|
|
Joh. Andreas Wolff: Bild am Rassoaltar in der Wallfahrtskirche in Andechs,
wohl 17. Jahrhundert 
Rasso war der traditionellen Überlieferung nach ein Sohn des Grafen von Dießen-Andechs und demnach 2,50 Meter groß *, Ritter, berühmter Feldherr und von Herzog Heinrich I. zur Abwehr von Angriffen der Ungarn im Innviertel eingesetzt.
Tatsächlich gab es dieses Grafengeschlecht zu seiner Zeit noch nicht, aber die späteren Grafen von Dießen und Andechs beriefen sich auf ihn als ihrem Ahnherrn. Nach der ältesten Andechser Überlieferung stammte er aus Frankreich.
Die Tradition berichtet, dass er nach der Abwehr der Ungarn den Kriegsdienst
quittierte und in Wörth - dem heutigen Grafrath
- ein Benediktinerkloster gründete, das aber
schon 955 von den Ungarn zerstört wurde. Rasso begab sich demnach dann auf Pilgerfahrt ins
Heilige Land, brachte wertvolle Reliquien
mit und legte damit den Grundstock für den berühmten Heiligen Schatz
,
der in der Burg Andechs
noch heute gezeigt wird. Er trat dann - kinderlos geblieben - selbst als
Laienbruder in sein Kloster ein.
Historisch richtig ist, dass Kaiser Karl
„der Große” nach Entmachtung von Bayernherzog Tassilo III. das Land in
Verwaltungsbezirke, Komitate
, einteilte und die Verwaltung Grafen
übertrug, die von ihm bzw. seinen Nachfolgern eingesetzt wurden; Rasso war
also ein comes
Graf
, der von einem Karolinger als Amtsträger
eingesetzt war - wohl im Gebiet um Wörth,
wo er das Kloster gründete und eine Kirche stiftete, die er reichlich mit
Reliquien ausattete - also im
Kerngebiet der späteren Grafschaft Andechs.
Aus Versehen sind der 17. Mai und der 19. Mai als Gedenktage ins Lexikon
für Theologie und Kirche
gekommen, ebenso wie das Todesjahr 953. In Grafrath
war aber immer schon nur der 19. Juni der Gedenktag; dies ist auch der urkundlich
am frühesten in einem Nekrologium aus Dießen
genannte Todestag. Die Jahreszahl 954 hat eine längere Tradition: sie ist erstmala
bei Albert von Dießen um 1370/80 genannt als Gründungsjahr für das Kloster in Wörth
/ Grafrath. Albert nennt dieses Jahr erst jahrhunderte später und ohne jeden Beleg;
eine Klostergründung zu dieser Zeit der Ungarneinfälle und der Schlacht auf dem
Lechfeld im Jahr 955 ist aber völlig unwahrscheinlich; Historiker halten dieses
Datum schon längere Zeit für nicht mehr vertretbar. Die Entdeckung des
frühmittelalterlichen Steinplattengrabs bestätigt jedoch zusammen mit den
ältesten Andechser
Quellen die Kirchenstiftung und Klostergründung durch den Grafen Ratho; sie gehört
aber eher in die Karolingerzeit im 9. Jahrhundert.
Über die tatsächlichen Gründe für das Ende dieses Klosters in Wörth
und seine Verlegung nach Dießen
Anfang des 12. Jahrhunderts sind keine Gründe bekannt. Die Zerstörung des Klosters durch
die Ungarn ist jedenfalls eine Erfindung des bayerischen Chronisten Aventin aus der Zeit
um 1520, der sich das Ende des Klosters nicht anders erklären konnte; weder
archäologisch, noch urkundlich findet sich ein Beleg für diese Schuldzuweisung.
Die frühesten Andechser und Dießener Quellen sprechen von einer Zerstörung
durch Bayernherzog Arnulf I., den Bösen
um 910 , was wohl ebensowenig
haltbar ist.
Rassos Grabplatte in der Kirche in Grafrath
Bei der Verlegung des Klosters wurden auch die Graf Rasso gesammelten Reliquien aus Wörth mitgenommen und nach Andechs überführt, wo sie den Grundstock des später berühmten Andechser Heiltums bildeten.
Dennoch ist 1132 in Wörth
- dem nach Graf Ratho
umbenannten früheren Wörth - eine Kapelle bezeugt,
in der Rasso verehrt wurde. Als Grund für die Verehrung nennt die älteste Chronik
von Andechs, dass erein gerechter Fürst war, der auf Macht und Besitz verzichtete
und als Mönch in sein Kloster eintrat. Die Chronik bezeugt auch, dass das
Grab des Grafen schon im Mittelalter das Ziel vieler Wallfahrer war, da
seine heiligen Gebeine große Wunderzeichen vollbringen Tag und Nacht ohne
Unterlass an kranken Menschen, die das Grab aufsuchen. Wegen der Bekanntheit
des Grabes erhielt der Ort Wörth bereits im Mittelalter den Namen bei St.
Graf Rath
. Dass die Kapelle die Gebeine
von Rasso enthielt, wurde urkundlich erst anlässlich ihrer Erhebung durch die
Chorherren des Nachfolgeklosters in Dießen
im Jahr 1468 festgestellt; heute kann man dies auch aus dem inzwischen gesicherten
Vorhandensein des frühmittelalterlichen Grabes im Boden der Kirche erschließen.
Die Wallfahrt nach Grafrath
hatte im Mittelalter und bis in die Neuzeit großen Zulauf. Aufzeichnungen der Wunder
aus den Jahren 1444 bis 1728 sind erhalten mit 12.131 Einträgen. Nach der Erhebung
der Gebeine 1468 wurden sie in einem
Hochgrab über dem Bodengrab wieder beigesetzt. Beim Bau der heutigen Barockkirche
in Grafrath
1688 bis 1695 wurde das Hochgrab wieder abgetragen, die Grabplatte auf den Boden gelegt
und die Gebeine selbst auf den Hochaltar erhoben, wo sie in einem Glasschrein
ruhen. 1867 wurden diese Reliquien von den Räubern der daraufhin berühmt
gewordenen Rasso-Bande
entwendet, nur den Kopf ließen sie in der Kirche
zurück. Die andern Gebeine nahmen sie mit und vergruben sie, nachdem sie den
Schmuck abgenommen hatten, in einem Wald in der Nähe, wo sie später durch
Zufall entdeckt und dann in Augsburg
wieder zusammengefügt wurden.
1640 verfasste der Dekan des Klosters in Dießen
Rassos legendarische Lebensgeschichte. 1678 wurde in Grafrath
ein Haus erbaut für die vom Bischof von Augsburg eingesetzten WeltpriesterWeltpriester - oder auch Diözesanpriester - sind in der römisch-katholischen Kirche alle Priester, die keinem Orden angehören.,
die die Grab- und Wallfahrtskirche von Rasso betreuten. Ab 1719 schickten
Chorherren Dießen dafür Ordensangehörige nach Grafrath; diese wurden nach der Säkularisation
durch Franziskaner ersetzt, denen
das Land Bayern bis heute das Haus überlässt, das den offiziellen Titel
Hospiz
trägt und von den Leuten Kloster
genannt wird.
Seit 1714 besteht in Untergammenried bei Bad Wörishofen eine Wallfahrt, in der Klosterkirche in Andechs ist Rasso ein Altar geweiht.
Kanonisation:
Obwohl Rasso offiziell nicht selig- oder heiliggesprochen wurde, kann
die Erhebung seiner Gebeine auf den Hochaltar als kirchliche Bestätigung
für die Rechtmäßigkeit seiner Verehrung als Heiliger gelten.
Patron
gegen Stein- und Bruchleiden (also Unterleibsleiden), vor allem bei Kindern
• Ernst Meßmer: Graf
Rasso - Heerführer Bayerns, Kirchenstifter und Klostergründer von Grafrath,
Volksheiliger. Eos Verlag St. Ottilien 2003
• Ernst Meßmer: Das
wundersame Grab von Graf Rasso - Geschichte der ungewöhnlichen Wallfahrt und
Wallfahrtskirche zu St. Grafrath. Eos Verlag, St.Ottilien 2004
• Toni Drexler: Die
Rasso-Räuber: Vom Finsterbach zum Mississippi. Verlag Via Verbis Bavarica, Taufkirchen 2007
• Ernst Meßmer: Graf
Rath und sein Hof in Wörth. Bauer-Verlag, Thalhofen 2011
• Ernst Meßmer: Grafrath und die Anfänge von Dießen und Andechs. Neue
Bewertung und Auswertung der Quellen über frühe Zusammenhänge. In: Oberbayerisches
Archiv, Band 133, S. 161-246. Verlag des Historischen Vereins von Oberbayern,
München 2009
* Diese Größenangabe entstand durch die
Gleichsetzung der Grabeslänge (2,50 m) mit der Körperlänge. Aus der Grabeslänge
kann man auf eine Körperlänge von ca. 2 m schließen. Die früheste Quelle nach
der Ausgrabung der Gebeine schildert
1468 Gebeine eines Mannes von erstaunlich großer Gestalt
, was eine
Untersuchung des Schädels inzwischen bestätigt hat. Die damals hergestellte
neue Grabplatte stellt den Ausgegrabenen mit einer Größe von 1.90 m dar.
Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon
|
Sollte hier eine Anzeige erscheinen, deren
Anliegen dem unseren entgegensteht, benachrichtigen
Sie uns bitte unter Angabe der URL dieser Anzeige, damit diese Werbung nicht mehr erscheint.
|
||||||||||||||||||||