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Stefano di Giovanni Sassetta: Thomas, vom Heiligen Geist inspiriert (Detail),
1423, Museum der schönen Künste in Budapest ![]()
Thomas, geboren als Spross des italienischen Grafengeschlechts derer von
Aquino, kam mit fünf Jahren als Oblate
, als gottgeweihtes Kind, zu den
Benediktinern ins Kloster auf dem
benachbarten Montecassino,
wo sein Onkel Abt war, der ihn für eine große Karriere präparieren sollte. Mit
13 Jahren studierte Thomas in Neapel
Grammatik, Logik und Naturwissenschaften und lernte dort den noch jungen
Dominikanerorden kennen. Gegen den Willen
der Eltern trat er 1244 in diesen Orden ein. Um ihn von dieser Entscheidung
abzubringen, ließ seine Mutter ihn durch seine Brüder gefangen nehmen und hielt
ihn über ein Jahr lang im eigenen Schlossturm gefangen.
Thomas blieb unbeugsam. Die Familie beauftragte einer Überlieferung zufolge deshalb eine Frau von betörender Schönheit, um den hauseigenen Häftling endgültig von seinen Überzeugungen abzubringen und zu Sinnenfreuden zurückzuführen, doch selbst diese Methode schlug bei dem glaubensfesten Thomas nicht an: er jagte die Dame mit einer brennenden Fackel in die Flucht. Mit Hilfe einiger verkleideter Ordensbrüder soll ihm schließlich die Flucht aus dem Familiengefängnis gelungen sein.
Nach seiner Befreiung im Herbst 1245 folgten weitere Studien in Bologna, von wo ihn der Ordensmagister der Dominikaner nach Paris, zum Studium bei Albertus Magnus sandte; mit diesem ging er 1248 nach Köln. Dort wurde er dessen Assistent beim Aufbau des Studium generale und hielt erste Vorlesungen zu biblischen Themen. Mit philosophisch-theologischen Vorlesungen begann Thomas 1252 in Paris seine eigenverantwortliche Lehrtätigkeit. 1256 wurde er zum Magister der Theologie ernannt und 1257 - zugleich mit Johannes Bonaventura in den Magisterkreis aufgenommen.
Im Herbst 1259 kehrte Thomas nach Italien zurück, wohl erst nach Neapel,
nun begann er an seiner Summa contra gentiles
zu arbeiten, dem Lehrbuch gegen
die (ungläubigen) Völker
, in dem er sich tiefschürfend mit der arabischen
Philosophie auseinandersetzte. 1261 als Lektor im Dominikanerkloster
in Orvieto,
wo er einfach Mönche unterrichtete, beendete er diese Arbeit. Im
Auftrag von Papst Urban IV. stellte er hier auch die Catena aurea
, die
goldene Kette
zusammen, eine Sammlung von Kommentaren der Kirchenväter
zu den Evangelium, die dann weite Verbreitung fand. 1265 wurde er nach Rom
gerufen, um dort ein Studium für die Begabtesten der Studenten aufzubauen. Hier
begann er nun sein bekannteste Werk, die bis heute wegweisende Summa
theologiae
, das Lehrbuch der Theologie
.
Stefano di Giovanni Sassetta: Thomas vor dem Kreuz, 1423, Vatikanische Museen in
Rom
![]()
Die Arbeit daran setzte er ab 1268 wieder in Paris
fort, wo er einen Lehrstuhl der Dominikaner
übernahm. Hier hatte er Auseinandersetzungen mit konservativen Theologen, die
ihm zu große Nähe zum griechischen Denken von Aristoteles vorhielten; er
verteidigte sich auch mit seinen Kommentaren zu Aristoteles' Physik, Ethik und
Metaphysik. 1272 wurde Thomas wieder nach Neapel
gerufen, um dort ein Studium generale nach Kölner Vorbild einzurichten. Hier
verfasste er den dritten, unvollendet gebliebenen Teil der Summa theologiae
.
Thomas war der wohl größte katholische Theologe aller Zeiten. Er bemühte sich
in seinen Werken Glaube und Vernunft, Philosophie und Theologie zusammen zu
bringen. Bis zu Thomas stand die Theologie unter dem Einfluss der von Plato
beeinflussten Tradition des Augustinus;
Thomas ließ sich vom wiederentdeckten Philosophen Aristoteles beeindrucken und
versuchte, die christliche Lehre in seinen Denkkategorien auszudrücken. Thomas
wurde so zum Meister der Scholastik
, dem schulmäßigen und systematischen
Ordnen der Lehre der Kirche in einem strengen System. Er war ein glasklarer
Denker von höchster analytischer Intelligenz, zugleich aber auch ein frommer
Beter und demütig Glaubender. Sonne, Stern und Edelstein, mit denen er
dargestellt wird, symbolisieren sein Geisteslicht
, mit der er die Kirche
erleuchtete; die Taube aus seinem Mund oder ihm ins Ohr flüsternd symbolisiert
seine Weisheit. Die Legende schreibt ihm einen kurzen Dialog unter einem Kreuz
zu: Er habe die Stimme Jesu Christi
gehört: Du hast gut von mir geschrieben; welchen Lohn verlangst Du?
Darauf
Thomas: Nur Dich allein, Herr. Alles, was ich geschrieben habe, kommt mir wie
Spreu vor!
Andrea di Bonaiuto: Tod des Thomas Aquinas, um 1365 - 67 in der Spanischen
Kapelle
Santa Maria Novella in Florenz.
Thomas wird rechts und links von Tugenden begleitet; darunter 14 weibliche Gestalten,
die die Fächer der Theologie und der freien Künste
repräsentieren, zu ihren Füßen
jeweils ein Vertreter dieser Kunst, so sitzt Pythagoras zu Füßen der Arithmetik, Euclid vor
der Geometrie und Cicero vor der Rhetorik. ![]()
Für Thomas gibt es zwei Arten des Wissens: Das Wissen um die Grundlagen des
Lebens, das von Gott kommt, und das Wissen über die weltlichen Dinge, das wir
durch Anwendung unserer Vernunft erlangen. Glaube und Vernunft seien zwei
unterschiedliche Zugänge, beide aber dienten dem Finden der einen
Wahrheit. Mit Anselm von
Canterbury teilte er die Auffassung, die Existenz Gottes lasse sich auch mit
den Mitteln der Vernunft aufweisen. Aber: Das Heil des Menschen erfordert, dass
Gott ihm Wahrheiten eröffnet, die den Verstand übersteigen.
Denn Anselms größte
aller Vorstellungen
sei so groß, dass sie meine Vorstellungskraft übersteigt,
oder angesichts der Größe Gottes noch immer viel zu klein; mit menschlicher
Vorstellungskraft sei Gott nicht zu fassen. Thomas bewies
die Existenz Gottes
vielmaehr aus seiner Schöpfungskraft, er sei der unbewegte Beweger
, der am Anfang
aller Wirklichkeit und allen Seins stand. Auch dass Menschen ein Wissen über Gut
und Böse
haben, wurzelt in Gott. Seine berühmte Formel vom
Magddienst der Philosophie
sollte nicht Unterordnung der Philosophie, aber
ihren Ertrag für die Theologie deutlich machen. Aufgabe des Menschen ist, mit
Hilfe seiner Vernunft Gottes Willen zu erkennen und dann zu tun.
Außenkanzel an der Kirche S. Maria Nuova in Viterbo;
von hier predigte Thomas in den 1260er-Jahren den Menschenmassen ![]()
Mit seinem epochalen Werk legte Thomas die bis heute gültige Ausprägung
katholischer Theologie; Seine Ehrentitel Doctor angelicus
, engelgleicher
Lehrer, Doctor sanctus
, heiliger Lehrer
, Doctor communis
, Lehrer der
Gemeinschaft
und Doctor humanitatis
, Lehrer der Menschlichkeit
bezeugen die
große Wertschätzung; 1879 wurden seine Lehren zur offiziellen Philosophie der
katholischen Kirche erklärt. Thomas ließ sich aber auch ganz unbefangen ein auf
weltliche Fragestellungen, Impulse anderer Kulturen und Religionen, Anfragen von
Nicht-Glaubenden. Seine Kirche galt ihm als unfehlbare Führerin
, dennoch blieb
er auch ihr gegenüber vernunftgeleitet-kritisch: Die Autorität einer
Kirchenführung allein genüge nicht, wichtig seien Argumente, Gründe, die
Ergebnisse eines strengen und systematischen Denkens. Thomas hört zu, prüft,
nimmt an und verwirft. Er ist ein neuer Denker, ein selbständiger Denker
,
urteilte Walter Dirks.
Drei der von Thomas getexteten Lieder finden sich im katholischen Gesangbuch Gotteslob
:
Pange lingua
(GL 543), Lauda Sion salvatorem
in der deutschen Übersetzung
Lobe Zion, deinen Hirten
(GL 545) und Adoro te devote
in der deutschen
Übersetzung Gottheit tief verborgen
(GL 546).
Vittore Carpaccio: Thomas im Himmel zwischen Markus
und Ludwig von Toulouse,
1507, Staatsgalerie in Stuttgart
![]()
Ab dem Nikolaustag 1273 -
der Überlieferung nach auf Grund eines mystischen Erlebnisses - weigerte er sich,
weiter zu schreiben: Alles, was ich geschrieben habe, erscheint mir wie Spreu,
verglichen mit dem, was ich geschaut habe
.
Auf dem Weg zum 2. Konzil von Lyon, wohin ihn der Papst als Berater geladen hatte, starb Thomas in der Zisterzienserabtei Fossanuova; legendäre Gerüchte sprechen von Vergiftung. Er selbst hatte alle Würden immer abgelehnt, nach seinem Tod wurde er aber zum Bischof von Umbrien erklärt. Thomas' Gebeine wurden am 28. Januar 1369 nach Toulouse überführt.
Kanonisation:
Thomas wurde 1323 heilig gesprochen, 1567 zum Kirchenlehrer,
1880 zum Patron aller katholischen Hochschulen und seine Lehre, der Thomismus
,
1879 zur offiziellen Philosophie der Kirche erklärt.
Attribute:
Sonne, Stern, Edelstein, Taube
Patron
der katholischen Wissenschaft und der katholischen Schulen und Hochschulen, der
Theologen, Philosophen, Studenten, Buchhändler und Bleistiftfabrikanten, gegen
Blitz, Unwetter und Sturm, für Keuschheit und Reinheit
Stadlers Vollständiges Heiligenlexikon
Die
Summa Theologica gibt es in englischer Übersetzung im
Web bei New Advent, unser Link führt zur von Google erstellten Übersetzung
ins Deutsche.
Online zu
lesen gibt es Das
Seiende und das Wesen (De ente et essentia)
bei der Bibliothek Zeno.org.
Die
Summa
contra Gentiles gibt es im Web in englischer Übersetzung. Unser Link führt
zur von Google erstellten Übersetzung ins Deutsche.
Die
Catena aurea
ist in Auszügen auf Deutsch zugänglich in der Reihung der Leseordnung der
katholischen Kirche, wobei zu den Evangelien der Sonn- und Festtage des
Kirchenjahres jeweils eine Auswahl der in der Catena gebotenen Kommentierungen
zusammengestellt wurde.
Biographisch- Bibliographisches Kirchenlexikon
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