 nach
Sindlingen
bei Herrenberg, das damals nicht zu Württemberg
gehörte und wo er von Herzogin Franziska von Hohenheim, der früheren Mätresse und
dann zweiten Ehefrau des Herzogs von Württemberg, gefördert wurde. 1803 konnte
er hier ein Haus bauen, das seine Heimat und zum Versammlungsort vieler Pietisten
wurde. Nun konnte er sich ganz seiner geistlichen Arbeit widmen, 15 Bände seiner
Schriften legen davon Zeugnis ab. Zahlreiche Menschen strömten von weit her zu seinen
Erbauungsstunden
, in denen er ein theosophisches Christentum lehrte. Die Bibel
müsse immer geistlich
verstanden werden – was den Widerspruch von Vertretern der
Aufklärung hervorrief. Jeder werde am Ende seines Leben mit Gott versöhnt, denn es sei
nicht mit Gottes Liebe, dass Menschen nach ihrem Tod dauerhaft von Gottes Nähe getrennt
sein könnten; zwar gebe es Höllenstrafen, diese würden aber nicht ewig lange anhalten.
Grabmahl von Johann Michael Hahn auf dem Friedhof in Sindlingen.
Inschrift: Aus Gott - geboren - In Jesu gestorben - Mit dem Heiligen - Geiste
versiegelt - Ruhet allhier - Joh. Michael Hahn - ledig
Zentral für Hahns Bibelauslegung war das Zeugnis Jesu Christi. Neben der von den Reformatoren gelehrten Rechtfertigung aus Glauben sei auch die Heiligung des Lebens und die daraus folgende Wiedergeburt wichtig. Hahhn selbst verzichtete auf eine Ehe, um so ganz seinem Gott dienen zu können. Am Beginn des 19. Jahrhunderts wollten viele fromme Schwaben ins Heilige Land auswandern, um dort den als nahe geglaubten Anbruch des Gottesreiches zu erwarten; Hahn verhinderte in heiliger Nüchternheit eine Massenauswanderung ebenso wie die drohende Trennung seiner Gemeinschaft von der Landeskirche. Hahn war dann als Leiter der pietistischen Siedlung Korntal vorgesehen, aber er starb kurz vor der formellen Gründung dieser Gemeinde.
Die nach ihm benannten Hahn'schen Gemeinschaften
, Versammlungen frommer
Christen zur Auslegung der Bibel, haben heute noch über 10.000 Mitglieder. Das
Evangelische Gesangbuch enthält das von Hahn getextete Lied Jesu,
Seelenfreund der Deinen
(EG 560).
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon
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