Gabriel, Michael
und Raphael sind die drei Engel, die
in der Bibel namentlich erwähnt werden und die in der katholischen Kirche als
Heilige verehrt werden. Für Augustinus
war der Begriff Engel
die Bezeichnung einer Aufgabe, nicht die eines Wesens.
Nach kirchlicher Lehre zeigt Gott in Engeln den Menschen seine Nähe.
Hubert und Jan van Eyck: Altartafel, 1427 - 1429, in der Kathedrale St. Bavo in
Gent
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Hubert und Jan van Eyck: Altartafel, 1426 - 1427, in der Kathedrale St. Bavo in
Gent
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Geflügelte Götter oder Dämonen gab es schon bei den Ägyptern, Babyloniern, Assyrern, Persern, Griechen und Römern. Bei den Babyloniern verteidigte ein geflügelter Gott den geordneten Kosmos gegen das Chaos - ein Motiv, das beim Erzengel Michael wieder auftaucht. Die geflügelte griechische Siegesgöttin Nike - römisch: Victoria - wurde häufig als Statue neben die des Herrschers gestellt; als Siegesboten kommen Engel häufig auch in der christlichen Kunst neben Christus oder Maria vor. Der griechische Gott Hermes - römisch: Merkur - sollte Reisende schützen und glückliche Gemeinschaft stiften und kommt damit der Funktion von Raphael nahe.
Das Alte Testament stellt sich das Umfeld Gottes oft als nach dem Bild eines
weltlichen Hofstaates vor; Gott ist umgeben von Dienern (Hiob 4, 18), auch als
Heilige
(Hiob 5, 1; Psalm 89, 6) oder Gottessöhne
(5. Mose 32, 8;
Ps 89, 6) bezeichnet. Die Cherubim
(Psalm 80, 2; Psalm 99, 1) stützen
Gottes Thron, bewegen seinen Wagen (Ezechiel 10), bewachen das Paradies (1. Mose 3,
24) und die Bundeslade (2. Mose 25, 18f; 1. Könige 6, 23 - 29). Die Seraphim
besingen Gottes Herrlichkeit (Jesaja 6, 3). Die himmlische Schar befolgt gehorsam
Gottes Weisungen (Psalm 103, 20), stellt die Verbindung zur Erde her (1. Mose 28,
12) und beschützt und trägt die Menschen (Psalm 91, 11 - 13). Auch Gott selbst
erscheint auf der Erde in Engelsgestalt, so vor Hagar
(1. Mose 16, 7 - 13), vor Abraham (1. Mose 22,
11 - 18), vor == Mose (2. Mose 3, 2ff) und auch vor dem ganzen Volk Israel (Richter 2,
1 - 4). In der nachexilischen Literatur wird klar unterschieden zwischen den guten
Himmelswesen und den Dämonen samt Satan (Sacharja 3, 1 - 2). In den apokolyptischen
Schriften erhalten sie schließlich Aufgaben und Namen nach ihrer
Funktion: Michael, dem höchsten aller Engel,
wird die Gemeinde anvertraut (Daniel 10, 13; Daniel 12, 1), Gabriel
dient als Botschafter (Daniel 8, 16; Daniel 9, 21ff) und Raphael
als Beschützer (Tobit 3, 17).
Das Neue Testament stellt sich in die Tradition mit seiner Anschauung vom
himmlischen Hofstaat aus Erzengel (1. Thesalonicherbrief 4, 16), Cherubim (Hebräerbrief
9, 5), Throne, Herrschaften, Mächte und Gewalten (Kolosserbrief 1, 16). Gabriel
verkündet Elisabeth und Maria
die Geburt ihrer Söhne (Lukasevangelium 1, 19 und 26); die himmlische Heerschar
verkündet den Hirten die Geburt des Herrn
(Lukasevangelium 2, 9 - 14), ein Engel den Frauen Christi
Auferstehung (Matthäusevangelium 28, 5 - 7), zwei Engel den Jüngern den Sinn
der Himmelfahrt Christi
(Apostelgeschichte 1, 10 - 11). Engel schützen die Armen und Bedrohten
(Matthäusevangelium 18, 10; Apostelgeschichte 12, 15) und geleiten sie
in den Himmel (Lukasevangelium 16, 22). Im Himmel singen die Engel das
Gotteslob (Johannesoffenbarung 4, 8 - 9). Sie tragen die Gebete der Heiligen
empor (Johannesoffenbarung 5, 8) und bekämpfen unter Führung von Michael
den Drachen, die alte Schlange, die auch Teufel oder Satan heißt
(Johannesoffenbarung 12, 7 - 9).
In den Anfängen der christlichen Kunst Mitte des 3. Jahrhunderts wurden Engel
noch ohne Flügel, stattdessen mit Buchrolle oder Botenstab, und als Männer - auch
mit Bart - dargestellt. Ende des 4. Jahrhunderts gab es erste Darstellungen
geflügelter Engel. Erst im ausgehenden Mittelalter tauchten die Putten
- lateinisch für kleiner Junge
- auf, die in Aussehen und Bewegung unbeschwert
wie kleine Kinder scheinen.
Der sich Dionysios der
Areopagite
nennende Schriftsteller des 6. Jahrhunderts entwickelte die
Lehre von Engeln, die in drei Kategorien einzuteilen seien: An oberster Stelle
Cherubim und Seraphim
, ausgestattet mit vielen Flügeln und Augen, die Gott
unmittelbar zur Seite stehen. Auf der zweiten Stufe stehen die Gewalten,
Herrschaften und Mächte
, darunter die Engel, Erzengel und Fürstentümer
.
Auch Thomas von Aquin teilte
die Engel in drei Hierarchien mit jeweils drei Chören ein:
• In der ersten Hierarchie - beauftragt mit dem Dienst am Throne
Gottes - sind die Seraphim
als die höchsten Engel, die Cherubim
und die
Throne
. Seraphim sind der Widerschein höchster Gottesliebe und beten Gott
ununterbrochen an; Cherubim bilden den Abglanz der göttlichen Weisheit; Throne
sind ein Aufleuchten der göttlichen Majestät.
• In der zweiten Hierarchie wird die Herrschaft Gottes im Universum
verwaltet durch die Herrschaften
, die Gewalten
und die Fürsten
. Die Chöre
der zweiten Hierarchie vergleicht Thomas mit den mittelalterlichen Fürsten, die
die Länder eines Königs verwalten; diese drei Chöre sind Verwalter im Auftrag
Gottes.
• In der dritten Hierarchie, die für den Dienst am Menschen
zuständig ist, finden sich die Mächte
, die Erzengel
und die Engel
.
Hildegard von Bingen ging ebenfalls von neun Chören und drei Gruppierungen aus, teilte aber der ersten Gruppe nur zwei, der zweiten fünf und der dritten wieder zwei Chöre zu. In diesem Schema 2 - 5 - 2 bildet die äußere Reihe einen Kranz um den mittleren Fünfer-Kranz. Die beiden äußeren Gruppen stehen im Dienst des Leibes und im Dienst der Seele, die mittleren fünf Chöre stehen für die fünf Sinne.
Das 4. Konzil im Lateran
formulierte 1215 die bis heute in der katholischen Kirche maßgebliche Auffassung:
Gott hat in seiner allmächtigen Kraft zu Anfang der Zeit in gleicher Weise
beide Ordnungen der Schöpfung aus dem Nichts geschaffen, die geistige und
körperliche, das heißt die Engelwelt und die irdische Welt und dann die
Menschenwelt, die gewissermaßen beide umfasst, da sie aus Geist und Körper
besteht. Denn der Teufel und die anderen bösen Geister sind von Gott ihrer
Natur nach gut geschaffen, aber sie sind durch sich selber schlecht geworden.
Auch für die Reformatoren, so Martin
Luther und Johannes Calvin,
war das Wirken von Engeln selbstverständlich; viele Kirchenlieder der Reformation
zeugen davon.
Im apokryphen alttestamentlichen Äthiopischen Henochbuch werden die Namen der
sieben heiligen Engel, die allzeit wachen
genannt: zuerst Uriel,
der über der Welt und dem Abgrund steht
, dann Raphael,
der den Menschengeistern vorsteht
, Raguel, der über der Lichtwelt wacht
,
Michael, der über das heilige Volk
Israel und über das Chaos gesetzt ist
, Sariel, der über die Geister, welche
die anderen Geister zur Sünde veranlassen
herrscht, Gabriel,
der dem Paradies, den Schlangen (den Seraphim) und den Cherubim
vorsteht,
schließlich Remiel bzw. Jeremiel, der als Engel der Auferstehung die Seelen der
Gerechten nach dem Tod bis zum Eingang ins Himmelreich behütet.
Die Verehrung von sieben Engeln wurde immer wieder praktiziert, von der Kirche aber immer abgelehnt. Im späten Mittelalter wurde der Engelkult von der sich ausdehnenden Heiligenverehrung zunehmend verdrängt. Im 15. Jahrhundert wollte der Mönch Amadeus Menez de Silva († 1482) eine Offenbarung mit sieben Erzengelnamen erhalten haben: Michael, Gabriel, Raphael, Uriel, Jehudiel, Barachiel und Sealtiel. Die katholische Kirche schritt gegen den Versuch, die sieben Engelfürsten unter diesen Namen zu verehren, ein; auch das Bestreben, wenigsten für Uriel eine kirchliche Anerkennung zu erreichen, schlug fehl; es blieb bei den drei biblischen Engeln.
1516 wurde in Palermo
eine Angelus
geweihte Kirche renoviert, dabei fand man ein Fresko, das sieben Erzengel vor
dem Thron Gottes und mit ihren Attributen zeigt sowie deren Aufgaben benennt:
Michael,
Satan unter den Füßen mit Palmzweig und Lanze mit Kreuzfahne in Händen, ist
Victoriosus
, der Sieghafte
; Gabriel
mit Laterne in der rechten und Spiegel in der linken Hand ist Nuncius
, der
Bote
; Raphael, in der linken Hand das
Salbgefäß, an der rechten den jungen Tobias,
ist Medicus
, der Arzt
; Uriel trägt
ein Schwert und drückt es an seine Brust, während unter seinem linken Fuß eine
Flamme züngelt, er ist Fortis Socius
, der starke Gefährte
; Jehudiel hat in
der einen Hand eine Krone, in der anderen eine Geißel und ist Remunerator
,
der Vergelter
; Barachiel trägt weiße Rosen im gerafften Gewand als Adjutor
,
der Helfer
; schließlich Sealthiel mit gefalteten Händen und gesenktem Haupt
als Orator
, der Fürbitter
. Das Fresko erregte großes Aufsehen, die Kirche
wurde nun den sieben Engelfürsten geweiht.
Pieter Bruegel, der Ältere: Fall der Engel, 1562, Musées Royaux des Beaux-Arts
in Brüssel
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Der Pfarrer von Palermo,
Antonio del Duca, konnte Papst Pius IV. dann bewegen, 1560 durch == Michelangelo
in Rom die Kirche S. Maria
degli Angeli zu Ehren der Gottesmutter und der
sieben Engel bauen zu lassen; über dem Altar dieser nun zweitgrößten Kirche von
Rom ist Maria mit den sieben Engeln nach dem Vorbild aus Palermo dargestellt; die
Engelnamen wurden ein Jahrhundert nach der Einweihung der Kirche getilgt, lassen
sich aber noch erschließen; ihre Aufgabenbeschreibung ist heute noch erhalten:
Michael ist bereit, um die Seelen in
Empfang zu nehmen
; Raphael ist
Begleiter der Wanderer
und sagt zu: ich heile die Kranken
; Jehudiel
verspricht: denen, die Gott loben, verleihe ich den Lohn
; Sealthiel zitiert
aus dem Dies irae
: Gebeugt flehe ich zu dir!
; Barachiel fleht: Helfer,
verlass uns nicht!
; Uriel zeigt an,
wie die Liebe flammt in Feuerglut
; Gabriel
verkündigt: Der Heilige Geist wird über dich kommen
.
Pietro Perugino: Gott und Engel, 1507 - 08, Stanza dell' Incendio di Borgo, im
Vatikanspalast
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Vor überzogenem Engelskult, der an Stelle der Orientierung an Jesus
Christus offenbar in der jungen Christengemeinde von Kolossä sich
ausgebreitet hatte, warnte Paulus:
Lasst euch durch niemand um euren Kampfpreis bringen, der sich gefällt in
scheinbarer Demut und Verehrung der Engel ... und der sich nicht hält an
das Haupt
(Kolosserbrief 2, 18 - 19).
Der Psychologe C. G. Jung beschreibt die Wirksamkeit von Engeln als
personifizierte Übermittler unbewusster Inhalte, die sich zu Wort melden
. Sie
geben dem Kind tiefere Geborgenheit, als Menschen dies vermögen, vermitteln
Schutz und beruhigen auch tiefsitzende Ängste. Ohne die Botschaft der Engel
fließe die Energie des Unbewussten in das Gebiet der Affektivität respektive in
die Triebsphäre ab. Daraus entstehen Affektausbrüche, Gereiztheit, Launen und
sexuelle Erregungen, wodurch das Bewusstsein gründlichst desorientiert zu werden
pflegt
. * Engel seien ein Stück der objektiven Psyche
,
eine Gegenposition zum subjektiven Ich
, die Ahnung vermitteln von Schönheit,
Güte, Weisheit und Gnade
**.
Die evangelische Pastoralpsychologin Ellen Stubbe hat im Anschluss an den
englischen Kinderanalytiker Donald Winnicott Engel als Übergangsobjekte und
Übergangsphänomene
in der Erlebniswelt des Kindes bezeichnet: zwischen der
Äußeren Umwelt und der inneren Gefühlswelt werde somit Überwindung von Ängsten
und schwierigen Gefühlen und das Vertrauen auf Sicherheit und Geborgenheit
möglich. *** Wenn innerer oder Äußerer Zerfall drohe,
könnten sie das brüchige Ich zusammenhalten. Engel wirken zum einen in einer
Hilfestellung zum Aufbau eines Selbst, zum anderen in der Bewahrung eines
vorhandenen Selbst.
****
Es müssen nicht
Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein,
|
* C. G. Jung: Gesammelte Werke, Bd. 11. Zürich 1963, S. 91
** C. G. Jung: Gesammelte Werke, Bd. 13. Olten 1978, S. 660
*** Ellen Stubbe: Die Wirklichkeit der Engel in Literatur, Kunst und Religion. Münster 1995, S. 61
**** ebd, S. 276 und 263
Einen
guten Überblick über die katholische Diskussion zum Thema Engel
- Geheimnisvolle Wesen
gibt der Vortrag von Robert Schmäing bei der
Karl-Leisner-Jugend. *****
***** Der genannte Link kann meines Erachtens
NICHT als guter Überblick der katholischen Diskussion bezeichnet werden.
a) Die Sichtweise in diesem Artikel stellt eine einseitige Theologie dar,
die einer traditionalistischen Sicht der Neu-Scholastik folgt.
b) Es werden KEINE neueren anthropologischen oder symbol-theoretischen
Überlegungen aufgegriffen, leider findet sich keine Einordnung in größere
(sakramental-theologische, ekklesiologische, sotheriologische ...) Zusammenhänge.
c) Der Artikel vertritt eine abwertende Haltung gegenüber
Naturwissenschaften und Philosophie. Ich empfinde diese Haltung als Verweigerung,
die eigenen traditionellen Formulierungen zu reflektieren und zu relativieren.
d) Die Haltung gegenüber dem Judentum scheint mir sehr bedenklich und nahe
einem indirekten Antijudaismus. Die einzige Erwähnung des Judentums geschieht im
Zusammenhang mit zeitbedingten Anschauungen über Naturgeister
, die als
außerbiblisch
und daher selbstverständlich als unbedeutend abgetan werden.
e) Es fehlt ein Verständnis der Bibel als lebendig gewachsenes Sammelwerk
unterschiedlicher Sichtweisen. Biblische Erzählungen können keineswegs wörtlich
fertige Glaubenswahrheiten
vorgeben, sondern sie bedürfen der ständig sich
weiterentwickelnden Interpretation in jeweils neuen Zeiten und Gesellschaften.
Ja - der Artikel stellt eine gute Übersicht über traditionalistische
(meinetwegen traditionelle
) katholische Sichtweisen von Engeln
dar, wie sie
sich in frommen Predigten und auch in vielen lehramtlichen Texten finden. Dafür
bringt der Artikel eine gute Übersicht.
Aber - leider gibt der Artikel KEINE Hilfestellung, diese etwas
oberflächlichen, wörtlichen Verständnisweisen mit Hilfe moderner Theologie zu
überwinden und zu vertiefen, also sinnvoll und verantwortlich zu deuten und zu
einer reifen Religiosität zu integrieren. Was in diesem Artikel vertreten wird,
scheint mir in diesem Sinn leider nicht sehr hilfreich zu sein.
Stephan Dober über E-Mail, 3. November 2007
und 17. Dezember 2007
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