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Ökumenisches Heiligenlexikon

Coelestin V.

Taufname: Pietro Angelerio


Gemälde aus Frankreich: Cölestin V. wird zum Papst gekrönt, 16. Jahrhundert
Gemälde aus Frankreich: Coelestin V. wird zum Papst gekrönt, 16. Jahrhundert

Mit zwölf Jahren trat der ohne Schulbildung aufgewachsene Bauernsohn Pietro Angelerio ins Benediktinerkloster Santa Maria di Faifoli in Montagno bei Campobasso ein. Schon 1231 beschloss er, ein Leben als Einsiedler zu führen; ab 1235 lebte er im Morrone-Gebirge bei Sulmona, nun nannte er sich Pietro de Morrone. Viele Gleichgesinnte folgten ihm und bildeten die Urzelle des Coelestinerordens, den Pietro nach dem Vorbild der Zisterzienser organisierte und der seinen Hauptsitz in den Klöstern S. Spirito im Majella-Gebirge bei Sulmona und in S. Spirito in Sulmona hatte. Pietro erwies sich als fähiger Leiter der Gemeinschaft und erwirkte viele Schenkungen, er erbaute eine Kirche, wurde Abt weiterer Klöster und gab seinem Orden eine straffe Organisation; der Orden breitete sich aus bis nach Rom und Apulien.

Trotz seiner Popularität - von mehreren wunderbaren Heilungen wird berichtet - blieb Pietro ein unpolitischer, einfacher Bauernsohn mit starkem Hang zum Mystizismus. 1286 verzichtete er auf die Würden als Abt und Prior und lebte wieder als einfacher Eremit; dennoch hatte sich sein Ruf der Heiligkeit und des wirkungsvollen Organisators in der vatikanischen KurieAls römische Kurie (von lateinisch curare = „pflegen, sich kümmern”) werden seit dem 11. Jahrhundert die Leitungs- und Verwaltungsorgane der katholischen Weltkirche in Rom genannt. Die Kurie ist für die Gesamtkirche zuständig, nicht für die Regierung des Staates Vatikan. und am Königshof in Neapel verbreitet.

Noch während seiner Zeit als Einsiedler wurde Pietro am 5. Juli 1294 in Perugia auf Betreiben von König Karl II. von Neapel als fast 80-jähriger zum Papst gewählt; seine Wahl beendete harte Auseinandersetzungen im nur zwölfköpfigen Kardinalskollegium und eine zweijährige Vakatur. Als ihn die Nachricht von der Wahl erreichte, wollte er mit einem Mönchsbruder in die Wildnis fliehen. Ich schaffe es nicht, mich selbst zu retten; wie soll ich da die ganze Welt retten?, soll er ausgerufen haben. Doch seine Anhänger umlagerten seine Zelle und überzeugten ihn: es sei eine Todsünde, die Wahl auszuschlagen. Am 28. Juli 1294 zog Pietro - dem Beispiel Jesu Christi folgend - auf einem Esel in L'Aquila ein, wo er gekrönt und geweiht wurde. Viele in der Menschenmenge meinten, die Wiederkunft Christi zu erleben - oder zumindest den Einzug des Engelpapstes: dieser sollte nach den Verheißungen des Joachim von Fiore das Zeitalter des Heiligen Geistes einleiten und die Kirche in eine Epoche der Ruhe und des Glücks führen.

Doch Coelestin besaß keinerlei Erfahrungen auf dem Gebiet der Verwaltung der KurieAls römische Kurie (von lateinisch curare = „pflegen, sich kümmern”) werden seit dem 11. Jahrhundert die Leitungs- und Verwaltungsorgane der katholischen Weltkirche in Rom genannt. Die Kurie ist für die Gesamtkirche zuständig, nicht für die Regierung des Staates Vatikan. und ließ sich seine Politik schon bald von Karl II. von Neapel diktieren. Unter dessen Druck musste er im Oktober 1294 seinen Amtssitz nach Neapel verlegen. Auch Coelestin war wohl durch Joachim von Fiores Einteilung der Zeitalter beeinflusst: im September 1294 ernannte er zwölf neue Kardinäle und unter ihnen viele Mönche - möglicherweise wollte er das verheißene Zeitalter des Heiligen Geistes und mönchischen Lebens einleiten. Gleichzeitig breitete sich in der Kirchenleitung Chaos und Korruption aus. Coelestin bemerkte, dass es ihm nicht gelingen würde, die Kirche selbst zu führen. Sein Entschluss zur Abdankung wurde wohl auch durch Kardinal Benedikt Caëtani gefördert, der die Abdankungsurkunde verfasste - und als Papst Bonifatius VIII. schon nach elf Tagen Vakanz Coelestins Nachfolger wurde. Das Volk war entsetzt, als es von der Absicht des Kirchenfürsten erfuhr, sein Amt niederzulegen; vor dem päpstlichen Quartier versammelte sich eine Menschenmenge, die die Demission verhindern wollte. Coelestin verzichtete auf die Abdankung, aber sieben Tage später, am 13. Dezember 1294, war es soweit: Nachdem er die Frage nach der Möglichkeit einer Abdankung durch Erlass einer Konstitution darüber selbst beantwortet hatte, legte Coelestin vor dem Kardinalskollegium in Neapel die päpstlichen Insignien nieder, zog die prunkvollen Gewänder aus und streifte wieder seine Mönchskutte über.

Bonifatius VIII. wollte den Abgedankten unter Aufsicht haben, der aber floh auf dem Weg von Neapel nach Rom erst in seine alte Mönchszelle bei Sulmona, dann nach Apulien, von wo aus er nach Griechenland fliehen wollte; dort wurde er gefasst, gefangen genommen und im Juni 1295 zum neuen Papst nach Anagni gebracht. Um zu verhindern, dass die Anhänger Coelestins ein Schisma auslösten, hielt Bonifatius ihn bis ans Lebensende in der Festung Castello di Fumone bei Rom gefangen.

Seine Mitbrüder, die Coelestin als Engelgleichen verehrten, Teile des Franziskanerordens und die französischen Gegner von Papst Bonifatius VIII. betrieben die rasche Heiligsprechung, die durch Papst Clemens V. 1313 in Avignon vorgenommen wurde. Die Reliquien Cölestins werden in der Basilika Santa Maria di Collemaggio in L'Aquila verehrt; der Sarg ist nun aus Panzerglas, nachdem Unbekannte die Gebeine 1988 gestohlen hatten. Der Schrein wurde nach dem Erdbeben von 2009, bei dem die Basilika zerstört wurde, der Schrein aber unversehrt aus den Trümmern geborgen werden konnte, in die Krypta der Kathedrale in Sulmona übertragen. Traditionell wird in L'Aquila am 28. August ein großes Stadtfest zur Erinnerung an Coelestins Papstweihe gefeiert, verbunden mit einem Sündenerlass.

Den Cölestinerorden gliederte Papst Gregor X. 1275 in den Benediktinerorden ein. 1785 schloss das letzte Coelestinerkloster seine Pforten.

Coelestin war - bis zum Rücktritt von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2013 - der einzige Papst der Kirchengeschichte, der auf eigenen Entschluss auf das Amt verzichtete. * Manche Interpreten halten ihn für einen heiligen Narren nach dem Urbild der Narren um Christi willen, andere loben sein Beispiel als das eines Kirchenfürsten ohne Machtambitionen, manche verbinden mit dem Engelpapst Endzeit-Spekulationen. Dante, der italienische Dichterfürst, verdammte den Coelestin ob seines feigen Verzichts in die Hölle.

Kanonisation: Schon am 5. Mai 1313 erfolgte Coelestins Heiligsprechung durch Papst Clemens V.
Patron von L'Aquila; der Buchbinder

Wortlaut der Demission von Coelestin V.

Bullen von Coelestin gibt es online zu lesen in den Documenta Catholica Omnia.

* In der Kirchengeschichtsforschung wird die Zahl der zurückgetretenen Päpste gelegentlich auf bis zu 10 geschätzt, wirklich belegbar ist aber nur der Amtsverzicht von Coelestin. Gregor XII. trat 1415 als Folge der Auseinandersetzungen um die Gegenpäpste jener Zeit auf dem Konstanzer Konzil auf Druck seiner Gegner zurück.

Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon



Autor: Joachim Schäfer - zuletzt aktualisiert am 12.11.2014
korrekt zitieren:
Joachim Schäfer: Artikel

Quellen:
• Vera Schauber, Hanns Michael Schindler: Heilige und Patrone im Jahreslauf. Pattloch, München 2001
• Karl Heussi: Kompendium der Kirchengeschichte. Tübingen, 1976
• Michael Trauthig: Der Engelpapst dankt ab. Stuttgarter Zeitung, 29. Januar 2000
• http://www.tagesspiegel.de/kultur/L-Aquila;art772,2774284
• Newsletter von Radio Vatikan – 28. April 2009
• Lexikon für Theologie und Kirche, begr. von Michael Buchberger. Hrsg. von Walter Kasper, 3., völlig neu bearb. Aufl. Bd. 2. Herder, Freiburg im Breisgau 1994
• http://de.wikipedia.org/wiki/Santa_Maria_di_Collemaggio