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Ökumenisches Heiligenlexikon

"Legenda Aurea"

'Legenda aurea', gedruckt 1488 von Anton Koberger in Nürnberg. Seite über Otmar von St. Gallen und Elisabeth von Thüringen mit Illustration

"Legenda aurea", gedruckt 1488 von Anton Koberger in Nürnberg. Seite über Otmar von St. Gallen und Elisabeth von Thüringen mit Illustration

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Die Legenda Aurea, die Goldene Legende war das populärste und am weitesten verbreitete religiöse Volksbuch des Mittelalters, weit mehr gelesen als die Bibel, zwischen 1263 und 1273 durch den späteren Erzbischof von Genua, den Dominikanermönch Jacobus de Voragine, entstanden. Er verfasste eine Sammlung der Lebensgeschichten von Heiligen, wobei er vielfältiges Quellenmaterial benutzte wie die Bibel, Passionalien, apokryphe Evangelien, Apostel- und Märtyrerakten, sowie die in Klöstern und im Volk überlieferte Geschichten. In volkstümlicher und zugleich kunstvoll-dichterischer lateinischer Sprache erzählte er das Leben Jesu und der Heiligen und leitete moralische Nutzanwendungen ab. Er ordnete den Stoff nach dem Kirchenjahr. Den großen Festen Weihnachten, Epiphanie, Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten widmete er ausführliche eigene Darstellungen; dazu erklärte er die Bedeutung der kirchlichen Jahreszeiten und liturgischer Bräuche.So konnte dieses Buch ebenso als Anleitung zur Besinnung an Festtagen wie als tägliche erbauliche Lektüre dienen.

Jacobus de Voragine sichtete die Fülle des vorhandenen Materials sorgfältig und mit sicherem Gespür für die mythologischen Elemente. Sie stellt er in den Mittelpunkt, historische, biografische und geografische Fakten sind ihm nicht so wesentlich in seinem Bemühen, mit lebendiger Erzählweise einen - wie Richard Benz es nannte - christlichen Olymp zu schaffen. Deutlich wird dies auch an den den Legenden vorangestellten Namenserklärungen, die etymologisch nach heutiger Erkenntnis oft falsch, in ihrem Tiefsinn dafür umso treffender sind. Schon kurz nach seinem Erscheinen wurde Jacobus' Werk als unvollständig und historisch unzuverlässig bezeichnet; der Dominikaner Bernardus Guidonis verfasste deshalb das Speculum Sanctorale, das aber ein Werk für Gelehrte blieb. Bedeutend wurde erst wieder das ab 1643 im Auftrag des Jesuitenordens entstehende, historische Zuverlässigkeit und Vollständigkeit anstrebende Werk der Acta Sanctorum der Bollandisten.

Gleich nach ihrem Erscheinen trat diese Legendensammlung einen einzigartigen Siegeszug durch das ganze Abendland an, schon 1282 ist eine Handschrift in Deutschland nachweisbar. Jacobus' Sammlung wurde in vielen Ländern übersetzt und oft durch lokale Legenden erweitert, womit sie fast auf das Doppelte ihres ursprünglichen Umfangs anwuchs. Eine französische Übersetzung entstand ums Jahr 1335 und fügte 43 neue Legenden hinzu; die berühmteste englische Übersetzung erschien erstmals 1483 im Druck; die erste deutsche Übersetzung stammte aus dem Elsass und entstand 1362; insgesamt erlebte die Legenda aurea bis zum Jahr 1500 etwa 80 Druckauflagen. In Köln entstand eine umfassende Sammlung der zugefügten Heiligengeschichten, die neben den 177 Kapiteln des Originals weitere 197 Kapitel umfasste.
Außer einer Art Laienbrevier bildete die Legenda Aurea auch eine eifrig benutzte Quelle für die Prediger des Mittelalters und eine Fundgrube für Motive in der kirchlichen Kunst, die damit eine Vorlage zur Gestaltung lebendiger Darstellungen bekam.

Nach Reformation und Aufklärung geriet die Legenda Aurea weithin in Vergessenheit, erst in der Zeit der Romantik wurde sie wieder entdeckt. Ihre Popularisierung als Dichtung in eigener Kunstform ist das Verdienst der Übersetzung von Richard Benz. Er wurde 1884 in Reichenbach im Vogtland geboren, war als romantischer Schriftsteller und Erforscher des Mittelalters in Heidelberg tätig und starb dort 1966. Grundlage seiner Übersetzung war die lateinische Ausgabe von Johann Georg Theodor Graesse, die 1846 erstmals erschien, und die alle späteren Erweiterungen und Zusätze weggelassen hatte. Sprachlich leitete Benz auch ein künstlerisches Anliegen: nicht nur der Wissenschaftler, auch der andächtig und dichterisch Genießende sollte auf seine Kosten kommen, deshalb verwendete er ein altes Deutsch, wofür die mittelalterliche Übersetzungen Anknüpfungsmöglichkeiten boten. So entstand ein Buch, das die ewige Vergegenwärtigung alles geistig und leiblich Vergangenen im kultischen und liturgischen Leben des Mittelalters darstellt und uns wahrhaft in den Geist des Mittelalters führt, schreibt Richard Benz in seiner Einleitung seines Werkes, das in den Jahren 1917 bis 1921 erstmals im Verlag Eugen Diederichs erschien.

Jacobus de Voragine schrieb von sich selbst und von seinem Werk:

Bruder Jacobus de Voragine vom Orden der Predigermönche war der Stadt Genua achter Erzbischof; er hub an zu regieren im Jahre des Herrn 1292, und wird leben solange es Gott gefällt. Durch den Herrn Nicolaus den Vierten den Papst, welcher war vom Orden der Minderen Brüder, ward er zum Erzbischof erwählt. Derselbe Papst beschied ihn durch Briefe gen Rom, dass er ihn weihe mit großer Würdigkeit und ihm das Pallium gebe. Aber da er zu Rom einging am Palmsonntag, fand er den Papst krank mit schwerer verderblicher Krankheit, also dass er am Ostersonnabend seine Seele gab zu Gott; und glauben wir, dass er einging in den himmlischen Palast. Da hielt das ehrwürdige Collegium der Cardinäle in der Osteroctav einen Rat und gebot um der Ehre willen der Gemeine von Genua, dass ihr Erzbischof schnelliglich werde ausgerichtet. Darum ward er in der Osteroctav durch den ehrwürdigen Mann, den Vater und Herrn Latinus von Ostia geweiht, und an demselben Tag oder in derselben Woche mit dem Pallium bekleidet. Und fuhr mit Freuden wieder in seine Stadt und ward vom Volke mit Ehren empfangen.

Da derselbige aber noch in seinem Orden war, und darnach, da er Erzbischof war worden, hat er in etliche Bücher gesammelt die Legenden der Heiligen, darein er viel fügte aus der Historia Tripartita und Scholastica und aus den Chroniken vieler Meister: dasselbe Buch hebt nach dem Prologus also an Adventus Domini. Er hat auch gemacht zwei Bücher Predigten von allen Heiligen, welcher Feste von der Kirche gefeiert werden durch den Kreis des Jahres; das eine Buch ist gar weit und groß, das andere ist gar eng und klein. Sie heben aber beide also an Vestigia eius secutus est pes meus. Er hat auch gemacht Predigten von allen Sonntagsevangelien, die in der Kirche gelesen werden durch den Kreis des Jahres; und hat drei Predigten gemacht von jeglichem Evangelio, der heiligen Dreieinigkeit zu Ehren. Dasselbe Buch hebt nach dem Prologus also an Praepara te in occursum Dei tui, Israel. Er hat auch Predigten gemacht von allen Evangelien, die gelesen werden in den Tagen der Fasten, von dem Aschermittwoch an bis zu dem Sonntag nach Ostern, und hat zwei Predigten gemacht von jeglichem Evangelio. Dasselbe Buch hebt an Filia populi mei, induere cilico. Er hat auch ein Buch gemacht, welches Mariale genannt ist; das ist gänzlich geschrieben von Sanct Marien; und ist unterschiedlich geordnet nach dem ABC. Dasselbe Buch hebt nach dem Prologus also an Abstinentia multiplex est. Er hat auch gemacht diese gegenwärtige Chronik, die hat er geschrieben im zweiten Jahre, dass er Erzbischof war, das ist im Jahre des Herrn 1293.

Richard Benz' Übersetzung ist zuletzt in 14. Auflage erschienen im Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2004.

Im Internet gibt es Teile der Legenda Aurea im lateinischen Original von der Digital Library IntraText.