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Ökumenisches Heiligenlexikon

Gerhard Tersteegen

auch: ter Stegen

Gedenktag evangelisch: 3. April

Name bedeutet: der Speerstarke (althochdt.)

Mystiker, Dichter, Seelsorger
* 25. November 1697 in Moers in Nordrhein-Westfalen
† 3. April 1769 in Mülheim an der Ruhr in Nordrhein-Westfalen


Gerhard Tersteegen wurde als siebtes von acht Kindern in einem von reformierter Frömmigkeit geprägtem Elternhaus geboren. Damals war die Erinnerung an die schrecklichen Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges noch lebendig. Als zwei Jahre nach seiner Geburt der Spanische Erbfolgekrieg begann, kam von neuem Morden und Sterben über die Völker in Europa. Wenn Tersteegen immer wieder dazu riet, der Bilder alle zu vergessen, hatte er gewiss diese Situation vor Augen: seine Absage an die Welt war wohl zuerst eine Absage an die Welt des Krieges.

Als Tersteegen sechs Jahre alt war, starb sein Vater. Gerhard besuchte die Lateinschule, der Unterricht bestand aus Griechisch, Hebräisch, Latein und täglich vier Stunden Katechismuskunde; aus finanziellen Gründen war dem begabten Jungen ein Studium nicht möglich. Als Sechzehnjähriger ging er nach Mülheim zu seinem ebenso erfolgreichen wie brutalen Schwager in die Kaufmannslehre, versuchte dann zwei Jahre lang ein eigenes Geschäft zu betreiben. Tersteegen machte die Bekanntschaft Erweckter, die ihm Schriften der Mystiker nahebrachten, auch die von Thomas von Kempen. Er war davon so beeindruckt, dass er das Gelesene ins Deutsche übersetzte. Er und sein Mitarbeiter arbeiteten von morgens 6 bis 11 Uhr, hierauf sonderten sie sich ein Stündchen ab, um dem Gebet zu obliegen, von 13 bis 18 Uhr setzten sie die Arbeit fort und verwendeten abermals ein Stündchen zur Absonderung und zum Gebet.

1719 stieg er aus dem ungeliebten Beruf als Kaufmann aus und wurde Seidenbandweber - ein Hungerleiderberuf mit viel Arbeit in verkrümmter Haltung vor dem Webstuhl. Er lebte nun zurückgezogen und ärmlich, hatte aber endlich Zeit, sich mit seinen geliebten Büchern zu beschäftigen. Am Gründonnerstag 1724 hatte er sein Bekehrungserlebnis, das seine dunklen Jahre beendete. Mit seinem eigenen Blut hielt er seine Verschreibung fest.

Gerhard Tersteegens Verschreibung:
Meinem Jesus! Ich verschreibe mich dir, meinem einzigen Heiland … zu deinem völligen und ewigen Eigentum. Ich entsage von Herzen allem Recht und aller Macht über mich selbst. Von diesem Abend an sei dir mein Herz und meine ganze Liebe auf ewig zum schuldigen Dank ergeben und aufgeopfert. … Befehle, herrsche und regiere in mir!

Vier Jahre später machte Tersteegen mit 31 Jahren mit seiner bürgerlichen Existenz endgültig Schluss; er gab seinen Beruf auf, lebte äußerst bescheiden in einer einfachen Hütte und wirkte als Prediger in der protestantischen Erweckungsbewegung. Er legte in Scheunen und Schuppen die Bibel aus; in seinem ganzen Leben stieg er nur einmal auf eine Kanzel, bei den Mennoniten in Krefeld, denn den Pastoren der Evangelischen Landeskirche war der seltsame Wanderprediger unheimlich: sie beschwerten sich bei der Kirchenleitung über ihn und wollten ihn loswerden, aber das Konsistorium hatte an seiner Lehre nichts auszusetzen. Abends studierte und übersetzte Tersteegen nun erbauliche Bücher, schrieb 24 Biografien von großen Christen, die allesamt katholisch waren, darunter von Franziskus von Assisi und Teresa von Ávila. Im Kurzen Bericht von der Mystik erfahren wir, wie wir uns sein Leben vorstellen können: Mystiker reden wenig, sie tun und sie leiden vieles, sie verleugnen alles, sie beten ohne Unterlass, der geheime Umgang mit Gott ist ihr ganzes Geheimnis.

Tersteegens Predigten richteten viele Menschen auf; die Zahl seiner Briefe geht in die Tausende. Er besuchte auf vielen Reisen die Menschen, und er wurde zu Hause in seiner Pilgerhütte von ihnen besucht; oft war er von mehr als dreißig bekümmerten Seelen auf einmal umringt. Er ermutigte Zweifelnde, stärkte Zaghafte, gab Nahrungsmittel, die man ihm schenkte, an Arme weiter, wirkte als Laienarzt und verteilte an Bedürftige Heilmittel, die er eigens mixte. 1729 veröffentlichte er unter dem Titel Geistliches Blumengärtlein inniger Seelen Lieder, die zum Teil noch heute Gemeingut in evangelischen Gemeinden sind; 111 von ihm gedichtete geistliche Lieder sind uns überliefert. Vier Jahrzehnte lang bis zu seinem Tod lebte er seinen Glauben mit all der Inbrunst, die seine schwache Gesundheit erlaubte.

Tersteegens Schriften wurden weit verbreitet. Friedrich der Große lud auf einer Reise an den Niederrhein den bekannten Schriftsteller zu einem Gespräch ein, das Tersteegen allerdings - wie so oft krankheitshalber - absagen musste. Johannes Evangelista Goßner gab 1824 - gemeinsam mit Johann Heinrich Tscherlitzky - eine Liedsammlung heraus, in der eine Melodie von Dimitri Bortnianski, die Gossner in Russland kennengelernt hatte, mit der Choralstrophe Ich bete an die Macht der Liebe von Tersteegen verbunden wurde. Bortnjanski hatte die Melodie ursprünglich für das Freimaurer-Lied Wie ruhmreich ist unser Herr in Zion geschrieben, es wurde schnell zu einer inoffiziellen Hymne Russlands und dort bei offiziellen Anlässen gespielt; in Deutschland hat dann Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. es zum Abendgebet des preußischen Heeres gemacht, schließlich wurde es in das Ritual des Großen Zapfenstreiches deutscher Soldaten aufgenommen.

Das Evangelische Gesangbuch enthält heute acht Lieder von Tersteegen, darunter so bekannte wie Brunn alles Heils, dich ehren wir (EG 140) und Gott ist gegenwärtig (EG 165); einige Regionalteile haben auch Ich bete an die Macht der Liebe, so Württemberg unter EG 641; im katholischen Gotteslob findet sich Jauchzet, ihr Himmel (GL 144).

  120 Lieder von Tersteegen aus dem Blumengärtlein hat Christian Hählke mit Noten online auf seiner Seite Tersteegen Gesangbuch.

  Gedichte von Gerhard Tersteegen gibt es online im Projekt Gutenberg.

* Unsere Leserin Claudia Sperlich hat uns richtigerweise aufmerksam gemacht: Das in vielen Internet-Seiten und bis Mai 2011 auch von uns benutzte Bild - siehe rechts - stellt nicht Gerhard Tersteegen, sondern den deutschen Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik Johann Ludwig Tieck dar; es ist die schlechte Kopie einer Bleistiftzeichnung von Carl Christian Vogel von Vogelstein aus dem 19. Jahrhundert, heute im Goethe-Nationalmuseum in Weimar.

  Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon




Autor: Joachim Schäfer - zuletzt aktualisiert am 20.12.2014
korrekt zitieren:
Joachim Schäfer: Artikel
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet das Ökumenische Heiligenlexikon in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.info/969828497 abrufbar.

Quellen:
• dtv-Lexikon, Bd. 18, München 1980
• Evangelisches Gesangbuch. Gesangbuchverlag, Stuttgart 1996
• Johannes Rau: Die Kraft der Mystik. Evangelische Kommentare 3/1998