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Ökumenisches Heiligenlexikon

Die grossen Krankenheiler



Ein solches volles Erbe scheinen vor allen andern Märtyrern Cosmas und Damianus angetreten zu haben.

Das einzigartige Ansehen, in welchem diese beiden Märtyrer in der alten Kirche gestanden haben, erhellt schon daraus, dass drei verschiedene Länder sie für sich in Anspruch genommen und um die Ehre gestritten haben, ihre Gräber zu besitzen. Und zwar stritten sie mit solchem Eifer, dass die Kirche sich schliesslich veranlasst fand, die Ansprüche der drei Länder als gleichberechtigt anzuerkennen. Die Schwierigkeiten, die sich aus dieser Annahme ergaben, hat sie dadurch zu lösen gesucht, dass sie das Dasein dreier Brüderpaare namens Cosmas und Damianus statuierte, die alle drei bei Lebzeiten den ärztlichen Beruf ausgeübt hätten und ihre Heiltätigkeit nach dem Tode fortsetzten. Sie kennt zwei Brüder Cosmas und Damianus, die in Rom die Heilkunde unentgeltlich ausgeübt, einen Kaiser geheilt und zahlreiche Heiden für den Glauben gewonnen haben, um schliesslich in Rom den Märtyrertod zu erleiden und daselbst bestattet zu werden. Von diesen unterscheidet sie ein anderes Brüderpaar gleichen Namens, asiatischer Abstammung, das gleichfalls die Heilkunde unentgeltlich ausgeübt und Menschen und Tiere geheilt hat, aber allerdings eines natürlichen Todes gestorben ist und in Pherna in Aegypten (gemeint: Pheremma bei Kyrrhos - heute Ruinen bei A'zaz in Syrien) seine letzte Ruhestatt gefunden hat. Als drittes Paar kennt sie endlich zwei Brüder Cosmas und Damianus, die in Aegae in Cilicien (heute Yumurtalık in der Türkei) durch ihre Wunderkuren weithin bekannt und in eben dieser Stadt während der diokletianischen Verfolgung als Märtyrer hingerichtet worden sind.

Welches von diesen drei Märtyrerpaaren indessen als das ältere und folglich als das authentische zu gelten hat, ist unschwer zu entscheiden. Denn während die Romrömische Legende nachweislich späten Ursprungs ist, während das erste Zeugnis für das selbständige Bestehen des Kultes der asiatischen Märtyrer dem neunten Jahrhundert entstammt 1, Pherna (bei Kyrrhos) übrigens zu keiner Zeit eine mehr als lokale Bedeutung erlangt zuhaben scheint, lässt sich die Verehrung der Märtyrer von Aegae bereits am Ende des vierten Jahrhunderts nachweisen und von dieser Zeit an, wenigstens an einem Orte, mit genügender Deutlichkeit verfolgen.

Dieser Ort ist Constantinopel. Nach einer Angabe, die zu beanstanden kein genügender Grund vorliegt, wäre ihnen hier bereits unter der Regierung Kaiser Theodosius' II. eine Kirche errichtet worden. Jedenfalls gab es zur Zeit Kaiser Justinians in Constantinopel eine diesen Märtyrern gewidmete Kirche, die, da sie als von altersher bestehend bezeichnet wird, jedenfalls noch dem fünften Jahrhundert angehört. Sie stand in der Tiefe des Meerbusens auf einem Abhang, an einer gewaltig steilen Stelle. Sie wird als ein schmuckloser und gewöhnlicher Bau geschildert, eine Tatsache, die auf eine nur massige Beliebtheit der in ihr verehrten Märtyrer zurückschliessen lässt. Eine wirkliche Bedeutung im religiösen Leben der Reichshauptstadt scheinen denn auch Cosmas und Damianus erst infolge des grossen Wunders erlangt zu haben, das sie an Kaiser Justinian verrichteten. Als nämlich der Kaiser so schwer erkrankt war, dass die Aerzte ihn bereits aufgegeben hatten, erschienen ihm die Heiligen und retteten ihn auf unerwartete und wunderbare Weise. Zum Danke für seine Errettung liess Justinian die Kirche des Cosmas und Damianus umbauen und auf eine der Märtyrer würdige Weise ausstatten.

Die Gunst, die Justinian dem Brüderpaare zuwandte, noch mehr jedoch der Beweis von Wunderkraft, den sie an dem Manne abgelegt hatten, der im Mittelpunkte der damaligen Zeit stand, dürfte als ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte des Kultes der beiden Märtyrer im ganzen Reiche anzusehen sein. Jedenfalls muss von dieser Zeit an ihr Kult in Constantinopel selbst eine grössere Bedeutung erlangt haben. Es bezeugen dies nicht bloss die zwei weitern zu ihren Ehren errichteten Kirchen, sondern noch zahlreiche Wunder, die sie in der Reichshauptstadt vollbracht haben. Die uns überkommenen Berichte über diese Wunder 2 entstammen zum grösseren Teile dem sechsten Jahrhundert 3. In der deutlichsten Weise lassen sie das hohe Ansehen erkennen, dessen sich damals Cosmas und Damianus in allen Kreisen der Bevölkerung zu erfreuen hatten. Ununterbrochen strömten die Kranken ihrem Heiligtume zu, in ihrer Zahl selbst Heiden und Juden. Im vollsten Vertrauen zu der Wundermacht der Märtyrer erwarteten sie die Heilung aller ihrer Leiden. Zu diesem Zwecke brachten sie die Nacht in ihrer Kirche zu, meist in grosser Zahl, Männer und Weiber, auf ihren Decken liegend, um im Schlafe einer himmlischen Erscheinung gewürdigt zu werden. Die Wünsche der einen wurden sofort erfüllt, andre mussten mehrere Tage, einzelne sogar mehrere Monate auf die ersehnte Hilfe warten. Unter den verschiedensten Gestalten erschienen die Heiligen den Kranken. Den einen verordneten sie die zu befolgende, in beinahe allen Fällen denkbar absonderlichste und widersinnigste Kur, die andern heilten sie durch Handauflegung oder durch irgend eine andere unmittelbare Wunder Wirkung.

Der Einblick, den die byzantinischen Wundergeschichten in die Heiltätigkeit des Cosmas und Damianus gestatten, hat für die Geschichte der Heiligenverehrung einen um so hohen Wert, als sonst nur dürftige Nachrichten über den Kult der beiden Märtyrer vorliegen. Es beruht dies jedoch lediglich auf Zufall. 4 Jedenfalls dürfte es unzulässig sein, aus der Dürftigkeit sonstiger Nachrichten den Schluss zu ziehen, dass der Kult der beiden Heiligen bloss in der Reichshauptstadt in besonderm Ansehen gestanden habe oder gar in ihr aufgekommen sei. In Constantinopel selbst war übrigens das Bewusstsein lebendig, dass der in Rede stehende Kult kein einheimischer sei und die Leiber des Cosmas und Damianus in der Stadt Cyrrhus in Nordsyrien ruhten. In der freigebigsten Weise hatte übrigens Kaiser Justinian mit Rücksicht hierauf diese Stadt behandelt, indem er sie mit festen Mauern umgab, mit einer Wasserleitung versah und mit herrlichen Bauten schmückte.

Kann daher Constantinopel als Ausgangspunkt des Kults des Cosmas und Damianus nicht angesehen werden, so ist ebensowenig anzunehmen, dass die Brüder erst in dieser Stadt, etwa unter der Einwirkung irgend eines antiken Kultes, zu wundertätigen Krankenheilern geworden sind. Denn lange bevor sie in Constantinopel zu Ansehen gelangten, haben sie sich, zumal in Syrien, als Krankenheiler erwiesen; ums Jahr 400 hat Rabulas, der spätere Bischof von Edessa (heute Şanlıurfa), mit angesehen, wie in einer Kapelle des Cosmas und Damianus bei Aleppo (heute Halab in Syrien) ein blinder Mann das Augenlicht wieder erhalten hat 5. Ebenso setzt die Tatsache, dass Bischof Nonnos von Edessa (457 — 470) in seinem Krankenhause eine Märtyrerkapelle für Cosmas und Damianus hat errichten lassen, den Glauben an die Heiltätigkeit dieser beiden Märtyrer voraus.

An welchem Orte aber ist dieser Glaube aufgekommen? — Schwerlich an dem Orte, der sich seit dem vierten, vielleicht auch erst dem Anfange des fünften Jahrhunderts im Besitze der Reliquien der Heiligen befand, in Cyrrhus. Die Akten des Martyriums des Cosmas und Damianus legen vielmehr die Annahme nahe, dass dieser Ort Aegae gewesen ist, und ihren Andeutungen dürfte ein um so höherer Wert beizumessen sein, als sie aus einer Zeit stammen, in der Cyrrhus längst als der Mittelpunkt des Kultes der beiden Brüder galt.

Nicht als Märtyrer von Cyrrhus, sondern von Aegae kennen in der Tat die Märtyrerakten den Cosmas und Damianus. Selbst der Geburt nach können sie Cyrrhus nicht angehört haben, da sie durchweg als Araber bezeichnet werden. Die Legende lässt sie in Aegae unentgeltlich ihre ärztliche Tätigkeit ausüben, für ihren Glauben Zeugnis ablegen, den Märtyrertod erleiden und bestattet werden. Eine Beisetzung ihrer Leiber in Cyrrhus deutet sie in keiner ihrer besondern Gestaltungen auch nur an. Nur infolge einer Translation können daher die Gebeine der Brüder nach Cyrrhus gelangt sein. Derartige Ueberführungen sind jedoch erst seit der Zeit des Constantius (des Sohnes Konstantins) üblich geworden 6. Die erste Bezeugung des Vorhandenseins der Reliquien in Cyrrhus findet sich übrigens erst bei Theodoret von Kyrrhos. Die Leiber des Cosmas und Damianus dürften daher mehrere Jahrzehnte in Aegae gelegen haben. Aus dieser Tatsache dürfte sich aber ohne Schwierigkeit erklären, warum und auf welchem Wege die Brüder in den Ruf wunderbarer Heiltätigkeit gelangt sind.

Die Stadt Aegae nämlich hat, und dies ganz besonders im dritten und den ersten Dezennien des vierten Jahrhunderts, einen der bedeutendsten Mittelpunkte des Asklepioskultes gebildet. An Ansehen scheint sie Epidauros und Pergamos (heute Bergama) wenig nachgestanden zu haben. Sie war im Besitze eines Tempels des Asklepios, der das höchste Ansehen sowohl bei dem Volke als bei den Philosophen genoss. Da der Gott den in seinem Heiligtume die Nacht zubringenden Kranken zu erscheinen und sie zu heilen pflegte, verehrten ihn Unzählige als Erretter und Arzt. Keine andre Gottheit erfreute sich in Cilicien einer solchen Gunst wie Asklepios. Eusebius hat ihn geradezu den Dämon der Cilicier genannt. Aber auch ausserhalb ihres Landes stand er in hohem Ansehen, und bis aus Assyrien kamen die Kranken, um durch seine Vermittelung die Gesundheit wieder zu erlangen. Das hohe Ansehen, in dem der Asklepiostempel von Aegae stand, ist für ihn verhängnisvoll geworden. Als das Heiligtum eines Dämons, der mehr als andre die Seelen der Menschen verführe und verderbe, hat ihn Kaiser Constantin von Grund auf zerstören lassen.

Mit Unrecht hat jedoch Eusebius diese Tat als das Ende der Herrschaft des Gottes in seinem Lande gepriesen. Denn der Dämon Ciliciens hat auch nach dem Verluste seines Heiligtums noch lange Jahre seine Herrschaft geübt. Nicht bloss in den Augen des Libanius blieb Aegae eine heilige Stätte. Auch die heidnischen Bewohner der Stadt fuhren fort, Asklepios als ihren Gott anzusehen. Unter der Regierung Kaiser Julians ging ihre ernste Sorge drthin, seinen zerstörten Tempel wieder aufzurichten. Gewiss haben sie ihn auch angerufen, seine Hilfe in Anspruch genommen und hat sich der Gott an ihnen nicht unbezeugt gelassen.

Unter diesen Umständen konnte Asklepios endgültig nur dadurch beseitigt und überwunden werden, dass seine Gegner ihm Nebenbuhler entgegenstellten, die dieselbe Tätigkeit ausübten und ihn dadurch überflüssig machten.

Zu seinen Nebenbuhlern in Aegae wurden zunächst Cosmas und Damianus.

Zu welcher Zeit und unter welchen Verhältnissen sie die Tätigkeit des Heilgottes übernommen haben, lässt sich zwar auf Grund der sehr lückenhaften Ueberlieferung nicht mehr bestimmen. Allein wenn Cosmas und Damianus in späterer Zeit genau in derselben Art und Weise wie Asklepios zu wirken pflegten, wenn auch sie in nächtlichen Erscheinungen und durch die Verordnung derselben Mittel ihre Heilungen bewirkten, so hat es gewiss mehr als nur eine blosse Wahrscheinlichkeit für sich, dass sie die ihnen eigentümliche Heiltätigkeit nicht erst in Cyrrhus auszuüben begonnen haben, wo jede Spur von Heilgöttern fehlt, dass sie dieselbe vielmehr in derjenigen Stadt übernommen haben, die in der ganzen Welt als Sitz des bedeutendsten Heilgottes bekannt war, in der sie zudem längere Zeit gelebt, in der sie gelitten hatten und bestattet worden waren.

Eine kräftige Stütze findet diese Annahme in der Legende des Zenobius und der Zenobia.

Die Geschichte dieser Märtyrer zeigt die auffallendste Aehnlichkeit mit der des Cosmas und Damianus. Hier wie dort handelt es sich um Geschwisterpaare, die um dieselbe Zeit, gegen Ende des dritten Jahrhunderts, in Aegae gelebt und unter demselben Statthalter in dieser Stadt das Martyrium erlitten haben. Wie Cosmas und Damianus übte auch Zenobius unentgeltlich den ärztlichen Beruf aus. Selbst nachdem er zur bischöflichen Würde erhoben worden war, setzte er seine Heiltätigkeit fort. Alle Kranken, selbst diejenigen, welchen die Aerzte nicht zu helfen wussten, hat Zenobius im Namen Jesu Christi geheilt. Sein Ruf stand so fest, dass bis von Antiochia (heute Antakya / Hatay) her die Kranken ihn aufsuchten und selbst eine vornehme Jüdin ihn um seine Hilfe anging. Wegen seines christlichen Bekenntnisses zum Tode verurteilt, erlitt Zenobius gemeinsam mit seiner Schwester das Martyrium. Sie wurden zuerst auf einen feurigen Rost gelegt, sodann in siedendes Pech geworfen, und als ihnen alles nichts geschadet, mit dem Schwerte hingerichtet. Ihre Leiber wurden vor die Stadt geworfen, des Nachts aber von den Glaubensgenossen bestattet.

Die Uebereinstimmung zwischen der Legende des Cosmas und Damianus und der des Zenobius und der Zenobia ist eine so auffallende, dass die eine notwendig von der andern abhängig sein muss. Auf welcher Seite aber die Abhängigkeit zu suchen ist, dürfte nicht schwer zu entscheiden sein. Denn aus dem ganzen Charakter der Zenobiuslegende ergibt sich, dass dieselbe jedenfalls erst zu einer Zeit ausgebildet worden ist, in der der Kult des Cosmas und Damianus bereits bestand und hohes Ansehen genoss. Ihr Zweck kann also nur darin bestanden haben, ein Gegenstück zu der Legende der Brüder zu liefern 7; aller Wahrscheinlichkeit nach, um einen neuen Kult wundertätiger Märtyrer zu legitimieren, der in Aegae aufgekommen war, nachdem diese Gemeinde aus allerdings schwer zu erratenden Gründen die Leiber ihrer ersten Märtyrer an Cyrrhus abgegeben hatte.

Indessen selbst wenn diese Vermutung nicht zutreffen sollte, so würden nichtsdestoweniger die Legende und der Kult des Zenobius und der Zenobia einen lehrreichen Beweis liefern für die Lebendigkeit, mit der in Aegae die Erinnerung an den Heilgott Asklepios und an dessen Wirksamkeit fortgelebt hat, und für die Leichtigkeit, mit der unter dem Einfluss dieser Erinnerungen christliche Märtyrer zu wundertätigen Krankenheilern geworden sind. Denn dass Zenobius und Zenobia auch nach ihrem Tode der Gemeinde von Aegae als Heilmärtyrer gegolten haben, lehren nicht bloss Rückschlüsse aus ihrer Legende, sondern noch das bedeutende Ansehen, zu welchem sie in der orientalischen Kirche gelangt sind. Wenn sie sich in derselben nicht noch mehr hervorgetan haben, so liegt dies wohl hauptsächlich daran, dass bereits vorher Cosmas und Damianus das Erbe des Heilgottes von Aegae angetreten hatten 8.

Glücklicher im Wettstreite mit Cosmas und Damianus war ein andres Märtyrerpaar, Cyrus und Johannes.

Nicht minder indessen als den grossen Taten, die sie verrichtet, den zahllosen wunderbaren Heilungen, die sie in ihrem Heiligtum zu Menuthis (heute Abu Qir) vollbracht haben, verdanken Cyrus und Johannes die Berühmtheit, zu der sie in der ganzen Christenheit gelangt sind, der Tatsache, dass sie, wenn auch erst nach einer fast zweihundertjährigen Wirksamkeit, einen Geschichtschreiber gefunden haben, der ihre Heilwunder verzeichnet hat: Sophronius, den spätem Patriarchen von Jerusalem.

Ein doppelter Beweggrund hat Sophronius zur Abfassung seihes grossen Werkes veranlasst. Zunächst wollte er damit den beiden Märtyrern seinen Dank dafür abstatten, dass sie ihn von einem schweren Augenleiden geheilt. Nicht minder trieben ihn jedoch die Märtyrer selbst zum Schreiben an. Er hat sich seiner Aufgabe in der Weise entledigt, dass er aus der unübersehbaren Zahl von Wundern, die sie gewirkt haben, einige wenige ausgewählt hat, und zwar solche, die er selbst mit erlebt oder von denen er durch Augen- zeugen gehört hatte. Denn nur durchaus beglaubigte Geschichten wollte er seinen Lesern bieten. Allein sobald es sich um Heilige handelte, verlor Sophronius jeden Massstab der Beurteilung. In der naiven Kritiklosigkeit, mit der er alles annimmt, unterscheidet er sich nur wenig von den Ungebildetsten unter seinen Zeitgenossen. Die Motive persönlicher Dankbarkeit, die er den Märtyrern von Menuthis gegenüber empfand, verdunkelten vollends seinen Blick. In dieser wie in so mancher andern Beziehung erinnert er in auffallender Weise an Gregor von Tours. Aber auch die Ausführlichkeit und Anschaulichkeit der Berichterstattung hat er mit seinem gallischen Zeitgenossen gemein. Seine Wundergeschichten gehören darum zu den wertvollsten Urkunden des Märtyrerkults. Ganz im besondem eröffnen sie uns einen überaus lebendigen Einblick in das Treiben, das am Ende des sechsten und zu Beginne des siebenten Jahrhunderts im Tempel des Cyrus und Johannes geherrscht hat.

Dieser Tempel übte damals eine seltene Anziehungskraft. Nicht bloss aus dem benachbarten Alexandrien und den übrigen Teilen Aegyptens und Libyens, sondern aus weiter Ferne strömten ihm die Gläubigen zu. Sie kamen aus dem Abendland und, in noch grösserer Zahl, aus dem Orient, aus Galatien, Cilicien, Asien, den Inseln, Phönizien, Constantinopel, Bithynien, Thrakien, Syrien, Medien, Aethiopien, überhaupt aus allen Ländern unter der Sonne. Der grossen Mehrzahl nach waren diese Pilger Kranke, behaftet zum Teil mit den schmerzhaftesten und gefährlichsten Krankheiten. Die Schüler des Hippokrates und Galen hatten gegen dieselben nicht das geringste auszurichten vermocht. Oft waren sie nicht einmal in der Lage gewesen, eine richtige Diagnose zu stellen und hatten dann in ihrer Unwissenheit und Ohnmacht die Krankheiten einfach für unheilbar erklärt 9. Alle ihre Hoffnung setzten deshalb die Leidenden auf die Märtyrer. Keiner zweifelte, dass es denselben möglich sei, ihm zu helfen. Ihr Vertrauen war ein so lebendiges, dass es auch dann nicht erschüttert wurde, wenn die Hilfe sich nicht sofort einstellte. Geduldig brachten sie ein ganzes Jahr, wo es not tat, eine noch längere Zeit, in Menuthis zu. Jede Nacht aber legten sie sich in der Nähe des Grabes der Heiligen zum Schlafe nieder in der Hoffnung, einer Erscheinung derselben gewürdigt zu werden. Diese Hoffnung wurde nicht getäuscht. Denn genau in derselben Weise wie Cosmas und Damianus pflegten auch die Märtyrer von Menuthis ihren Verehrern des Nachts zu erscheinen und die erbetene Hilfe zu gewähren. Ihre Erscheinungen erfolgten bald im Traume, bald in Wirklichkeit, sei's dass sie sich begnügten, den Kranken die zu befolgende, meist mehr als absonderliche Kur zu verschreiben, sei's dass sie es für angezeigt ansahen, in unmittelbarer Weise der Krankheit entgegenzuwirken. In dem einen wie in dem andern Falle war der Erfolg ihrer Tätigkeit ein vollständiger. Geradezu unermesslich war die Zahl der Kranken, die im Tempel zu Menuthis die ersehnte Hilfe gefunden haben.

Gewiss entspricht das Bild, das Sophronius von den ärztlichen Erfolgen des Cyrus und Johannes entworfen hat, der Wirklichkeit nur in sehr beschränktem Masse. Von Kranken, die Menuthis in demselben Zustande verliessen, in dem sie gekommen waren — und ihre Zahl wird keine geringe gewesen sein — schweigt er beharrlich. In der Beurteilung der Krankheiten, von denen er die grosse Mehrzahl der Leidenden geheilt werden lässt, macht er sich der masslosesten Uebertreibungen schuldig. Wie lange die Besserung, die sicherlich viele Kranke zu Menuthis erfahren haben, angedauert hat, ist eine Frage, für die ihm jedes Interesse fehlt. Und noch mehr dürfte die Phantasie seiner Gewährsmänner die Dinge vergröbert und einfache psychische Einwirkungen in grobe Wundergeschichten umgesetzt haben.

Allein so viele Wunder man auch von der langen Liste des Sophronius abstreichen möchte, so bliebe nichtsdestoweniger die Tatsache bestehen, dass der Tempel von Menuthis im ganzen Orient als eine Heilstätte bekannt war, dass Tausende von Kranken ihn in dem festen Glauben aufgesucht haben, hier Heilung zu finden, und dass viele derselben durch das, was sie an diesem Orte erlebten, in jener ihrer Ueberzeugung gefestigt worden sind. Ueber die Entstehung dieses Glaubens belehren einige Bruchstücke aus Predigten Cyrills, ganz im besondem aber eine kleine Schrift über Cyrus und Johannes, die Sophronius seiner Sammlung von Wundergeschichten vorangestellt hat. Diese Schrift ist so reich an Aufschlüssen und Andeutungen, dass sie gestattet, die Geschichte des Kultes dieser Märtyrer mit annähernder Sicherheit wiederherzustellen.

Diese Geschichte beginnt mit dem Tage, an welchem der Erzbischof Cyrill die Gebeine der beiden Märtyrer von Alexandrien nach Menuthis gebracht hat.

Menuthis war ein in nächster Nähe von Kanopus dicht am Meeresstrande gelegener Ort. Es war derselbe im Besitze eines Tempels, der zu den berühmtesten Heiligtümern des nördlichen Aegyptens gezählt zu haben scheint und bis ins fünfte Jahrhundert hinein bestanden hat. Selbst Bischof Theophilus hatte, als er um 391 den Serapistempel von Kanopus von Grund aus zerstörte, aus irgend einem Grunde das Heiligtum von Menuthis verschont. Noch zur Zeit des Bischofs Cyrill stand es daher in hohem Ansehen, und zwar nicht bloss bei den Altgläubigen, sondern auch bei den Christen. Es bot eben das, wonach das Verlangen der grossen Zahl ging, Orakelsprüche und Wunderheilungen vermittelst Inkubation. Der Name der Gottheit, die dieses Heiligtum innehatte, wird zwar von Sophronius nicht genannt. Er bezeichnet sie nur, wie bereits vor ihm Cyrill getan, als eine weibliche Gottheit, nach deren Namen der Ort Menuthis geheissen habe. Welche Gottheit hiemit gemeint sei, ist unschwer zu erraten. Die unmittelbare Nähe von Kanopus, woselbst Jahrhunderte hindurch eine der berühmtesten Heilstätten des Serapis gestanden hat, die Tatsache, dass die Göttin von Menuthis gleichfalls die Kranken heilte, möglicherweise der Umstand, dass dieser Tempel sich an einer Stelle des Strandes erhob, wo er von weither den Seefahrern sichtbar war, lassen keinen Zweifel darüber bestehen, dass es sich nur um die Göttin Isis handeln kann. Denn in der innigsten Weise war der Kult dieser Göttin mit dem des Serapis verbunden. Zu ihren wesentlichsten Funktionen während der Kaiserzeit gehörten die Krankenheilungen. In ihren Tempeln fanden aller Wahrscheinlichkeit nach Inkubationen statt. Sie galt femer als Beschützerin der Seefahrer. Zur vollen Gewissheit wird indessen die Annahme der Identität der Göttin von Menuthis mit Isis durch eine Inschrift erhoben, welche eine Isis von Menuthis erwähnt. Sie entstammt einer Stadt Italiens, bezeugt daher die weite Verbreitung des Ansehens der Göttin von Menuthis, was sich übrigens aus der Lage des Heiligtums bei dem weltbekannten Kanopus und an dem Ufer eines der belebtesten Seewege des Altertums zur Genüge erklären lässt.

Um dem verderblichen Einflusse entgegenzuwirken, den die Menuthische Isis nicht bloss auf die heidnischen, sondern auch auf die christlichen Massen ausübte, hatte bereits am Ende des vierten Jahrhunderts Bischof Theophilus in der Nähe des heidnischen Heiligtums eine Kirche errichten lassen. Er hatte sie den Evangelisten geweiht. Allein, sei's dass er unterlassen, sie mit Reliquien auszustatten , sei's dass man den Evangelisten wie allen zu genau bekannten Persönlichkeiten keine Wunderwirkungen zutraute, jedenfalls blieb alles beim alten bis auf Bischof Cyrill. Dieser erkannte, dass das Ansehn der heidnischen Wundertäterin nur dadurch gebrochen werden könne dass man ihr christliche Wundertäter entgegenstelle. Aus diesem Grunde brachte er die Reliquien des Cyrus und Johannes nach Menuthis.

Beide Märtyrer hatten bis dahin in der Gemeinde von Alexandrien in kaum höherem Ansehn gestanden als Protasius und Gervasius vor ihrer Auferstehung in Mailand. 10 Der einzige Zeuge für ihr Dasein seit ihrem Märtyrertode ist Cyrill. Nach den Erkundigungen, die der alexandrinische Bischof eingezogen haben will, als er die Ueberführung der Märtyrergebeine nach Menuthis beschlossen hatte, wäre der eine ein einsiedlerischer Asket, der andre ein Soldat gewesen. Sie hätten beide alexandrinische Christinnen zum Martyrium aufgemuntert und wären gemeinsam mit denselben hingerichtet worden. Sie hatten bisher die Aufmerksamkeit der alexandrinischen Gemeinde in so geringem Masse angezogen, dass man ihnen nicht einmal eine besondere Grabstätte angewiesen hatte. Ihre Gebeine ruhten in einem Massengrabe bei der Markuskirche. Erst viel später, als sie durch ihre Wundertaten berühmt geworden waren, hat man ihnen eine Legende geschaffen; man hat zu diesem Zwecke einige Tatsachen, die Cyrill angedeutet hatte, ausgeschmückt, den Cyrus aber bereits zu seinen Lebzeiten als Arzt wirken lassen, ein offenbarer Rückschluss aus der ärztlichen Tätigkeit, die er nach seinem Tode ausübte.

Die ärztliche Tätigkeit scheinen die alexandrinischen Märtyrer sofort angetreten zu haben, nachdem Cyrill ihre Gebeine nach Menuthis übertragen und in der Evangelistenkirche beigesetzt hatte. Durch die Wundertaten, die sie daselbst verrichteten, haben sie sich das Zutrauen nicht bloss der Christen, sondern auch der Heiden erworben. So lag für letztere kein Grund mehr vor, an der alten Religion festzuhalten. Die Verehrer der Isis traten zu der Religion des Cyrus und Johannes über und überliessen das Heiligtum der Göttin dem Verfall. Isis war besiegt.

Zur Zeit des Sophronius träumte einem Subdiakonus, der bei den Märtyrern von Menuthis Heilung seiner Leiden suchte, dass sich ihm anstatt der Märtyrer ein Drache nahe. Da erschienen Cyrus und Johannes, jagten den Drachen in die Flucht und gaben dem Kranken die Mittel an, die seine Genesung bewirkten. In diesem Traumgesicht spiegelt sich die Tätigkeit des Cyrus und Johannes. Sie haben den Dämon verscheucht, der in Menuthis sein Wesen trieb und die Tätigkeit übernommen, die er an diesem Orte auszuüben gewohnt war.

Eine Bedeutung ähnlich derjenigen, die den beiden eben besprochenen Märtyrerpaaren auf dem Gebiete der übernatürlichen Heilkunde zukam, hat wohl nur noch der heilige Michael erlangt.

1 Lobrede des Nicetas David, Bischofs von Paphlagonien um 890

2 Die daselbst edierten Sammlungen von Miracula sind jedoch nicht die einzigen, die in Umlauf waren. Denn von den drei Wundergeachichten der Brüder, welche auf der zweiten nicaenischen Synode zur Verlesung kamen, bieten sie nur die zwei letzten.

3 Sophronius kennt in seiner Narratio miraculorum ss. Cyri et Ioannis 30. Der bereits sehr entwickelte Bilderkultus, den einige Wundergeschichten voraussetzen, lässt auf die zweite Hälfte des 6. Jhs. schliessen. Als Schauplatz der erzählten Ereignisse wird überall Gonstantinopel vorausgesetzt.

4 Dass es ausser den Sammlungen byzantinischer Wandergeschichten zum mindesten noch ein Werk über die Wirksamkeit der Brüder im Orient gegeben hat, zeigt eine Notiz, der zufolge ein gewisser Ohristodorus aus Theben Miracula ss. Gosmae et Damiani verfasst hat.

5 (anderswo) ist die Rede von einem Weibe

6 Paulinus Nol., Carm. XIX, 321 f. : ut Constantino primum sub Caesare factum est … Martyres accitos transferrent in nova terrae Hospitia. Dass Paulinus hier Constantin mit Constantius verwechselt, zeigt der Vergleich mit Hieronymus, de viris illustr. 7 und Chronicon

7 Es zeigt dies ganz im besondem die ganz ungeschickte Einführung der Zenobia in die Legende

8 Als Instanz gegen diese Annahme könnte man schwerlich geltend machen, dass sich auf diese Weise nicht erkläre, weshalb das betreuende Erbe nicht an einen einzelnen Märtyrer, sondern an ein Märtyrerpaar übergegangen ist. Denn so gut wie ein einzelner Märtyrer zwei Götter beerbte (s. die Geschichte der Thecla), konnte die Hinterlassenschaft eines Gottes auf zwei Märtyrer übertragen werden (s. die gleich zu erörternde Geschichte des Cyrus und Johannes), wo immer nur die Namen derselben durch die Ueberlieferung enge miteinander verbunden worden. Derartige Märtyrerpaare kommen aber in der altchristlichen Legende nicht selten vor, sei's dass tatsächlich nur die zwei betreffenden Christen miteinander gelitten, sei's dass sie sich in besonderer Weise unter ihren Leidensgenossen hervorgetan oder dass ihre Namen aus irgend einem Grunde in der ersten Reihe einer grössern Gruppe standen und zur abgekürzten Bezeichnung derselben dienten. Lehrreich in dieser Beziehung sind die Epigrammata des Damasus und seiner Nachahmer. Von den 107 Namen, die sie bieten, sind nicht weniger als 20 zu Paaren vereinigt; zahlreiche andere Beispiele in allen Martyrologien. Für die Geschichte der einzelnen Kulte ist es daher in der Regel gleichgültig, ob das Objekt derselben aus einem einzelnen Märtyrer oder einem Märtyrerpaar besteht. Aus diesem Grunde legt die Tatsache, dass Cosmas und Damianus ein eng verbundenes Paar bilden, keineswegs die Annahme nahe, dass dieses Märtyrerpaar an die Stelle eines Götterpaares, und zwar der Dioskuren, getreten sei. Wohl waren die Dioskuren Helfer nicht bloss im Seesturm und in der Schlacht, sondern auch in der Krankheit. Allein die Heiltätigkeit tritt in der Geschichte ihres Kults nirgends in besonderer Weise zutage. Sie waren keine medizinischen Gottheiten wie Asklepios, Serapis und andere. Zudem ist gar nicht einzusehen, an welchem Orte die Heiltätigkeit der Dioskuren zuerst auf Cosmas und Damianus übertragen worden wäre. Doch nicht in Constantinopel, woselbst die heidnische Vergangenheit schwächer nachwirkte als in andern Städten, wo übrigens die Brüder einst von Justinian an ein Ansehen erlangt haben, das die Verbreitung ihres Kultes im Osten erklärt? Oder in Cyrrhus? Aber nichts verrät, dass der Kult der Dioskuren in dieser Stadt bestanden hat. Gewiss werden zu verschiedenen Malen die heidnischen Brüder in der auf die christlichen Brüder bezüglichen Literatur genannt und sind hie und da einige Züge aus ihrem Bilde auf Cosmas und Damianus übertragen worden. Allein es ist dies doch erst zu einer Zeit geschehen, in der diese letztern längst in hohem Ansehen standen, wo es daher sowohl für die Heiden als die Christen nahe lag, sie mit den Dioskuren in Parallele zu bringen.

9 Auf die Aerzte ist Sophronius überhaupt schlecht zu sprechen. Er hält sie alle für unwissende, aufgeblasene Menschen, die mit ihrer vorgeblichen Kunst niemandem zu helfen vermögen. Nicht anders dachten übrigens Cyrus und Johannes selbst über ihre weltlichen Kollegen. Sie empfanden es geradezu als eine schwere Beleidigung ihrer Person, wenn einer ihrer Diener sich an einen Arzt wandte. Eine besondere Freude bereitet es darum auch dem Sophronius, zu berichten, wie kranke Aerzte, die sich nicht mehr zu helfen wussten, sich an Cyrus und Johannes wandten, und mit sichtbarem Wohlgefallen erzählt er die Strafe, die seine Märtyrer über einen Arzt verhängten, der ihre Heilerfolge als durch natürliche Mittel bewirkt erklärt, dann, als er krank geworden, Hilfe bei ihnen gesucht hatte.

10 Zweifel an ihrer Existenz als Märtyrer kennt und bekämpft noch Sophronius.


Quelle: Die Anfänge des Heiligenkults in der christlichen Kirche
von Ernst Lucius, o. Professor der Theologie zu Strassburg
herausgegeben von Gustav Anrieh, a. o. Professor der Theologie zu Strassburg.
Tübingen, Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) 1904.
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Zweites Buch. Zweiter Abschnitt: Der Märtyrer im Zeitalter des Friedens. Sechstes Kapitel: Die grossen Krankenheiler

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zuletzt aktualisiert am 28.12.2018
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