Die Überreste, latein.: reliquiae
, des verstorbenen Körpers oder auch der
Kleidung und anderer Gegenstände eines Verstorbenen werden von Gläubigen
verehrt, weil sie damit sein ehrendes Gedenken bewahren und zudem hoffen, an
seinen Wirkkräften Anteil und seinen Segen zu erhalten. Unterschieden werden
dabei Primärreliquien, das sind der verstorbene Körper oder Teile davon, und
Sekundärreliquien, das sind Gegenstände, mit denen der Verehrte oder sein
Lichnam Kontakt hatte.
Reliquien des Diakons und Märtyrers Festus, eines Gefährten von Bischof
Januarius von Neapel, im
Kloster Monte
Vergine ![]()
Das Vertrauen in die Wirkkraft von Reliquien kann sich schon auf das Zeugnis des Alten Testaments berufen: 2. Könige 13, 20 - 21 schildert, wie der Kontakt mit den Totengebeine des Propheten Elisa die Auferstehung eines Verstorbenen bewirkten.
Die erste im Christentum bekannte Verehrung galt den Reliquien des Polykarp
von Smyrna, sie galten als wertvoller als Gold und Edelsteine. Nach der
Vision aus Offenbarung 6, 9, die unter dem Altar die Seelen derer, die
hingeschlachtet wurden um des Wortes Gottes willen
erkannte, begann man dann,
die Gräber von Märtyrern zu öffnen, Reliquien zu erheben und sie unter dem Altar
einer Kirche zu bestatten; als erster im Westen tat dies Ambrosius
von Mailand. Im 6. / 7. Jahrhundert setzte sich im Frankenreich der Brauch
der Erhebung zur Ehre der Altäre
durch: der Sarg eines verehrten Verstorbenen oder Märtyrers wurde
hinter dem Altar etwas erhöht aufgestellt - ein Geschehen, das der späteren
Heiligsprechung gleichkam.
Die Verbindung von verehrtem Grab und Altar wurde schnell so verbreitet, dass es
bald keinen Altar ohne Reliquien mehr gab, die Verehrten wurden dann zu Patronen
der Kirche oder des Klosters. Bis heute empfiehlt das katholische Kirchenrecht
die Bergung von Reliquien in einem Altar.
Johannesschale
mit Geheimfach für Reliquien, 12. Jahrhundert, früher wohl bei
Prozessionen vorangetragen, im Domschatz in Naumburg
Zunehmend setzte sich - so bei Hrabanus
Maurus oder Einhard - durch, dass
nicht nur der ganze Leichnam, sondern auch seine einzelnen Teile als Reliquien
verehrt wurden. Das 4. Laterankonzil
verbot die direkte Zurschaustellung - die Überreste wurden nun in ein Behältnis - dem
Reliquiar
eingelegt, wobei der Inhalt oft durch die Form des Behältnisses
verdeutlicht wurde. Im späten Mittelalter nahm die Reliquienverehrung
großen Aufschwung. Knochen, Haare oder andere leibliche Überreste der Blutzeugen
wurden in möglichst kostbaren Reliquiaren aufbewahrt, verehrt und häufig zum
Mittelpunkt einer Wallfahrt. Wer es sich leisten konnte, scheute weder Mühen
noch Kosten, Reliquien als Unterpfand heiligen Beistands zu erwerben.
Neben der Muttermilch Mariens
wurden die Windeln Jesu
, Stroh aus der Krippe in Bethlehem
,
Tränen der Gottesmutter
oder der
Schneidezahn Johannes' des
Täufers
für horrende Summen feilgeboten. Kardinal Albrecht von Brandenburg
etwa trug im Laufe seines Lebens um 1500 über 30.000 Objekte zusammen, Friedrich
der Weise hatte eine großer Leidenschaft für die Anhäufung von Reliquien und
in Wittenberg
eine der größten Sammlungen seiner Zeit zusammen getragen, der Nürnberger
Bürger Nikolaus Muffel brachte es damals immerhin auf 308 Reliquien. Hinter
dieser Sammelleidenschaft stand die Überzeugung, dass der Anblick oder gar die
Berührung einer Reliquie Wunder wirken konnte. Zudem ließ sich der Besitz von
Reliquien in Ablassjahre umrechnen, Albrecht von Brandenburg durfte hoffen, mit
seinem Gnadenschatz 39.245.120 Jahre Ablass erworben zu haben. Hintergrund
dieses Reliquienkults war das schier unstillbares Bedürfnis nach Hilfe gegen
Existenzängste, Seelenqualen und physische Bedrohung.
Ausstellungseröffnung Der heilige Leib und die Leiber der Heiligen
mit Dr.
Matthias Kloft, Kirchenhistoriker und Pfarrer, 2007 im Ausstellungssaal des
Frankfurter
Dommuseums. Dr. Kloft spricht über die Bartholomäus-
und Lubentius-Reliquien.
Da der Heiligenkult immer immer üppigere und zweifelhaftere Blüten trieb,
wurde er als Abgötterei
zu einem wesentlichen Angriffspunkt der Reformation.
Für Martin Luther waren sie
tot Ding
; als 1524 die Gebeine des Benno
von Meissen erhoben wurden, verfasste Luther seine Schrift Wider den neuen
Abgott und alten Teufel, der zu Meißen
soll erhoben werden
; und als 1539 die Reformation in Sachsen eingeführt wurde,
wollte man Bennos Grab aufgebrechen und seine Gebeine in die Elbe werfen. Der
Bildersturm, besonders durch die Anhänger von Johannes
Calvin mit Vehemenz durchgeführt, erfasste auch die Reliquien. Das Konzil
von Trient bestätigte dann für die katholische Kirche die Verehrung von
Heiligen und Reliquien, wenn es auch versuchte, Missbrauch abzustellen. Die
Barockzeit brachte in der katholischen Kirche eine neue Blüte der Verehrung von
Heiligen und ihrer Reliquien.
Schon der Buddhismus und später auch der Islam kennen Reliquien, selbst atheistische Gruppen kennen solche Verehrung, wie der einbalsamierte Lenin an der Kreml-Mauer in Moskau erweist.
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