Hinweise zu Stadlers Heiligen-Lexikon
Abkürzungen
S. Willibrordus, Ep. Conf. (7. Nov. al. 3., 19. Oct.). Der Name dieses
gefeierten heiligen Bischofes wird auch Vilbrod, Willigbrodus (bei Molanus)
Wilbrod und Willebrord geschrieben, und bedeutet willig Brod
, d. i. eine stets
dem Herrn bereitwillige Opfergabe, oder besser
der Etymologie entsprechend gratum telum, grata cuspis, d. i. angenehmer
Wurfspieß
, treffliche Spitze
, wohl auch so viel als Gutmund
, d. i. beredt,
lateinisch gratus labiis, weßhalb er gewöhnlich den Beinamen Clemens, d. i. der
Milde, führt. Sein Ehrentitel heißt Apostel der Niederlande
(sogar Borealium
gentium Apostolus, am öftesten Fresonum) und bezeichnet am besten sein Wirken
und dessen Erfolg. Sein Geburtsort ist unbekannt, aber gewiß ist, daß er in
Northumberland gesucht werden muß; das Geburtsjahr ist 657 oder 658. Sein Vater,
der heil. Wilgis (Vulgisus), ein Kriegsmann aus
einer angesehenen angelsächsischen Familie, ergab sich im Alter ganz dem
beschaulichen Leben, und starb als Einsiedler an der Mündung des Humberflusses,
wo er zu Ehren des hl. Andreas ein Bethaus nebst
Kloster gebaut hatte, welchem der gelehrte Alcuin als
Oberer vorstand; seine Mutter Mena ist wahrscheinlich schon viel früher
gestorben. Als sie mit ihm guter Hoffnung ging, hatte sie ein Traumgesicht, das
ihr seine künftige Größe zu erkennen gab. Sie sah nämlich den Neumond klein und
sichelförmig allmählich wachsen bis er den vollen Glanz erreichte, worauf er in
ihren Mund einging und ihr ganzes Innere erleuchtete. Dieses Gesicht bestimmte
die frommen Eltern, den Knaben sogleich nach seiner Geburt dem Herrn und seiner
Kirche zu weihen. Der Grund zu seinem nachmaligen frommen und apostolischen
Leben wurde nach allem diesem schon im elterlichen Hause gelegt. Der hl. Wilfrid,
Abt des Klosters Rippon, wohin er (Alcuin cap. 3.) frühzeitig geschickt wurde,
ließ dem unschuldigen und gottesfürchtigen Knaben den ersten Unterricht in den
Wissenschaften ertheilen, und übergab ihn, nachdem er ihm zuvor das Kleid des
Benedictinerordens angelegt hatte, in seinem 20. Jahre zwei berühmten Lehrern
und Asceten, dem Abte Egbert, welchen man
schon zu Lebzeiten den Heiligen
nannte, und dem nicht weniger frommen Priester
Wigbert (beide stammten aus Britannien)
zu Rathmelsigi in Irland zur weitern Ausbildung. Um zu wissen, in welchem Geiste
diese geschehen ist, verweisen wir auf das Leben des hl. Wilfridus. Alles, was
er sah und hörte, erfüllte ihn mit dem Verlangen, die wahre Gottesfurcht in sich
selbst und Andern zu wecken und zu nähren. Mit 30 oder 31 Jahren empfing er, wo
und von wem ist unbekannt, die heil. Priesterweihe, und ging dann nach dem
Wunsche seiner Obern im J. 690 mit eilf Gefährten, unter welchen wahrscheinlich
der hl. Werenfridus, der hl. Adelbertus5
u. 10 und der hl. Suitbert
sich befanden, über des Meer nach Friesland, um den Friesländern das Evangelium
zu predigen. Dieses Volk bewohnte das ganze im Westen durch die Schelde, im
Osten durch die Ems begrenzte Land, sammt der ganzen Meeresküste von Dollart bis
zum heutigen Ostende, hatte aber weder Städte noch größere Ortschaften, und
nährte sich lediglich von Jagd und Fischfang. Zu Katwyk bei einer der
Rheinmündungen stiegen die Missionäre ans Land. Wie es scheint, hatten sie im
Vertrauen auf die allmächtige Hilfe Gottes die Reise ohne alle Geldmittel, in
vollkommener Armuth angetreten, so daß sie die Ueberfahrt nicht bezahlen konnten.
Daraus entstand die Sage, der hl. Willibrord sei von den Schiffsleuten
zurückgewiesen worden, aber dennoch wunderbar auf einem Steine über das Meer
gekommen. Wie Beda in seiner
Kirchengeschichte (V. 10.) berichtet, ließ er sich zuerst in Rom dem Papste
Sergius I. (vom J. 688-702) vorstellen, und bat ihn
um die nöthige Vollmacht. Mit derselben ausgerüstet, und mit Reliquien der
Heiligen beschenkt, betrat er im Vertrauen auf Gott um das J. 692 oder 693 sein
Missionsgebiet, in welchem sein hl. Lehrer, Bischof Wilfrid, ihm bereits im J.
617 unter dem Könige Algis nicht ohne Erfolg vorgearbeitet hatte. Jetzt aber war
eine Neigung, das Christenthum anzunehmen, nicht mehr vorhanden; im Gegentheil
fürchtete sowohl der neue König Radbodus als sein Volk, nach Annahme der
Religion der Franken von den fränkischen Königen, welche sie mit Recht als ihre
Feinde ansahen, unterjocht zu werden. Auch alle früheren und spätern Versuche,
die Friesen zu bekehren, stießen aus demselben Grunde auf großen Widerstand.
(Vgl. die Artikel Servatius, Amandus,
Eligius, Wilfridus,
Egbertus und Wigbertus.)
Der heil. Willibrordus, welcher aus Britannien kam, wurde mit weniger Mißtrauen
aufgenommen, und suchte zunächst den Landesfürsten für das Evangelium zu
gewinnen. Er begab sich zu diesem Ende zuerst nach dem (von Dagobert I.
angelegten) festen Orte Wiltaburg (Utrecht). Es war umsonst; der Heilige mußte
also wohl oder übel den Schutz und die Unterstützung des fränkischen Hofes zu
erlangen streben. Pipin von Heristall lag mit dem König Radbodus im Kriege, nach
dessen Besiegung er einen großen Theil des Landes dem fränkischen Reiche
einverleibte, und dem hl. Willibrordus und seinen Gefährten den fast zerstörten
Palast der fränkischen Könige in Utrecht zur Wohnung überließ, und außerdem
kräftigen Schutz versprach. Er wies den Missionären das Missionsgebiet an den
Flüssen Maas und Mosel, wo um das J. 698 Echternach (Epternach) an der Sauer
gegründet wurde, ihren Wirkungskreis an, und versprach Allen, welche das
Christenthum annehmen würden. große Vergünstigungen. Der hl. Willibrordus hatte
sich vorher (im J. 695) auf den Wunsch Pippins ein zweites Mal nach Rom begeben,
um die Bischofsweihe zu erlangen (22. Nov.), wobei er vom Papste den Namen
Clemens und das Pallium erhielt. Dann kehrte er nach einem Aufenthalte von nur
14 Tagen nach Friesland zurück und machte, nachdem die ersten Schwierigkeiten
überwunden waren, viele Bekehrungen. Das von ihm gegründete Seminar für
Heidenbekehrungen erzielte die schönsten Erfolge. Er erbaute eine Kirche zu
Ehren des heil. Erlösers, und bestimmte sie zur Kathedrale. Die von ihm früher
errichtete Capelle des hl. Kreuzes weihte er jetzt dem heil. Martinus.
Bei dieser Kirche errichtete er im Jahre 697 eine Schule für künftige Missionäre
und übergab sie Kanonikern, welche er zum gemeinschaftlichen Leben verpflichtete.
Bald fanden sich hier, wie der hl. Liudger_Ludger.htmLudger
erzählt, zahlreiche Schüler aus der Blüthe der umliegenden Völker ein. Die aus
England mit ihm gekommenen Mithelfer wirkten sowohl hier als in den auswärtigen
Missionen unter seiner Leitung. Der heilige Wernefried
z. B. predigte im Betuwenland und der heil. Adalbert
im Kennemerland in der Gegend von Egmond. Die Gründung der Abtei Echternach war
für sein Werk von der größten Bedeutung; es wurde zugleich ein Ruheplatz, ein
Zufluchtsort (die nächste Bestimmung war: ad excipiendos monachos peregrinos et
pauperes alendos), und eine Pflanzschule für die Missionäre, Seelsorger und
Glaubensboten, Handwerker und Künstler wurden hier unter der Leitung des
Heiligen herangezogen. Die Mönche trockneten Sümpfe und Moore aus, legten Wiesen,
Aecker und Weinberge an, und erhoben Echternach durch Einführung des
Sebastians-Markttages zum Mittelpunkte des Verkehrs,
selbst für entferntere Kreise. Besonders gesegnet war sein Wirken in den
Gegenden des linken Rheinufers, hauptsächlich im Düsselgau, wo er zu Riedera
(Reynaren, Rynharen) als Custos einer Peters- und Johanneskirche im Andenken
geblieben ist. Ebenso wird die Marienkirche in
Millingen (Niedermillingen) zu seinem Wirkungskreise gehört haben. (Rettb. K.-G.
Deutschl. II. 423.) In der Nähe von Flebur wird ein an der Sauer aufsteigender
Felsenriff von der Tradition als St. Willibrordpredigtstuhl bezeichnet. Zu
Witwerwiltz bewahrt ein wunderbar entstandener Willibrordusbrunnen sein Andenken.
Zu Cöln erhob der Heilige die Reliquien der hl. Cunera.
In der ganzen Mosel- Sauer- und Alzettgegend hat er Spuren seines Apostolates
hinterlassen. Dasselbe läßt sich von den deutschen Rheinlanden insbesondere von
Wardt, Hassum und Kellen, wo heute noch Willibrorduskirchen sind, behaupten. Zu
Trier hat er die St. Paulskirche geweiht, und
vielleicht nach dem Tode des heil. Ludwin (Leotwinus) als Bisthumsverweser
gearbeitet. Er ist auch Patron in Beul und Neuenahr. Ueberall wurden durch ihn
die Reste des heidnischen Aberglaubens, insbesondere die Verehrung der Felsen,
Quellen und Bäume, Hexen- und Zauberwesen verdrängt. Aus den Geschenken, welche
er für die Verbreitung des christlichen Glaubens erhielt, errichtete und weihte
er überall, wo es ihm zweckdienlich schien, Basiliken und Versammlungsorte der
Gläubigen, und stellte darin die kirchliche Ordnung auf, damit das Volk allzeit
wüßte, wo, wann und woher es das Geheimniß der Taufe, die Labung der
evangelischen Speise, das Heilmittel der Buße empfangen und die kirchlichen
Gebote erlernen könne. Alle seine Schüler starben vor ihm. Als solche werden
angegeben: Marchelmus, dem er schon als Knabe
Unterricht ertheilte (Sid. Brow. pag 39), ferner die beiden Ewalde,
Plechelmus, Otgerus u. A.
Hier müssen auch die beiden ersten Priester aus friesischem Stamme, das
Brüderpaar Wullibrat und Thiatbrat, besonders aber der heil. Ludgerus genannt
werden. Daß er bei Einweihung der Münsterkirche in Emmerich am 11. März d. J.
700 eine consecrirte heil. Hostie in den Reliquienschrein mit eingeschlossen
habe, ist nicht zu glauben. Die betreffende Inschrift ist dunkel, und darf in
keinem Falle so gedeutet werden. An Kirchenbauten werden ihm zugeschrieben: die
Marienkirche zu den Martyrern in Trier, oder da dieser Name erst seit dem J.
1198 vorkommt, St. Maria am Ufer (ad ripam). (Rettb. K.-G. Deutschl. I. 476).
Hier im Kloster Oerren gab er den Nonnen geweihtes Wasser gegen die Pest. Ebenso
baute er nach dem Plane der Marienkirche zu Aachen eine Muttergotteskirche in
Nymwegen. (Rettb. K.-G. Deutschl. II. 424.) In Greveldingen, welches
ursprünglich St. Willibrord hieß, wird ihm gleichfalls die Stiftung einer Kirche
zugeschrieben, ebenso scheint der Ortsname von Klemskerke (Clemenskirche) auf
seine Urheberschaft hinzuweisen. Ferner lesen wir, daß er zu Vlaardingen, heute
Slanenburg genannt, dann zu Kerkwerve, Velzen, Petten und Hyloo, wo sich ein St.
Willibrordsbrunnen befindet, Kirchen erbaut hat. Am letztern Orte litt er
nämlich einmal (Alcuin, cap. 15.) Mangel an trinkbarem Wasser; da füllte sich
auf sein Gebet eine Grube mit Wasser, welches seitdem nicht versiegt ist. Auch
in Würzburg und Erfurt entstanden Kirchen, die seiner Missionsthätigkeit
zugeschrieben wurden, und die Einweihung von ihm erhalten haben. Bei Ausübung
des evangelischen Predigtamtes kannte er keine Gefahr und keine Furcht. Als er
auf der seeländischen Insel Walchern (Walacria, Walachrum), dem Hauptsitze der
Anbetung des Heidengottes Odin (ad quod statuto tempore omnis congregabatur
populus, heißt es bei Mabillon), ein Götzenbild stürzte, verwundete ihn der
Wächter; sogleich wurde derselbe vom Teufel besessen und starb am dritten Tage,
während der Heilige keinen Schaden nahm. In der Folge wurde das Verhältniß
zwischen Pipin und Radbod so friedlich, daß er auch in dem noch unabhängigen
Friesland zu predigen unternahm, jedoch mit geringem oder wenigstens nicht
dauerndem Erfolge. Demungeachtet drang er, von apostolischem Eifer getrieben,
immer weiter nach Norden, bis über den Eiderfluß zu dem anderwärts unbekannten
dänischen Könige Ungundus (Ongentheow), von welchem Alcuin sagt, daß er
grausamer als ein wildes Thier und härter, denn jeglicher Stein war. Der
Widerstand, welchen dieser der Annahme des Christenthums entgegenstellte, war
für die Bekehrung des Landes ein unüberwindliches Hinderniß. Der hl.
Willibrordus mußte sich deßhalb begnügen, dreißig talentirte Knaben mit sich zu
nehmen, welche er im Christenthum unterrichtete und alsbald taufte, weil er
besorgte, daß einer oder der andere von ihnen auf dem Wege sterben oder ums
Leben gebracht werden könnte. Von da wurde er durch einen Sturm nach Fositesland
(Helgoland) (Alc. cap. 10.) verschlagen. Da der Heilige hier wagte, bei einer
heil. Quelle, aus der nicht anders als mit Stillschweigen zu schöpfen erlaubt
war, drei Männer zu laufen, wollte ihn der König hinrichten lassen. Allein das
drei Mal über ihn geworfene Loos fiel günstig. Nur einer aus seinen Begleitern
mußte sterben (daß nirgends dessen Name genannt ist, macht die Erzählung
zweifelhaft), die Uebrigen wurden unter hartem Tadel ihres Eingriffes in die
nationalen Heiligthümer aus Rücksicht auf Pipin entlassen. Nun begann der
Heilige die Städte, Flecken und Dörfer, in welchen er früher das Evangelium
verkündet hatte, neuerdings zu durchreisen, um die Neubekehrten zur
Standhaftigkeit im Glauben zu ermahnen, und der Kirche Gottes noch weitere
Bekenner zuzuführen, erbaute Kirchen, regelte den Gottesdienst, und ordnete den
Pfarrverband. Mitten in seinen apostolischen Arbeiten überraschte ihn im J. 704
der hl. Erzbischof Wilfrid mit einem Besuche, da er im Begriffe stand, nochmal
zur Vertheidigung seiner Rechte nach Rom zu reisen. Unermüdlich setzte der
Heilige seine Bekehrungsreisen fort. Sicher ist, daß er im ganzen ehemaligen
Toxandrien, ferner in Herzogenbusch und im Kempenland das Evangelium verkündet
hat. Die vielen Orte in Nordbrabant, in welchen er als Schutzheiliger verehrt
wird, und die Schenkungen, welche ihm dort gemacht wurden, beweisen, daß der
Heilige auch dort seine Hirtensorge an den Tag legte. Namentlich wird Antwerpen
als eine seiner Missionsstationen bezeichnet. Er stand hiebei mit dem heil.
Lambertus von Lüttich in beständigem
Verkehre, und empfand es schmerzlich, als derselbe im J. 708 als Opfer seines
Berufseifers starb. Im J. 711 hatte er durch die Königin Plectrudis
das Kloster Süstern (Suestura) gestiftet; es erhielt von Vipin im J. 714 freie
Abtwahl, unter der Oberhoheit unsers Heiligen. Das Vogteirecht über dasselbe
sollte seinem Sohne Grimoald und den Nachkommen
seines im J. 708 gestorbenen Sohnes Drogo für immer verbleiben. Seit dem J. 714,
als in Folge der Ermordung Grimoalds ein neuer Krieg zwischen den Franken und
Friesen ausbrach, scheint der Heilige von Echternach aus seine apostolischen
Wanderungen überallhin gemacht zu haben, wo Zeit und Umstände einigen Erfolg
verhießen. In diese Zeit, den Anfang des 8. Jahrh., fällt seine Missionsreife
nach Thüringen. Dort schenkte im J. 716 der Herzog Hedan (Hethan) II. dem
Heiligen sein Schloß zu Hammelburg unter der Bedingung, daß er dasselbe in ein
Kloster umwandle, nachdem er ihm früher schon bedeutende Schenkungen zugewendet
hatte. Kurz vor Pipins Tode war seinem Sohne Carl ein Kind geboren worden. Der
Heilige taufte es und prophezeite seine zukünftige Größe: Wisset
, sprach er zu
seinen Gefährten, daß dieses Kind dereinst ein großer und berühmter Mann,
größer als alle vorhergegangenen Frankenherzoge sein wird.
In der That wurde
dieses Kind, Pipin der Kleine, der Stammvater eines neuen Königsgeschlechtes. In
den J. 715 und 716 zerstörten die Friesen, die sich neuerdings gegen die Franken
erhoben hatten, viele christliche Kirchen, verjagten die Priester und stellten
die alte Götzenanbetung wieder her. Mitten in diesen Unruhen und
Blutvergießungen, im J. 716, kam der hl. Bonifacius,
damals noch Winfried genannt, zum ersten Male nach Friesland, hielt sich den
Sommer und einen Theil des Herbstes hindurch daselbst auf, und wagte es sogar,
sich dem Könige Radbod vorzustellen, und ihn um Frieden für die Kirche zu bitten.
Da er nichts ausrichtete, kehrte er mit seinen zwei Gefährten wieder nach
England zurück, und die Christenverfolgung dauerte fort. Aber im J. 717 sah sich
Radbod genöthigt, um Frieden zu bitten, und versprach, den Missionären Schutz zu
gewähren, und sich taufen zu lassen, starb aber noch in demselben Jahre, bevor
er diese Gnade erlangen konnte. Auch Carl Martell, welcher im übrigen die Kirche
und ihre Güter nicht schonte, ehrte den heil. Willibrordus und wendete ihm
vielfache Geschenke zu. Er entfaltete also in Friesland seine Thätigkeit aufs
neue, um die durch den Krieg angerichteten Schäden wieder zu verbessern. Jetzt
trat der heil. Bonifacius als Hilfsarbeiter an seine Seite. Letzterer war
nämlich wegen der kriegerischen Unruhen und der mit denselben verbundenen
Verwüstung von Kirchen und Klöstern in Sachsen und Thüringen hieher gedrängt
worden. An einen Zwiespalt zwischen diesen beiden Glaubenspredigern, von welchem
protestantische Schriftsteller aus dieser Ursache fabeln, kann schon aus dem
Grunde nicht gedacht werden, weil der heil. Bonifacius in einem Briefe an Papst
Stephan I. (sic!) die ausgezeichnete Reinheit und Heiligkeit
des heil.
Willibrordus rühmt (ep. S. Bonif. 105.). Das zeitweise eingegangene Bisthum
Utrecht wurde wieder hergestellt und der hl. Willibrordus von Carl Martell in
dasselbe eingeführt. Hier hielten beide Glaubensboten im J. 721 mit andern
Priestern und Bischöfen eine SynodeSynode (altgriech. für Zusammenkunft) bezeichnet eine Versammlung in kirchlichen Angelegenheiten.
In der alten Kirche wurden "Konzil" und "Synode" synonym gebraucht. In der römisch-katholischen Kirche sind Synoden Bischofsversammlungen zu bestimmten Themen, aber mit geringerem Rang als Konzile. In evangelischen Kirchen werden nur die altkirchlichen Versammlungen als Konzile, die neuzeitlichen Versammlungen als Synode bezeichnet.
zum Zwecke der Aussendung von Missionären
durch ganz Friesland. Die heidnischen Tempel sanken unter der 3jährigen Beihilfe
des hl. Bonifacius darnieder und es erhoben sich wieder christliche Kirchen und
Klosterschulen. Es wünschte deßhalb der heil. Willibrordus, daß der hl.
Bonifacius sein Coadjutor und Nachfolger werde. Dieser wies aber dieses
Anerbieten demüthig zurück, und begab sich, sobald er konnte, getreu seinem dem
Papste gegebenen Versprechen *, wieder in das westliche
Germanien. Der hl. Gottesmann entließ ihn mit Widerstreben **,
nachdem er ihm vorher seinen Segen ertheilt hatte, und stand seinem Bisthume
noch 15 Jahre vor. Im Jahre 726, als er eben die letzte Schenkung von Carl
Martell empfangen hatte, schrieb er, damit er nicht etwa unvorbereitet vom Tode
überrascht würde, sein Testament, in welchem er alle seine Güter, auch die in
Thüringen gelegenen, dem Kloster Echternach vermachte, wo er auch begraben zu
werden verlangte. Dasselbe beginnt: Im Namen Christi. Es ist nothwendig, daß
die Christen stets den Weg der Wahrheit kennen, auf welchem sie ihrem Schöpfer
auf würdige Weise durch ihre Verdienste zu gefallen vermögen, damit das Werk
ihrer Almosen und ihre Frömmigkeit ihnen zur Seligkeit gereiche.
(Diese dem
katholischen Glauben durchaus entsprechenden Eingangsworte wagt der in
protestantische Vorurtheile gänzlich verrannte Heber (S. 211) als demselben
entgegengesetzt zu bezeichnen, um unsern Heiligen zu einem Andersgläubigen
zu
stempeln und zeigt dadurch neuerdings, daß er die katholische Kirche und ihre
Lehre zwar gründlich haßt, aber nicht im mindesten kennt.) Im J. 727
unterzeichnete er noch die Stiftung von Murbach, es ist das letzte von ihm
vorhandene Schriftstück. Der hl. Willibrordus nützte auch die nachfolgende Zeit
aus so gut er konnte; er predigte, taufte und firmte und kam dann wieder nach
Echternach zurück, um sein eigenes Seelenheil in Sicherheit zu stellen. Als er
starb, war er 82 Jahre alt. Seine letzten Worte waren: Nun entlassest du, o
Herr, deinen Diener im Frieden!
Zu Echternach in der Nacht vom 6. auf den 7.
Nov. d. J. 739, wie nunmehr allgemein angenommen wird, schied er aus diesem
zeitlichen Leben. Kurz zusammengefaßt lautet seine Charakteristik (bei Alcuin)
also: Sein Aeußeres war angenehm und würdevoll; er war mild und allzeit heiter
im Umgange, weise im Rathe, unermüdlich in apostolischen Arbeiten, und zugleich
besorgt, die eigene Seele zu nähren und zu stärken durch Beten, Psalmensingen,
Wachen und Fasten.
Er wurde zu Echternach in seinem Oratorium bestattet. Von
den Wundern, mit welchen der Allmächtige die Heiligkeit seines Dieners
bekräftigte, schreibt Alcuin: Bis auf den heutigen Tag dauern die Zeichen und
Heilungen fort, welche durch Gottes barmherzige Einwirkung bei den Reliquien des
hl. Bischofes geschehen.
Daß aber die besondere Art, den Heiligen zu ehren und
seine Fürbitte anzurufen, von welcher unten die Rede sein wird, schon um diese
Zeit stattgefunden habe, oder bald hernach eingeführt worden sei, läßt sich
unserer Meinung nach nicht beweisen. Die Gebeine des hl. Willibrordus wurden
zwar an verschiedene Kirchen vertheilt, die meisten und größten Reliquien
besitzt aber immerhin noch Echternach. Bei der Erhebung am 19. Oct. des J. 1031
durch den Abt Humbert sah man den heil. Leib noch beinahe vollständig mit
unverletzter Kutte und Umgürtung (Cilicium); er war mit einem seidenen Mantel
bedeckt, der nach 300 Jahren noch gut erhalten war. Der hl. Leib wurde unter den
Hauptaltar der neu erbauten Basilica versetzt. Eine neue Besichtigung der
Reliquien wurde im J. 1498 durch den Abt Poßwin vorgenommen, um das Vorgeben,
dieselben seien in Utrecht, zum Schweigen zu bringen. Der Sarkophag wurde bei
dieser Gelegenheit auf eine erhöhte Stelle im Chore gesetzt, aber im J. 1624
durch den Abt Richardus wieder unter den Altar gebracht, um den Blick auf den
Hochaltar dem Volke frei zu machen. In der Nacht vom 6. bis 7. Nov. des J. 1794
wurde die herrliche Kirche sammt dem Grabe des Heiligen durch die Sansculotten
entweiht. Zwischen Glasscherben und Holzsplittern von den zerschlagenen Thüren
und Fenstern lagen die Gebeine des Apostels in der Kirche zerstreut. Was noch
gefunden wurde (Willibrord Meyer, ein frommer Priester aus Bendorf, war der
Muthige, der zu dieser Zeit die Kirche zu besuchen wagte), wurde im J. 1826 dem
damaligen Dechanten von Echternach, Mathias Croner, übergeben. Auch der marmorne
Sarg, worin die Reliquien geruht hatten, welcher in Privathände gekommen war,
und längere Zeit als Blumenkorb gedient hatte, wurde von diesem wieder erworben.
Er schloß die Reliquien mit den gehörigen Zeugnissen ihrer Autenticität in den
Sarg ein und stellte sie im J. 1828 unter den Hochaltar der Pfarrkirche zu
Echternach, wo sie sich jetzt noch befinden. Der Sarg ist wahrscheinlich
derselbe, in welchen der Leichnam zuerst war gelegt worden. Natürlich wurden bei
weitem nicht alle Reliquien wieder gefunden. Im J. 1862 wurden dieselben vom
apostolischen Vicariate von Luxemburg untersucht, für autentisch erklärt und
neuerdings in den Marmorsarg eingelegt und versiegelt. Von andern Reliquien
besaß Echternach einen Kelch, den er bei Verrichtung des heil. Meßopfers
gebrauchte, ferner das goldene Kreuz und den Hirtenstab des Heiligen. Zu Trier
wird sein Tragaltar (jetzt im Pfarrhause zu Unserer Lieben Frau) aufbewahrt. In
der Münsterkirche zu Emmerich befanden sich ehemals ein Stück von seinem Pallium,
ein Theil des Kleides, worin er 400 Jahre lang im Grabe gelegen, ferner die
Sandalen und ein Arm des Heiligen. In der Pfarrkirche zu Echternach befindet
sich auch das härene Bußkleid des Heiligen, welches früher Eigenthum der St.
Irminakirche zu Trier gewesen war. Paris
besitzt ein von dem hl. Bischofe gebrauchtes Evangelienbuch. Andere Orte, wohin
Reliquien des Heiligen gebracht wurden, sind: Westkapelle auf der Insel Walchern,
wo die Einwohner dieselben in den Krieg mitzunehmen pflegten; Aachen verehrt in
der St. Paulspfarrkirche eine Schädelreliquie des hl. Bischofes; desgleichen
befindet sich seit dem J. 1839 eine solche in der Kirche seines Namens in Haag;
ebenso befindet oder befand sich eine Partikel von seinen Gebeinen in der St.
Patrocluskirche zu Soest; eben daselbst
befindet sich der goldene Reliquienschrein des Heiligen (dermalen als Monstranz
benutzt) und nach seiner Inschrift zu schließen, vielleicht das älteste Denkmal
der Aufbewahrung des Allerheiligsten in einem Sacramentshäuschen (Tabernakel).
Die Verehrung des hl. Willibrordus von Seite des Volkes begann sogleich nach
seinem Hinscheiden. In Holland und Belgien, am Rheine und an der Mosel erhoben
sich ihm zu Ehren Kirchen und Kapellen, Altäre und Kreuze. Noch ehe das
Jahrhundert zu Ende war, war das St. Willibrordusgotteshaus
das Ziel einer
großen Wallfahrt. Bald fanden sich im Vorhofe des Klosters und der Kirche als
Zeichen geschehener Bitterhörung aufgehängt: eiserne Kelten, Hand- und
Fußschellen, Krücken, allerlei in Wachs geformte Glieder etc. Besonders wurde
seine Fürbitte gegen den schwarzen Tod
und den Veitstanz
angerufen. Im
Stifte zu Echternach wurden zu seiner Ehre folgende Tage festlich begangen: der
7. Nov., sein Sterbetag, wurde mit Octave begangen; 7. Aug. festivitas S.
Willibrordi, ein besonderes Dankfest zu Ehren des Heiligen, gleichfalls mit
Octave; 22. Nov. als Ordinationstag des Heiligen; 19. Oct. Uebertragungsfeier.
In einer Recension des Grevenus und Usuard von Cöln und Lübeck und bei
Canisius fanden ihn die Boll. auch zum 3. Oct.
verzeichnet. Seit undenklichen Zeiten wird am Pfingstdienstage zu seiner Ehre
die sog. Springprozession gehalten, eine höchst merkwürdige, in ihrer Art
einzige, dem Heiligen behufs Erlangung seiner Fürbitte um Befreiung von Nöthen
und Bedrängnissen des Leibes oder der Seele dargebrachte Huldigung. Die
Bittfahrtgänger versammeln sich auf der andern Seite der Sauer, die an
Echternach vorbeifließt, auf preußischem Boden. Nachdem der Priester auf einer
im Freien improvisirten Kanzel über Absicht und Zweck der Prozession eine kurze
Ansprache gehalten hat, nimmt dieselbe ihren Anfang. Der Klerus mit Kreuz und
Fahne schreitet voran, dann singt der Chor: Bitt für uns heil. Willibrord
und
gibt damit das Zeichen zum Aufbruche ***: Die Musik fällt
mit ihren rauschenden Tönen ein und spielt die herkömmliche Weise des
Willibrordustanzes, und siehe da: Alles regt sich und bewegt sich, Alles wogt
und wallt, Alles springt und hüpft und tanzt. Der Tanz ist ein cadenzirter
rythmischer Sprung nach den Klängen der Musik geordnet, fünf Schritte vorwärts
und wieder zwei zurück, oder drei vorwärts und einen rückwärts. Von weitem
erscheint dieses Aufhüpfen und Wimmeln der Mitspringer wie die Wellen und Wogen
eines lebendigen Meeres, oder wie das Aufwallen von siedendem Wasser in einem
großen Kessel. Tausenderlei Gefühle, die man nicht auszudrücken vermag,
durchkreuzen die Brust. Die Springer sind alle so ernst und so gesammelt, so
einfach und so züchtig. Man preist in seinem Innern Gott, der in unsern so
herzlosen und kaltsinnigen Zeiten noch solches Feuer in den Herzen unserer
Mitmenschen aufbewahrt hat. Die Thränen, die einem unwillkürlich über die Wangen
fließen, sind Thränen des Mitleides und der Begeisterung zugleich, und nicht
selten wird man wie vom nämlichen Feuereifer ergriffen und man schließt sich
springend und tanzend dem frommen Zuge an. Selbst die Gleichgiltigsten und die
Ungläubigen, die nur gekommen sind, sich an diesem veralteten, unzeitgemäßen
Schauspiele, wie sie sagen, zu weiden und darüber zu spotten, werden derart
ergriffen, daß ihnen Spott und Hohn auf den Lippen erstirbt. Nicht selten sieht
man sie verstohlen die Thränen abtrocknen, die das wieder erwachte bessere
Gefühl ihnen abgelockt hat. Schaaren von Jünglingen und Männern wechseln ab mit
Schaaren von Frauen und Jungfrauen, die in ihrer Familie einen Kranken haben,
und aus Mitleid für diesen Kranken Buße thun. Kein Leichtsinn, kein Mißton stört
die Ordnung. Nichts Unziemliches, nichts Anstössiges verletzt das keusche Auge.
Ueberall der größte Ernst, das tiefste Schweigen. Der Weg führt von der Brücke
die Sauergasse hindurch, die Bergstraße hinab über den Markt durch die
Krämergasse dem St. Willibrordsplatze zu, von wo sie wieder zum Markte einbiegt,
durch die Schulgasse nach der Pfarrkirche. An den Thüren der Häuser und an den
Ecken der Straße stehen Leute mit Wasser und Wein, um den müden Springern einen
kühlen Labetrunk zu reichen.
Bis in die Kirche hinein, und um den Hochaltar
dauert der Tanz, bis er auf dem Kirchhofe, wo das große hölzerne Kreuz noch
dreimal im Kreise umsprungen wird, nach mehr als zwei Stunden seinen Abschluß
findet. Es ist sehr zu bedauern, daß es unmöglich ist, die Zeit, wann diese
eigenthümliche Art der Wallfahrt aufgekommen ist, mit Sicherheit zu bestimmen,
weil die ältern Geschichtschreiber und Chronisten der Abtei darüber gänzlich
schweigen. Nur daß dieselbe um das J. 1450 bereits bestand, glaubt Krier mit
Sicherheit annehmen zu dürfen. Um diese Zeit wird das Gelöbniß zu dieser
Prozession gemacht worden sein. Wer Näheres erfahren will, den verweisen wir auf
die citirte gründliche Abhandlung von Krier, welcher schließlich zu dem
Ergebnisse kommt, daß die Springprozession ursprünglich eine Dank- und
Freudenäußerung gewesen ist. Auf Bildnissen findet sich der hl. Willibrord als
Bischof dargestellt, wie er ein Götzenbild zerschlägt, eln Weinfäßchen segnet,
mit dem Stabe eine Quelle hervorbringt, Wasser in Wein verwandelt, Trinkbecher
zu seinen Füßen; im Hintergrunde oder neben ihm ist die Abteikirche von
Echternach zu sehen, manchmal trägt er ein Kirchenmodell. Bei Alcuin (cap. 16-19)
werden zuletzt mehrere von ihm gewirkte Weinwunder erzählt. Einst begegneten ihm
zwölf Arme, welche großen Durst litten; er ließ Alle trinken, und nachdem sie
satt waren, war die Flasche noch voll des köstlichsten Weines. Auch in der
Gegend, wo jetzt Vlissingen liegt, hat er mit dem Weine in seiner Wanderflasche
Viele getränkt, und die Flasche dort hinterlassen. Es soll dieß der Grund sein,
weßhalb dieser Ort eine Flasche im Wappen trägt. Zum Schlusse sei noch die
neuere Literatur über den hl. Willibrordus kurz angegeben: Alberdingk-Thizin der
hl. Willibrord, Apostel der Niederlande (deutsch mit Zusätzen von L. Trost in
zwei Bänden Münster, 1863, vgl. historisch-polit. Bll., Jahrg. 1864. LII. 613
ff.; Engling, Apostolat des hl. W. im Lande der Luxemburger, Luxemburg, 1863;
Müllendorf, Leben des hl. Clemens W. mit Abbildungen, unter welchen das im J.
1003 gefertigte Altarbild, den hl. Bischof, die Springprozession und die
vierthürmige schöne Willibrordbasilika darstellend, besonders anzieht,
Regensburg, 1860, hier vielfach benützt; endlich die treffliche, bereits
angezogene historische Beschreibung der Springprozession von Krier.
* Nach Willibald, vita S. Bonif. cap. 6 sprach der hl. Bonifacius: Sine apostolicae sedis consultu et authenticae jussionis mandato tam praeclarae sublimitatis ordinem suspicere non audeo.
** Darüber schreibt nach dem Vorgange Ebrards der
gehässige Heber (S. 205): Von da gingen ihre Wege auseinander: Bonifacius
zog davon, den Rhein hinauf, Willebrord blieb am Unterrhein; er ahnte wohl
Schlimmes, aber schwerlich so viel, als bald hervortrat.
Dieses Schlimme
bestand darin, daß der Apostel der Deutschen von jetzt an als Bischof in Hessen
und Thüringen auftrat, unter Billigung desselben Carl Martells, der auch den hl.
Willibrordus in jeder Weise begünstigte. So werden noch in unsern Tagen alte
Vorurtheile am Leben erhalten.
*** Folgendes wörtlich nach Krier: die
Springprozession und die Wallfahrt zum Grabe des heil. Willibrord in Echternach.
Luxemburg, 1870.
Wir danken dem Herrn Verf. an diesem Orte für die gütige
Uebersendung seines verdienstvollen Werkchens.
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