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Johann Valentin, Sohn eines Superintendenten und Enkel von Jakob
Andreä, studierte in Tübingen
Theologie, Philosophie, Mathematik, Genialogie und Geografie. In einer Zeit der
Religionskriege, der Hexenverfolgungen, der Konjunktur von
Weltuntergangspropheten, Utopisten und Schwärmern, in der andererseits die
gelehrten Nachfahren Luthers in
traditionellen Formeln ohne Bezug zum Leben der Menschen erstarrt waren, wurde
in studentischen Kreisen die Notwendigkeit einer zweiten
, einer
General-Reformation
diskutiert.
Wegen eines Studentenulks bekam Andreä zunächst keine kirchliche Anstellung
und verbrachte dann von 1607 bis 1614 Wanderjahre, die ihn 1610 auch nach Genf
führten, wo er die reformierte Kirche Johannes Calvins
kennen lernte. Mit Johann Arndt war ihm die
Übereinstimmung von Lehre und Lebenspraxis der Christen wichtig, er setzte sich
für eine gründliche Unterweisung der Jugend ein. Daneben verfasste er Komödien
nach englischen Vorbildern, pädagogische Schriften, verkehrte mit Uhrmachern und
anderen Handwerkern, gewann Interesse an französischer Literatur. Weitgehende
Einigkeit in der Forschung besteht heute, dass er in jener Zeit auch Schöpfer
des Mythos der Rosenkreuzer
mit der Figur Christian Rosencreutz und seinem
Orden wurde. Dessen Grundidee: Führende Wissenschaftler bilden zusammen eine
tätige Gesellschaft, einen Orden, damit Wissenschaft, Christentum und Ethik
nicht auseinanderfallen. Christian Rosencreutz - sein Name und das Symbol sind
dem Andreä'schen Familienwappen entnommen - vereinigt in seiner Person Luther
und Paracelsus gleich den auch naturwissenschftlich maßgeblichen Philosophen der
Antike.
1614 wurde Andreä endlich als Pfarrer in Vaihingen
angestellt und verheiratete sich noch im selben Jahr. Seine Verwicklung in die
Rosenkreuzeridee, die inwischen in Europa Furore gemacht hatte und durch
allerlei Gaukler und Schwärmer nicht mehr seriös war, rechtfertigte er als
Jugendsünde. Gleichwohl hielt er wesentliche Grundgedanken aufrecht: 1619
erschien seine utopische Programmschrift Christianopolis
über die ideale
christliche Gesellschaft, die in der Tradition der Utopia
von Thomas
Morus steht. Ihr Verfassungsgrundsatz ist Gottesfurcht, jedermann hat Zugang
zur Sternwarte, damit der Glaube wissenschaftlich befruchtet wird, in der Kirche
werden belehrende Schauspiele aufgeführt. Die Teilnahme am Gottesdienst ist
selbstverständlich, Luxus und aufwändige Kleider sind unmoralisch. Ein
praktisches Christentum
verwirklicht sich in christlicher Liebe und
Mildtätigkeit, Wissenschaft und Technik unterliegen ethischen Zielen und dienen
dem Wohl der Menschen.
1620 wurde Andreä Dekan in Calw,
dem damaligen wirtschaftlichen Zentrum in Württemberg. Die Stadt wurde nach der
Schlacht bei Nördlingen 1634 von kaiserlichen Truppen überfallen und geplündert;
Andreä sammelte in der Umgebung für die verarmte und hungernde Bevölkerung durch
Gründung der Christlichen Gottliebenden Gesellschaft
und reformierte das
Schulwesen. 1638 wurde Calw noch einmal verwüstet, Andreä flüchtete mit der
Bevölkerung in den Schwarzwald. Nach dem Rückzug der Truppen kehrten von den
4000 Einwohnern nur noch 1500 zurück, von ihnen starb die Hälfte während der
Pest, die nun ausgebrochen war.
1638 wurde Andreä in die württembergische Kirchenleitung berufen und zum Hofprediger ernannt. Das Land war nach den Schlachten des Dreißjährigen Krieges verwüstet, die Bevölkerung weitgehend verwildert, nur knapp ein Drittel der Pfarrerschaft war noch am Leben, eine Ausbildung von Theologen fand nicht mehr statt. Andreä stellte die Theologenausbildung im Tübinger Stift wieder her und baute das Schulwesen wieder auf, 1645 erließ er die Anordnung zur allgemeinen Schulpflicht in Württemberg - als erstem Land in Europa. Für die Gemeinden verfügte er die Einrichtung von Kirchengemeinderäten. In den zehn Jahren in Stuttgart hielt er über 1000 Predigten, davon 205 über den 1. Korintherbrief. Seine über 100 Schriften stellten ein umfassendes Reformprogramm für Kirche und Gesellschaft vor, er warb für die Einführung der modernen Fremdsprachen, der Naturwissenschaften und von Turnübungen an den Schulen. Aber er klagte auch über den Widerstand, der ihm von den geistlichen und weltlichen Machthabern bei seinen Bemühungen zur Verwirklichung eines christlichen Lebens und zur Durchsetzung einer Kirchenzucht entgegengebracht wurde; deshalb bat er 1646 um seinen Abschied vom kirchenleitenden Amt, welcher ihm 1650 gewährt wurde.
Bis zu seinem Tod leitete Andreä dann die Klosterschulen Adelberg und Bebenhausen. Andreäs Eintreten für ein praktischen Christentum, das alle Lebensbereiche umfasst, auch seine Sympathie für kleine mystische Gruppen führten dazu, dass er als einer der Väter des Pietismus in Württemberg gilt.
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Biographisch- Bibliographisches Kirchenlexikon
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