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Ökumenisches Heiligenlexikon

Karl Barth

Gedenktag evangelisch: 10. Dezember

Name bedeutet: der Tüchtige (althochdt.)

Theologe
* 10. Mai 1886 in Basel in der Schweiz
† 10. Dezember 1968 daselbst


Karl Barth im Jahr 1955
Karl Barth im Jahr 1955 Bild: Karl Barth Archiv Basel

Karl Barth wurde geboren als ältester Sohn des Pfarrers Fritz Barth und seiner Frau Anna. Nachdem sein Vater sich 1889 an der theologischen Fakultät der Universität in Bern habilitierte und dort zum Professor für Kirchengeschichte und Neues Testament ernannt wurde, wuchs Barth dort auf und besuchte 1901/02 mit großer Freude den Konfirmandenunterricht des durch seine Predigten auch in Deutschland berühmten Pfarrers Robert Aeschbacher. Er … brachte mir … das ganze religiöse Problem so nahe, dass ich mir beim Abschluss des Unterrichts klar war über die Notwendigkeit, weiteres über diese Sache in Erfahrung zu bringen. Aus diesem primitiven Grunde habe ich mich damals zum Studium der Theologie entschlossen. Dies tat er von 1904 bis 1908 in Bern, Berlin, Tübingen und Marburg. 1909 wurde er Hilfsprediger an der deutschsprachigen Gemeinde in der Kirche St-Madeleine in Genf, wo er Nelly Hoffmann kennen lernte; er heiratete seine frühere Konfirmandin 1913; Tochter Franziska wurde 1914 geboren, ihr folgten die Brüder Markus, Christoph, Matthias und Hans Jakob.

1911 wurde Barth Pfarrer in Safenwil im Aargau, einer Bauern- und Arbeitergemeinde. Dort wurde er nach seinem Zeugnis zum ersten Male von der wirklichen Problematik des wirklichen Lebens berührt, da er dort den Klassengegensatz hautnah erlebte und ihm so die soziale Frage zu einem wichtigen Bestandteil seiner Gemeindearbeit wurde. Barth war bald schon verrufen als der rote Pfarrer von Safenwil. Der Ausbruch des 1. Weltkriegs bedeutete für mich konkret ein doppeltes Irrewerden: einmal an der Lehre meiner sämtlichen theologischen Meister in Deutschland, die mir durch das, was ich als ihr Versagen gegenüber der Kriegsideologie empfand, rettungslos kompromittiert erschien - sodann am Sozialismus, von dem ich gutgläubig genug noch mehr als von der christlichen Kirche erwartet hatte, dass er sich jener Ideologie entziehen werde, und den ich nun zu meinem Entsetzen in allen Ländern das Gegenteil tun sah. 1 Barth prangerte die Verbürgerlichung des Evangeliums an, die angebliche Übereinstimmung von christlichem Offenbarungsverständnis und europäischer Kulturgeschichte, den Idealismus, der Gottes Gottsein identifiziert mit einem philosophischen Geistbegriff, und den Individualismus, der das Wesen des Menschen als Innerlichkeit der Seele des Einzelnen bestimmt. Heilsgeschichte bedeutet dagegen für Barth die Krisis aller Welt- und Kulturgeschichte - gegen eine Privatisierung des Glaubens, die sich frömmlerisch im vertraulich-distanzlosen Umgehen mit dem Heiland erweist und nur ein Spiegelbild des idealistisch-biedermeierischen deutschen Hauses ist - was dazu führt, dass Christus zum Abziehbild der eigenen Frömmigkeit ermäßigt wird.

Karl Barth
Karl Barth

In enger Freundschaft mit dem Basler Theologen Eduard Thurneysen entdeckte Barth den Begriff des Reiches Gottes neu. Barth vertiefte sich in das Studium der Bibel: Wenn wir zur Bibel kommen mit unsern Fragen: wie soll ich denken von Gott und der Welt? Wie an das Göttliche herankommen … dann antwortet sie uns gleichsam: Ja, lieber Mensch, das ist deine Sache, da musst du nicht mich fragen! … Den Inhalt der Bibel bilden eben gar nicht die rechten Menschengedanken über Gott, sondern die rechten Gottesgedanken über den Menschen …, nicht das rechte Verhältnis, in das wir uns zu ihm stellen müssen, sondern der Bund, den er mit allen, die im Glauben Abrahams Kinder sind, geschlossen und in Jesus Christus ein für allemal besiegelt hat. Das steht in der Bibel. 2 Barth konzentrierte sich auf die Auslegung von Paulus' Römerbrief. 1919 erschien sein Kommentar, die rasche Verbreitung machte bald eine 2. Auflage erforderlich. Von Herbst 1920 bis Sommer 1921 verfasste er dennoch eine neue Bearbeitung, die Ende 1921 erschien und berühmt wurde, weil er das Evangelium im Gegensatz zu den bislang maßgeblichen Richtungen in der Theologie von ihrem in der Bibel dargelegten Grund her verstehen lehrte anstatt von gegenwärtigen Problemen, Strömungen oder Tendenzen. Barths Arbeit wurde nun als Dialektische Theologie bezeichnet - ein Begriff, den er selbst nie gebilligt hat - und er wurde ein viel gefragter Theologe.

1921 erhielt Barth - ohne Doktortitel oder Habilitation - einen Ruf an die Universität in Göttingen als Honorarprofessor für reformierte Theologie. Als Ziel seiner theologischen Arbeit und Lehrtätigkeit nannte er: Dass wir suchen müssen, was droben ist, … das ist keine Kirchen- und Winkelwahrheit, keine so genannte religiöse oder sittliche oder ästhetische Wahrheit, das ist die Wahrheit, an die wir gebunden sind … Auch die menschliche Geistesgeschichte, Religionsgeschichte, Kirchengeschichte weiß von keinen ewigen Werten. Sie ist drunten. Und was drunten ist, das ist Entbehren, Gleichnis, Hoffnung und Wanderschaft im besten Fall … Mit Christo auferstanden sein - Was heißt das? Ein Held, ein Weiser, ein frommer Mann, eine religiöse Persönlichkeit sein, Sonne im Herzen und ein gutes Gewissen haben? Nein, nein, fast hätte ich gesagt: Behüte uns Gott davor! sondern ganz schlicht ein Mensch da drunten sein (mit allem was das bedeutet), aber ein Mensch, zu dem das Wort gesagt ist … Siehe, ich mache alles neu. 3

1925 folgte Barth einem Ruf als Professor für Dogmatik und Neutestamentliche Exegese nach Münster. Hauptziel seiner Arbeit war nun, Theologie für die Kirche fruchtbar zu machen; im Zentrum stand ihm dabei die Auferstehung: Wenn die Kirche recht redet von diesem Wort, dann tut sie es mit der erschrockenen Demut, der die ihr zur Verkündigung anvertraute Offenbarung, und wäre sie noch so alt und wohlbekannt, neu ist und bleibt, überlegen und unbegreiflich wie am ersten Tag. Und wenn die Welt dieses Wort recht hört, dann hört sie es mit der Entdeckerfreude oder auch mit dem scharfen Protest, wie sie eben dem Unerhörten zukommt. Tritt dieses Wort wirklich auf den Plan, so bedeutet das für Kirche und Welt allemal die Notwendigkeit, mit ihrem Verstehen der christlichen Wahrheit von vorn anzufangen. 4

Charlotte von Kirschbaum 1929
Charlotte von Kirschbaum 1929

1929 fand Karl Barth in Charlotte von Kirschbaum eine Mitarbeiterin, von der er im Rückblick schrieb, dass sie in aller Stille im Dienst seines Lebenswerkes ihr Leben und ihre Kraft nicht weniger eingesetzt habe als er selber; sie zog als seine Lebensgefährtin in das gemeinsame Wohnhaus in Münster ein und blieb an seiner Seite bis zu ihrer schweren Erkrankung fünf Jahre vor Barths Tod. Seine Beziehung zu dieser Frau war eine große Belastung für die gesamte Familie wie für den Freundeskreis: Gerade die Tatsache, welche die größte irdische Wohltat ist, die mir in meinem Leben geschenkt wurde, ist zugleich das strengste Urteil wider mein irdisches Leben. … Es ist durchaus möglich, dass sich daher in meiner Theologie ein Element der Erfahrung findet, oder besser: ein Element von gelebtem Leben. Es wurde mir auf eine sehr konkrete Art verboten, der Legalist zu werden, der ich unter Umständen hätte werden können. 5

1930 kam Barth als Professor für systematische Theologie nach Bonn. Hier begann er 1931 sein momumentales Werk mit dem Titel Kirchliche Dogmatik zu verfassen, dessen letzter Band 1967 erschien. Er verstand diese Arbeit auch als Antwort auf den heraufziehenden Nationalsozialismus, weil ich fest überzeugt bin, dass es zu den Klärungen besonders auf dem weiten Feld der Politik … nicht kommen kann, ohne dass es zuvor zu denjenigen umfassenden Klärungen in der Theologie und über die Theologie selbst gekommen ist 6. Der Unfug der Deutschen Christen war für Barth begründet in einer nicht zulässigen natürlichen Theologie mit der Behauptung, dass der Mensch von sich aus wenigstens bis zu einem gewissen Grade Gott erkennen und tun kann, was Gott recht ist. Dass also Gott mit seiner Offenbarung sozusagen nur darauf aufbaut, dass der Mensch auch vorher schon etwas Brauchbares von ihm erkannt hat. In der Ablehnung der natürlichen Theologie knüpfte Barth an Martin Luthers Plädoyer für eine Theologie des Kreuzes an.

Im Juni 1933 griff Barth öffentlich in die Auseinandersetzungen des deutschen Kirchenkampfes ein. Seine Schrift Theologische Existenz heute! erlebte innerhalb von zwei Wochen vier Auflagen mit 12.000 Exemplaren, bis zur Beschlagnahme im Juli 1934 waren 37.000 Exemplaren verbreitet worden: Das Entscheidende, was ich heute zu diesen Sorgen und Problemen zu sagen versuche, kann ich darum nicht zum Gegenstand einer besonderen Mitteilung machen, weil es sehr unaktuell und ungreifbar einfach darin besteht, dass ich mich bemühe, hier in Bonn mit meinen Studenten in Vorlesungen und Übungen nach wie vor und als wäre nichts geschehen - vielleicht in leise erhöhtem Ton, aber ohne direkte Bezugnahmen - Theologie und nur Theologie zu treiben. … Ich halte dafür, das sei auch eine Stellungnahme, jedenfalls eine kirchenpolitische und indirekt sogar eine politische Stellungnahme! 7 Auf der ersten Bekenntnissynode in Wuppertal-Barmen kam es dann am 31. Mai 1934 zur Verabschiedung der Theologischen Erklärung, deren Text bis auf einen Zusatz aus der Feder Barths stammt. In dieser Erklärung sprachen lutherische, reformierte und unierte Protestanten zum ersten Mal seit der Reformation ein gemeinsames Bekenntnis. Es wurde richtungweisend für den Weg der Bekennenden Kirche im Kirchenkampf. 1964 resümierte Karl Barth: Es war ja ein Minimum, was wir damals geleistet haben; aber immerhin … darf man sagen: Wären nur auf allen Gebieten des deutschen Lebens auch solche Minima geleistet worden. 8

Karl Barth (links) mit seinem Schüler, dem Nazigegner Pfarrer Hermann Diem
Karl Barth (links) mit seinem Schüler, dem Nazigegner Pfarrer Hermann Diem

Mit der Verweigerung des Amtseides auf Hitler im Jahr 1934 wurde Barth für den Nazi-Staat zum erklärten Gegner, deshalb 1935 in den Ruhestand versetzt. Barth erhielt einen Ruf an die Universität Basel. Von Basel aus kritisierte er seine deutschen Freunde deutlicher als zuvor: Die Bekennende Kirche ist bis jetzt nicht dazu übergegangen, den nationalsozialistischen Staat auch auf den ändern Feldern seiner Betätigung: etwa hinsichtlich der Judenverfolgungen oder des 30. Juni 1934 (Röhm-Putsch) oder der Konzentrationslager, etwa hinsichtlich der systematischen Lüge, mit der seine Presse das ganze deutsche Leben vergiftet, vor ihren Widerspruch zu stellen und zur Rechenschaft zu ziehen. Die Bekennende Kirche hat sich bis jetzt im ganzen in der Tat mit dem Kampf um ihre eigene Reinheit und Freiheit begnügt. Das ist ihre Schranke und ihre Schwäche. 9 Barth nahm Teil am Schweizer Widerstand gegen die Gefahr einer Invasion, wurde 1940 Soldat im bewaffneten Hilfsdienst und Mitglied in einer Geheimorganisation, die für die Abwehr Vorkehrungen traf. 1941 mahnte er zum Widerstand gegen das Nazitum und wandte sich anlässlich der 650-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft an die Jugend; die Schweizer Behörden reagierten mit Bespitzelung und Behinderung auf den kritischen Theologen.

Zum Ärger vieler Schweizer und deutscher Emigranten sprach Barth im Januar und Februar 1945 in einigen Orten der Schweiz über Die Deutschen und wir: Es käme nun … darauf an, ob wir bereit sind, denen Freunde zu sein, die uns nötig haben Der Ruf Jesu mache auch und gerade vor denen nicht halt, die sich diesem Ruf beharrlich entzogen haben: Her zu mir, ihr Unsympathischen, ihr bösen Hitlerbuben und -mädchen, ihr brutalen SS-Soldaten, ihr üblen Gestapo-Schurken, ihr traurigen Kompromissler und Kollaborationisten, ihr Herdenmenschen alle, die ihr nun so lange geduldig und dumm hinter eurem so genannten Führer hergelaufen seid … Her zu mir, ich kenne euch wohl …, ich sehe …, dass ihr am Ende seid und wohl oder übel von vorne anfangen müsst, ich will euch erquicken, gerade mit euch will ich jetzt vom Nullpunkt her neu anfangen … Ich bin für euch! ich bin euer Freund! 10. Barth ging 1946 und 1947 als Gastprofessor nach Bonn, um mitzutun, wenn Theologie und Kirche vom Nullpunkt anzufangen hatten. Auch im kalten Krieg blieb er aber ein unbequemer Mahner. So brach er im Frühjahr 1948 zu seiner zweiten Ungarnreise auf zum Besuch der ungarischen reformierten Kirche - und erntete dafür ein heftiges Echo: Sein früherer Weggefährte, der Theologe Emil Brunner fragte in einem Offenen Brief, ob er in passiver Unbekümmertheit am Problem des Kommunismus vorbeisehe. Als Barth am Volkstrauertag 1954 auf Einladung der Hessischen Landesregierung in Wiesbaden anlässlich der Gedenkfeier für die Opfer des Krieges und des Nationalsozialismus sprach und alle Opfer des Krieges - auch die der Kommunisten - anerkannt wissen wollte und zugleich jegliche Wiederbewaffnung in der Bundesrepublik Deutschland ablehnte, erntete er wieder zahlreiche Proteste. Barth jedoch blieb bei seinem dritten Weg: Der Mitmensch ist wichtig, nicht ich mit meinen Prinzipien. Die Kriegsgefahr droht immer auch von daher, dass so viele Menschen irgendein Lineal verschluckt haben, darum mit so bösen Gesichtern herumlaufen, sich das Leben so schwer machen. Fort mit den Linealen! Wer nicht mit den anderen seufzen und dafür über sich selbst ein bisschen lachen kann, der ist ein Kriegshetzer, und wenn er der größte Friedensfreund wäre. 11

Karl Barths letztes Wohnhaus in Basel ab 1955
Karl Barths letztes Wohnhaus in Basel ab 1955, heute Sitz des Karl Barth-Archivs

Im Alter wurde Barth milder. Die Arbeit an seiner Kirchlichen Dogmatik nahm ihn in Beschlag, insgesamt erreichte sie nahezu 10.000 Druckseiten. Theologie definierte er nun als in ihrem Grundakt Anbetung … Danksagung und Bitte, eine liturgische Aktion. 12 Jesus Christus rückte in das Zentrum seiner theologischen Arbeit. In ihm liegt für ihn aller Trost und alle Ermutigung. In seiner Dogmatik entfaltete Barth die Lehre von der Versöhnung als Herzstück seiner Theologie, die Predigt von Jesus Christus, von der in ihm geschehenen radikalen Veränderung der Lage zwischen Gott und Mensch, Himmel und Erde. 13. Er selbst predigte gerne, aber doch nur im hiesigen Gefängnis, wo es mir an einem kleinen Rednerpult wöhler ist als auf den Kanzeln der großen Kirchen; von 1954 bis 1964 predigte er 28 Mal in der Basler Strafanstalt. Als Barth seinem späten Freund, dem Dichter Carl Zuckmayer, einen Band der Kirchlichen Dogmatik zusandte, kommentierte er: Um Ihnen den Zugang vielleicht etwas zu erleichtern, habe ich ein Bändchen meiner in der hiesigen Strafanstalt gehaltenen Predigten beilegen lassen, in denen Ihnen möglicherweise anschaulich werden kann, wie ich es versucht habe, dieselbe Aussage, die in dem großen, dicken Buch gemacht ist, an den Mann - den in diesem Fall übrigens gar nicht so einfachen Mann - zu bringen, und vor allem, mit diesem Mann zu beten. 14

Über sein Lebenswerk schrieb Barth: Ob die Lebensleistung eines Menschen groß oder klein, bedeutend oder unbedeutend war - wird er einmal vor seinem ewigen Richter stehen, so wird Alles, was er getan und vollbracht hat, nicht mehr sein als ein Maulwurfshügel. 15 Seine vor dem 80. Geburtstag begonnene Arbeit an einer Selbstbiographie brach er ab, weil er es weniger interessant fand, sich mit sich selber zu befassen, als vielmehr sich noch einmal der theologischen Gegenwart zuzuwenden. Er studierte mit großem Eifer die Texte des 2. Vatikanischen Konzils und fragte in einem Brief nach Rom, ob man dort geneigt sei, mich nun gewissermaßen post festum zum Einsammeln einiger direkter Informationen zu empfangen. Im September 1966 brach er - begleitet von seiner Frau und seinem Arzt - nach Rom auf, traf mit namhaften katholischen Theologen und geistlichen Würdenträgern zusammen und wurde von Papst Paul VI. zu einer Unterredung empfangen. Resultat: ich habe eine Kirche und Theologie aus der Nähe kennen gelernt, die in eine in ihren Auswirkungen unübersehbare, langsame, aber sicher echte und nicht mehr rückgängig zu machende Bewegung geraten ist. 16 Die Art und Weise, in der Barth in Rom empfangen und gehört worden war, zeigte die Bedeutung, die man ihm und seiner Lebensleistung auch in der katholischen Kirche beimaß.

Karl Barth auf dem Titelbild des Magazins 'Time' 1962
Karl Barth auf dem Titelbild des Magazins Time 1962

Karl Barth war schon längst ein berühmter Theologe geworden. Er selbst blieb bescheiden: Berühmt zu werden … ist ja ganz nett. Aber wer wird endlich und zuletzt gerühmt werden und sein? Der größte Theologe dieses Jahrhunderts (ist) vielleicht irgend ein kleines Männlein oder Weiblein, das in aller Stille irgendwo Bibelstunden gehalten hat. Ich habe ja nun etwa 10 Ehrendoktorhüte (im Himmel alle an der Garderobe abzugeben!). Karl Barth hatte immer gegen Religion und die in ihr tätigen religiösen Menschen opponiert, die damit beschäftigt waren, in Überanstrengung ihres Vermögens, Denkens, Wollens und Vollbringens, einem höchsten Wesen jenseitiger Art auf die Spur zu kommen und ihm in Form von allerlei hier feineren, dort gröberen Gottesvorstellungen und von allerlei kultischen oder mehr moralischen Gottesdiensten gerecht zu werden 17, denn in der Apostelgeschichte (17, 25) heißt es : Gott lässt sich nicht von Menschenhänden dienen, als ob er etwas nötig hätte; er ist es ja, der allen Leben und Atem und überhaupt alles gibt. Barths Kritik an der Religion war eine fundamentale Kritik an der Umkehr von Aktion und Re-Aktion: indem sich der Mensch eine sogenannte höhere Welt vorstellt, beschreibt, verehrt und dieser höheren Welt dann Respekt und Anerkennung verschafft, geht alle Macht - nicht von Gott, sondern - vom Menschen aus! Damit überhöht er sich selbst, Gott wird zu einer Vergegenständlichung seiner Allmachtsphantasien. Mit religiösen Ansprüchen wird so ganz real Macht ausgeübt. Karl Barth kritisierte auf dieser Grundlage die Weltkriegsideologie des 20. Jahrhunderts, den Nationalsozialismus, den kalten Krieg und den Vietnamkrieg - und auch die christliche Missionsgeschichte.

Umgekehrt ging Barth aber davon aus, dass es in der Welt wahre Worte in Entsprechung zu dem einen Wort Gottes gibt, die als Lichter zeichenhafte Hinweise für die Gemeinde Jesu Christi sind, die sich deshalb nicht selbst für Atlas halten muss und die Last der Welt auf seinen Schultern tragen müsste. Christus als das Licht des Lebens ist die Lichtquelle, durch deren Schein es draußen hell wird: eine Menschlichkeit, die nicht lange fragt und erwägt, mit wem man es im Anderen zu tun hat, in der man sich vielmehr schlicht mit ihm solidarisch findet und anspruchslos für ihn da ist 18 ist ein solches Ereignis, wo das eine wahre Wort in einem positiven Zusammenhang zu anderen wahren Worten steht und zum heilsamen Anstoß und Bußruf werden kann. Karl Barth wollte deutlich machen, dass - bevor der Mensch zu Gott kommt - Gott zu ihm kommt. Seine Theologie ist so bedeutsam, weil seine theologischen Meditationen immer mit ethischen Überlegungen verwoben sind - allerdings nie so, dass man bereits im vorhinein wüsste, was das Gute zu sein hätte. Barth blieb streitbar in der Frage, ob der Mensch auf sich hört oder auf Gott: Es gibt ja auch als Wissenschaft, Kunst und Politik, als Technik, Sport und Mode verkleidete Religionen: unter aller zur Schau getragenen Säkularität verborgen, aber umso rüstiger vollzogene Übergriffe und Überbauten in irgendein Jenseits hinein, Verehrungen verschiedenster Götter und Götzen: Mammon, das Geld, die mächtigste dieser verborgenen, aber sehr reellen Gottheiten! 19

Karl Barth war wohl der bedeutendste Theologe des 20. Jahrhunderts. Sein Wirken sollte nichts anderes sein als Hinweis auf den nahen Gott: Er lebt wohl im Himmel, aber auch auf der Erde, auch in Basel … auch unter uns. Er ist der allzeit und überall nahe Gott … Er ist uns näher, als wir uns selber sind. 20 Johannes der Täufer sagte mit Hinweis auf Jesus: Jener muss größer werden, ich aber geringer (Johannesevangelium 3, 30). Johannes, dargestellt von Matthias Grünewald auf dem Isenheimer Altar, hat Karl Barth sein Leben lang fasziniert; zur optischen Nachhilfe hing in Barths Studierzimmer über seinem Schreibtisch eine Reproduktion dieses Altarbildes. In einer seiner letzten Predigten in der BaslerStrafanstalt legte Barth das Bibelwort Meine Gnade genügt dir (2. Korintherbrief 12, 9) aus: Einige von Euch haben vielleicht etwas davon läuten hören, dass ich in den letzten vierzig Jahren sehr viele und teilweise sehr dicke Bücher geschrieben habe. Ich darf aber frank und frei und auch fröhlich zugeben, dass die vier Wörtlein, meine Gnade genügt dir viel mehr und sehr viel Besseres sagen als der ganze Papierhaufen, mit dem ich mich da umgeben habe. Sie genügen - was ich von meinen Büchern von ferne nicht sagen könnte. Was an meinen Büchern Gutes sein möchte, könnte höchstens darin bestehen, dass sie von ferne auf das hinweisen, was diese vier Wörtlein sagen. 21

Karl Barths Grab auf dem Friedhof Hörnli in Base
Karl Barths Grab auf dem Friedhof Hörnli in Basel

Karl Barth ruht im schlichten Familiengrab auf dem Friedhof Hörnli in Basel.

1 Karl Barth - Rudolf Bultmann, Briefwechsel 1922 - 1966, hg. von Bernd Jaspert, 2. Aufl. Zürich 1994, S. 292

2 Karl Barth: Das Wort Gottes und die Theologie, München 1925, S. 27f

3 Karl Barth, Edurad Thurneysen: Komm Schöpfer Geist! München 1924, S. 171, 174, 176f

4 Karl Barth: Auferstehung. In: Ders.: Predigten 1921 - 1935, hg. von Holger Finze (= Karl Barth-Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1998, S. 551

5 Karl Barth - Charlotte von Kirschbaum: Briefwechsel, Bd I: 1925 - 1935, hg. von Rolf-Joachim Erler, Zürich 2008, S. XXf

6 Karl Barth: KD l/l, 10. Aufl. Zürich 1981, S. XI

7 Karl Barth: Theologische Existenz heute!, Heft 1, München 1933, S. 3. Reprint im Chr. Kaiser Verlag München 1980

8 Karl Barth: Texte zur Barmer theologischen Erklärung, 2. Auflage Zürich 2004, S. 230f

9 Karl Barth: Der deutsche Kirchenstreit als Frage an den schweizerischen Protestantismus. In: Theologische Existenz heute; Neue Folge 49, München 1956, S. 64

10 Karl Barth: Die Deutschen und wir, Zollikon 1945

11 Barth: Was sollen wir tun? In: Ders.: Der Götze wackelt, hrsg. von Karl Kupisch, Berlin 1961, S. 160f

12 Karl Barth: Das Geschenk der Freiheit. In: Theologische Studien 39, Zollikon 1953, S. 22f

13 Karl Barth: KD IV/3, Zürich 1959, S. 995

14 Carl Zuckmayer - Karl Barth, Späte Freundschaft in Briefen, hg. von Hinrich Stoevesandt, 7. Aufl. Zürich 1981, S. 18

15 Karl Barth: Predigten 1954 - 1967, hg. von Hinrich Stoevesandt, 2. Aufl. Zürich 1981, S. 160

16 Karl Barth: Ad limina apostolorum, Zürich 1967, S. 17

17 Karl Barth: Das Christentum und die Religion (1963). In: Barth-Lesebuch, S. 40

18 Karl Barth: KD IV/3, Zürich 1959, S. 140

19 Karl Barth: Das Christentum und die Religion (1963). aaO., S. 41

20 Karl Barth: Predigten 1954 - 1967, aaO. S. 57f

21 ebd, S. 220f

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Autor: Joachim Schäfer - zuletzt aktualisiert am 23.11.2016
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Quellen:
• Reiner Marquard: Karl Barth. In: Materialdienst des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim 3/2009