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Ökumenisches Heiligenlexikon

Rechtfertigungslehre


Rechtfertigungslehre ist ein Grundbegriff der protestantischen Lehre und bezeichnet die wohl wichtigste, grundlegende Erkenntnis der Reformation: die Rechtfertigung des Sünders vor Gott nicht aufgrund von irgendeinem rechten Tun des Menschen, sondern allein aus dem Glauben, gemäß dem Römerbrief des Apostel Paulus 3, 22: Die Gerechtigkeit Gottes kommt durch den Glauben an Jesus Christus und 1, 17: Die Gerechtigkeit Gottes wird darin geoffenbart aus Glauben, wie geschrieben steht beim Propheten Habakkuk (2, 4): Der aus Glauben gerechte wird leben.

Die Kernfrage nach der Rechtfertigung ist: Was ist entscheidend dafür, dass das durch die Sünde gestörte Verhältnis zwischen Gott und Mensch in Ordnung kommt? Geschieht das allein aus der von Gott geschenkten Gnade oder aufgrund der guten Werke des Menschen? Die Rechtfertigungslehre antwortet darauf, dass der Mensch sich vor Gott nichts verdienen kann durch eigene Leistungen, gute Werke, Verdienste, Ablasszahlungen u. ä.; die zwischen Mensch und Gott durch die Sünde gestörte Beziehung wird allein von Gott her wieder hergestellt, weil er sich dem Menschen aus seinem freien Willen heraus in Gnade zuwendet. Gute Werke eines Menschen sind dann Frucht und Folge des Glaubens.

Schon Paulus entwickelte die Rechtfertigungslehre, vor allem in der Auseinandersetzung mit der jüdischen Frömmigkeit der PharisäerDie Pharisäer (hebr. für „die Abgesonderten”) waren eine theologische Ausrichtung im Judentum zur Zeit des zweiten jüdischen Tempels (ca. 530 v. Chr. bis 70 n. Chr.) und wurden danach als rabbinisches Judentum die einzige bedeutende überlebende jüdische Strömung. Im Neuen Testament werden die Vertreter der Pharisäer in polemischer Weise als Heuchler kritisiert und herabgewürdigt. Die Pharisäer hielten nicht nur die niedergeschriebenen Gesetze Mose' für verbindlich, sondern befolgten auch die mündlich überlieferten Vorschriften der Vorfahren. Sie glaubten an eine Auferstehung der Toten und einen freien Willen des Menschen., speziell in seinen Briefen an die Römer und an die Galater. Gegen die pharisäischen Juden erhob er den Vorwurf, sie vertreten einen Weg der Rechtfertigung des sündigen Menschen vor Gott durch die Einhaltung der Bestimmungen des mosaischen Gesetzes aus den 5 Büchern Mose im Alten TestamentWir verwenden den Begriff Altes Testament, wissend um seine Problematik, weil er gebräuchlich ist. Die hebräische Bibel, der „Tanach” - Akronym für „Torah” (Gesetz, die fünf Bücher Mose), „Nevi'im” (Propheten) und „Kethuvim” (Schriften) - hat aber natürlich ihre unwiderrufbare Bedeutung und Würde.. Dem gegenüber stellt Paulus das Geschenk der Gnade Gottes, der in Jesus Christus den Tod erlitten und in der Auferstehung das Leben zum Durchbruch gebracht hat und sich so festgelegt hat, gnädig für den Menschen da zu sein; im Glauben an die Botschaft von Jesus Christus wird diese Gnade dem Menschen zugeeignet.

Lukas Cranach der Jüngere: Jesus segnet die Kinder (Markusevangelium 10, 13 - 16), Privatbesitz
Lukas Cranach der Jüngere: Jesus segnet die Kinder (Markusevangelium 10, 13 - 16), Privatbesitz

Die Rechtfertigungslehre wurde dann bis ins Mittelalter geprägt von der Gnadenlehre des Kirchenvaters Augustinus. Im späten Mittelalter wurde deren Aussagen über die Notwendigkeit von guten Werken des Menschen von der (katholischen) Kirche immer stärker in den Mittelpunkt gestellt; Symbol war der ausgeprägte Ablasshandel, wo man sich gegen verbriefte Geldspenden an die Kirche Freiheit von Strafe für Sünden kaufen konnte. Diese Auswüchse waren ein wesentlicher Grund für den schnellen, breiten Erfolg der Reformation und ihre anderen Sicht in dieser Frage.

1513 erkannte Martin Luther bei der Lektüre des Römerbriefes, dass die Rechtfertigung allein aus Glaube, allein aus Gnade - sola fide, sola gratia erfolgt. Die Rechtfertigungslehre wurde zum zentralen Bekenntnis der Reformation, zum Artikel, mit dem die Kirche steht und fällt: Zwar bleibt der Mensch ein sündiges Wesen, aber durch das Gnadengeschenk macht Gott ihn um Christus willen gerecht (Simul justus et peccator, zugleich gerecht und Sünder). Das Augsburger Bekenntnis und die Konkordienformel schrieben dieses Verständnis gültig fest.

Für Johannes Calvin war die Rechtfertigung des Menschen im Zusammenhang mit der Prädestination gesehen schon im Erfolg, den ein Mensch in seinem Leben erzielen kann, sichtbar und erfahrbar; aus diesem Gedanken entstand ein starker Impuls für die kapitalistische Erfolgsgesellschaft.

Das Konzil von Trient wandte sich gegen die reformatorischen Lehren und hielt an der traditionellen Gnadenlehre von Augustinus fest. In der evangelischen Kirche stellte der Pietismus weniger die Rechtfertigungslehre als die Wiedergeburt durch den Glauben und die Heiligung in den Mittelpunkt seiner Lehre von der Gnade Gottes.

Karl Barth bemühte sich um ein zeitgemäßes Verständnis der Rechtfertigungslehre für das 20. Jahrhundert und um einen Ausgleich der Differenzen zwischen Calvin und Luther. Lehrgespräche zwischen der katholischen Kirche und dem lutherischen Weltbund brachten im Jahr 1999 ein   Dokument eines gemeinsamen Verständnisses von der Rechtfertigungslehre zustande, mit dem die Spaltungen der Reformation theologisch überwunden werden könnten.

Die Grundfrage, die Martin Luther umtrieb - wie bekomme ich einen mir gnädigen Gott? -, ist heute sicher keine viele Menschen bewegende Frage mehr. Aber gerade in einer Gesellschaft, die den Wert eines Menschen weithin begründet in dem, was er leistet, stellt sich die Frage nach dem Umgang mit Misserfolg, Niederlagen, Krankheit, Behinderung - die Frage nach dem Wert und der Würde eines Menschen jenseits seiner erbrachten Leistungen. Für Christen gilt die Zusage Gottes: Du hast einen Wert - vorgegeben, unverfügbar, geschenkt - egal, was du leistest. Der Grund unseres Lebens, unseres Vertrauens und unserer Hoffnung ist nicht in uns selbst zu suchen, sondern in Gott, der uns durch Christus in unbeirrbarer Liebe begegnet.





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Autor: Joachim Schäfer - zuletzt aktualisiert am 02.11.2016
korrekt zitieren:
Joachim Schäfer: Artikel
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Quellen: