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Anselm wurde als Sohn eines lombardischen Adligen geboren. Im Alter von 15 Jahren trat er in ein Kloster seiner Heimat ein. Nach dem Tod der Mutter kam es zu Spannungen mit dem Vater, Anselm lebte nun bei Verwandten in Burgund. Ab 1056 begab er sich auf Studienreisen durch Nordfrankreich und trat - nach einigem Zögern - 1060 in das von dem berühmten Lanfranc geleiteten Benediktinerkloster in Le Bec in der Normandie ein; dort wurde er 1063 als Nachfolger Lanfrancs Prior und Leiter der Klosterschule. Er machte die Schule und den Konvent zu einer bekannten Stätte der Gelehrsamkeit. Ziel der Bildung sei die sittliche Ertüchtigung des Menschen. Anselm sah die Gefahren einer nur auf Zucht und Strafe bedachten Erziehung, baute sexuelle Vorurteile ab und verwies auf die Bedeutung der Geduld und des liebenden Interesses des Erziehers und die Bedeutung einer personalen Bindung für das Bewusstsein der eigenen Verantwortung und Freiheit.
Hugo Pictor: Anselm im Pallium des Erzbischofs von Canterbury.
Initiale aus dem Monologion
, Schrifttum aus Jumièges,
spätes 11. Jahrhundert, in der Bibliothèque Municipale in Rouen
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Während dieser Jahre wuchs Anselms Ansehen aufgrund seiner Studien und seiner
Frömmigkeit. Die Mönche forderten ihn auf, die Meditationen aufzuschreiben, die
seinem Unterricht zugrunde lagen. Daraufhin verfasste er 1077 das Selbstgespräch
Monologion
, worin er - über den Einfluss des Augustinus
reflektierend - von Gott als dem höchsten aller Wesen spricht und die Attribute
Gottes untersucht. Ermutigt von diesem Erfolg fuhr er fort in den Bemühungen,
seinen Glauben verständlich zu machen, und vollendete 1078 die Gespräche
Proslogion
, den zweiten Teil dessen, was im 18. Jahrhundert als ontologischer
Gottesbeweis bekannt werden sollte.
Nachdem Lanfranc
zum Erzbischof von Canterbury
ernannt wurde, wurde Anselm 1079 zum Abt von Le
Bec gewählt. 1093 wurde Anselm - nach hinhaltendem Widerstand des englischen
Königs Wilhelm Rufus - als Nachfolger des vier Jahre zuvor gestorbenen Lanfranc
zum Erzbischof von Canterbury
berufen. Auch in England gab es dem deutschen Investiturstreit
vergleichbare Verhältnisse; Anselm war als Erzbischof von Canterbury zugleich
Primas der Kirche von England, die Wilhelm der Eroberer nach den Gebräuchen und
Gesetzen, die seine Väter und er selbst in der Normandie
gepflogen hatten
organisiert hatte: Bischöfe, Äbte und höheren Prälaten wurden vom König bestellt,
der Einfluss Roms war auch zur Zeit von Papst Gregor
VII. weitgehend ausgeschaltet. So kam es zu Auseinandersetzungen zwischen
Anselm, der von Papst Urban II.
unterstützt wurde, und König Wilhelm II, nachdem König Wilhelm Rufus auf der
Jagd von Unbekannten ermordet worden war. Anselm wurde 1097 gezwungen, England
zu verlassen.
Auch während des Exils in Italien führte Anselm ein Leben voller Konflikte
mit den weltlichen Machthabern. Er war der festen Überzeugung, dass die Kirche
sich als freie Braut
und nicht als hörige Magd
auf ihre Vollendung hin
ausrichten müsse. deshalb trieb Anselm auch die Kirchenreform durch die
Erneuerung des Klerus voran und ging auf Reformsynoden mit aller Schärfe, aber
wenig Erfolg, gegen die Priesterehe vor, die noch weit verbreitet war. Im Exil
schrieb er sein theologisches Hauptwerk Cur Deus Homo
, Warum Gott Mensch
wurde
, eine Studie über die Menschwerdung und Kreuzigung Christi
als Weg der Sühne für die Sünden der Welt. Die Sünde des Menschen ist so stark,
dass nur eine frei geleistete Genugtuung von unendlichem Wert Gottes Ehre
wiederherstellen kann, das aber vermag der Mensch als Sünder nicht, das konnte
also nur Gott selbst vollbringen und hat der Gott-Mensch Jesus Christus für uns
vollbracht.
Als Heinrich I. 1100 die Nachfolge des englischen Thrones antrat, konnte Anselm nach Canterbury zurückkehren. Kontroversen auch mit diesem König endeten für Anselm 1103 aber mit seiner erneuten Verbannung. Erst als sich König Heinrich I. und Papst Paschalis II. verständigten, konnte Anselm 1106 wieder zurückkehren und sich seinem Bistum und seinen Studien widmen.
Anselm war einer der größten mittelalterlichen Theologen mit weit reichendem
Einfluss, er gilt als Vater der => Scholastik
durch seine Betonung der Kraft
der Vernunft, bekannt in seinem Satz: Credo, ut intelligam
- Ich glaube, um
zu erkennen
. Der ontologischen Gottesbeweis
ist der denkerische Versuch, die Existenz Gottes damit aufzuweisen, dass der
Mensch in der Lage ist, überhaupt Gott zu denken. Anselm vertrat die Auffassung,
dass auch diejenigen, welche die Existenz Gottes anzweifeln, ein gewisses
Verständnis von dem, was sie anzweifeln, haben müssen. Der Definition nach ist
Gott das Wesen, das von nichts Größerem überragt werden kann, über den hinaus
nichts Größeres gedacht werden kann. Da jede Existenz
außerhalb des Geistes größer ist als innerhalb desselben, wäre es ein
Widerspruch, an der Existenz Gottes zu zweifeln, da der Zweifler davon ausgehen
würde, dass es etwas größeres gibt als ein Wesen, das von nichts denkbar
Größerem überragt werden kann. Folglich ergibt sich per Definition, dass Gott
notwendigerweise existiert. Nachdem also Gott schon durch seine Defintion nicht
anders als das Vollkommene
beschrieben werden kann, muss ein Gott existieren,
sonst wäre er ja nicht vollkommen.
Im ganzen Mittelalter bis in die frühe Neuzeit hatte Anselms Gottesbeweis
große Bedeutung. Der Hauptpunkt in der Kritik an Anselms Beweisführung ist die
Überlegung, dass man durch die bloße Definierung von etwas nicht auf dessen Existenz
außerhalb des Geistes schließen kann. Anselms Argumentation wurde sowohl von
einem seiner Zeitgenossen, dem Mönch Gaunilo von Marmoutier / Maursmünster,
angefochten, wie auch später von Thomas
von Aquin und dem Philosophen Immanuel Kant. Dennoch haben René Descartes,
== Baruch Spinoza, Gottfried
Leibniz und einige zeitgenössische Philosophen ähnliche Argumente
vorgebracht. Bei aller Wissenschaftlichkeit war Anselm ein zutiefst frommer
Mensch, ein Mystiker, dessen Gebete ebenso berühmt sind wie seine
philosophisch-theologischen Werke.
Der Törichte, der im Psalm 14, 1 spricht es gibt keinen Gott
, war für
Anselm nicht der Vertreter eines kämpferischen Atheismus; der Ungläubige - d.h.
für Anselm der Jude oder Muslim, für den die Menschwerdung Gottes ein Unding ist - ist
nicht einfach glaubenslos. Aber jede Form des Atheismus und des Unglaubens
fordert den Theologen, die Rationalität des Glaubens und des Dogmas
unwiderlegbar aufzuweisen.
Anselms Grab befindet sich in der Kathedrale von Canterbury.
Kanonisation:
1494 wurde Anselm heilig gesprochen und 1720 von Papst Clemens XI. zum
Kirchenlehrer ernannt.
Stadlers Vollständiges Heiligenlexikon
Online zu
lesen gibt es Anselms Schrift Warum
Gott Mensch geworden (Cur deus homo)
bei der Bibliothek Zeno.org.
Biographisch- Bibliographisches Kirchenlexikon
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