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Ökumenisches Heiligenlexikon

Angela Merici

auch: von Brescia


Moretto da Brescia: Angela nach ihrem Tod, 1540, Bild im Speiseraum der Priester im Rektorat in Desenzano
Moretto da Brescia: Angela nach ihrem Tod, 1540, Bild im Speiseraum der Priester im Rektorat in Desenzano

Angela, Tochter des Bauern Giovanni Merici und seiner Frau aus angesehener Familie, wurde christlich erzogen. Im Alter von 17 Jahren musste sie den Tod des Vaters und wenig später auch der Mutter verkraften. Gemeinsam mit einer weiteren Schwester, die ebenfalls bald starb, wurde sie von einem Onkel in Salò am Gardasee erzogen; dort lernte sie das luxuriöse Leben der vornehmen Gesellschaft der Renaissance kennen, das ihr nicht gefiel. Sie trat deshalb dem Dritten Orden der Franziskaner bei und widmete sich vorrangig der Kindererziehung. Sie erkannte, wie ungebildet die Kinder ihrer Heimat aufwuchsen: Schulen gab es nicht, die Eltern waren unwissend und maßen einer gediegenen Ausbildung kein besonderes Gewicht bei. In ihrem Heimatort konnte sie zunächst einige Freundinnen überreden, zusammen mit ihr eine Art regelmäßige Schule zu organisieren. Ob ihres Erfolges lud man sie 1516 nach Brescia ein, um dort ähnliches zu versuchen. Mehr und mehr erkannte Angela, wie wichtig für das Wohlergehen der Familien und für eine zivilisierte Gesellschaft eine umfassende Bildung und Erziehung gerade der Frauen ist.

In Brescia lebte Angela weiterhin in strenger Askese. Bald schon sammelte sich um Angela eine Gruppe junger Männer und Frauen, deren geistiger Mittelpunkt sie wurde. 1524 unternahm sie eine Wallfahrt nach Palästina; unterwegs erblindete sie aus unerfindlichen Gründen, dennoch besuchte sie die Heiligen Stätten; am Ende ihres Aufenthaltes im Heiligen Land wich die Blindheit genauso unvermittelt, wie sie gekommen war. Wohl 1525 reiste sie als Wallfahrerin nach Rom und wurde in Privataudienz von Papst Clemens VII. empfangen. Ihre körperlichen Kräfte nahmen im Gegensatz zu ihrer geistigen Frische immer mehr ab. Die Gruppe der um sie gescharten Frauen wuchs, Angela sah die Notwendigkeit einer auch rechtlich abgesicherten Grundlage für ihre Gemeinschaft und verfasste eine Regel - die erste von einer Frau verfasste Regel für eine Frauengemeinschaft.

1535 rief Angela zusammen mit 28 Frauen die Compagnia di Sant' Orsola, die Gesellschaft der Heiligen Ursula ins Leben, benannt nach Ursula - eine Gemeinschaft von Frauen, die sich zwar ganz dem Dienst am Nächsten weihten und sich zu einem Leben im Geiste der Evangelischen Räte verpflichteten, aber nicht in klösterlicher Abgeschiedenheit wohnten. Ohne Gelübde und Klausur lebten sie in ihren Familien unter den Geboten der Ehelosigkeit, der Armut und des Gehorsams und waren damit das erste Säkularinstitut der Kirchengeschichte. 1535 bestätigte Papst Paul III. den Orden; der Bischof von Brescia, Kardinal Franz Cornaro, genehmigte 1536 die von Angela verfasste Ordensregel; Angela stand ihrem Orden ab 1537 als erste Oberin vor. Die neue Gemeinschaft fand großen Anklang, die Zahl der Mitglieder wuchs rasch, bei Angelas Tod war die Gemeinschaft in fast allen wichtigen Städten Norditaliens vertreten.

Angela verfasste die Ricordi, Merkschriften, und die Legati, das Vermächtnis, beide Traktate mit Anleitungen für Erzieherinnen. Glaubenspraxis und Pädagogik der Angela wirkten beispielgebend und machten sie zur gesuchten Ratgeberin und wichtigen kirchlichen Reformerin in ihrer Zeit. Angela starb in ihrem kleinen Zimmer an der Kirche St. Afra. in Brescia.

VideoZur Darstellung des Videos müssen Sie mit dem Internet verbunden sein über Angela und die Gründung ihres Ordens: Ursula - ein Modell für Angela und für uns

Wenige Jahre nach Angelas Tod wandelte sich die Gemeinschaft der Ursulinen in eine Klostergemeinschaft um. Die Ursulinen wurden neben den Jesuitenorden wichtig für die religiöse Erziehung und Bildung der Jugend in Europa und in Amerika. Über Bordeaux und Paris verbreiteten sich die Ursulinen in Flandern und Wallonien, in Deutschland und in Österreich-Ungarn sowie in Osteuropa, oft waren katholische Landesherren oder Ortsbischöfe die treibende Kraft für Neugündungen, da man die Erziehungstätigkeit der Ursulinen als wichtiges gegenreformatorisches Instrument erkannte; bald schon hatte der Orden mehr als 300 Niederlassungen.

Statue, 1978, in der Kirche des Klosters Calvarienberg in Ahrweiler
Statue, 1978, in der Kirche des Klosters Calvarienberg in Ahrweiler

Das erste deutsche Ursulinenkloster entstand 1639 in Köln. Jede Neugründung unterhielt eine Mädchenschule und ein Internat sowie eine kostenlose Elementarschule. Ende des 18. Jahrhunderts beeinträchtigten die Französische Revolution, dann die zunehmende Säkularisierung, ab 1871 in Deutschland der Kulturkampf die Arbeit, dennoch sind die Ursulinen noch heute der größte Frauenorden, der sich der Jugenderziehung und dem Unterricht widmet und der noch immer bedeutsam ist für die Frauenbildung in der katholischen Kirche.

Kanonisation: Am 30. April 1768 wurde Angela von Papst Clemens XIII. seliggesprochen; am 24. Mai 1807 sprach Papst Pius VII. die Ordensstifterin heilig.
Patronin von Desenzano del Garda

Worte des Heiligen

In ihren Ricordi, Merkschriften, gibt Angela den Oberinnen ihrer Ordensgemeinschaft Anweisungen, wie sie mit ihren Mitschwestern umgehen sollen. Mit beschwörenden Worten ruft sie zum Schluss ihre Gemeinschaft zur Wahrung der Einheit auf:
Bedenkt also, dass ihr sie [die Einheit] wert halten müsst wie einen kostbaren Schatz. Je höher ihr sie schätzt, desto mehr werdet ihr sie lieben, und je mehr ihr sie liebt, desto wachsamer wird eure Sorge für sie sein. Und es wird euch unmöglich sein, sie nicht Tag und Nacht alle und jede einzelne unauslöschlich im Herzen zu tragen, denn so handelt und wirkt die wahre Liebe. …
Verliert nicht den Mut und glaubt nicht, euer Wissen und Können reiche für diese einzigartige Aufgabe nicht aus. Habt Zuversicht und das feste Vertrauen auf Gott, dass er euch in allem helfen wird; betet zu ihm und demütigt euch unter Seine gewaltige Macht. Da Er euch dieses Werk anvertraut hat, wird Er euch auch gewiss die Kraft geben, es zu vollbringen, wenn nur ihr es an nichts fehlen lasst. Handelt, seid rührig und glaubt; müht euch und vertraut; ruft zu Ihm aus ganzem Herzen, und ihr werdet ganz sicher Wunderbares erleben, da Gott alles zum Lobe und Ruhme Seiner Herrlichkeit und zum Heile der Seelen lenken wird. …
Mit der letzten Kraft meiner Stimme bitte ich euch aus innerstem Herzen: Seid einig und einträchtig untereinander, alle ein Herz und ein Wollen. Lasst das Band der Liebe euch fest zusammenschließen. Schätzt einander, helft einander, ertragt einander in Jesus Christus. Wenn ihr euch darum bemüht, wird Gott, der Herr, gewiss in eurer Mitte sein. Die Gottesmutter, die Apostel, alle Heiligen, die Engel, der ganze Himmel und alle Geschöpfe der Erde werden euch lieben; denn Gott hat von Ewigkeit her angeordnet, dass die, die zu Seiner Ehre im Guten einträchtig verbunden sind, in allem gesegnet seien. Und was sie unternehmen, geht gut aus, denn sie stehen bei Gott selbst und all seiner Kreatur in Gunst.


Folgender Abschnitt aus den Ricordi gilt nicht nur für das Verhältnis der Vorgesetzten gegenüber ihren Mitschwestern, sondern auch für diese selbst im Umgang mit den ihnen zur Erziehung anvertrauten Mädchen:
Seid gütig und freundlich gegen eure lieben Töchter, und bemüht euch darum, dass nur die Liebe zu Gott und der Eifer für die Seelen euch bewegen, wenn ihr sie ermahnt, beratet, zum Guten ermuntert oder vom Bösen abhaltet. Denn durch liebreiche Freundlichkeit werdet ihr mehr erreichen als durch Härte und strengen Tadel, die man nur für eine wirkliche Notwendigkeit vorbehalten soll. Und selbst dann tadle man nie ohne Rücksicht auf Ort, Zeit und die jeweilige persönliche Eigenart. Nur die Liebe, die in allem auf die Ehre Gottes und das Heil der Seelen sieht, lehrt diese Unterscheidung und lenkt das Herz, jeweils dem Ort und der Zeit entsprechend mit mehr Milde oder Strenge zu verfahren, wie es gerade notwendig ist.

Zitate von Angela Merici:

Liebt eure jungen Töchter gleichmäßig; zieht nicht eine der anderen vor; denn alle sind Geschöpfe Gottes, und ihr wisst nicht, was er aus ihnen machen will.

Übt gegenüber jedermann Freundlichkeit und gebt vor allem Acht, dass eure Weisungen nicht unter Zwang erfüllt werden. Denn Gott hat einem jeden die Freiheit verliehen. Darum zwingt niemand, sondern gebt nur Hinweise, ruft und ratet!

Handeln, wie der Geist es eingibt.
Weitergeben, was Jesus lehrt.
Auf bewährten Wegen Neues wagen.

Quelle: K. Seibek-Royer: Die heilige Angela Merici - Gründerin des ersten weltlichen Säkularinstituts. Graz - Wien - Köln 1966, S. 133 - 143

zusammengestellt von Abt em. Dr. Emmeram Kränkl OSB,
Benediktinerabtei Schäftlarn,
für die Katholische SonntagsZeitung

  Eine informative Website in italienischer und englischer Sprache mit der Lebensgeschichte von Angela und einem Video auch in deutsch betreibt ihre Heimatstadt Desenzano.

Catholic Encyclopedia





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Autor: Joachim Schäfer - zuletzt aktualisiert am 22.10.2019

Quellen:
• Vera Schauber, Hanns Michael Schindler: Heilige und Patrone im Jahreslauf. Pattloch, München 2001
• Erhard Gorys: Lexikon der Heiligen. dtv, München 1997
• Hiltgard L. Keller: Reclams Lexikon der Heiligen und der biblischen Gestalten. Reclam, Ditzingen 1984
• Kapuzinerbuder Martin Steger, Antoniusblatt 1/2009, Meran
• Friedrich Wilhelm Bautz. In: Friedrich-Wilhelm Bautz (Hg.): Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. I, Hamm 1990
• Lexikon für Theologie und Kirche, begr. von Michael Buchberger. Hrsg. von Walter Kasper, 3., völlig neu bearb. Aufl., Bd. 1. Herder, Freiburg im Breisgau 1993
• http://de.radiovaticana.va/news/2015/02/15/aktenzeichen_angela_merici_%E2%80%93_475_todestag_/1122721

korrekt zitieren: Joachim Schäfer: Artikel
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet das Ökumenische Heiligenlexikon in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.info/1175439177 und http://d-nb.info/969828497 abrufbar.