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Am Gründonnerstag 1475, zugleich der Tag des jüdischen Passahfestes, verschwand in Trient ein dreijähriges - nach anderen Berichten zweijähriges - Kind: Simon, der Sohn eines Gerbers. Der jüdische Hofbesitzer Samuel entdeckte drei Tage später - also am Ostersonntag - in einem Bach vor seinem Haus eine Kinderleiche. Gemeinsam mit Vertretern der jüdischen Gemeinde meldete er den Fund den Behörden. Der Bischof von Trient, Johann Hinderbach, strengte den Prozess an, bei dem Samuel, der jüdische Arzt Tobias und weitere angesehene jüdische Bürger, denen man durch Foltern Geständnisse abgepresst hatte, des Mordes angeklagt wurden; er endete mit der Verurteilung von fünfzehn Verdächtigen zum Tode.
Antisemitisches Schnitzwerk über den Mord am Kind Simon, heute im Diözesanmuseum
in Trient.
Unter dem linken Fuß Simons steht ein Gefäß bereit, um das Blut
aufzunehmen, das er verströmen wird, wenn ihm die Hand mit dem Messer eine
Seitenwunde beibringt. Die Gestalt des Buben vereinigt die Haltung des
Gekreuzigten mit der des unschuldigen Christuskindes.
Die linke Figur scheint im Blut zu rühren, an der Hüfte des Mannes, der die
Klinge führt, baumelt der verräterische Geldbeutel, wie um den Hals des Judas
Ischariot. - Dank an Albert
Ottenbacher in München.
Papst Sixtus IV. setzte eine Komission ein, um die Schuldfrage zu klären. Vorsitzender und Berichterstatter war ein Freund des früher in der Stadt wirkenden, als Antisemiten ausgewiesenen Bernhardin von Feltre; der hatte sich in seinen Predigten gegen eine zu starke Annährung zwischen Juden und Christen gewandt und soll einen derartigen Vorfall prophezeit haben. Papst Sixtus IV. erklärte das Verfahren für formell einwandfrei, aber er verbot, die Juden weiter zu verfolgen. Doch waren die angeblichen Mörder und acht weitere Juden bereits hingerichtet. Der Bischof von Trient förderte in seiner Diözese die Verehrung Simons, der Gedenktag wurde 1588 durch Papst Sixtus V. in das Martyrologium Romanum aufgenommen. 1883 wurden Teile der vatikanischen Prozessakten in Deutschland veröffentlicht.
Die Geschichte des Simon ist die Übelste der im blutigen Antisemitismus jener
Zeit verbreiteten Horrorgeschichten
über jüdische Ritualmorde
, die die Begründung für grausame Verfolgungen
von Juden bildeten. Simon wurde schon bald als Märtyrer verehrt. Von den Kanzeln
in ganz Mitteleuropa wurde gegen die Juden gepredigt und der Judenhass neu
geschürt, es kam zu vielen Verfolgungen. In Frankfurt
am Main wurde ein Standbild von Simon angebracht, das das gemarterte Kind und die Juden mit dem
Teufel darstellte, die Bildunterschrift lautete: Solange Trient
und das Kind wird genannt, / der Juden Schelmstück wird bekannt.
Michael Wolgemut: Holzschnitt über den Mord am Kind Simon. Aus Hartmann Schedels
Weltchronik
, 1493.
Die Juden ermordeten angeblich Christen, vor allem Kinder, um ihr Blut für
ihre Zeremonien zu verwenden. Kaiser und Papst widerlegten diese Verleumdungen
und verboten ihre Verbreitung. Gleichwohl wurden sie immer wieder erneuert und
fanden weithin Glauben. ![]()
Kanonisation:
Papst Sixtus V. bestätigte 1588 den Kult für Simon. 1965 machte eine päpstliche
Kommission die Seligsprechung des Heiligen Simon rückgängig und stellte fest,
dass dieTrienter
Juden einem Justizirrtum zum Opfer gefallen waren, im neuen
römischen Martyrologium von 2001 ist Simon nicht mehr verzeichnet.
Stadlers Vollständiges Heiligenlexikon
Ein
fächerübergreifendes Projekt des G.-E.-Lessing- Gymnasiums in Döbeln in Sachsen
stellt die Geschichte von Ritualmordlegende,
Hostienfrevel, Vorwurf der Brunnenvergiftung
anschaulich dar.
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