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Gerhard Tersteegen * 
Gerhard Tersteegen wurde als siebtes von acht Kindern in einem von
reformierter Frömmigkeit geprägtem Elternhaus geboren. Damals war die Erinnerung
an die schrecklichen Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges noch lebendig. Als
zwei Jahre nach seiner Geburt der Spanische Erbfolgekrieg begann, kam von neuem
Morden und Sterben über die Völker in Europa. Wenn Tersteegen immer wieder dazu
riet, der Bilder alle zu vergessen
, hatte er gewiss diese Situation vor Augen:
seine Absage an die Welt war wohl zuerst eine Absage an die Welt des Krieges.
Als Tersteegen sechs Jahre alt war, starb sein Vater. Gerhard besuchte die
Lateinschule, der Unterricht bestand aus Griechisch, Hebräisch, Latein und
täglich vier Stunden Katechismuskunde; aus finanziellen Gründen war dem begabten
Jungen ein Studium nicht möglich. Als Sechzehnjähriger ging er nach Mülheim
zu seinem ebenso erfolgreichen wie brutalen Schwager in die Kaufmannslehre,
versuchte dann zwei Jahre lang ein eigenes Geschäft zu betreiben. Tersteegen
machte die Bekanntschaft Erweckter, die ihm Schriften der Mystiker nahebrachten,
auch die von Thomas
von Kempen. Er war davon so beeindruckt, dass er das Gelesene ins Deutsche
übersetzte. Er und sein Mitarbeiter arbeiteten von morgens 6 bis 11 Uhr,
hierauf sonderten sie sich ein Stündchen ab, um dem Gebet zu obliegen
, von 13
bis 18 Uhr setzten sie die Arbeit fort und verwendeten abermals ein Stündchen
zur Absonderung und zum Gebet.
1719 stieg er aus dem ungeliebten Beruf als Kaufmann aus und wurde
Seidenbandweber - ein Hungerleiderberuf mit viel Arbeit in verkrümmter Haltung
vor dem Webstuhl. Er lebte nun zurückgezogen und Ärmlich, hatte aber endlich
Zeit, sich mit seinen geliebten Büchern zu beschäftigen. Am Gründonnerstag
1724 hatte er sein Bekehrungserlebnis, das seine dunklen Jahre
beendete. Mit
seinem eigenen Blut hielt er seine Verschreibung
fest: Meinem Jesus!
Ich verschreibe mich dir, meinem einzigen Heiland ... zu deinem völligen und
ewigen Eigentum. Ich entsage von Herzen allem Recht und aller Macht über mich
selbst. Von diesem Abend an sei dir mein Herz und meine ganze Liebe auf ewig zum
schuldigen Dank ergeben und aufgeopfert. ... Befehle, herrsche und regiere in
mir!
Vier Jahre später machte Tersteegen mit 31 Jahren mit seiner bürgerlichen
Existenz endgültig Schluss; er gab seinen Beruf auf, lebte Äußerst bescheiden in
einer einfachen Hütte und wirkte als Prediger in der protestantischen
Erweckungsbewegung. Er legte in Scheunen und Schuppen die Bibel aus; in seinem
ganzen Leben stieg er nur einmal auf eine Kanzel, bei den Mennoniten in Krefeld,
denn den Pastoren der Evangelischen Landeskirche war der seltsame Wanderprediger
unheimlich: sie beschwerten sich bei der Kirchenleitung über ihn und wollten ihn
loswerden, aber das Konsistorium hatte an seiner Lehre nichts auszusetzen.
Abends studierte und übersetzte Tersteegen nun erbauliche Bücher, schrieb 24
Biografien von großen Christen, die allesamt katholisch waren, darunter von Franziskus
von Assisi und Teresa von
Ávila. Im Kurzen Bericht von der Mystik
erfahren wir, wie wir uns sein
Leben vorstellen können: Mystiker reden wenig, sie tun und sie leiden vieles,
sie verleugnen alles, sie beten ohne Unterlass, der geheime Umgang mit Gott ist
ihr ganzes Geheimnis.
Tersteegens Predigten richteten viele Menschen auf; die Zahl seiner Briefe
geht in die Tausende. Er besuchte auf vielen Reisen die Menschen, und er wurde
zu Hause in seiner Pilgerhütte
von ihnen besucht; oft war er von mehr als
dreißig bekümmerten Seelen auf einmal umringt. Er ermutigte Zweifelnde, stärkte
Zaghafte, gab Nahrungsmittel, die man ihm schenkte, an Arme weiter, wirkte als
Laienarzt und verteilte an Bedürftige Heilmittel, die er eigens mixte. 1729
veröffentlichte er unter dem Titel Geistliches Blumengärtlein inniger Seelen
Lieder, die zum Teil noch heute Gemeingut in evangelischen Gemeinden sind; 111
von ihm gedichtete geistliche Lieder sind uns überliefert. Vier Jahrzehnte lang
bis zu seinem Tod lebte er seinen Glauben mit all der Inbrunst, die seine
schwache Gesundheit erlaubte.
Tersteegens Schriften wurden weit verbreitet. Friedrich der Große lud auf
einer Reise an den Niederrhein
den bekannten Schriftsteller zu einem Gespräch ein, das Tersteegen allerdings -
wie so oft krankheitshalber - absagen musste. Russische Soldaten haben 1812 am
Niederrhein nach Tersteegens Grab gefragt, denn
sein Gedicht Ich bete an die Macht der Liebe
hat durch die Vertonung eines
russischen Komponisten die Menschen dort ergriffen - schon bevor Friedrich
Wilhelm III. es zum Abendgebet des preußischen Heeres
machte und es zum großen
Zapfenstreich deutscher Soldaten wurde.
Das Evangelische Gesangbuch enthält heute acht Lieder von Tersteegen,
darunter so bekannte wie Brunn alles Heils, dich ehren wir
(EG 140) und Gott
ist gegenwärtig
(EG 165); im katholischen Gotteslob findet sich Jauchzet, ihr
Himmel (GL 144).
120
Lieder von Tersteegen aus dem Blumengärtlein
hat Christian Hählke mit Noten online auf
seiner Seite Tersteegen
Gesangbuch.
Gedichte
von Gerhard Tersteegen gibt es online im Projekt
Gutenberg
.
* Unsere Leserin Claudia Sperlich hat uns richtigerweise aufmerksam gemacht:
Das in vielen Internet-Seiten und bis Mai 2011 auch
von uns benutzte Bild - siehe rechts - stellt nicht Gerhard Tersteegen, sondern
den deutschen Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik
Johann Ludwig Tieck dar; es ist die schlechte Kopie einer Bleistiftzeichnung von
Carl Christian Vogel von Vogelstein aus dem 19. Jahrhundert, heute im Goethe-Nationalmuseum
in Weimar.
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon
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